Entspräche die Lebensspanne von Frauen genau einem Jahr, wären Männer im Verhältnis dazu schon am 10. Dezember tot. Warum?
Statistisch betrachtet haben Männer deutlich höhere Suizidraten, verursachen mehr Verkehrsunfälle als Frauen, entwickeln häufiger Suchtverhalten und ungesunde Lebensgewohnheiten, gehen seltener zum Arzt… weil viele nach wie vor dem patriarchalen Rollenklischee vom harten Kerl nacheifern. Männer werden häufiger kriminell, verhalten sich rücksichtslos gegenüber Umwelt, Klima und Mitmenschen. Das verursacht extremes Leid in irreversiblem Ausmaß. Und es kostet die Gesellschaft jedes Jahr mehr als 63 Milliarden Euro.
Zu diesem Ergebnis kommt Boris von Heesen, Autor des im Mai 2022 erschienenen Buches Was Männer kosten. Er ist Wirtschaftswissenschaftler, Männerberater, engagiert sich in der Sucht- und Jugendhilfe und ist Vater von zwei Kindern. Von Heesen hat den mutigen, längst überfälligen Versuch gewagt, die Kosten, die explizit durch toxisches männliches Verhalten verursacht werden, zusammenzurechnen.
Dabei ist er sehr vorsichtig vorgegangen und hat Bereiche, zu denen keine verlässlichen Quellen und eindeutige Zahlen vorliegen, ausgespart. Der reale finanzielle Schaden liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit also weit höher.
Das Bemerkenswerte an Was Männer kosten: Das Buch befasst sich nicht nur mit den messbaren Kosten, die durch kritisches männliches Verhalten entstehen. Es wälzt nicht nur kalte Zahlen und Statistiken. Boris von Heesen widmet auch einen Teil des Buches den nicht messbaren Folgen des Patriarchats, wie zum Beispiel politischem Extremismus, Frauenhass und den traumatisierenden Folgen von sexistischer Gewalt.
Dabei argumentiert er sachlich, ohne anzuklagen.
Im letzten Drittel des Buches, das er „Wege aus der Krise“ nennt, schlägt er sogar sehr konkrete Lösungsstrategien vor, mit denen Politik, Schulen, Vereine und öffentliche Institutionen, aber auch einzelne Männer und Frauen, dem Patriarchat Stück für Stück den Wind aus den Segeln nehmen können.
Sein Grundtenor dabei ist: Man dürfe Männer nicht für ihr Verhalten dämonisieren, sondern müsse ihnen helfend die Hand reichen und ihnen Wege aus dem patriarchalen Labyrinth aufzeigen.
Von Heesen, der als Männerberater auch häufig Tätern von häuslicher Gewalt gegenübersitzt, merkt an, die Wurzel toxischen Verhaltens sei meistens Angst.
Dann sprudelt es aus den Männern heraus, dass sie Angst haben, verlassen zu werden, Angst davor, dass andere Männer besser sind als sie, Angst, nicht mehr der Herr im Haus zu sein, Angst, unbestimmten Vorstellung von Männlichkeit nicht zu genügen. (Was Männer kosten, Seite 131)
Dem würde ich entgegnen: Frauen haben Angst, geschlagen, misshandelt, vergewaltigt und getötet zu werden. Wiegt das nicht weit schwerer als fragile masculinity?
Sind die armen Männer wirklich so verzweifelt, dass ihnen nur noch Gewalt bleibt, um ihrer unterdrückten Sensibilität Ausdruck zu verleihen? Wird ihnen der Zugang zu den eigenen Ängsten und Gefühlen tatsächlich „in jahrzehntelanger Kleinarbeit abtrainiert“, wie von Heesen es ausdrückt?
Mein persönlicher Eindruck ist, dass einige Männer überhaupt kein Interesse daran haben, ihr Verhalten zu ändern, weil sie sich in ihrer patriarchalen Machtposition pudelwohl fühlen. Und dann zu sagen: Oh, du Armer, du musst dich ja arg unter Druck gesetzt fühlen, wenn du deine*n Partner*in krankenhausreif prügelst – das geht nicht in meinen Kopf.
Aus diesem Grund fiel es mir an manchen Stellen schwer, von Heesens Diplomatie mitzutragen. Aber er hat natürlich recht. Wenn sich etwas ändern soll, dürfen wir keine Trotzreaktion in den männlichen Tätern triggern, sondern müssen ihnen die Chance geben, ihr Verhalten selbstkritisch zu hinterfragen. Dafür braucht es mehr Therapeut*innen, die für einen vorurteilsfreien Dialog zur Verfügung stehen.
Boris von Heesens Intention ist es, auf die Missstände unserer patriarchal geprägten Gesellschaft in Deutschland aufmerksam zu machen, indem er sie schwarz auf weiß in konkreten, möglichst aktuellen Zahlen abbildet. Zahlen lassen keinen Raum für gefühlte Wahrheiten, und das ist gut so.
Für alle, die das Buch lesen, dürften diese Zahlen schockierend sein. Sie bilden ein extremes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen ab. (Binäre Personen werden dabei nicht berücksichtigt, weil sie von den meisten Statistiken noch nicht gesondert erfasst werden.)
Wer also ernsthaft glaubt, wir hätten die Gleichberechtigung schon erreicht und Feminismus sei nicht mehr nötig, der sollte dringend den ersten Teil dieses Buches lesen.
Besonders Männern, die sich von Feminist*innen angegriffen fühlen und meinen, ihre Privilegien verteidigen zu müssen, lege ich dieses Buch ans Herz. Denn Boris von Heesen zeigt, wie viele schwerwiegende Nachteile das Patriarchat für alle Männer mit sich bringt, und belegt sie mit Fakten.
Ich danke dem Heyne Verlag herzlich für das kostenlose Rezensionsexemplar. Meine persönliche Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.