Wer sich bei dem Titel „Der längste Nachmittag“ an jenen des Kriegsfilms „Der längste Tag“, also dem 6. Juni 1944 und die Invasion der alliierten Soldaten in der Normandie erinnert fühlt, hat Recht. Nur, in diesem Buch stehen sich am frühen Nachmittag des 18. Juni 1815 Engländer, Deutsche und Franzosen, in einer anderen Konstellation auf dem Schlachtfeld gegenüber.
Es ist Napoleon Bonapartes letzte Schlacht, die vor den Toren von Brüssel stattfindet. Man kennt sie im Allgemeinen unter dem Namen Schlacht von Waterloo.
Autor Brendan Simms greift aus der Reihe von Kämpfen hier jenen um das Gehöft La Haye Sainte heraus, das von den rund 400 Soldaten der King‘s German Legion (KGL) zwar nicht gehalten werden kann, aber die angreifenden Franzosen so lange beschäftigt, bis General Blücher mit seinen Preußen eintrifft.
In diesem Zusammenhang ja der legendäre Satz Wellingtons gefallen sein:
“Night or the Prussians must come” („Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen“)
Wellington selbst erlebt die Kämpfe um La Haye wenige Hundert Meter nördlich in Mont St. Jean.
Das Bemerkenswerte an diesem nur rund 190 Seiten dünnen Buch, ist der Fokus auf jene 400 Deutschen, die im Dienste der Briten in zwei leichten Bataillonen gegen die französische Übermacht kämpfen. Es sind Männer, die u.a. aus den von Napoleons Truppen besetzten Kleinstaaten und Städten wie Hannover, Braunschweig oder Nassau nach London geflüchtet sind und sich zu mehreren Bataillonen zusammengeschlossen haben. Wellingtons Truppe war schon recht international: Neben Engländer, Schotten und Iren auch Niederländer, Belgier, Hannoveraner und Braunschweiger.
Historiker Brendan Simms hat dazu akribisch recherchiert und nicht nur die Memoiren von Offizieren als Quellen herangezogen, sondern auch Briefe und Aufzeichnungen einfache Soldaten, von denen viele hier namentlich genannt werden.
In acht Kapiteln schildert Simms die Ereignisse und deren Folgen:
- Vorspiel
- Für König und Vaterland
- Verhängnisvolle Fehler
- Kampf um das Scheunentor
- Inferno
- Mann gegen Mann
- „Glut und Kern des Kampfes“
- Das Vermächtnis - „Ein deutscher Sieg?“
Aufgelockert wird das Buch durch die auf Seite 48/49 abgebildete eine Aufstellung der beteiligten Truppenkörper sowie einzelne leider nur undeutliche Faksimile von Stichen bzw. Gemälden der Kämpfe, die oftmals erst Jahre nach der Schlacht gemalt worden sind.
Im Jahr 2014 habe ich bei einem meiner Besuche in Brüssel habe ich neben dem Wellington-Museum, den Butte de Lion auch das Museum in Waterloo besichtigt. An dem Tag hat es geregnet und der Matsch war knöcheltief. So habe ich persönlich einen ungefähren Eindruck von den Bedingungen, die bei der Schlacht geherrscht haben müssen, bekommen. An manchen Stellen des Schlachtfelds rund um Waterloo und Belle Alliance, habe ich mich den Soldaten sehr nahe gefühlt. Leider war der größte Teil des Areal gerade eine Baustelle, um für die Gedenkveranstaltungen für das 200-Jahr-Jubiläum 1815/2015 gerüstet zu sein. Schon kurz nach der alles entscheidenden Schlacht hat man das Gelände arrondiert und die Hohlwege zugeschüttet. Daher kann man sich kaum vorstellen, wie schwierig das Terrain war, das sowohl Angreifer als auch Verteidiger vor Probleme gestellt haben muss.
Fazit:
Ein interessantes Buch über ein kleines Detail am Rande der alles entscheidenden letzten Schlacht gegen Napoleons, die letztlich seine Entmachtung und Verbannung endgültig besiegelt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
















