Bodo Kirchhoff Mexikanische Novelle

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Inhaltsangabe zu „Mexikanische Novelle“ von Bodo Kirchhoff

Ein Journalist fliegt in die USA, um für ein Porträt eines jungen deutschen Kampfpiloten zu recherchieren. Einer spontanen Laune folgend, reist er danach weiter ins nahe Mexiko und mietet sich in ein billiges, abbruchreifes Hotel ein. Am Pool lernt er eine junge Mexikanerin kennen, mit der er eine – zunächst – zwanglose Affäre beginnt. Doch dann erscheint der Bruder seiner Bekanntschaft und stellt Bedingungen mit weitreichenden Konsequenzen. Als kurz darauf der Kampfpilot auftaucht, der ihm nachgereist ist, weil für ihn Fragen offengeblieben waren, spitzt sich die Lage zu – unausweichlich steuert die unerhörte Begebenheit auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Vollständige Neubearbeitung der erstmals 1984 veröffentlichten Novelle.

An einem Schwimmbeckenrand entdeckt der Erzähler in einer Szene wie von David Hockney die schöne Ophelia.

— jamal_tuschick

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    Mexikanische Novelle

    jamal_tuschick

    20. March 2017 um 18:54

    Vor Jahrzehnten bemerkte Bodo Kirchhoff in einer Poetikvorlesung, dass die “Christianisierung” seiner Sexualität im Internat gescheitert sei. Nach dem Abitur ging er zur “Luftwaffe nach Mengen auf der eisigen Alp”. Im Achtundsechzigervollrausch wollte Kirchhoff sich vom Klassenfeind ausbilden lassen und als Ausbilder Rekruten politisieren. In der Oberschwaben Kaserne verkümmerte Kirchhoffs Unterwanderungseifer. Der agitatorische Elan blieb auf der Strecke des Drills und der Sauferei. Kirchhoff kapitulierte vor der “Sturheit schwäbischer Bordelle”. Ausgebrannt mit einundzwanzig, suchte er das Weite eine Weile in Amerika. Wieder in Deutschland, zog ihn Suhrkamp nach Frankfurt am Main. 1984 veröffentlichte er da die “Mexikanische Novelle”. Darin distanziert sich der Autor von den skizzierten Erfahrungen, indem er sie in die fiktive Biografie des badischen Luftwaffenoffiziers Ritzi verlegt. Das erzählende Ich ist Journalist. Für eine Zeitung porträtiert es den in ihrem Breisgauer Verbreitungsgebiet aufgewachsenen und zur Ausbildung gerade auf einem Stützpunkt an der Grenze zu Mexiko stationierten Leutnant. Der Erzähler fährt ohne Auftrag weiter. Er erlebt sich gedämpft in einer Umgebung, die an Los Robles erinnert, jener Grenzstadt im “Zeichen des Bösen”, in der Orson Welles Ende der Fünfziger als Captain Hank Quinlan den Satan am Stock spielte. An einem Schwimmbeckenrand entdeckt der Journalist in einer Szene wie von David Hockney die Pazifikschönheit Ophelia. Ihre Freunde nennen sie Baby. Für den Fremden möchte sie in aller Ausführlichkeit Baby Ophelia sein. Ihr Alter gibt sie mit dreiundzwanzig an, wie um jeden Zweifel an ihrer Souveränität auszuräumen. Ihrem Bruder Emiliano gehört alles, was aus der Gegend ragt, der Erzähler studiert das Halbprofil des Gangsters. Er erkennt: Man will das, was einem fehlt. Er glaubt an gutes Aussehen. Er “atmet das Dasein ein ... wie ein Tier, das dem Geruchssinn folgt”. Er gibt einem andauernden Verwertungsdruck nach. Ritzi nennt ihn deshalb einen Verschwender. Der Erzähler ist mit dem Vorwurf vertraut. Sein Selbstgefühl schwindet in der Nähe eines Mannes, der durchgreifend lebt und Schallmauerbrecher fliegen kann. Ritzi hat sich aufs Wesentliche reduziert. Sein Selbstbewusstsein steigt bei Gefahr wie die Säule im Thermometer. Der Erzähler betrügt Ophelia mit einer “Käuflichen ... ich sah, dass sie keine Taille hatte”. Als die Novelle zum ersten Mal erschien, zählte Kirchhoff zu den (nach Betriebsmaßstäben) jungen Autoren, die ich unterschätzt fand. Die Flakhelfergeneration saß in den Gremien und bestätigte eine Einsicht, die damals das Selbstverständliche verfehlte. Ich formuliere an Kirchhoffs Wortwahl vorbei: Das Schicksal der Väter war der Krieg gewesen, die dann kamen hatten kein Schicksal. Sie waren nur weiche (entwicklungsgehemmte) Ziele väterlicher Verdrängung. Kirchhoff hatte sich mit einem “Debüt zum Fürchten” bekannt gemacht. Er erschien wie ein anderer Schakal von Metropolis, narzisstischer und wehrhafter als der Schakal Rolf Dieter Brinkmann. Seine Ästhetik verweigerte sich dem Wuselwalle des mit einem therapeutischen Jargon in die Verlängerung gegangenen deutschen Herbstes. Ich sah ihn gern als Materialprüfer, der am Limit entspannt. Seine frühe Prosa evozierte im Jetzt der Achtzigerjahre das Bild von einer Hand am Schaltknüppel. Die Blicke seiner Protagonisten griffen an. Einem Lebensgefühl lieferten sie Ansichten aus den Themenkreisen Vereisung und Vereinsamung. Die mexikanische Novelle beendete einen fünfjährigen Anlauf mit Geheimtippaspirationen.

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