Boualem Sansal

 3.6 Sterne bei 24 Bewertungen
Autor von 2084, Das Dorf des Deutschen und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Boualem Sansal

Boualem Sansal, Jg. 1948, ist Ingenieur und Ökonom und war bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 2003 Direktor des algerischen Industrieministeriums. In Frankreich, wo Sansal für seine Romane vielfach ausgezeichnet wurde (u.a. Prix du Premier Roman, Prix Louis-Guilloux, Grand Prix RTL-Lire, Grand Prix du Roman de l’Académie française), gilt er als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller. Trotz der durch Angriffe auf die Regierung bedingten Gefährdung lebt Sansal noch immer in Algerien. Im Herbst 2011 wurde Boualem Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Boualem Sansal

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Cover des Buches 2084 (ISBN: 9783875363210)

2084

 (9)
Erschienen am 25.06.2016
Cover des Buches Das Dorf des Deutschen (ISBN: 9783875362817)

Das Dorf des Deutschen

 (5)
Erschienen am 01.06.2016
Cover des Buches Harraga (ISBN: 9783875362947)

Harraga

 (1)
Erschienen am 29.06.2011
Cover des Buches Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum (ISBN: 9783875362930)

Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum

 (2)
Erschienen am 29.06.2011
Cover des Buches Boualem Sansal (ISBN: 9783765731914)

Boualem Sansal

 (1)
Erschienen am 10.11.2011
Cover des Buches Rue Darwin (ISBN: 9783875363029)

Rue Darwin

 (1)
Erschienen am 01.09.2012
Cover des Buches Allahs Narren (ISBN: 9783875363098)

Allahs Narren

 (1)
Erschienen am 01.05.2016

Neue Rezensionen zu Boualem Sansal

Neu

Rezension zu "Der Zug nach Erlingen oder Die Verwandlung Gottes" von Boualem Sansal

Kryptisch und verwirrend
R_Mantheyvor 6 Monaten

Vielleicht hat Boualem Sansal selbst gemerkt, dass ihm dieses Buch nicht besonders gelungen ist. Denn er fügt am Ende des Prologs eine Warnung ein: „Die Konstruktion dieses Romans entfernt sich beträchtlich vom gewohnten Rahmen einer Romanerzählung und mag verwirren, doch so ist der Weg der Wahrheit: wohl geeignet, uns in die Irre zu führen.“ Was für ein Unsinn, denn das Buch ist nicht der Weg der Wahrheit, sondern das Werk des Autors.

Nun wissen wir ja schon aus der Schule, dass uns Kunst immer erklärt werden muss, weil wir zu blöd sind, um sie zu verstehen. Manchmal mag das sogar so sein. Vielleicht verstehen wir den historischen Kontext nicht, in dem manches Werk entstand. Oder uns ist die persönliche Situation des Künstlers nicht geläufig.

Dieser Roman stammt jedoch im Original aus dem Jahr 2018. Wer Lust auf kryptische Formulierungen oder eine unverständliche Geschichte hat, der kommt hier voll auf seine Kosten. Man kann in die Handlung, sofern man sie durchschaut, alles Mögliche hineindeuten. Der Autor jedenfalls gibt dafür genügend Anlass. Ich habe jedoch keine Lust mich daran zu beteiligen. Mich hat die Lektüre schon genug angestrengt.

Gewöhnlich vermeide ich es, den Inhalt eines Buches zu sehr zu verraten. Doch in diesem Fall nimmt eine gewisse Vorschau keineswegs die nicht vorhandene Spannung. Vielleicht trägt sie sogar dazu bei, dass zukünftige Leser den nutzlos kompliziert gemachten geistigen Ausfluss Sansals überhaupt ertragen können.

Die eigentlich zentrale Figur in diesem Buch heißt Elisabeth Potier. Sie wird in Paris Opfer eines offenbar muslimischen Übergriffs in der Metro. Wenig später verstirbt sie. Das aber erfährt der Leser erst nach der Hälfte des Textes. Vorher dominiert eine ganz andere Geschichte, die absurd und sonderbar ist. Sie spielt in Erlingen, einer fiktiven Kleinstadt in Deutschland. Und Erlingen wird lokal von irgendwelchen Invasoren bedroht, die nicht näher klassifiziert werden. Sie wollen, dass sich die Erlinger ihrem Gott unterwerfen. Neben dem religiösen Extremismus wird es später noch um andere ähnlich brisante Themen gehen. Etwa um die Unvernunft und Feigheit der modernen europäischen Eliten. Obwohl diese merkwürdige Geschichte in der Gegenwart oder nahen Zukunft spielt, bleibt sie sehr nebulös. Aus dem umzingelten Erlingen soll ein Zug die Einwohner hinausbefördern. In Erlingen hofft auch die schwerreiche Ute von Ebert auf den Zug. Zwischenzeitlich schreibt sie Briefe nach Paris an ihre Tochter Hannah, obwohl die Post schon lange nicht mehr funktioniert.

Elisabeth Potier war bis zu ihrer verhängnisvollen Rückkehr nach Paris Französischlehrerin in einer reichen Bremer Familie. Die Vorfahren dieser Familie wanderten im 19. Jahrhundert von Bremerhaven nach Amerika aus. Und an dieser Stelle erst, sehr spät im Roman, verknüpfen sich die beiden scheinbaren Handelsstränge, denn die Vorfahren des von-Ebert-Clans waren auf demselben Schiff. Und auch sie wurden nach ihrer Migration in die neue Welt schwer reich. Tatsächlich aber ist der gesamte erste Teil, also die seltsame Erlingen-Story ein nicht vollendeter Roman der Elisabeth Potier. Also gewissermaßen ein Roman im Roman.

Diese komplizierte und hinreichend verwirrende Konstruktion, die man - wenn überhaupt – erst am Ende durchschaut, gibt Sansal die Möglichkeit, immer wieder zwischen vielen verschiedenen Epochen und Orten wild hin und her zu springen. Offenbar wollte er seinen Lesern irgendetwas über das Phänomen der Migration mitteilen. Was das genau sein soll, hat sich mir nicht enthüllt.

Wer verwirrende Bücher schreibt, kann oder will nicht klar denken. Oder muss man etwa davon ausgehen, dass Sansal seine Leser zum Nachdenken und Grübeln anregen wollte? Wenn das so ist, was hat das für einen Sinn, wenn sich trotz Bemühungen keiner ergibt? Sicher ist ein Roman keine wissenschaftliche Erklärung mit besonderer didaktischer Klarheit. Und natürlich möchte kein Autor alles offenbaren, was er sich bei seiner Geschichte gedacht hat. Schließlich soll auch die Phantasie der Leser geweckt werden. Doch was Sansal hier abliefert, ist einfach nur wirr.

Wenn man sich einer freiwillig einer intellektuellen Herausforderung stellen möchte, die keine wirklichen Erkenntnisse zutage fördert, dann kann man sich diesen Roman gerne antun.

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Rezension zu "2084" von Boualem Sansal

Hommage an Orwell, als eigenständiges Werk nicht perfekt
BellaBendervor 3 Jahren

Eine Hommage an George Orwell, die sich mit der Idee einer islamistischen Gesellschaft auseinandersetzt - und das mit Erfolg.
Leider fragt Sansal aber nicht nach den Ursachen für die Radikalisierung religiöser Gemeinschaften, was bei diesem Werk wünschenswert gewesen wäre.
Zudem bleiben die Figuren eher oberflächlich beschrieben und laden nicht zur Identifikation ein.

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Rezension zu "2084" von Boualem Sansal

"2084" ist sehr gut, kommt aber nicht ganz an "1984" ran
steijner12vor 4 Jahren

In Abistan, Reich der fernen Zukunft, bestimmen die Verehrung eines einzigen Gottes und das Leugnen der Vergangenheit das Herrschaftssystem. Individuelles Denken ist abgeschafft: eine allgegenwärtige Elite unter Führung von Abi dem Entsandten steuert die Ideen und verhindert abweichendes Handeln.

Offiziell heißt es, die Bevölkerung lebt einvernehmlich und im guten Glauben.
Doch Ati, der Protagonist dieses Romans, der ausdrücklich anknüpft an Orwells Klassiker „1984“, hinterfragt die vorgegebenen Direktiven: Er macht sich auf die Suche nach einem Volk von Abtrünnigen, das in einem Ghetto lebt, ohne in der Religion Halt zu suchen ...
In seinem Roman entwirft Boualem Sansal ein Regime, das auf der religiösen Überhöhung einer Ideologie beruht und sich die Suche des Individuums nach persönlichem Glück auf erschreckende Weise zunutze macht: Das vom System auferlegte Streben nach spiritueller Erleuchtung diktiert das Leben eines jeden Bürgers und wird zum Motor der Gemeinschaft.

Sansals Vision ist zugleich faszinierend und beunruhigend – in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche mahnt sie zu gelebter Brüderlichkeit, toleranter Demokratie und einsichtiger Freiheit.


Abistan, das „Land der Gläubigen“, ist nach dem Propheten Abi genannt, dem Abgesandten Yölahs auf Erden. „Gkabul“ oder „Hinnahme“ heißt das Heilige Buch, verfasst in „abilang“, der einzigen Sprache, die in Abistan benutzt werden darf. „Die Unterwerfung ist der Glaube und der Glaube ist die Wahrheit“ lautet einer der 99 Schlüsselsätze, die Abistans Jugend lernen muss. Neun Mal am Tag muss gebetet werden. Ansonsten werden die Massen mit Pilgerfahrten und Exekutionen von Ungläubigen beschäftigt.

Sind es radikale Islamisten, die in Abistan herrschen? Das Werk spielt in ferner Zukunft, und Boualem Sansal behauptet im Vorwort, alles frei erfunden zu haben. Parallelen mit aktuellen Ereignissen tun sich dennoch auf: So gibt es in Abistan keine Vergangenheit, keine Geschichte. Der Leser denkt an die reale Zerstörung der Tempel in Palmyra...

Ati, Anfang Dreißig, ein kleiner Beamter, steht vor der Entlassung aus einem Sanatorium in den Bergen der Provinz Sîn, wo er seine Tuberkulose ausgeheilt hat. Sorgsam befolgt er alle Gebote und Riten, um nicht als Mitglied der Sekte der „makoufs“ verdächtigt zu werden, den Propagandisten des „Großen Unglaubens“. Und doch wachsen Zweifel in ihm: Vom Sanatorium führt eine verbotene Straße zur „Grenze“.

Wenn es eine Grenze gibt, muss es auch ein Jenseits der Grenze geben. Wie ist dies möglich, wenn nichts existiert als Abistan? Ein Jahr lang dauert Atis Rückkehr in die Hauptstadt Qodsabad, vorbei an endlosen Pilgerzügen: „Auf der Erde laufen wir, in den Himmel wollen wir, lasst fahren dahin das Leben“. Seine Zweifel am Gottesstaat wachsen...


Das Thema mag bekannt vorkommen: Die Islamisierung behandelte auch Michel Houellebecq in seinem Roman Unterwerfung. Der Roman war am am 7. Januar 2015 erschienen, dem Tag des Anschlags auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.


Und es gibt eine zweite literarische Parallele: “2084” – das erinnert an “1984”, dem berühmten Roman von George Orwell. Der Sozialist beschrieb ebenfalls eine Diktatur – die des totalitären Überwachungsstaats, des “Big Brother”. Boualem Sansal sieht seinen Roman als dessen Fortsetzung. Sansal kommt aber nicht an das große Vorbild ran - zu kompliziert ist die Sprache zu Beginn. Sie wirkt besonders zum Einstieg starr, scheint nicht zu fließen.Vielleicht spielt der Autor aber auch auf die "novlang" an: Denn Sansal geht  so weit, das Orwell’sche „Neusprech“, die „novlang“, wie sie in 2084 heißt, als Basis des abistanischen Systems auszugeben, eine Sprache, die den Willen und die Neugierde der Sprecher vernichte und zu Pflichterfüllung und Gehorsam anleite. Dann ist es genial! (Aber ich musste anfangs kämpfen...)


Dann ändert Sansal seinen Stil, spricht in Petahpern, zaubert Bilder in die Köpfe des Lesers - einfach nur gut. Boualem Sansal hat mit 2084 Das Ende der Welt einen großartigen Roman geschrieben, der im französischen Original – 2084 La fin du monde – bereits im Erscheinungsjahr 2015 mit dem Grand prix du roman de l'Académie française ausgezeichnet wurde; ein politisches Werk und ein Werk über die Schönheit der Sprache, das uns eindringlich warnt vor einem Ende der Geschichtlichkeit und einer Abilangisierung der Sprache - und schreibt damit ein Plädoyer für die Freiheit.

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