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Rezension zu "Flucht aus Lager 14" von Blaine Harden

Schrecklich- Schrecklicher- Nordkorea
monerlvor 20 Tagen

Meine Meinung

Der Autor interviewte über Jahre den ersten in so einem Lager geborenen und aufgewachsenen Nordkoreaner, der es geschafft hat, von dort zu fliehen. Nordkorea bestreitet, dass es solche Arbeitslager gibt, doch viele Geflüchtete bestätigen, dass sie entweder selbst ein paar Jahre in so einem Lager verbringen mussten oder Menschen kennen, die in so einem Lager waren. Sehr umfassend informiert der Autor die Leser über Nordkorea und seine Führung(en) allgemein, die Situation und Abhängingkeiten mit China und Russland, sowie die Beziehungen und Situationen von Geflüchteten, die es nach Südkorea schaffen. Und das alles anhand der Biografie von Shin Dong-hyuk.

Es geht hier um Shin Dong-hyuk, der bis zu seiner Flucht nichts von der Außenwelt, der Welt außerhalb von Lager 14, kannte. Er wuchs als eine Art Sklave der Regierung auf. Hatte keine Rechte und was Menschlichkeit bedeutet, lernte er erst nach seiner Flucht. Seine Erziehung, die auf Gewalt, Gehorsam und Denunzierung basierte, gab ihm keinen moralischen Kompass mit auf den Weg. Er hatte nie Liebe und Geborgenheit erfahren. Vertrauen konnte er im Lager niemandem, nicht einmal seinen Eltern oder Geschwistern. Denn, um zu überleben und nicht permanent vom Hunger geplagt zu sein, wird im Lager jede noch so kleine Information an Obrigkeiten weitergegeben, nur um klitzekleine Vorzüge und bessere Behandlung zu ergattern. Deshalb verriet Shin auch seine Mutter und seinen älteren Bruder, die daraufhin wegen ihrem Fluchtversuch getötet worden sind.

Das Buch hat mich sehr aufgewühlt. Der Autor schreibt nüchtern und dennoch schlägt einem alles Gesagte schwer aufs Gemüt. Es ist einfach unfassbar, dass in der heutigen Zeit eine Regierung der eigenen Bevölkerung immer noch so etwas antut (antun darf) und dass die Welt zuschauen muss! Nordkoreaner sind ihr Leben lang Gefangene; körperliche wie auch mentale. Sie werden ausgebeutet und haben keine Chance sich ein besseres Leben aufzubauen. Sie werden belogen, betrogen und misshandelt. Die Bevölkerung hungert jeden Tag. Das ganze Leben dreht sich darum, genug zu essen zu haben und nicht ins Visier der Regierung zu gelangen. Was wir von Shin erfahren, ist jenseits menschlicher Vorstellungskraft. Wie Blaine Harden (und andere Jourlanisten und Aktivisten) es schafft, sich permanent mit solchen Themen und Menschen auseinanderzusetzten und dabei nicht zu verzweifeln, ist mir ein Rätsel.

Shin, wie auch alle anderen geflohenen Nordkoreaner, haben ein Leben lang große Probleme sich in der freien Welt zu orientieren und sich zu organisieren. Sie müssen Selbstverständlickeiten lernen, als wären sie kleine Kinder. Eine richtige Vertrauensbasis erlangen sie quasi nie. Das Gefühl des Verfolgt-seins endet nie. Sie versuchen sich möglichst unauffälig und leise zu verhalten.

Es ist eine Qual über solche Schicksale zu lesen, aber es ist wichtig, dass wir wissen, dass es auf dieser Welt noch ganz schlimme Gegenden gibt, in denen Menschen unsere Hilfe brauchen. Wir dürfen sie nicht vergessen!

Das Buch kann ich auch als Hörbuch empfehlen. Ich kannte den Sprecher bisher nicht aber ich konnte mich sehr gut mit seiner Sprechart arrangieren.


Fazit

Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder dieses Leid und schreckliche Schicksal von Shin und anderen Nordkoreanern ertragen kann. Aber es öffnet einem die Augen. Es zeigt uns in welch grandioser Freiheit und Selbstbestimmung wir leben! Wir vergessen das leider zu oft.
Zum anderen kann so ein Buch Empathie und ebenso das Interesse und den Wunsch zum Helfen wecken. Wir müssen laut werden für solche Menschen, denn ihnen ist ihre Stimme genommen worden.

Über meine weitere Recherche bin ich darüber gestolpert, dass Shins Geschichte im Buch nicht ganz so stimmt. Shin hat einiges im Buch widerrufen. Manche Abläufe waren (wohl) in Wirklichkeit anders. Wobei ich denke, dass es dem Grunde nach nicht wichtig ist, welche Abläufe wie waren und was uns Shin verheimlicht hat, wessen er sich schämt oder was er nicht an die Öffentlichkeit preisgeben wollte. Wie auch immer es war, es war schlimm, unmenschlich und erniedrigend. Und das sollten wir nicht vergessen! Deshalb stimme ich den folgenden Sätzen absolut zu:

“Wer an einem Trauma leidet, kann die Wahrheit oft nicht erzählen. Menschlich ist das verständlich, für einen Aktivisten ist es unverzeihlich. Aber sein Rückzug ins Private, den Shin auf Facebook ankündigte, sollte nicht davon ablenken, dass genau in diesem Moment in den Arbeitslagern der Kim-Diktatur Menschen ausgebeutet, gequält und getötet werden.” (aus “Lehrstück über Propaganda” aus Deutschlandfunk vom 31.01.2015)

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Rezension zu "Flucht aus Lager 14" von Blaine Harden

Blick in ein totalitäres System und was das mit den Menschen macht!
ariadnevor 2 Monaten

Ich habe schon Berichte von Flüchtlingen aus Nordkorea gelesen, die Bücher von Lee Hyeon-seo und Park Yeon-Mi fallen gerade ein, aber dieses Buch hat alles davor gelesene noch einmal "übertroffen". 


Wer sich ein wenig mit Nordkorea befasst, weiß zwar von den Arbeitslagern des Kim-Regimes, hat aber keine Vorstellung, welchen unmenschlichen Bedingungen die Hunderttausend Insassen ausgesetzt sind. Generationenhaft, Kinder und Erwachsene, die niemals etwas anderes kennen lernen, als ein Gefängnis, Misshandlung, Unterernährung usw... Das übersteigt bei Vielen von uns die Vorstellungskraft. 

Gerade deshalb ist der Bericht von Shin Dong-hyuk so wichtig! Kein leichtes Buch, dafür aber umso wichtiger, um hinter die Zäune dieses streng isolierten Überwachungsstaat zu blicken.

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catlys avatar

Bei diesem Buch handelt es sich um einen detaillierten autobiografischen Bericht eines Nordkoreaners, der in einem der schlimmsten der von der Regierung verleugneten politischen Straflager geboren wurde und dem die Flucht gelungen ist.
Das Buch ist allerdings nicht, wie anfangs erwartet, von ihm selbst, sondern von einem Journalisten geschrieben, welcher sich jahrelang mit diesem Thema beschäftigte.

Das Buch ist sehr schonungslos und realistisch geschrieben. Der Autor berichtet auf Grundlage der Erzählungen des Flüchtlings von den strengen Lagerverhältnissen, die Hinrichtungen, Psychoterror und unmenschliche Bedingungen beinhalten. Jedes Kapitel befasst sich mit einem anderen Thema. Es werden die Erzählungen aus dem Lager und allgemeine Hintergrundinformationen über das Land (zum Beispiel über die anhaltende Hungersnot, die politischen Verhältnisse zu anderen Ländern, oder auch Steuerbetrüge um dem Diktator einen angemessenen Geburtstag zu verschaffen) verknüpft, was ich als sehr positiv empfunden habe, da man so einen sehr guten Einblick in das Land und seinen Unterdrückungsapparat bekommt. Dies hatte der Autor sich auch zum Ziel gesetzt.

Auch den Einwand, dass manche Details vielleicht nicht ganz der Wahrheit entsprechen würden, da Flüchtlinge in einer schlechten finanziellen Situation wären und durch die "Gehirnwäsche" in Nordkorea oft Probleme haben Vertrauen aufzubauen, wird angesprochen. Allerdings hat man den Eindruck, dass der Autor alles ausführlich mit anderen Berichten und Erfahrungen abgeglichen hat und man so auf den Bericht vertrauen könnte. Sehr gut fand ich auch, dass der Autor auch Berichte und Erfahrungen von anderen geflüchteten Personen unterschiedlicher Stellungen und mit unterschiedlich langer Aufenthaltsdauer in diesem Land eingestreut hat. Auch den mehrmals angesprochenen Vergleich zu den Konzentrationslagern unter dem Nazi-Regime und auch die Anführungen, warum diese Lager in Nordkorea sogar noch schlimmer wären, fand ich gut, da zu den KZs ja doch etwas mehr Hintergrundinformationen und Erlebnisberichte bekannt sind.

Viel Konzentration ist zum Lesen dieses Buches auf jeden Fall erforderlich, um die Fakten zu verstehen und alles miteinander verknüpfen zu können. Es wird ein nüchterner und sachlicher Schreibstil verwendet und die Sprache ist eher als anspruchsvoll einzustufen; es werden schon einige Fremdwörter verwendet.

Am Ende des Buches sind noch einmal die Regeln, die im Lager gegolten hatten, so wie Karten vom Lager und von der Fluchtroute des Nordkoreaners angeführt, was ich so als Überblick auch positiv empfunden habe.

Erschreckend war für mich auch der Einblick in das Denken der Nordkoreaner auch nach einer gelungenen Flucht. Zu diesem Thema wurden Studien und Zitate von Psychologen angeführt. Es ist für mich unvorstellbar, dass man eine ganze Bevölkerung langfristig so manipulieren und psychisch eigentlich langfristig schädigen kann.

Diese Erzählung ist auch deshalb so einzigartig, weil sich Nordkorea vollkommen von allen anderen Ländern abschottet und nichts über die Zustände in seinem Inneren preisgeben will. Es ist ein Wunder, dass diesem Mann die Flucht gelang, genauso wie die Veröffentlichung dieses Berichts.  Meiner Meinung nach sollte dieses Buch eine Pflichtlektüre für jeden sein. Ich musste mir immer wieder ins Gewissen rufen, dass diese Zustände tatsächlich jetzt in diesem Moment herrschen, und das, obwohl durch zahlreiche Berichte von Flüchtlingen (auch wenn diese nicht unbedingt aus den Zwangslagern kommen) die schrecklichsten Dinge über dieses Land, das seine lächelnde, glatte Fassade trotz allem aufrecht erhalten kann und das nur selten am Bildschirm der allgemeinen Medien erscheint, bekannt sind.

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