Dämmer und Aufruhr

von Bodo Kirchhoff 
4,2 Sterne bei5 Bewertungen
Dämmer und Aufruhr
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Der Roman kam nur auf die Long- und nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. Dieses Urteil gefällt mir gar nicht.

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Autobiographischer Roman, der wie ein Soundtrack durch ein frühes Leben führt, mit all seinen Licht- und Schattenseiten

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Inhaltsangabe zu "Dämmer und Aufruhr"

Wer spricht, wenn einer von früher erzählt? Das fragt sich ein Autor in dem kleinen Hotel am Meer, in dem seine Eltern vor Jahrzehnten glückliche Tage verbracht hatten, die letzten vor ihrer Trennung. Er bewohnt das Zimmer, das sie bewohnt haben, und schreibt dort an der Geschichte seiner frühen Jahre, erzählt sie mit der Distanz des Schriftstellers als eine auch fremde Geschichte: Er greift zu den Mitteln und Freiheiten des Romans, um der Geschichte seiner Sexualität, die zugleich die Geschichte seines beginnenden Schreibens ist, einen Rahmen zu geben, eine Lebenslegende, die doch nah an der eigenen schmerzlichen Wahrheit bleibt, zu der auch die gescheiterte Ehe seiner Eltern gehört. Der Krieg hat die Eltern zusammengewürfelt, die junge Schauspielerin aus Wien und den talentierten Kriegsheimkehrer mit verlorenem Bein aus Hannover, der vor dem Nichts stand. Alles, was sie wollen, ist der Enge ihrer Zeit entfliehen, jeder auf seine Art, daran zerbricht ihre Ehe. Der kleine Sohn kommt ins Internat, ein Drama der Details nimmt seinen Lauf, jenseits aller verstehenden Sprache auf einer Klinge aus so beklemmender wie betörender Gewalt.
In seinem großen autobiografischen Roman »Dämmer und Aufruhr« dringt Kirchhoff mit starken Erinnerungsbildern und großem erzählerischen Atem in die Tiefen des eigenen Abgrunds vor. Dabei erzählt er vom Eros einer Kindheit und Jugend, davon, wie Wörter zu Worten wurden und daraus schließlich das eigene Schreiben, der Weg hin zur Literatur.

»Wenige Tage vor seinem Geburtstag erscheint nun sein vielleicht wichtigstes Buch [...]
Es enthält das gesamte Ausgangsmaterial eines altersweise gestimmten Formulierungskünstlers [...]. In seinen sorgfältig gemeißelten Sätzen über die Eltern, die ihre Kinder sich selbst überlassen haben und selber Verlorene waren, liegt etwas Feierliches, stolz Vergebliches und streng Überformuliertes, das an den längst verflogenen Suhrkamp-Weihrauch erinnert, ganz wunderbar ist und melancholisch macht.«
Iris Radisch, Die ZEIT

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783627002534
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:480 Seiten
Verlag:Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsdatum:29.06.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Aliknechts avatar
    Aliknechtvor einem Monat
    Kurzmeinung: Der Roman kam nur auf die Long- und nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. Dieses Urteil gefällt mir gar nicht.
    Die Liebe der Eltern

    Auf dem Balkon eines kleinen Hotels in Alassio an der ligurischen  Küste versucht sich Bodo Kirchoff in die Liebe und in die Ehe seiner Eltern einzufühlen und erinnert sich an seine Kindheit und Jugend.  Die frühen Jahre  verbrachte er bei Kirchzarten im Schwarzwald. Als sprachgewandtes Kind saugte er den alemannischen Dialekt in sich auf, von dem er köstliche Proben liefert, am besten vielleicht "Vudemhäär" ("Von da her" oder "deshalb") als regelmäßiger Abschluss der Rede eines alten Schwarzwaldbauern. Vater und Mutter, ein einbeiniger ehemaliger Panzerkommandant und eine junge elegante Schauspielerin und spätere Krimiautorin, hatten sich nach wenigen Jahren Nachkriegsglück hinter dem Rücken der Kinder scheiden lassen.  Ü ber mehr als ein Jahrzehnt  hinweg h ielt man für die Kinder  mit gemeinsamen Urlaubsfahrten und Weihnachtsfeiern  eine erstaunliche Familienfassade aufrecht. Die beiden Geschwister wuchsen im Internat auf. In Gaienhofen auf der Halbinsel Höri am Bodensee wurde Jung-Bodo mit den Realitäten des Lebens konfrontiert und er lernte sich zu behaupten. Eine gewisse Arroganz und die Erfindung status-schaffender Lügengeschichten waren die Mittel seiner Wahl. Hier deutet sich bereits der spätere Schriftsteller und Träger des Deutschen Buchpreises 2016 an. Zum Beispiel gab er seinen Vater als  Nachtclub  Besitzer auf der Reeperbahn aus. Nur der lebenserfahrenste Mitschüler äußerte Zweifel. Warum fährt ein Mitglied der Hamburger Rotlichtszene einen unscheinbaren grauen VW Käfer?  Noch dazu das alte Modell mit dem geteiltem Rückfenster?

    Sexueller Mißbrauch war die zentrale Erfahrung, die dem Autor im Internat widerfuhr. Ein jugendlich wirkender Sportlehrer und Kantor, der "aussah wie Winnetou" und dessen Charme die Schüler bezauberte, verging sich in verschiedenen wohlvorbereiten Situationen immer wieder an dem Zögling. Bodo Kirchhoff schildert anschaulich und detailliert, die Vorgehensweisen des Täters und seine widersprüchlichen Regungen und Gefühle als Opfer. Als irgendwann Gerüchte aufkommen, verschwindet der Täter und taucht im Ausland unter. Der Autor hat das Verdienst, als einer der mutigen Prominenten, seine diesbezüglichen Erfahrungen schon früh öffentlich gemacht zu haben und damit mit dem Gewicht seines Namens die Glaubwürdigkeit anderer Opfer und Zeugen bestärkt und damit zur genaueren Untersuchung und Aufklärung von Missbrauchsfällen mit beigetragen zu haben.

    Bodo Kirchhoff entwickelt Selbstvertrauen und Abenteuerlust, die sich später in Frauengeschichten, diversen Jobs, bei  Bordellbesuchen, der Zeit bei der Bundeswehr bis zum Leutnant, Touren ins Spielcasino in Konstanz und eine frühe Reise in die USA äussern. Sein Bericht ist, wo ich es nachprüfen kann, immer korrekt:  ja, man hatte 1968 als Hilfsarbeiter mit 3.20 DM einen ganz guten Stundenlohn und ja, das Zentrum der käuflichen Liebe in Konstanz  war damals das sogenannte "Klein-Venedig" am Hafen direkt an der Schweizer Grenze. Er studiert und promoviert über Lacan in Frankfurt. Bodo Kichhoffs Traum vom Schriftstellerdasein beginnt sich zu materialisieren. Er erhält einen Vertrag bei Suhrkamp und verfasst zahlreiche Romane. Er wird allmählich bekannter und die Eltern werden älter. Die späten Beziehungen zu ihnen nimmt einen breiten Raum in der zweiten Romanhälfte ein. Aus der Schauspielerin wurde eine kultivierte ältere Dame mit Stil und der Vater pflegt, solange es geht, seinen geschäftlichen Ideenreichtum. Schließlich sterben die Eltern in einem gewissen Abstand. Der vorliegende Roman kam leider nur auf die Long- und nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. Diese Bewertung gefällt mir überhaupt nicht.

    Ausgabe: Bodo Kirchhoff Dämmer und Aufruhr: Roman der frühen Jahre. Frankfurter Verlagsanstalt 2018

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    Skruttens avatar
    Skruttenvor einem Monat
    Intensiv

    Je mehr ich mich an die Sprache Kirchhoffs gewöhne, desto mehr genieße ich die Intensität der Wortwahl und der Satzkonstruktionen. Der Autor nutzt beides, um den Leser Gefühle und Spannung zu vermitteln - wie es ja eigentlich jeder Autor tun sollte. Zusätzlich wird auch der zeitgeschichtliche Hintergrund sehr gut beleuchtet - quasi beinahe meine eigene Kindheit und Jugend. Sehr schön!

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    aus-erlesens avatar
    aus-erlesenvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Autobiographischer Roman, der wie ein Soundtrack durch ein frühes Leben führt, mit all seinen Licht- und Schattenseiten
    Der Wow-Effekt des Lebens

    Wow, was ein Titel! „Dämmer und Aufruhr“, Roman der frühen Jahre. Schaut man in so manche Hinterhöfe, sieht man sie noch oft, die Dämmer. Von Aufruhr keine Spur.
    Wow, was ein Buch! Autobiographisch. Bodo Kirchhoff feierte im Sommer seinen 70. Geburtstag. Zeit Bilanz zu ziehen? Nicht unbedingt. Aber einen Blick in die Geschichte dieses (zu Recht!) mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers werfen zu können, ist ein Privileg und eine Freude zu gleichen Teilen. 
    Ein Privileg, weil man das Gefühl hat heutzutage mit allem hinter dem Berg halten zu müssen. Lügen zu verbreiten ist einfacher und bringt mehr Aufmerksamkeit. Warum sich also noch um Fakten kümmern? Und eine Freude ist es, weil die Erzählkunst (oder ist es Handwerk?) von Bodo Kirchhoff nur eine Art von Tränen erlaubt: Freudentränen. Da liest man von kriegswunden Städten und bellender Intelligenz – die Essenz dieser Worte betört, verzaubert, lässt den Leser erstarren. 
    In Alassio hat sich er namenlose Erzähler, der natürlich Bodo Kirchhoff heißt niedergelassen, um die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Hier begann alles. Hier waren alle glücklich, in den Ferien. Mama, Papa, Kind, bald schon Kinder. Sommeridylle, Sorgenfreiheit. Alles weit weg und doch so nah. 
    Wie erlebt man die eigene Geschichte mit dem Abstand von Jahrzehnten? Man ist reifer geworden, älter natürlich, das auch. Sind die Emotionen von damals noch frisch, bereit eingefangen zu werden? Ein Versuch ist es allemal wert. Und so streift der Blick zurück die Eckdaten der Menschwerdung. Die Mühen ohne männliches Vorbild heranwachsen zu müssen, sind gering im Vergleich zur Zeit im Internet. Wie ein bleischwerer Dämmervorhang hebt sich die unzulässige Zuneigung des Kantors dem noch nicht einmal Teenagers. Das widerwärtige Spiel der Macht verliert sich nicht im Reigen der Worte, wird aber auch nicht impulsiv überhöht. 
    Die Jahre vergehen. Freunde kommen, Freunde gehen. Bücher, Musik, Mädchen sind die drei Säulen im Leben des Beschriebenen. Mit der Distanz der Zeit, mit der Distanz der Emotionen, mit der Distanz der Orte kehren immer wieder – mal stärker, mal schwächer – die Erinnerungen zurück, umrahmt von neuerlichen Erlebnissen am neuen alten Urlaubsort. 
    Bodo Kirchhoff in Höchstform. Er muss niemandem mehr beweisen, dass die deutsche Sprache durch ihn auf eine höhere Stufe gehoben wurde. Die über vierhundert Seiten verfliegen wie ein Zielsprint bei der Tour de France oder ein Elferkrimi im Stadion. Wuchtig-gefühlvoll-meisterhaft zielt Bodo Kirchhoff in alle Sinneszentren. Es knallt, es raucht, die Synapsen kollabieren vor Ehrfurcht vor so viel Sprachgewandtheit.
    Wow, was eine Wirkung! Wer sich jetzt noch getraut die eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, muss mehr zu bieten haben als aufgeschlagene Knie und Alkoholeskapaden in sturmfreier Bude.

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 2 Tagen
    S
    schiedel_ddvor 19 Tagen

    Gespräche aus der Community zum Buch

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