Bodo Kirchhoff Widerfahrnis

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Inhaltsangabe zu „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff

Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist…
Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. »Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung«, sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, »jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.«

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2016

Unsympathischer Protagonist in einer schwachen Liebesgeschichte - muss man nicht gelesen haben.

— Xirxe

Ich habe den ersten Teil sehr genossen, der hätte aber für den Deutschen Buchpreis 2016 wohl nicht ausgereicht.

— Aliknecht

Elegant konstruierte Sätze, angenehme Wortwahl, aber Themen späte Liebe/Flüchtlingskind im pflegeleichten Waschprogramm. Nicht meins.

— puttanesca

Spannende Charaktere und eine wunderschön ungewöhnliche Sprache

— ulrikeu

Kurzweilig, aber dank großem Inhalt langlebig.

— Nimmer_Satt

Ein irrsinnig betörendes, zeitweise verstörendes Buch. Spannung vom Feinsten.

— Mixay

Kirchoffs Werk hat alles, was ich mir von einem Preisgewinner wünsche.

— Jari

Gutes Buch

— leserin

Ein wunderbares Leseerlebnis, hat mich sehr beeindruckt.

— Sikal

Die Spache war top, der Inhalt war flop...und extrem langatmig! Nicht so wirklich meins!

— Miamou

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  • Nur schöne Sprache macht noch keinen guten Roman

    Widerfahrnis

    Xirxe

    Julius Reither, Ende 60, alleinstehend, hat seinen kleinen, eher erfolglosen Verlag und die dazugehörende Buchhandlung verkauft und sich in ein ruhiges schönes Tal nahe Österreich zurückgezogen. Eines Abends klopft es an seiner Tür - Leonie Palm steht davor, die ebenfalls in der Appartementanlage wohnt und um seine Mithilfe bei einem Literaturkreis bittet. Spontan aus dem Gespräch heraus entschließen sie sich mitten in der Nacht zu einem Ausflug, der sich zu einer Reise nach Sizilien entwickelt. Und zu einer Liebesgeschichte.Doch das sind leider so ziemlich die einzigen Entwicklungen, die es in diesem Buch gibt. Der Protagonist ist ein überaus selbstmitleidiger Mensch mit pessimistischer Weltsicht und überheblichen Zügen. Auch seine Empathiefähigkeit ist sehr begrenzt: Oh ja, er setzt sich für Flüchtlinge ein, wenn diese drangsaliert werden und steckt ihnen Lebensmittel und Münzen zu. Doch sollen sie ihm bloß nicht zu nahe kommen und sein Leben stören. Selbst am Ende hatte ich den Eindruck, seine Handlungen resultieren mehr aus Pflichtgefühl als aus innnerer Überzeugung.Natürlich kann auch eine unsympathische Hauptfigur das Thema eines guten Romanes sein, keine Frage. Doch die Sprache dieser 'Novelle' ist stellenweise so gekünstelt und gedrechselt, dass ich mich nur noch fragte: 'Was will der Autor mir damit sagen?' Inhaltlich vermutlich nichts, nur einen Beweis seiner grandiosen Ausdrucksfähigkeit vorlegen. Einige Beispiele: '... Liebesromanen, jeder Umschlag nur ein Leugnen, wie sehr das Begehren das Sein verbraucht ...'; ihm war auch das recht, alles, um von der Schneide des Augenblicks herunterzukommen ...'; Worte waren das wie herausgestemmt aus einem ganzen Packen ähnlicher Worte, einem Packen, der verklumpt, ...'. Es gibt auch wunderbare Sätze, die das Herausschreiben lohnen: 'Die Leute haben gespürt, dass ihre Gesichter zu leer waren für Hüte.'; '... das wahre Gebrechen, es sitzt in den Gedanken, nicht in den Knochen.'; Aber leider sind sie in der Unterzahl.Es gibt einen Satz, der nicht nur das Wesen des Protagonisten darstellt, sondern auch sinnbildlich für das Buch steht: 'Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten, jedes durch seinen Stift so verschlankt, so ausgedünnt, bis nichts mehr darin weich war, faulig, süß, nur noch Sätze wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches.' Dumm nur, dass genau diese Eigenschaften das Wunderbare der Liebe ausmachen. Und auch ein gutes Buch ;-)

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  • Von apulischem Rotwein beflügelt

    Widerfahrnis

    Aliknecht

    26. October 2017 um 00:28

    Die frühere Hutladenbesitzerin Leonie Palm kommt auf einen Sprung  zu Julius Reither herein. Er hat vorigen Herbst den Reither-Verlag samt angeschlossener Miniaturbuchhandlung liquidiert und sich mit dem Erlös in einem Ort mit Blick auf Wiesen und Berge zur Ruhe gesetzt. Reither öffnet einen apulischen Rotwein und sie reden über Literatur und über den Lesekreis. Leonie trägt ein dünnes Kleid, dazu Libellenschuhe und erotischer Zauber entsteht. Vom Rotwein  beflügelt beschliessen die beiden einen spontanen nächtlichen Ausflug mit Leonies Cabrio an den Achensee. Sie fahren dort aber weiter. Unter Sternen überqueren sie den Brenner. Sie schlafen im Auto auf einer Raststätte und frühstücken morgens. Die italienische Autostrada führt in Richtung Modena. Wie im Rausch setzen  sie die Fahrt fort über Ancona nach Bari. Nach vielen gemeinsam gerauchten Zigaretten und ausführlichen Geständnissen erreichen sie drei Tage später Catania. Dort endet die zauberhafte Liebesreise. Leider. Das Paar stößt auf ein Mädchen in einem roten Kleidfetzen, um den Hals eine Kette mit einer scharfkantigen Scherbe. Es beginnt die zweite Hälfte der Novelle über zeitgenössisches Flüchtlingsschicksal. Hochaktuell! Deutscher Buchpreis 2016! Welcome! Ich habe den ersten Teil sehr genossen, der hätte aber für den Deutschen Buchpreis wohl nicht ausgereicht. Bodo Kirchhoff ist ein altes Schlitzohr.

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  • Buchraettins SuB-Aufbau mit Niveau - Leserunde zu "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck

    Gehen, ging, gegangen

    aba

    Und es geht weiter mit Buchraettins Leserunden im Rahmen ihres "SuB-Aufbaus mit Niveau".

    Leider schon wieder ganz schön verspätet lesen wir im Juni "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck.

    Jede/r, die/der mitmachen möchte, ist herzlich willkommen!

    Ich wünsche uns viel Spaß!

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  • Das beste Buch, das mir widerfahren konnte.

    Widerfahrnis

    Nimmer_Satt

    10. April 2017 um 19:34
  • Widerfahrnis: Roadmovie über Liebe, Schicksal, Vergangenheit und Zukunft

    Widerfahrnis

    Rabenfrau

    28. March 2017 um 16:21

    Bodo Kirchhoff hat schon Novellen, Romane und Erzählungen geschrieben und veröffentlicht, da war ich noch nicht einmal geboren. In meinem Geburtsjahr erschien mit „Ferne Frauen“ ein Erzählband im Suhrkamp Verlag, danach folgten zahlreiche Veröffentlichungen, nicht nur allein in Buchform, sondern auch als Beiträge in diversen Magazinen. Und dennoch, obwohl der Name Kirchhoff bei mir durchaus ein wissendes Nicken verursacht, wenn er an mein Ohr dringt, habe ich noch nie eines seiner Werke gelesen. „Widerfahrnis“ wird als Novelle deklariert. Recht passend, meiner Meinung nach, auch wenn sich das Buch keinesfalls in einem Rutsch lesen lässt, wie das bei einigen Vertretern dieser Kategorie der Fall ist. Kirchhoffs Werk weist tatsächlich mehrere Wendepunkte und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Erlebnisse und Momente auf, das alles untermalt von einer fast schon bildhaften, opulenten Sprache. Sie betrachtete ihn – ein Wort, vor dem er häufig gewarnt hatte, betrachten, es gehöre ins Museum, sei zu mächtig, wie auch das Wort Blick, es gelte, andere Worte zu finden, unaufdringliche, und doch war es ein Betrachten über den Rand des Bechers. (Pos. 546-548) Kirchhoffs Sprachgewalt ist es auch, die hier in Erinnerung bleibt und an das Werk fesselt. Sätze, die über mehrere Zeilen gehen, fast schon konstruiert wie ein kleines Kunstwerk, und oftmals kurz davor den Faden zu verlieren, um sich dann doch wieder zu besinnen, ein Ende zu finden, nur um diesen Sog im nächsten Satz erneut zu starten. Dazu keine wörtliche Rede im allgemeinen Sinn, stattdessen fließt alles ineinander, verschwimmt, verwischt, verwirrt aber nicht, im Gegenteil. Gerade diese Art des Schreibens und Erzählens hat mich gefesselt, und, um eine moderne Wortwahl zu finden, bei der Stange gehalten. Denn modern, nun, das ist dieses Buch vielleicht wirklich nicht, sind doch seine beiden Hauptakteure bereits älter, wahrscheinlich doppelt so alt wie ich. Mindestens. Auf der einen Seite ist da Reither, der seinen kleinen Verlag aufgegeben hat, in dem er pro Jahr um die vier Bücher veröffentlichte – Bücher, die seinen Ansprüchen gerecht wurden, seiner Auffassung von Sprache, dem Einsetzen und der Verwendung von Worten, und dem Erzählen an sich. Verleger und Kritiker zugleich, wobei vor allem letzteres ein Charakterzug ist, der sich auch in seinem späteren Leben im Ruhestand immer wieder findet. Ihm Gegenüber steht Leonie Palm. Auch sie hat ein Geschäft aufgegeben, auch sie verbringt ihren Lebensabend in dem kleinen Tal am Alpenrand. Eine Frau die im Winter mit Riemchensandalen und Sommerkleid bei Reither vor der Tür steht. Eine Frau, die an schweren Schicksalsschlägen zu tragen hat, und doch diejenige ist, die Reither wachrüttelt. Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, muss nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen. (Pos. 1671-1673) Reither und Leonie. Leonie und Reither. Die beiden begeben sich auf eine Reise. Spontan, ohne einen vorangegangenen Plan. Einfach so, mitten in der Nacht. Ein Roadtrip, der sie letztendlich bis nach Sizilien bringt. Und der ihnen die Veränderungen vor Augen führt, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert wird. Fast schon kettenartiges Rauchen, alte Musikkassetten im Auto, die Lederjacke aus den Achtzigern, Hüte und gute, anspruchsvolle Bücher – die Vergangenheit, in Worte und Metaphern gepackt, ganz wie das bei einer Novelle eben der Fall ist. Die Zukunft, das Hier und Jetzt, das sind Ströme von Menschen an Bahnhöfen, auf Straßen und Fähren, mit Rucksäcken, die all das enthalten, was ihnen von ihrem alten Leben geblieben ist. Kleine Kinder, geboren auf der Straße. Auf der Flucht. Kirchhoff bringt die Flüchtlingsthematik geschickt und dezent ins Spiel. Eine Thematik, die man kaum mehr ignorieren kann, wenn man einen zeitgenössischen Roman schreiben will, wird man doch allein im Alltag stetig damit konfrontiert. Erinnerungen sollten wie Abschnitte in einem Handbuch sein, nur dazu dienen, in bestimmten Situationen die richtigen Worte in richtiger Reihenfolge zu sagen, aber es sind Einflüsterungen, die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides. (Pos. 838-840) „Widerfahrnis“ ist viel – Roadmovie, eine Geschichte über eine sich langsam entspannende Liebe, über Schicksale, über Alt und Neu, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kirchhoffs Sprache ist gewaltig, poetisch, melancholisch, erschlägt den Leser fast, doch vielleicht ist genau das gewollt. Das Unaufhaltsame, das Hereinbrechen von Ereignissen, Geschehnissen, man selbst als stiller Beobachter, machtlos und trotzdem gebannt, unfähig sich abzuwenden. Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ hat seinen Anspruch, ist kein leichtes Buch für Zwischendurch. Als Kirchhoff-Neuling kann ich nicht sagen, inwieweit er bewehrte Themen immer wieder in seinen Büchern verwendet. Stattdessen sage ich dies: „Widerfahrnis“ mag Abschied sein vom Alten, mag Hommage sein, voller Wehmut, Melancholie und Zartheit. „Widerfahrnis“ ist aber vor allem eines: Ein Buch, das mich neugierig gemacht hat. Auf mehr von Kirchhoff.

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  • Ein Road-Movie

    Widerfahrnis

    FrauGoldmann_Buecher

    19. February 2017 um 23:16

    Über Bodo Kirchhoff und sein neues Buch, eine Novelle "Widerfahrnis" wurde schon viel gesagt und geschrieben. Es bleibt wirklich nicht mehr viel hinzuzufügen! Ich will Ihnen das Buch einfach ans Herz und in die Hand geben! Nehmen sie sich Zeit, lesen Sie es sich,oder anderen auch mal laut vor, es ist ein Lese- und Hörgenuss.Der Inhalt ist schnell erzählt: In einem ruhigen Tal, einer Art Seniorenresidenz, lebt nun der Frankfurter Verleger Reither. Er gab seinen Kleinst-Verlag auf "als es mehr Schreibende als Lesende" gab.  In der Bibliothek der Residenz entdeckt er ein kleines namen-loses Buch, nur die Autorin ist genannt und es versetzt ihn in eine Welt zurück als er noch Verleger und Herausgeber war.  Welche Sätze ließe er streichen, welche Korrekturen fügte er ein, ... . Seine Überlegungen werden unterbrochen als Leonie Palm, die Leiterindes Lesekreises und Autorin des kleinen Büchleins vor ihm steht, um sich mit ihm zu verabreden - sie will seine fachliche Meinung über ihr Buch erfahren. On the Road: Noch in derselben Nacht  und nach ausgiebig Wein, Zigaretten und Gesprächen fahren sie mit dem Auto nach Italien, immer weiter, nach Sizilien. Und was ihnen wiederfährt ist Liebe, ein Gefühl an das sie gar nicht mehr glaubten. Und was ihnen ebenfalls widerfährt ist das Leben. So, "wie kein Erzähler gleich einen Fuß in seiner Geschichte" hat, ...,das sich aus Zufällen am Wegrand des Erzählens ergibt, ganz nach dem Vorbild des Lebens. Auch dort geht dem Werden kein kühner Plan voraus, und kein Tusch kündigt es an, stattdessen sind oft Kleinigkeiten, die etwas anstoßen und einen voranbringen, das aufgeschnappte Wort, der hingesagte Satz oder ein Geruch wie aus Kindertagen - ... Diese Novelle über das Wagnis und die Zufälle im Leben ist eine Art Road-Movie, ein Road-Novel auch ein Buch im Buch über das Schreiben eines Buchs, und vor allem über „Lebensgeister“! Ein Wort, das so wie Widerfahrnis schon in Vergessenheit geriet! In Widerfahrnis können Sie es nachlesen!

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  • Bodo Kirchoff - Widerfahrnis

    Widerfahrnis

    Jari

    18. February 2017 um 13:55

    Bodo Kirchoff hat mit „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen, den wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Zwar hatte ich zuvor noch nie von Kirchoff gehört, aber das tut nichts zur Sache. Auch nicht, dass ich erwartungsgemäss ziemlich lange darauf warten musste, dass das Buch in der Bibliothek frei war. Schon während des Lesens wurde mir klar, weshalb das Buch es auf die Liste zum bedeutendsten Buchpreis im deutschsprachigen Raum geschafft hat. Den Vergleich zu den anderen Nominierten kann ich leider nicht ziehen, aber Kirchoffs Werk hat alles, was ich mir von einem Preisgewinner wünsche. Zum einen einmal eine wunderschöne Sprache. Kirchoff erzählt atemlos, teilweise fast gehetzt und wirkt doch ruhig und in sich gekehrt. Auf direkte Rede wird praktisch ganz verzichtet. An einer Stelle lässt sich Reiter darüber aus, dass viele Autoren mit hohlen Gesprächen nur Seiten füllen wollen. Seither fällt es mir in jedem Buch negativ auf, wenn zu viel gesprochen wird. Denn bei Kirchoff reden die Figuren miteinander, ohne dass der Leser sinnlos zugetextet wird. Somit hatte der Autor also nur schon aufgrund seines gewundenen Schreibstiles einen Stein im Brett. Dazu kamen jedoch noch die Figuren, die sich auf ihrer wahnwitzigen Reise durch Europa stets näher kommen, um dann auf dem Höhepunkt ihrer Nähe auseinanderzudriften. Jede Reise kommt irgendwann zu ihrem Ende und beide, Reiter und X machen eine starke Veränderung durch. Dieser Roadtrip hat beide aus ihrer Starre gerissen und ihnen ganz neue Möglichkeiten ihrer selbst aufgezeigt. Da fragt man sich als Leser, ob man nicht auch selbst so eine Reise braucht. Oder ob man sich selbst dazu entschliessen kann, sich aus dem Trott hinauszuwerfen. „Widerfahrnis“ hat eine enorme Tiefe, die ich wahrscheinlich noch nicht ganz greifen konnte. Deshalb denke ich, ist es ein perfektes Buch für eine Leserunde oder einen Lesekreis. Man kann zusammen neue Seiten entdecken, denn Kirchoff hat in seinen Stoff viele kleine Silberfäden eingewebt und die hie und da frech hervorglitzern. Man muss sie nur zu greifen wissen. Für mich war dieses Buch gleichsam wie für Reiter eine Reise. Auf dieser Reise konnte ich staunen, entdecken und begreifen. Dieses Buch ist wahrlich ein Meisterwerk.

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  • Aus dem Alltag ausbrechen und es einfach geschehen lassen

    Widerfahrnis

    Sikal

    29. January 2017 um 09:04

    In einer Appartementanlage nahe des Achensees treffen zwei ungewöhnliche Protagonisten aufeinander. Julius Reither, Mitte 60, ehemaliger Verleger, der seinen Verlag aufgab, weil es mehr Schreibende als Lesende gibt und Leonie Palm, etwas jünger als Reither, die ihren Hutladen an den Nagel hängte, seit Hutgesichter fehlen. Eines Nachts treffen die beiden aufeinander, trinken erst Rotwein und rauchen die eine oder andere Zigarette bis sie sich spontan entschließen den Sonnenaufgang am Achensee zu entdecken. Leonies Cabrio wird vom Schnee befreit, in Fahrt gesetzt und das Abenteuer kann beginnen … Statt am Achensee finden sich die beiden nach drei Tagen auf Sizilien wieder. Während ihrer langen Fahrt ziehen nicht nur die wunderschöne Landschaft, der Sonnenaufgang sowie –untergang, sondern auch tiefsinnige Gespräche an den beiden Protagonisten vorüber. Sie begegnen nicht nur einer neuen Liebe, die sie eigentlich aus ihrem Leben bereits ausgeklammert hatten. Auf ihrer Fahrt treffen sie von Norden nach Süden immer auffälligere Flüchtlingsgruppen, bis sich letztendlich in Sizilien ein stummes Mädchen ihrer neugefundenen Zweisamkeit eingliedert und die beiden vor unvorhergesehene Herausforderungen stellt. Bodo Kirchhoff hat eine sprachgewaltige Geschichte geschrieben, kein Wort ist hier zu viel. Keine Verschnörkelungen sondern treffende, pointierte Aussagen machen das Lesen zu einem Vergnügen. Den deutschen Buchpreis hat er mit diesem Werk zu Recht bekommen. Und doch beinhaltet diese Novelle so viel mehr - eine gefundene Liebe, Aufarbeitung von Trauer, Reflexion über Entscheidungen im Laufe des Lebens, die aktuelle Flüchtlingsthematik. Alles mit Ruhe und Gelassenheit erzählt, ohne Hektik. Beeindruckt hat mich das Ende, mit dem der Autor den Leser in dessen Gedankenwelt entlässt und wo sicherlich für jeden etwas anderes verborgen bleibt.

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  • Gute Literatur

    Widerfahrnis

    Stadtbuecherei_Karben

    29. December 2016 um 17:05

    Hoher literarischer Anspruch. Die Story ist schön, weil es vor allem um Liebe geht.

  • Auch eine gute Idee hat ihre Konsequenzen

    Widerfahrnis

    jenvo82

    17. December 2016 um 20:40

    „Manchmal sind Dinge, die lange unmöglich erschienen, zeitlebens fast, plötzlich ganz leicht, wie sich selbst loszulassen oder, aus umgekehrter Sicht, von sich abzurücken und für jemanden da zu sein, nicht irgendwann und irgendwo auch nicht in Gedanken, also später, sondern gleich.“ Inhalt Julius Reither hat seinen unrentablen Verlag geschlossen, ebenso Leonie Palm ihren Hutladen, weil es keine Leute mehr gibt, die Hüte tragen. Und so begegnen sich zwei Menschen in der zweiten Hälfte ihres Lebens, die weder einen bestimmten Plan noch ein Ziel verfolgen. Gemeinsam ziehen sie mitten in der Nacht los, um ein wenig herumzufahren und dann noch ein Stück weiter, bis sie schließlich auf einer Route nach Italien sind und immer nur für den Moment leben, für die einfachen Dinge des Seins. Ihre Gespräche drehen sich um persönliche Erfahrungen, um missglückte Beziehungen und gescheiterte Existenzen, doch finden sie kurzfristig in der Nähe des Anderen wieder näher zu sich selbst. Als sich ihnen ein Flüchtlingsmädchen anschließt, die weder ihre Sprache spricht, noch einen Namen zu haben scheint, spitzt sich die Situation zu, denn Leonie und Reither wollen plötzlich nicht mehr dasselbe und bemerken, wie fremd sie sich doch eigentlich sind. Ihr Trip endet so, wie er begann: schicksalhaft aber einsam. Meinung An diesem Buch scheiden sich wohl die Geister, dieses Phänomen haben mir zumindest die stark schwankenden Lesermeinungen nahegelegt. Denn während einige in höchsten Tönen schwärmen, grenzt diese Novelle für andere an ein Fiasko. Schon allein deswegen wollte ich mir unbedingt eine eigene Meinung bilden. Leider konnte mich „Widerfahrnis“ nicht für sich einnehmen, da mir vieles zu vage und unbestimmt blieb und das in Kombination mit einer mäßig interessanten Handlung. Ganz besonders schade fand ich die unrealistische Verbindung zwischen beginnender Liebesgeschichte und einer unglücklich gewählten Flüchtlingsproblematik. Bodo Kirchhoff schafft in diesem Roman zwei sehr eigenständige Protagonisten, die meines Erachtens so wenige Gemeinsamkeiten haben, dass ihre aufkeimenden Gefühle füreinander äußerst fremd wirken. Beim Lesen empfand ich den gemeinsamen Nenner als die Zigarette, die beide ununterbrochen in Kette rauchen und dabei ihre Gedanken wandern lassen. Von Nähe, Begeisterung und Lebensfreude spürt man so wenig, dass es fast schmerzt. Banale Dinge, wie das Einkaufen oder das „Frischmachen“ auf einer öffentlichen Toilette stellen zentrale Erzählinhalte dar und mir fehlt hier auf jeder Zeile der Blick fürs Große und Ganze. Einzig die Erzählweise, sehr still und sinnierend, voller formvollendeter Sätze und einer intensiven Auseinandersetzung mit den Feinheiten der Deutschen Sprache haben mir gefallen. Ein unaufgeregtes, wertungsfreies Schreiben, welches zugleich auffallend anders aber auch einprägsam wirkt. Fazit Die Bewertung fällt mir nicht leicht, weil ich zwar keine spezielle Erwartungshaltung hatte, aber während des Lesens fortwährend Enttäuschungen erlebte. Angefangen von unsympathischen Protagonisten über eine eher sinnfreie Reise bis hin zu äußert konstruierten Situationen haben mir das Verständnis, den Sinn der Erzählung immer fremder werden lassen. Ein Buch, welches mit zunehmender Seitenzahl an persönlichem Wert verloren hat und dessen Gesamturteil mit 2 Sternen ins untere Mittelfeld einzuordnen ist. Vielleicht kann man Julius Reither mögen, mir fiel es einfach nur schwer …

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    • 10
  • Eine Reise nicht mehr junger Menschen - mehr beschreibend als erlebend

    Widerfahrnis

    Corsicana

    02. December 2016 um 16:04

    Das Buch "Widerfahrnis" hat den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen. Und da ich schon einiges über dieses Buch gehört hatte, war ich gespannt auf die Lektüre - besonders (oder auch) weil Denis Scheck dieses Buch so verrissen hat.Mir hat es gefallen - mir haben der ruhige Stil und die schöne Sprache gefallen. Das Buch lebt von der Gedankenwelt, die dargestellt wird - viel äußere Handlung gibt es im Verhältnis dazu nicht.Das Buch handelt von einer Reise zweier nicht mehr junger Menschen, die mit den Dämonen ihrer Vergangenheit kämpfen. Ihren spontan am Rand der Alpen begonnenen Trip dehnen sie immer weiter aus, bis sie schließlich in Sizilien landen - und das Flüchtlingselend sich zu ihrem privaten Elend dazugesellt.Was mich ein wenig gestört hat, ist dieses Referieren über Stilmittel, Wortbedeutungen aus Sicht eines Verlegers und Lektors. Dieses "Schreiben über das Schreiben" scheint derzeit sehr en vogue zu sein, ich habe letztens "Sozusagen Paris" von Navid Kermani und "Nach einer wahren Geschichte" von Delphine de Vigan gelesen, alles Bücher übers Schreiben, über Lektoren, über Formulierungen. Und darüber scheinen das Leben und die Handlung irgendwo am Rande vorüber zu ziehen.Jetzt sind für mich erst einmal wieder "richtige" Geschichten als Lektüre geplant.Aber die Lesung mit Bodo Kirchhoff in Köln (organisiert vom Literaturhaus Köln) war sehr interessant (Kirchhoff kann wirklich gut vorlesen - das können nur wenige Autoren). Und der Schreibstil von Kirchhoff gefällt mir auch. Habe mir daher "Die Liebe in groben Zügen" von Bodo Kirchhoff gekauft und bin gespannt.

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    • 3
  • Des Kaisers neue Kleider 2.0

    Widerfahrnis

    Archer

    01. December 2016 um 13:27

    Was man über des Kaisers neue Kleider wissen muss: Ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen über einen Kaiser, der sich von zwei Betrügern Kleider nähen lässt, die angeblich nur sehen kann, wer würdig und nicht dumm sei. Tatsächlich stolziert der Kaiser nackt durch die Gegend, doch alle rufen begeistert aus, wie toll und mega seine Klamotten sind, bis ein kleines Kind mit dem eigenen nackten Zeigefinger auf den Herrscher zeigt und ruft: Aber er hat doch gar nichts an! Was man über den Deutschen Buchpreis wissen muss: Wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Partner ist unter anderem die Deutsche Bank Stiftung. Total gemeinnützig. ^^ Der Sieger erhält 25.000 Euro. Dieses Jahr vermutlich sponsored by *fügt beliebige Zigarettenmarken ein*Was man über Archer wissen muss: Nichtraucher, Outdoorsportler, kindliches Gemüt. Nutzt auch ganz gern den nackten Zeigefinger und ruft: Aber da ist doch gar nichts dran! Alles nackt, keine Substanz, keine Aussage!Was man über dieses Buch (Widerfahrnis) wissen muss: Nichts.

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    • 7
  • Vielleicht nur ein Missverständnis

    Widerfahrnis

    Buecherherbst

    30. November 2016 um 13:58

    Preisgekrönt. Dieses Attribut weckt Erwartungen. Immerhin sagt es aus, dass eine zumeist fachkundige Jury es für besonders ausgezeichnet und deshalb auszeichnungswert hält. Nicht anders ist es auch beim Deutschen Buchpreis. Die Jury stellt aus zahlreichen eingereichten Werken eine Longlist auf, extrahiert eine sechsbüchige Shortlist und kürt hieraus einen Preisträger. Es spricht also eine Menge dafür, sich diesem Buch hinreichend hinzugeben. Doch manchmal endet es auch in einem Missverständnis: Der Autor erreicht den Leser nicht, der Leser versteht den Autor nicht.[Die vollständige Rezension unter www.buecherherbst.de/Rezension_Kirchhoff_Widerfahrnis]In diesem Jahr wurde die Ehre des Buchpreises Bodo Kirchhoff mit seiner Novelle Widerfahrnis zuteil. Grund genug, sich dem Werk zu nähern – immerhin wurde es schon vorab im Feuilleton gefeiert: „mitreißend“, „virtuos“, „Wahnsinnsbuch“. Bis zum Schluss bleibt es jedoch ein Rätsel, wieso die Geschichte nicht richtig zu verfangen weiß. Kirchhoff gibt neben seiner Autorentätigkeit selbst Schreibkurse. Er sollte also wissen, wie man den Leser in eine Erzählung hineinzieht. Manchmal scheint er allerdings das Schreiben und die Lehre darüber zu vermengen. Heraus kommt ein Brei aus Eitelkeit, einem gekonnten Spiel mit Sprache und Erzählkunst, aber auch Arroganz; beispielsweise wenn er den Erzähler erklären lässt: „Wussten Sie, dass der immer verbreitetere Wunsch, den eigenen Namen nicht bloß am Türschild, sondern auch auf einem Buchumschlag zu sehen, der Tod des guten Buches ist?“[...]Vielleicht ist es letztlich ein verquerer persönlicher Geschmack, der die Abneigung zu Bodo Kirchhoffs Widerfahrnis rechtfertigt, rezensionsirrelevant, vielleicht ist es einfach die große Kunst, die man nicht zu erkennen vermag: Der Zugang zu Büchern, die klaren syntaktischen Regeln folgen – und nicht ein Meer aus heran schwappenden Wörtern, die den im Sand des Buchverständnisses sitzenden Leser einfach nur wie eine Welle überschwemmen – erleichtert und vergrößert das Lesevergnügen. Am Ende bleibt also die Frage: Liest man einen Buchpreisgewinner schlichtweg mit anderen Erwartungen? Die Antwort ist wahrlich viel einfacher: Ein preisgekröntes Buch ist nunmal nicht für jeden Leser gleichbedeutend mit einem ausgezeichneten Buch.

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  • Widerfahrnis - Heidegger, Liebe, Freiheit, Italienreise. Wenn das Leben so einfach wäre...

    Widerfahrnis

    Wordmicroscope

    29. November 2016 um 23:32

    Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis Liebe, Freiheit, Italien. Eine Frau, steht vor der Tür ihres angebeteten Mannes und überzeugt ihn davon, gemeinsam ohne Ziel in den Süden zu fahren. Der Beginn einer Liebesgeschichte. Würde ihnen nicht das Schicksal „widerfahren“, welches ihnen nicht die erhoffte Reise beschert, sondern sie mit ihren Erinnerungen belastet und sie mit Problemen in der Gegenwart überfordert – so dass sie letztendlich von ihren Wunden und er von seinen Narben erzählt. / Love, freedom, italy. A woman stands infront of the door of the man, she adores - and convinces him to travel together without a plan to the south. The beginning of a love story. Would there not be the fortune, which doesn't bring the expected travel, but confronts them with their memories and overwhelming them with problems of our society nowadays. In the end she tells him about her wounds and he about his scars.

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  • Widerfahrnis - Heidegger, Liebe, Freiheit, Italienreise

    Widerfahrnis

    Wordmicroscope

    29. November 2016 um 23:09


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