Bohumil Hrabal

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Rezension zu "Ich habe den englischen König bedient" von Bohumil Hrabal

Spannender Inhalt, konnte mich aber insgesamt nicht packen
EmmaZeckavor 2 Monaten

Der Inhalt von Ich habe den englischen König bedient hat mich ordentlich verwirrt. Der Titel des Hörbuches führte mich nämlich auf eine völlig falsche Fährte. Wir lernen unseren Protagonisten kennen, als er gerade eine neue Stelle angetreten hat und sein Leben in vollen Zügen (oder in den Zimmern vieler Frauen) genießt. Und die Erlebnisse auf der ersten CD handeln fast nur von den Frauengeschichten unseres angehenden Kellners. An dieser Stelle vermutete ich, dass es sich mit der Handlung wohl ganz einfach verhalte: Wir begleiten unseren Kellner so lange, bis er dann endlich den englischen König bedient. Doch da hatte ich weit gefehlt.



Eines Tages bekommt unser Kellner nämlich eine neue Anstellung und hat somit auch einen anderen Vorgesetzten. Und diesen Mann mustert er mit Bewunderung: Denn er braucht nur wenige Blicke, um die Kunden durchschauen zu können: Welcher der Gäste hat viel Geld? Wer möchte sich nur aufspielen? Wem lohnt es sich, Aufmerksamkeit zu schenken? Alles Tricks, die unser Protagonist erst noch herausfinden muss. Als er seinen Vorgesetzten fragt, woher er das alles wisse, antwortet er nur: Ich habe schließlich den englischen König bedient. Und an dieser Stelle begann mich die Geschichte dann so langsam zu interessieren. Als Bohumil Hrabal seinen Protagonisten dann noch in den Zweiten Weltkrieg geraten lässt, beschloss ich, das Hörbuch nicht abzubrechen.



Allerdings muss ich gestehen, dass ich den Sinn hinter Ich habe den englischen König bedient nicht wirklich verstanden habe. Wir begegnen hier einem Protagonisten, der sich selbst am wichtigsten ist und in erster Linie an sich denkt. Und diese Einstellung hat mich extrem gestört, weil sie völlig weg von meiner eigenen Lebensphilosophie geht. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass unser Protagonist in der Geschichte nicht wirklich glücklich ist und das, obwohl er sich einen Lebenstraum erfüllt.



Kommen wir nun zur Gestaltung des Hörbuches: Das Hörbuch wurde ungekürzt von dem HörbuchHamburg Verlag produziert. Wolfram Berger liest uns die Geschichte vor. Er hat eine tiefe Stimme und fiel mir schon nach wenigen Sekunden aufgrund seines österreichischen Dialekts auf. Und ich muss sagen, der Dialekt passt auch ziemlich gut zur Geschichte. Allerdings konnte mich Wolfram Berger als Sprecher leider nicht überzeugen, da er mir zu wenig Betonung in die Geschichte gelegt hat und ich auch Mühe hatte, Charaktere auseinanderzuhalten.

Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass vielen Hörern Wolfram Bergers Dialekt als Stilmittel vollkommen ausreicht und sie sich schon alleine dadurch gut unterhalten fühlen.



Bohumil Hrabal hat einen interessanten Schreibstil. Er arbeitet sich von der Oberflächlichkeit hin zu einer annähernden Tiefe vor. Während ich am Anfang der Geschichte noch befürchtete, dass es ein Frauengeschichten-Roman wird, zeigt uns Bohumil Hrabal bald, was für eine feine Beobachtungsgabe unser Protagonist hat und das er seine Handlungen durchaus durchdenkt und erkennen kann, was in einer Situation wirklich vor sich geht, auch wenn der Schein nach Außen anders aussieht.

Richtig gut gefallen hat mir die Bedeutung des Buchtitels und das diese Redewendung immer wieder wiederholt wird.



Gesamteindruck

Ehrlich gesagt bin ich von Ich habe den englischen König bedient, etwas enttäuscht, weil ich etwas anderes von der Geschichte erwartet habe. Ich dachte, es geht um einen angehenden Kellner, der sich bis zum englischen König hocharbeitet. Stattdessen treffen wir auf einen Protagonisten, der auf der Suche nach seinem inneren Frieden ist. Natürlich war dieser Aspekt der Geschichte auch interessant, konnte mich aber nicht vollkommen in seiner Umsetzung überzeugen. 

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Rezension zu "Schizophrenes Evangelium" von Bohumil Hrabal

Der Prager Evangelist
derlorenzvor 4 Jahren

Bohumil Hrabal sitzt im Mittelpunkt einer Welt, die Prag genannt werden muß. Er hat diese Welt in vielen Büchern selbst erschaffen, aber auf ihre besondere Weise konnte sie nur an der Moldau aufblühen. Und weil die Symbiose zwischen der Stadt und ihrem Poeten so wunderbare Blüten trieb, ist der 80jährige Hrabal selbst ein bedeutender Teil des realen Prag geworden.

   Jeder echte Prager weiß: der Hrabal zecht seit ewigen Zeiten an seinem Stammtisch im "Goldenen Tiger". Vor aufdringlichen Touristen schirmen ihn Freunde ab. Nur Leute wie Vaclav Havel führen ungehindert Besucher - zum Beispiel den Staatsgast Bill Clinton - in die mythische Kneipenrunde ein. Und vor wenigen Tagen durfte auch Svato Zapletal neben Hrabal Platz nehmen.

   Der tschechische Grafiker und Kleinverleger Zapletal ist seit 1971 Hamburger. Hier gestaltet und druckt er die Bücher seines kleinen, aber feinen Svato-Verlages. Zapletal bewunderte Hrabal schon, als er kurz vor Schließung der tschechischen Grenzen 1969 zum Studium in die Bundesrepublik kam. Gerne hätte er ein Buch mit dem Schriftsteller aus seiner Heimat gemacht.

   Doch Hrabal stieg zur "tschechischen Erzählergroßmacht" (Süddeutsche Zeitung) auf, und die großen Verlage bemühten sich um ihn. So viele Leute wollten so großartige Projekte mit dem Prager machen, daß Zapletal keine Chance sah, ihn noch irgendwann für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Doch ausgerechnet in Hamburg traf er vor einem Jahr Hrabals Übersetzerin Susanna Roth.

   Interessiert schaute die Hrabal-Vertraute sich die kunstvollen Buchprojekte des Svato-Verlages an, die Zapletal alle selbst illustriert. Sie erzählte dem greisen Poeten von seinem Landsmann in Hamburg und siehe: er kramte aus seiner tiefen Schublade drei Texte hervor.

   Diese drei Geschichten, die noch nie auf deutsch zu lesen waren, erscheinen in dieser Woche im Svato-Verlag als "Schizophrenes Evangelium". Zapletal, der für seine Bücher lebt und sich in Schulden stürzt, ist glücklich: "Niemand schreibt wie Hrabal. Surreal und gleichzeitig so dicht an den Menschen, voller Liebe und Phantasie."

   Vor allem in der Titelgeschichte "Schizophrenes Evangelium" wird sehr deutlich, was Zapletal meint. Hrabals Jesus ist (natürlich) in Prag-Liben geboren und legt sein zartes Haupt auf den Marmortisch des Tanzlokals Kuchynka, als die ersten Bekehrungsversuche fehlschlagen. "Und es erschien ihm der Jemand, doch nicht in Gestalt eines Posttäubchens, sondern einer Prothese, die eine Wolke durchbrochen hatte. Und die Prothese war voll von verkrustetem Blut und Rost, als habe sie in den Sümpfen des Tertiär gelegen."

Nur 150 Exemplare des "Schizophrenen Evangeliums" hat Svato Zapletal in seiner Eimsbüttler Werkstatt selbst gefertigt. Es soll bei dieser einen Auflage bleiben. Entsprechend hoch sind die Preise.

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Rezension zu "Ich habe den englischen König bedient" von Bohumil Hrabal

Rezension zu "Ich habe den englischen König bedient" von Bohumil Hrabal
Ein LovelyBooks-Nutzervor 6 Jahren

Mit ungefähr 15 Jahren kommt der Erzähler nach Prag und beginnt, als Pikkolo im Hotel zu arbeiten. Er erweist sich dank seiner Beobachtungsgabe und Lernbereitschaft als geschickt, aber auch als außerordentlich raffiniert. Während er die reichen Gäste beobachtet, reift sein Entschluss, selber reich werden zu wollen und einer von ihnen zu werden. Die ersten Schritte dorthin erleichtert ihm seine Unverfrorenheit: Beim Verkauf von heißen Würstchen am Bahnhof betrügt er Kunden, die bereits im Zug sitzen, um deren Rückgeld. Er zögert die Rückgabe möglichst so lange hinaus, bis der Zug mit Kunde und Würstchen, aber ohne Rückgeld abfährt. Ein Hotelgast, der selbst Opfer dieses Tricks wurde, nimmt den Pikkolo beiseite; er ist ihm nicht böse, sondern bestärkt ihn in seinem Treiben. Wie man an seinem Würstchenverkauf sehen könne, würde aus ihm Großes werden.

Der Pikkolo arbeitet nach einer Zwischenstation in einem diskreten Hotel für die privaten Amüsements der Reichen und Wichtigen wieder in einem großen Haus, wo ihn ein routinierter Kellner einlernt. Dieser schult ihn darin, jedem Gast beim Hereinkommen bereits Herkunft und Speiseabsichten anzusehen. Doch die Anstellung in diesem Haus endet wie alle anderen bisher auch: Ihm wird gekündigt. Bisher in der Regel wegen eines Missverständnisses. Dieses Mal jedoch ist die Liebe schuld. Der Pikkolo hat sich ausgerechnet während des zweiten Weltkriegs in die deutsche Sportlehrerin Lisa verliebt.

Hrabal lässt seinen Pikkolo eine Geschichte erzählen, die ganz harmlos beginnt. Der Ich-Erzähler blickt auf sein Leben zurück, berichtet von einer beruflichen Station nach der anderen. Immer weiter scheint er auf seiner Karriereleiter klettern zu können: Zuerst bedient er wohlhabende Prager, dann einen General und den Präsidenten, gefolgt von einem Diner des abessinischen Kaisers, bei dem er auserwählt wird, dem höchsten Gast persönlich zu servieren. Er fabuliert ein grandioses Festmahl zusammen, das die Leibköche des Kaisers gebraten haben und erhält für seine Dienste einen Orden. Mit diesem putzt er sich künftig bei jeder Gelegenheit heraus, um Anerkennung und Achtung zu erheischen. Die lustvolle Szenerie endet, als die Deutschen Prag besetzen. Während der Erzähler als heiratsfähig gestempelt wird, verurteilen zahllose andere Stempel seine Landsleute zum Tod. Zum ersten Mal scheint er richtig ins Grübeln zu kommen, ordnet seine Gedanken aber schnell seinem hoch gesteckten Ziel unter.

Das Leben spielt nicht nur diesen Erwartungen des Erzählers seine Streiche. Ein Aufstieg mit Hilfe seiner deutschen Frau bleibt ihm verwehrt und auch nach dem Krieg gibt es keine Karriere. Er schaft es wohl, mit Lisas und seinem Geld ein Hotel zu kaufen, doch die Herkunft des Geldes, die ihm zu Beginn noch wenig Kummer bereitete, verschafft ihm nun schlaflose Nächte. Und die Hoteliers akzeptieren ihn nicht als Ihresgleichen, nicht einmal, nachdem er mit ihnen wegen seiner Millionen interniert wird.
Die Erzählung spielt auch mit den Erwartungen des Zuhörers. Der Pikkolo wirkt naiv und hilflos, entpuppt sich aber als sehr wandelbar und dreht sein Fähnchen in jeder Situation geschickt nach dem Wind. Er weiß aus Unglücken seinen Vorteil zu ziehen und tappt stur mit jeder Strömung mit. Hauptsache, sie bringt ihm seinem Ziel ein wenig näher. Zur positiven Identifikationsfigur wird man damit nicht, wohl aber zu einem Anker in der Geschichte, mit dem man Jahr für Jahr an den Geschicken des Landes und der Leute teilhaben kann.

Wolfram Berger erzählt die Geschichte des Pikkolos ganz hervorragend und authentisch; das dürfte zu einem großen Teil daran liegen, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Sprechern Dialekt sprechen darf. Und so scheint der Pikkolo direkt neben einem zu sitzen, um sein Leben auszubreiten. Eine hervorragende Umsetzung, die im Vergleich zum Buch wohl gekürzt scheint, aber wenig an ihrem grotesken Humor und ihrer Zweischneidigkeit verloren haben dürfte.

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