Bret Anthony Johnston Justins Heimkehr

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Inhaltsangabe zu „Justins Heimkehr“ von Bret Anthony Johnston

Mit psychologischem Feingefühl und sehr spannend erzählt Bret Anthony Johnston in seinem Debütroman von einer Familie unter Schock. Vor vier Jahren ist Justin Campbell, damals 12 Jahre alt, entführt worden. Seine Eltern und sein Bruder, die nie aufgehört hatten, nach ihm zu suchen, haben unterschiedliche Wege gefunden, mit diesem Erlebnis umzugehen. Wege, die die Familie eher auseinanderdriften lassen. Da wird Justin wie durch ein Wunder ganz in der Nähe entdeckt und seinem Entführer entwunden - der inzwischen 16jährige kehrt in die Familie zurück. Aber ist der Wiedergefundene nicht doch verloren? Und was geschieht mit dem Täter, der vor Gericht gestellt wird und auf „nicht schuldig" plädieren will? Bret Anthony Johnston zeigt sich in diesem Roman als hoch begabter, raffinierter und kluger Erzähler, der glaubwürdige und faszinierende Charaktere zeichnen kann und ohne Effekthascherei ins Herz der Dinge vorstößt.

Wirklich sehr gut geschrieben. Die Psychologie des Romans hat mich jedoch nicht ganz überzeugt.

— wandablue
wandablue

Sehr intensives, psychologisches Familiendrama und einen Sohn, der nach vier Jahren Entführung zurückkehrt. Sehr lesenswert!

— FrolleinJott
FrolleinJott

Sehr gelungen durch besondere Einblicke in ein Familienleben, welches verändert durch Entführung und Heimkehr geschildert wird.

— MelE
MelE

Emotional fordernde vier Jahre - für die Figuren ebenso wie für den Leser

— FrauSchafski
FrauSchafski

Eine reale Dystopie im Hier und Jetzt

— Joachim_Tiele
Joachim_Tiele

Raffiniert, leise und tolle Charaktere - ein starkes US-Drama!

— Callso
Callso

Hat mich begeistert, auch wenn ich das Ende etwas schwammmig fand.

— Sterrenhemel
Sterrenhemel

Eine feine, sprachgewaltige Studie einer Familie nach der Krise. Wo aber alles wunderbar sein sollte, fühlen sich alle verunsichert, hilflos

— boergerwelt
boergerwelt

Psychologischer Familienroman über die Rückkehr eines entführten Sohnes. Sehr spannend, aber langatmig und offenen Fragen am Ende.

— typomanin
typomanin

Schreibstil zum Niederknien! Tolle Protagonisten! Einzig die Spannung und Befriedigung der Neugier fehlt ein wenig.

— Maybeangle
Maybeangle

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  • Insgesamt mehr als anständiges Romandebüt

    Justins Heimkehr
    wandablue

    wandablue

    10. June 2017 um 09:10

    Insgesamt mehr als anständiges Romandebüt.Ein Junge verschwindet. Vier Jahre lang bleibt seine Familie im Ungewissen. Ist er tot? Lebt er? Dann taucht er wieder auf. Was hat er erlebt? Die Psychologen raten der Famile, das Kind, das ein Jugendlicher geworden ist, nicht darauf anzusprechen. Vier Jahre sind vier Jahre und das Kind hat sich verändert. Ist ein Mann geworden, hat andere Vorlieben entwickelt als angenommen, mag Dinge nicht mehr, die es früher mochte. Die Familie hat sich, auch wenn es ihr schwerfällt, es einzugestehen, entfremdet. Bret Anthony Johnston hat in seinem Romandebüt den richtigen Ton getroffen. Völlig unreißerisch stellt er das Unvermögen der diversen Familienangehörigen dar, mit einem Geschehen fertigzuwerden, das doch nur anderen zustößt, aber niemals einem selber. Dieser Teil hat mir sehr gut gefallen. Vater und Großvater sind am glaubwürdigsten, die Nebenfiguren sind detailreich und schön gezeichnet, die Reaktionen der Mutter waren nicht immer nachvollziehbar. Zugesagt hat mir das Täterprofil. Es ist kein Roman, in dem der Täter mehr Raum bekommt als das Opfer. Dennoch bleibt seine Figur nicht unberücksichtigt. Was mir dagegen überhaupt nicht einleuchtete, war die frühzeitige und ganz selbstverständliche Beschäftigung der engeren und ferneren Verwandtschaft mit Selbstjustiz bis hin zur detaillierten Planung eines Verbrechens. Man merkt, dass dem Autor die Darstellung der inneren Ereignisse thematisch dann doch nicht genug waren und dass er nach etwas suchte, was den Leser weiterhin bei der Stange halten könnte. Das wäre aber gar nicht notwendig gewesen, denn Johnston hat einen leichten, angenehmen und gar nicht oberflächlichen Schreibstil. Er hat auch schon früher geschrieben, 1971 geboren, gab er 2004 den Erzählband „Corpus Christi“ heraus. Ein echter Schreiberneuling ist er also nicht, doch „Justins Heimkehr“ ist sein erster Roman. Der schon ganz ordentlich ist. Das Selbstjustizthema ist für den Leser zwar eingermassen spannend aufbereitet, aber dann doch nicht genug ausgearbeitet. Wenn überhaupt aufgegriffen, hätte hier eine tiefere ethisch-moralische Auseinandersetzung stattfinden müssen, samt einer erläuternden Darstellung, warum die Amerikaner so schnell selbst Gerechtigkeit ausüben wollen – oder, was sie dafür halten. Familenbezogen war die Thematik für mich zudem psychologisch unglaubwürdig. Nachvollziehbar zwar, dass Rachegedanken gegenüber dem Täter aufkommen, jedoch nicht in der Art, wie Johnston es darstellt, aus Angst. Denn das entführte Kind ist kein Kind mehr und wäre dem Täter nicht mehr hilflos ausgeliefert, käme er frei oder der Familie zu nahe. Die Selbstjustizfrage überpowerte den Roman und schwächte ihn, statt ihn, wie vom Autor beabsichtigt, zu stärken. Fazit: Psychogramm einer Familie nach dem Erleben eines Akts der Gewalt. Insgesamt ein mehr als anständiges Romandebüt. Kategorie: Belletristik, Verlag: C.H. Beck, 2017

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    • 3
  • Intensives, psychologisches Familiendrama. Sehr lesenswert!

    Justins Heimkehr
    FrolleinJott

    FrolleinJott

    09. June 2017 um 11:45

    Inhalt / Klappentext: Mit psychologischem Feingefühl und sehr spannend erzählt Bret Anthony Johnston in seinem Debütroman von einer Familie unter Schock. Vor vier Jahren ist Justin Campbell, damals 12 Jahre alt, entführt worden. Seine Eltern und sein Bruder, die nie aufgehört hatten, nach ihm zu suchen, haben unterschiedliche Wege gefunden, mit diesem Erlebnis umzugehen. Wege, die die Familie eher auseinanderdriften lassen. Da wird Justin wie durch ein Wunder ganz in der Nähe entdeckt und seinem Entführer entwunden - der inzwischen 16jährige kehrt in die Familie zurück. Aber ist der Wiedergefundene nicht doch verloren? Und was geschieht mit dem Täter, der vor Gericht gestellt wird und auf "nicht schuldig" plädieren will? Bret Anthony Johnston zeigt sich in diesem Roman als hoch begabter, raffinierter und kluger Erzähler, der glaubwürdige und faszinierende Charaktere zeichnen kann und ohne Effekthascherei ins Herz der Dinge vorstößt. Meine Meinung: Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat ist, dass es eben nicht die typische Kind-verschwindet-und-wird-gesucht-Story ist, sondern die Handlung beginnt, als der vier Jahre lang verschwundene Sohn Justin wiedergefunden wird. Nach und nach erfahren wir, was damals passiert ist, wie verzweifelt die Eltern nach dem Sohn gesucht haben und wie sich das Leben der ganzen Familie daraufhin verändert hat. Eric, der Vater, der sich ständig Vorwürfe macht, versagt zu haben, immer nur das Beste für alle will, aber sich stets unzulänglich fühlt und sich auf ein außereheliches Verhältnis einläßt. Die Mutter Laura, die sich vor lauter Verzweiflung in Beschäftigung flüchtet und fast Tag und Nacht arbeitet und dann ist da noch Griff, Justins Bruder. Er versucht Rücksicht auf alle zu nehmen, steckt zurück und macht sich Vorwürfe, über die er mit niemandem spricht, weil er am Tag von Justins Verschwinden Streit mit ihm hatte. Und dann gibt es noch Cecil, Erics Vater, der sich als Großvater natürlich auch sehr um den Enkel gesorgt hat und Rachepläne gegen den Täter schmiedet. Wenn man denkt, der Sohn ist wieder da, alles ist wieder gut, dann irrt man. Denn die Situation ist nicht einfach: Die Eltern sollen wegen der Traumatisierung Justins, ihn auf Rat einer Psychologin nicht danach fragen, was ihm passiert ist. Und von selbst erzählt Justin kaum etwas von seinen Qualen, die er erleiden musste. Und das ist selbst als Leser kaum auszuhalten und bringt Spannung in den Roman. Man versetzt sich in die Rolle der Eltern und fragt sich ständig, wie man das nur aushalten kann, man will doch wissen, was dem Sohn zugestoßen ist! Aber hier geht es nicht vordergründig um Spannung, sondern um das Seelenleben der Personen, in die der Autor uns tiefen Einblick nehmen läßt. Und wenn man auch nicht jedes Verhalten nachvollziehen kann, so wird deutlich, dass jeder Mensch anders mit solch einer Situation umgeht und man fragt sich zwangsläufig, wie man selber handeln würde. Ich fand die Charaktere wurden glaubwürdig dargestellt. Am Ende kommt dann nochmals Spannung auf, als der Entführer auf Kaution entlassen wird. Die scheinbare Erleichterung der Familie wird wieder komplett in Anspannung verwandelt und es wird nochmal dramatisch. Was dann ganz zum Schluß passiert (möchte ich hier natürlich nicht verraten), wird nicht wirklich aufgelöst und läßt Raum für Spekulationen. Für mich war es ein interessantes und sehr intensives Buch, dass ich nur empfehlen kann, wenn man gerne solche psychologischen Storys liest.

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  • Leserunde zu "Marylin" von Arthur Rundt

    Marylin
    EditionAtelier

    EditionAtelier

    Eine verhängnisvolle Liebe im New York der 1920er Für diese Leserunde verlosen wir 15 Exemplare des Romans »Marylin« von Arthur Rundt! Zum Buch:Der Architekt Philip Garrett führt ein unbeschwertes Leben in Chicago. Bis er eines Tages im Hochbahnzug eine junge Frau entdeckt, in die er sich sofort unsterblich verliebt. Fortan hat er nur noch Augen für Marylin, auch wenn sie sich seinen Annäherungen zunächst noch zu entziehen versucht. Und auch als sie endlich verheiratet sind und sich ein gemütliches Leben in New York eingerichtet haben, spürt er stets, dass Marylin etwas vor ihm verbirgt. Mit der lange herbeigesehnten Geburt ihres gemeinsamen Kindes kommt die Wahrheit endlich ans Licht – das denkt Philipp zumindest ...Als »Marylin« 1928 als Fortsetzungsroman in der »Neuen Freien Presse« erschien, stand Arthur Rundt hoch im Kurs bei den Wienern. Zwei Jahre zuvor war sein Reisebuch »Amerika ist anders« erschienen, auch seinen Roman »Marylin« siedelte der Journalist und Theaterkritiker im Land der unbegrenzten Möglichkeiten an, darin räumte er gründlich mit den Amerika-Vorstellungen der deutschsprachigen Leser auf, schilderte vielmehr »eher graue Seiten des American Dream« (Herausgeber Primus-Heinz Kucher) und einen im ganzen Land schwelenden (Alltags-)Rassismus, der von allen einfach hingenommen wird und bekanntlich auch heute nichts an Aktualität verloren hat, sondern angesichts der neueren Entwicklungen weiter eskalieren dürfte. Was Arthur Rundt mit »Marylin« gelungen ist, ist beispiellos: Es ist Gesellschaftsdrama, Großstadtroman, Liebesgeschichte, Rassismuskritik und Amerikabuch in einem. Hier geht's zur Leseprobe! Es gibt 15 Exemplare (5 Printexemplare & 10 E-Books) zu gewinnen*, einfach bis zum 25.5. für ein Buch (print oder E-Book) bewerben. Jeder, der das Buch schon kennt, ist natürlich auch herzlich eingeladen, bei der Leserunde mitzumachen. Wir freuen uns schon auf eure Bewerbungen und eine spannende Leserunde, euer Team der Edition Atelier * Die Gewinner sind gebeten, im Anschluss an die Leserunde ihre Rezensionen hier bei LovelyBooks und auch auf weiteren Foren (eigenen Blogs, bei amazon etc.) zu verfassen und uns diese gern zu mailen. Bestenfalls solltet ihr vor eurer Bewerbung für eine Leserunde schon mindestens eine Rezension auf LovelyBooks veröffentlicht haben. Vielen Dank!

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    • 219
    Joachim_Tiele

    Joachim_Tiele

    07. June 2017 um 10:24
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    Gwendolina schreibt ja ich denke das war nicht selten, ich kann mir gar nicht vorstellen wie es war in so einer Zeit zu leben. Ich habe auch versucht mich in Marylin reinzufühlen, es muss völlig zerrissen in ihr ...

    Sorry, dass ich mich hier schon mal "reinschmuggle", obwohl ich sonst noch nicht zu den einzelnen Leseabschnitten gepostet habe. Ich denke, dass das Problem, das du und Forti ansprecht, nicht ...

  • Nachwirkungen einer Entführung

    Justins Heimkehr
    MelE

    MelE

    14. January 2017 um 08:59

    "Justins Heimkehr" erzählt auf sehr bewegende Weise eine Familiengeschichte der ganz besonderen Art. Welch Grauen, wenn ein Kind verschwindet und die Angst und Hoffnung dein täglicher Begleiter ist, sei es als Eltern oder eben auch als Bruder. Wie lässt es sich weiterleben, wenn immer noch Hoffnung besteht? Justin liegt wie ein schwerer Schatten auf dem Familienleben, denn er ist immer präsent in jeder Lebenslage. Die Eltern leben sich auseinander, da sie nicht gelernt haben, über ihren Schmerz zu sprechen. Auch der Großvater ist involviert und trifft nachdem Justin wieder heimgekehrt ist einen folgenschweren Entschluss, der den Prolog erklärt, der für mich vorerst eine ganz andere Bedeutung hatte. Das traumatische Erlebnis der Familie lässt sich nachvollziehen und wirkt absolut authentisch.Nachdem Justin nach vier Jahren wieder auftaucht, erwartet man als Leser ein Aufatmen, ein dankbares Weiterleben. Leider ist dies aufgrund der Veränderung in Justin erst einmal nicht möglich, denn natürlich hat er sich verändert und muss selbst lernen wieder Teil einer Familie zu werden. Als der Entführer auf "nicht schuldig" plädieren will, scheint die Welt erneut auseinander zu fallen.Auf ganz behutsame Weise werden nur Bruchstücke eingeworfen, die Justins Leben in den vier vergangenen Jahren beschreiben. Mir hat gefallen, dass es nicht überfordert oder beängstigt, da die Bilder die beim Lesen entstehen wirken dadurch nicht so entsetzlich wie in manch anderen Romanen. Natürlich wird hier vieles offenbart, aber es geschieht eher auf ganz sanfte Art. Gleichzeitig geschieht Veränderung, die die Familie wieder dazu bewegt, sich aneinander anzunähern. Da wo vorher eher geschwiegen wird, wird geredet und alte Wunden zugedeckt oder aufgerissen. Ein Heilungsprozess beginnt. Die Angst aber bleibt und ist dauerhaft spürbar, denn der Entführer ist wieder auf freiem Fuß und es scheint, als würde er straffrei bleiben.Fazit:"Justins Heimkehr" ist ein sehr einfühlsamer Roman, der ganz sanft und ohne harte Worte darüber berichtet, inwieweit die Entführung Justins auf das Familienleben eingewirkt hat. Eine leichte Veränderung lässt sich erspüren, als Justin urplötzlich wieder auftaucht und das Familienleben erneut auf den Kopf gestellt wird, auch wenn dies natürlich mit vielen positiven Gefühlen verknüpft wird. Ein wertvolles Buch, welches weder Oberflächlichkeit, noch Schwachstellen aufgewiesen hat.  ★★★★★  

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  • Eine "Ballade vom traurigen Leben", das dennoch gelingen kann

    Das Leben ist ein merkwürdiger Ort
    Joachim_Tiele

    Joachim_Tiele

    04. December 2016 um 20:31

    Lori Ostlunds Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist eine von drei ins Deutsche übersetzten Neuerscheinungen aus dem Jahr 2016, die ich wie eine Art Trilogie empfunden habe, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem aktuellen Zustand der modernen amerikanischen Familie beschäftigt. Justins Heimkehr von Bret Anthony Johnston war für mich das dystopisch düsterste dieser Bücher, das keine Chance für ein glückliches oder auch nur ansatzweise gelingendes Leben der Protagonisten in Aussicht stellt. Jonathan Saffran Foers Hier bin ich beschreibt das Ringen um ein gutes, reflektiertes und ethisch vertretbares Leben, das in zentralen Aspekten scheitert (die Ehe der Protagonisten zerbricht), stellt aber auch die philosophische Haltung heraus, zu der Rationalität, reflektiertes Handeln und eine insgesamt aufgeklärte Lebenseinstellung führen können. Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist das optimistischste dieser Bücher, ohne allerdings weder dem Protagonisten, noch dem Leser falsche Versprechungen zu machen; ein Trostbüchlein hätte man es vielleicht in früheren Zeiten genannt. Aaron, der Protagonist, trennt sich mit zweiundvierzig Jahren am Weihnachtsabend von seinem Lebensgefährten Walter, mit dem er zwanzig Jahre lang ein Paar war, fährt nach San Francisco, lebt dort zum ersten Mal allein, findet eine neue Arbeitsstelle und gegen Ende des Romans vielleicht einen neuen Freund. Doch so scheinbar stringent verläuft der Weg nicht. Entgegen der Verlagsankündigung ist Das Leben ist ein merkwürdiger Ort kein Roman über das Ankommen, vermeidet aber auch die platte Botschaft, der Weg sei das Ziel. Aarons Leben ist eine lebenszeitlange Suchbewegung, heraus aus den Festlegungen seiner Herkunftsfamilie, die ihn gleichzeitig zeitlebens nicht loslassen. Da ist der gewalttätige, überhebliche Vater, ein Polizist, dem es Spaß macht, sein Selbstwertgefühl durch die Erniedrigung seines Sohnes zu stärken. Da ist die Mutter, die ihn ohne Ankündigung verlässt. Da ist Walter, der ihn als Fünfzehnjährigen kennenlernt, lange bevor zwischen ihnen eine sexuelle Beziehung entsteht, und der für seine Ausbildungskosten aufkommt. Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist auf eine ungewöhnliche Weise ein psychologischer Roman. Eher an Freuds Technik der freien Assoziation orientiert als am fiktionalen Bewusstseinsstrom der literarischen Moderne, bezieht sich Ostlund ganz stark auf die existenzielle Psychologie und Psychotherapie (@Wikipedia). Dieser zufolge ist Psychotherapie nicht nur etwas für Kranke. Ihre Begründung liegt nicht im Leidensdruck, der normalerweise als conditio qua non für psychotherapeutische Inerventionen angesehen wird, sondern in der Neugierde das eigene Leben betreffend, seine Brüche ebenso wie seine Zusammenänge. Grundsätzlich fußt sie auf der Psychoanalyse, sieht sich aber stärker noch als diese als Kulturtechnik und bezieht Literatur, Philosophie und kulturelle Antropologie ein. Dabei verzichtet sie auf jede Art von Heilungsversprechen. Ein unglücklicher Mensch kann - und wird vermutlich - immer unglücklich bleiben; die Linderung des Leids besteht allein darin, dass er die Herkunft und die Gründe für dieses Leid besser verstehen kann. Daraus kann die Kraft entstehen, trotz widriger Voraussetzungen und Umstände ein selbstbetimmtes Leben zu führen, das die Bedürfnisse der Mitmenschen einschließt. Dazu gehört insbesondere die freie Wahl der Bezugsspersonen. Eltern sind in diesem Konzept eher Zufallsverwandte, die einen starken, in Einzelfällen auch verheerenden Einfluss auf ihre Kinder haben können. Man kann, auch wenn man darunter leidet und er das Lebensglück behindert, diesen prägenden Einfluss nie loswerden. Auch die Eltern selbst können einen zu einem späteren Zeitpunkt davon nicht freisprechen. Gleichfalls ist die Forderung des Verzeihens, in einigen psychotherapeutischen Konzepten die Vorbedingung einer Befreiung von den Eltern, häufig unrealistisch oder, wenn es denn stattfindet, wirkungslos. In Aarons Fall scheitert die Wiederbegegnung mit seiner Mutter als Erwachsener völlig. Der Privatdetektiv, der seine Mutter für ihn aufspürt, wird für einige kurze Momente für Aaron fast eine Art Götterbote, aber kurz darauf in einem völlig anderen Zusammenhang ermordet (möglicherweise sehr bewusst durch die Verfasserin, um auch den leisesten Anflug von Spannungsliteratur zu vermeiden). Der Privatdetektiv ist einer einer ganzen Reihe frei gewählter vorübergehender Gefährten Aarons, ebenso wie Walter oder dessen Schwester, die in beider gefühlter Seelenverwandtschaft ihm nahe steht wie eine eigene. Das Konzept dahinter ist ein Element dessen, was manche als das andere Amerika bezeichnen: eine Solidarität auf Zeit, die blutsverwandtschaftliche Bindungen in ihrer Verbindlichkeit weit übersteigen kann, im ländlich-konservativen Minnesota, aus dem Aaron stammt, ebenso wie im großstädtisch-progressiven San Francisco. Es geht darum, Außenseiter zu akzeptieren und bei Bedarf auch aufzufangen. Insbesondere San Francisco hat seit den frühen neunzehnhundertsechziger Jahren eine Tradition aus zivilgesellschaftlichem Protest ebenso wie Engagement. Legendär sind Ideen aus dem Summer of Love wie kostelose medizinische Versorgung in einem Land ohne Krankenversicherung und Geschäfte, in denen kostenlos eingekauft werden konnte (Free Food, Free Stores, Free Clinics) (1). Einige dieser Ideen, auch die der freien Liebe und der Toleranz für viele Formen sogenannter abweichender sexueller Orientierungen, prägen San Francisco bis heute. Aber diese Ideen müssen, sollen sie weiterbestehen, täglich nicht nur als Konzept sondern als Alltagspraxis fortgesetzt und verteidigt werden. Auch dafür steht dieses Buch, frei von Nostalgie und frei von falschen Versprechungen. Wer Bücher hauptsächlich liest, um in andere Welten entführt zu werden oder der Welt insgesamt zu entfliehen (Buch auf - Welt aus lautete die Statusmeldung einer Besucherin meines Profils hier bei LovelyBooks), ist bei Das Leben ist ein merkwürdiger Ort vermutlich verkehrt. Eher ist es eine Einladung, das Kennenlernen von Aarons Welt zum Anlass der Inspektion der eigenen zu nehmen, auch wenn für die meisten deutschen Leser vermutlich keine Eins-zu-eins-Entsprechungen zu erkennen sein werden. Abstraktionsvermögen, aber auch die Fähigkeit zur Übertragung (im psychologischen Sinne) sind erforderlich, die Bezüge von einem fremden Selbst zu seinem eigenen zu ziehen. Aber es kann gelingen, vielleicht dann, wenn einem selbst einmal etwas passiert, das man nur aus der Vergangenheit - ob aus seiner eigenen oder der anderer - verstehen oder erklären kann. Joachim Tiele - 04.12.2016 _______ (1) Der deutsche wie der englischsprachige Wikipediaartikel zum Summer of Love sind eher oberflächlich und reduziert auf Musik und Drogengebrauch. Der organisatorische Kern der Bewegung waren die Digger, auf deren Webseite man die ausführlichsten Informationen dazu finden kann: http://www.diggers.org/history.htm

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  • Ein bestürzernder Einblick in die Köpfe der Familie Campbell

    Justins Heimkehr
    FrauSchafski

    FrauSchafski

    30. November 2016 um 21:35

    Vier Jahre ist es her, seit Justin spurlos verschwunden ist. Seine Familie lebt seitdem wie in einem Vakuum. Dennoch haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Justin immer noch lebt. Und tatsächlich geschieht geschieht das Wunder: Justin wird gefunden und kehrt nach Hause zurück.  Keine leichte Lektüre ist dieser Roman. Der Leser folgt den einzelnen Familienmitgliedern, aus deren unterschiedlichen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Mutter, Vater, Bruder und Großvater, Justins Perspektive selbst kommt dabei nicht zu Wort. Beklemmend, verzerweifelt und traurig ist der Zustand der Campbells. Seit Justins Verschwinden leben sie aneinander vorbei, können sich gegenseitig keinen Halt mehr geben. Durch die unterschiedlichen Perpektiven lernt der Leser alle Figuren intensiv kennen, ihre Charaktere, ihre Ängste, ihre psychische Verfassung. Aber auch ihre unbändige Freude und ihr Aufblühen, nachdem Justin zurückgekehrt ist. Der Leser fühlt mit ihnen, teilt ihre Sorgen, ihr Leid, ihre Hoffnung, ihre Freude, als Justin wider erwartet zurückkehrt. Der Autor schafft es zweifellos sehr überzeugend, im Leser Empathie für die Figuren zu wecken. Dabei bleiben die Details von Justins Schicksal der vergangenen vier Jahre für den Leser ebenso verborgen wie für seine Familie. Das ist ein sehr feinfühliger Kniff. Denn in dieser Geschichte geht es eben nicht um die unvorstellbaren Qualen, die der Junge durchlitten haben muss, sondern um die zentrale Frage, wie es die Beteiligten ebenso wie das Opfer schaffen, damit umzugehen. Leider passiert das auf Kosten des einfachen, schnellen Leseflusses. So wird die Geschichte über lange Passagen hinweg zu einem zähfließenden Kampf mit den Gefühlen der Figuren, zu einem bestürzenden Einblick in die schlimmsten Jahre ihres Lebens.  Fazit: Ich bin hin und her gerissen. Einerseits ist die Darstellung der Emotionen so gut gelungen und andererseits erdrücken sie die eigentliche Handlung. Irgendwie fehlt mir eine Balance zwischen diesen beiden Polen. Daher würde ich, wenn es ginge, 3,5 Sterne vergeben.

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  • Der Albtraum der amerikanischen Familie

    Justins Heimkehr
    Joachim_Tiele

    Joachim_Tiele

    Eine glückliche Familie erleidet einen schweren Schicksalsschlag, die Entführung eines Kindes, und erhält nach der überraschenden Rückkehr des Entführten die Chance, wieder eine glückliche Familie zu werden? Nein, niemand ist hier glücklich, war es je oder wird es in der Zukunft sein. Bret Anthony Johnstons Debütroman bietet eine nicht-voyeuristische Innenansicht einer amerikanischen Durchschnittsfamilie der unteren Mittelschicht, ironischer Weise der eines High-School-Lehrers, die ständig hinter dem nächsten Paycheck herhechelnd sich praktisch nichts leisten kann, als das Minimum zum Überleben. Selbst ein neuer Rasen für den Garten, anlässlich der Party, die die Heimkehr des entführten Justin feiern soll, wird zum finanziellen Problem. Der Roman spielt im texanischen Corpus Christi, der am Golf von Mexiko gelegenen, nach Angaben der US-Zensusbehörden zweitungebildetsten Stadt der USA (1), die auch ansonsten eher lebensfeindlich ist. Die klimatischen Verhältnisse, insbesondere im Sommer, sind für Europäer, die nie dort waren, kaum vorstellbar (der Rezensent hatte einmal im Juli den klimatisierten Bereich des nahegelegenen Houston International Airport verlassen, um eine Zigarette zu rauchen: nichts hatte ihn darauf vorbereit, Luft wie flüssiger Zement einzuatmen, und diese Zigarette hat er nicht zu Ende geraucht) – und auch sie durchziehen, wie andere Widrigkeiten des amerikanischen Alltags, den Roman auf jeder Seite. Beschrieben wird eine real existierende Dystopie im Hier und Jetzt, in der es der Entführung nicht bedurft hätte, um die albtraumartigen Lebensverhältnisse der Protagonisten (be)greifbar zu machen, die äußeren wie die inneren Verhältnisse. Denn es ist das beschädigte Innenleben der Beteiligten, das die Situation, die durch die Entführung entstanden ist, zusätzlich unerträglich macht, weil sie sich selbst kaum ertragen können. Die Folge ist eine weitgehende Kommunikations- (fast Interaktions-) -losigkeit der Familienmitglieder, verursacht durch Ängste und Schuldgefühle, erziehungsbedingte Unsicherheiten und unerfüllbare Anforderungen an ein (scheinbar) glückliches Familienleben. Dadurch, wie der Roman verlagsseitig beworben wird, (das US-amerikanische Original und stärker noch die deutsche Ausgabe) entsteht leicht eine Lesererwartung zwischen Thriller und Frauenroman, der irgendwie auch so etwas wie einen Anspruch hat (und auf der englischsprachigen Webseite von Random House findet man Materialien zur Lektüre an High Schools und Colleges). Der Thrilleraspekt erinnert an Denis Lehanes Mystic River, in dem auch ein Jugendlicher entführt wird, der danach völlig verstört ist, unterstrichen durch den Prolog, der eine Situation beschreibt, in der Spaziergänger in einem Hafenbecken eine Leiche entdecken, die auch der bald auftauchenden Polizei – ebenso wie dem Leser – Rätsel aufgibt. Interessanterweise hält sich die Rezensentin der New York Times nicht einen Moment lang damit auf (2), sondern zitiert ein Buch aus den sechziger Jahren, in dem es um die Beziehung von Kunst und Moral geht, und innerhalb der Literatur als Kunstform um die erzählerische Distanz des Autors, aus der heraus er seine Geschichte anlegt, und wie er die Beziehung zwischen dem Erzähler, den Charakteren und dem Leser gestaltet. Diese Distanz der Darstellung zu beherrschen, ist eine Technik des jeweiligen Autors, die uns – als Leser oder Rezensenten – so über das Buch reden lässt, als ob es auf die Technik, mit der es geschrieben wurde, gar nicht ankäme. Diese Fähigkeit des Autors, sich selbst zurückzunehmen und den Figuren ein eigenes Recht einzuräumen, als wären sie tatsächliche Personen mit eigenen Persönlichkeitsrechten, sieht die Rezensentin der New York Times als einen großen Verdienst von Justins Rückkehr. Die Frage, die sich durch den Roman stellt, ist daher im engeren Sinne gar nicht die, wie diese spezielle Familie mit genau diesem Entführungsfall umgeht, sondern die danach, was Fiktionalität heute kann, wie sie gesellschaftliche wie persönliche Verhältnisse ihrer Protagonisten und deren auf einander Ein- und Rückwirken beschreibt. Die Entführungsgeschickte um Justin ist lediglich der äußere Inhalt, die Themen des Romans sind andere: generationenübergreifende familiäre Strukturen, das US-amerikanische Bildungssystem und seine Folgen, die Abkoppelung der verarmenden gebildeten Mittelschicht von gesellschaftlicher Teilhabe, aber auch Journalismus, Selbstjustiz und die Todesstrafe. Soweit ein wichtiges und großartiges Buch, auch wenn die Freunde von Thrillern und gemütsbetonten Familienromanen möglicherweise überlange Reflexionen und ein nicht schlüssig in Richtung Familienglück weisendes Ende beklagen. Egal wie man seinen Leseschwerpunkt legt, die deutsche Ausgabe des Romans hat ein Problem – die Übersetzung. Vordergründig fallen unnötige Anglizismen auf, für die es – nicht nur für Sprachpuristen – eindeutige Übersetzungen gibt: Krabben, und Corpus Christi ist ein Zentrum der Krabbenfischerei, heißen durchgängig Shrimps und Eisbären, englisch polar bears, werden zu Polarbären. Okay, kann man durchgehen lassen, aber dass in einem Roman mit einem Lehrer für texanische Geschichte als einem der Hauptprotagonisten das texanische Nationalheiligtum The Alamo durchgehend als Alama auftaucht, zeigt, dass sich Übersetzerin wie Lektorat nicht wirklich mit dem Roman auseinandergesetzt haben. Das Hauptproblem der Übersetzung ist aber ein anderes: Auffällig viele Teilnehmer/innen der Leserunde hier bei LovlyBooks haben beklagt, dass sie nicht gut in den Roman hineingefunden hätten, und dies bei einem Prolog, der gleichlautend in einer Thrillervariante des Themas hätte stehen können. Das Problem ist das, was man in der Linguistik als grammatikalisches Zeitmanagement bezeichnet, das im Deutschen und Englischen stark voneinander abweicht. Die Übersetzerin hat die Zeiten (tenses) eins zu eins aus dem Englischen übernommen. Im Deutschen hätte man im Prolog das sogenannte historische Präsens erwartet, damit er den Leser, nach deutschen Lesegewohnheiten, richtig packt (3). Auch wenn, bei entsprechenden Sprachkenntnissen, das englische Original der deutschen Übersetzung sicherlich vorzuziehen ist, soll hier dennoch kein Punktabzug erfolgen. Dafür hat der Roman zu viel Substanz, der auch die Übersetzung nichts anhaben kann. Und er reiht sich ein in eine (nahezu und in Anführungszeichen, da es sich um jeweils eigenständige Bücher handelt) Trilogie von Romanen zum Zustand der amerikanischen Familie, die in diesem Jahr auf Deutsch erschienen sind: Jonathan Saffran Foers Hier bin ich (bei Kiepenheuer & Witsch) und Lori Ostlunds Das Leben ist ein merkwürdiger Ort (als Hardcover bei dtv). Insofern ist eine deutsche Übersetzung von Justins Heimkehr zu begrüßen. Allerdings hat der Beck Verlag als literarischer Verlag einen Ruf zu verlieren, wenn auch er aus Kosten- oder anderen Gründen bei Übersetzungen schlampt, insbesondere wenn man weiß, welche Sorgfalt amerikanische Verlage bei literarischen Übersetzungen aus dem Deutschen walten lassen. Spätestens zur Taschenbuchausgabe sollte die Übersetzung zumindest gründlich überarbeitet werden. Joachim Tiele – 28.11.2016 _________ (1) https://en.wikipedia.org/wiki/Corpus_Christi,_Texas (2) http://www.nytimes.com/2014/08/10/books/review/remember-me-like-this-by-bret-anthony-johnston.html?_r=0 (3) Das kann Jeder anhand der Leseprobe auf der Webseite des Beck-Verlages selbst für sich im Kopf ausprobieren: Die einfache Vergangenheitsform (Präteritum) ins Präsens setzen und Aussagen zur noch weiter zurückreichenden Vergangenheit (etwa im Plusquamperfekt) entsprechend anpassen. Dann liest sich der Prolog sofort flüssiger und ist eher geeignet, den Leser zu packen.

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    • 7
  • Ein ebenso kluges wie überraschendes Drama - überraschend stark!!

    Justins Heimkehr
    Callso

    Callso

    26. November 2016 um 20:10

    Ein echtes Überrschungswerk; überraschend stark, überraschend überzeugend. Ein Drama ohne Eitelkeiten, das durch das Miteinander und die Familienpsychologie einen steten Spannungsbogen entwickelt. Ein kluges Buch, das Vieles nicht ausspricht, das sich mitunter ausschweigt, so wie die Familienmitglieder, die nach einer Tragödie langsam wieder Boden unter den Füßen bekommen, die langsam wieder durchatmen und aufatmen können.Ein Junge von 12 Jahren wurde entführt. Über vier Jahre war er verschwunden, die Familie ist verstörrt und mutlos. Und erst bei der Heimkehr setzt die Geschichte an, ein Zeitpunkt, der ebenso selten wie clever ist.So ganz wird die Zeit des Wegbleibens nie aufgeklärt, auch dem  zwar präsenten Täter wird keinerlei Raum gegeben, vielmehr wird die verstörte Familie hautnah und ungeschminkt betrachtet. Auf dem Buchrücken ist so viel Schönes über den Roman geschrieben, dem ich mich nur anschließen kann. "...ich bewundere die spannende Dramartugie und makellose Erzählkunst von Justins Heimkehr." Und auch "der Autor zeigt sich in diesem Roman als hochbegabter, raffinierter und kluger Erzähler, der glaubwürdige und faszinierende Charaktere zeichnen kann.."Stimmt asbolut!Ein ernstes Thema, mit ganz leisen Tönen erzählt - das Eintauchen und Lesen der Story war ein Hochgenuß!!

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  • Das Porträt einer Familie gezeichnet, der das schlimmste Vorstellbare widerfährt

    Justins Heimkehr
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    22. November 2016 um 08:59

    Was geschieht mit einer Familie, deren Kind im Alter von 12 Jahren entführt wird? Wie gehen die Eltern und Geschwister mit ihren Gefühlen um, wenn umfangreiche Suchmaßnahmen und Aufrufe erfolglos bleiben und das über vier lange Jahre?Doch was geschieht mit dieser Familie, wenn mitten hinein in die sinkenden Hoffnungen und dem Sichfügen in das erbarmungslose Schicksal der lange Vermisste plötzlich wieder auftaucht?Genauso geht es der von Bret Anthony Johnstone in seinem Romandebüt mit außerordentlichem psychologischem Feingefühl beschriebenen Familie von Justin Campbell.Als der Junge von einem Tag auf den anderen nicht mehr wiederkommt, steht die ganze Familie unter Schock. Ihr Leben ist verändert über Nacht. Eltern und Bruder suchen in verzweifelten Aktionen nach ihm, ergebnislos. Mit den Jahren, das beschreibt der Autor überzeugend dicht und unter die Haut gehend, haben die Mitglieder der Familie je eigene Wege gefunden, um mit diesem Ereignis umzugehen und mit ihrem inneren Erleben und dem Verlust zurechtzukommen. Fakt ist, und das ist auch nicht verwunderlich und schon sehr oft für ähnliche traumatische Erlebnisse von Familien beschrieben worden: die Familie driftet über die Jahre immer mehr auseinander.Als Justin nach vier Jahren wie durch ein Wunder ganz in der Nähe seines Heimatortes aufgefunden wird, kehrt er in seine Familie zurück.Diese völlig überraschende Rückkehr schleudert die ganze Familie aus einer über vier Jahre zementierten Schockstarre und Leblosigkeit hinein in eine neue Wirklichkeit. Ja, es scheint so, das gelingt dem Autor auf eine sehr intensive Weise zu beschreiben, dass Justins Heimkehr die Familie mindestens genauso stark traumatisiert, wie sein Verschwinden vier Jahre zuvor. Obwohl sie die ganze Zeit versuchten, sich gegenseitig zu stützen, sind am Ende nur Verzweiflung und Schweigen geblieben.Justin war die ganze Zeit in der Nähe in der Gewalt eines Mannes, der dem Großvater bekannt war. Alle fühlen sich auf unterschiedliche Weise schuldig und keiner kommt so recht damit klar, wirklich wahrzunehmen, was dem Jungen in dieser Zeit an seelischer und sexueller Gewalt angetan wurde. Sie können weder mit Justin noch untereinander darüber sprechen.Hinzu kommt, dass der Täter nach seiner Verhaftung plant, vor Gericht zu behaupten, er sei nicht schuldig. Alle erwarten diese Verhandlung mit großer Sorge und die führt sie wieder ein Stück weit zusammen. Als der Täter aber auf Kaution freigelassen wird, scheint alles wieder dahin. Doch Justins Vater Eric und sein Großvater fassen einen dramatischen Entschluss…Bret Anthony Johnston hat ein überzeugendes Debüt vorgelegt und mit seiner von psychologischen Feingefühl geprägten Sprache das Porträt einer Familie gezeichnet, der das schlimmste Vorstellbare widerfährt und die versucht, sich daraus zu retten.Auf seinen zweiten Roman, den vielleicht wieder C.H Beck verlegen wird, darf man sehr gespannt sein.

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  • Rezension zu "Justins Heimkehr" von Bret Anthony Johnston

    Justins Heimkehr
    Darcy

    Darcy

    "Seitdem lebten sie ohne Richtung, stolperten getrennte Wege entlang, über denen viele Fragezeichen hingen." Als Eric und Laura Campbell eines Tages einen Anruf erhalten, man habe ihren verschollenen Sohn gefunden und sie sollten zur Staatsanwaltschaft kommen, um den Jungen zu identifizieren, wagen sie zuerst nicht zu glauben, dass es sich bei diesem tatsächlich um Justin handeln könnte. Vier Jahre nach dessen Verschwinden rechnen sie nicht mehr damit ihn wiederzusehen, auch wenn sie jeden Tag darauf hoffen. Die anfängliche Freude der Familie nach der Wiedervereinigung, die ihnen wie ein Wunder erscheint, ist riesengroß, doch schnell machen sich auch Probleme bemerkbar. Der ältere Justin ist selbstverständlich ein völlig anderer Mensch als der Zwölfjährige, den die Familie damals verloren hatte; er verhält sich reserviert und ernsthaft wie ein dankbar Gast und gibt nur wenig von sich preis. Seine Familie wird von der Polizei dazu angehalten, ihm keine Fragen über die Zeit bei seinem Entführer zu stellen, sondern ihm lediglich zuzuhören, wenn er von sich aus anfängt zu reden. Aus therapeutischer Sicht konnte ich dies verstehen, allerdings ist es für die Familie sehr schwierig dem Folge zu leisten, da sie nicht wissen, was Justin tatsächlich erlebt hat und wie sie mit ihm umgehen sollen. Stattdessen spricht Justin mit einer Jugendpsychologin, zu der er einen guten Draht zu haben scheint, über das, was ihn belastet. Mich hat es einigermaßen überrascht, dass nicht die ganze Familie therapeutische Hilfe bekommt, die sie sicherlich gebraucht hätten, auch weil es ihnen offensichtlich schwer fällt, miteinander zu reden und sie alle versuchen, die Dinge mit sich selbst auszumachen. Die häufigen und unmittelbaren Persepektivwechsel lassen den Leser das Geschehen von allen Seiten betrachten und zeigen, wie unterschiedlich die Familienmitglieder mit den traumatischen Ereignissen umgehen. Eric hat eine romantische Affäre, von der seine Frau nichts ahnt, die niemanden mehr an sich heranlässt und die Schuld für Justins Verschwinden bei sich selbst sucht. Neben ihrer Stelle in einer Reinigung arbeitet Laura ehrenamtlich im "Sea Lab", wo ein kranker Delfin gepflegt wird, vermutlich um sich abzulenken. Justins jüngerer Bruder Griff scheint zunächst am besten mit allem klarzukommen, nach und nach wird aber deutlich, wie schwer es für ihn ist, dass fast die gesamte Aufmerksamkeit seiner Eltern sowohl vor als auch nach dessen Rückkehr auf Justin ruht. Trotzdem verhält Griff sich ihm gegenüber sehr rücksichtsvoll, zum Beispiel indem er heimlich Skaten übt, da er seinen Bruder nicht traurig machen will, der dies in den letzten Jahren beinahe völlig verlernt hat. Von allen Figuren in dem Buch mochte ich Griff am liebsten. Als Ablenkung von der komplizierten Situation innerhalb seiner Familie dient dem Vierzehnjährigen seine Beziehung zu der älteren Fiona, die mir am Ende ebenfalls sympathisch war, nachdem ich erst nicht so recht wusste, was ich von ihr halten sollte. Insgesamt gelingt es dem Autor sehr gut, die komplexen Gedanken und Emotionen der Figuren darzustellen sowie Verständnis für ihr Verhalten und die verschiedenen Sichtweisen zu schaffen. Das gilt sogar für Cecil, Erics Vater und Großvater von Justin und Griff, der nach der Entlassung des Entführers Dwight Harrel auf Kaution aus dem Gefängnis zu allem bereit zu sein scheint, damit dieser seiner Familie nie wieder etwas antun kann. Andererseits fällt es mir auch schwer zu sagen, ich könnte ein bestimmtes Verhalten nicht nachvollziehen, da man ja niemals wissen kann, wie es sich wirklich anfühlt, in so einer Situation wie der von Justins Familie zu stecken und wie man selbst dann reagieren würde. Ungewöhnlicherweise erhalten Justin als Opfer und Harrel selbst keine eigene Stimme, sodass der Leser sie nur durch die Augen der anderen Figuren sieht. Ich fand das nicht schlecht, da somit, besonders in Justins Fall, sehr viel Interpretationsspielraum für alles, was er tut, bleibt. Auf der anderen Seite wäre es sicherlich spannend gewesen, mehr über das Innenleben der beiden zu erfahren. In einem Interview meint Johnston hierzu, dass Justin zu dem Zeitpunkt, als die Geschichte spielt, wohl noch nicht bereit gewesen wäre, über seine traumatischen Erlebnisse der letzten Jahre zu berichten. Der Leser erfährt so gut wie nichts über Justins Zeit bei Harrel, eventuell vorhandene Neugierde oder Sensationslust wird nicht befriedigt. Stattdessen herrscht insgesamt eine bedrückende und unheilvolle Atmosphäre vor. Jedoch erzählt Justin Griff bei einem gemeinsamen nächtlichen Ausflug, er habe im Haus des Entführers, nur etwa eine Autostunde von dem seiner Eltern entfernt, ein relativ normales Leben, mit einer Schlange als Haustier und einigen Freunden, geführt und die von seiner Familie organisierten Suchaktionen mitbekommen. Daraufhin habe ich mich gefragt, warum Justin unter diesen Umständen nie versucht hat zu fliehen und ob er womöglich sogar nicht unfreiwillig bei Harrel blieb, was aber zufriedenstellend aufgelöst wird. Trotzdem ist es immer noch ein wenig verwunderlich, dass es vier Jahre gedauert hat, bis jemand Justin als den Jungen von den Suchplakaten, die seine Eltern und die freiwilligen Helfer überall aufgehängt hatten, wiedererkannte. Durch das Auffinden einer Leiche im Prolog, deren Identität zunächst ein Rätsel bleibt, schließlich aber geklärt wird, ist die Geschichte außerdem durchweg spannend. Das Buch macht von außen einen hochwertigen Eindruck und ich finde das Cover sehr schön, auch wenn es nicht gleich erkennen lässt, was für eine Geschichte sich dahinter verbirgt, und nur der Pickup auf die USA als Handlungsort hinweist. Leider fand ich, dass das Ende der Geschichte nicht ganz zu den Ereignissen unmittelbar davor passt und dass Johnston es sich damit etwas zu einfach gemacht hat. Der detailreiche und bildhafte Schreibstil des Autoren hat mir dafür sehr gut gefallen. Bret Anthony Johnston, Jahrgang 1971, unterrichtet Fiction Writing an der Havard University und hat mit "Justins Heimkehr" ("Remember Me Like This") sein Romandebüt vorgelegt. Ich bedanke mich beim C. H. Beck Verlag, dass ich ein Exemplar dieses schönen und eindringlichen Buches gewinnen und an der Leserunde dazu teilnehmen konnte.

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    • 3
  • [Rezension] Falsche Schwestern

    Falsche Schwestern
    Mone80

    Mone80

    "In diesem Haus lauern überall Fallen und Schuldgefühle, sie verstecken sich unter den Dielen und hinter der Tapete. Man kann sie nachts sogar flüstern hören." (Seite 12, Falsche Schwestern von Cat Clarke)Die 16- jährige Faith ist immer auf der Hut nicht das Falsche zu machen oder zu sagen. Seit 13 Jahren gleicht ihr Leben einem Drehbuch, was blos nicht verändert werden darf. Vor 13 Jahren ist ihre Schwester spurlos verschwunden und trotzdem ist sie immer präsent. Die Familie ist auseinander gebrochen, jede Schlagzeile setzt besonders Faith Mutter zu. Und dann kommt der Tag, den jeder herbeigesehnt hat. Laurel ist wieder aufgetaucht. Nach 13 Jahren kehrt die verlorene Tochter zurück. All der Kummer und der Schmerz scheinen vergessen zu sein. Laurel ist zurück. Doch bei Faith nagt etwas Unbestimmtes...Auf "Falsche Schwestern" war ich ja sehr gespannt, als ich es im Herbstprogramm vom FJB gesehen habe. Ich mag solche Romane sehr gerne, die über Schicksalsschläge berichten und ein Thema aufgreifen, welches nicht ganz einfach ist. Ich war gespannt darauf, wie Cat Clarke die Umsetzung gelungen ist. Faith war gerade mal drei Jahre alt, als ihre Schwester aus dem Garten verschwunden ist. Sie hat keine Erinnerungen mehr an sie, kennt sie nur von Fotos. Aber sie weiß, dass dieses Loch, welches ihre Schwester hinterlassen hat, nie kleiner geworden ist. Für die Eltern ein Alptraum, aber auch Faith hat dadurch eine Kindheit erlebt, die nicht unbekümmert war. Cat Clarke hat den Fokus auf Faith gelegt und besonders ihre Gefühle hervorgehoben. Wie fühlt man sich, wenn die eigene Schwester verschwunden ist und wie fühlt man sich, wenn jemand auftaucht und behauptet, er sei die vermisste Laurel. Dieses Gefühlschaos, was ist richtig und was ist falsch, hat Cat Clarke richtig gut vermittelt. Das Buch ist Gänsehaut pur und fesselt einen von der ersten Seite an. Mit viel Gefühl und noch mehr Fingerspitzengefühl erzählt Cat Clarke ihre Geschichte aus Sicht von Faith. Somit bekommt man noch mehr Bezug auf Faith Gefühle und ihre Zerrissenheit. Ihre Freude und ihr Unwohlsein, weil noch etwas Unbestimmtes an ihr nagt.Für mich ist "Falsche Schwestern" ein Highlight in diesem Lesejahr und ich bin so froh, dass ich es gelesen habe.

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    • 2
  • Vier Jahre

    Justins Heimkehr
    Fornika

    Fornika

    02. October 2016 um 13:48

    Vier Jahre war Justin verschwunden. Vom Erdboden verschluckt. Zum Skaten aus dem Haus gegangen und nie wieder gekommen. Der Verlust und die Ungewissheit haben an seiner Familie genagt, die Eltern haben sich entfremdet. Da taucht der Teenie auf einmal wieder auf und nichts ist wie Früher. Wenn man das eigene Kind verliert, ist das schrecklich. Wenn man aber nicht genau sagen kann wie und warum, ist das noch viel schrecklicher. Johnston hat dieses Szenario meisterhaft erzählt, die unterschiedlichen Reaktionen der Familienmitglieder fand ich sehr realistisch dargestellt. Die Ängste und Sorgen, aber auch die große Freude und Erleichterung. Der Autor zeigt auch, dass mit der Heimkehr nicht etwa wieder alles in Ordnung ist, sondern dass viele Probleme hier erst ihren Ursprung haben. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder erzählt, leider jedoch nie aus Justins; so bleibt der dem Leser etwas fremd, vielleicht genau so fremd wie er der eigenen Familie geworden ist. Der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen, nicht zu emotional, jedoch mit dem nötigen Feingefühl. Ein gelungener Roman, der nachdenklich macht.

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  • „In diesem Haus lauern überall Fallen und Schuldgefühle"

    Falsche Schwestern
    StefanieFreigericht

    StefanieFreigericht

    Der Roman von Cat Clarke erschien als Taschenbuch in deutscher Übersetzung zuerst am 25. August 2016, die englische Originalausgabe erschien als Taschenbuch bereits im Vorjahr, als gebundene Ausgabe interessanterweise auch erst in diesem Jahr sogar nach der deutschen Version. Der Original-Titel lautet „The Lost and The Found“ – (Fundbüro heißt „lost and found“, ohne die Artikel). Das Buch ist bei Fischer einsortiert als Jugendbuch – die Handlung wird aus Sicht der 17jährigen Schwester eines verschwundenen Mädchens erzählt, ich halte diese Einteilung hier für etwas zu eng, es ist nicht so ein „Girlie-Buch“ oder ein „Jugendliche-sucht-Sinn“-Thema, der Blick geht auf die ganze Familie, das Umfeld (sonst wäre „Dark Memories – Nichts ist je vergessen“ von Wendy Walker oder „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells mit gleicher Begründung auch ein Jugendbuch). Das Buch wird im Original als Psychothriller angepriesen –Fischer ist klüger: es geht zwar um ein Verbrechen, die Entführung der 6jährigen Tochter der Familie vor 13 Jahren durch einen Kinderschänder – aber primär um die Auswirkungen, die das langfristig auf die Familienmitglieder hatte und hat: auf die damals vier Jahre alte Schwester, die jetzt 17 Jahre alt ist, auf die Eltern, die sich bald danach getrennt haben, auf das Verhalten der Schulkameraden, der Presse, völlig Fremder. An anderer Stelle in diesem Jahr habe ich ein Buch als „Psychogramm“ bezeichnet (Wendy Walkers neues Buch) – das dürfte auch hier gut passen: wir erhalten eine Darstellung davon, wie die Personen reagieren. Die Mutter hat stets die Medien mit hinzugezogen, nie die Suche nach der Tochter aufgegeben. Der bisexuelle Vater lebt jetzt mit einem Mann zusammen, wurde angefeindet, hadert mit der Presse, mit den Unterstellungen, lebt aber weitestgehend normal. Die jüngere Tochter macht sich unsichtbar: „So geht das schon mein Leben lang: Ich bin immer im Hintergrund und irgendwie unscharf.“ S. 17 Selbst der Name von ihr, der Ich-Erzählerin, wird erst auf S. 21 genannt. Dann passiert das, worauf die Familie gehofft hat, teils aber daran nicht mehr glaubte und das dennoch nicht zugeben durfte, wollte, konnte: Laurel taucht wieder auf, freigelassen von ihrem Entführer (ja, ein Kinderschänder – nein, praktisch keine Details). Wir erleben aus der Sicht ihrer Schwester Faith, was das bedeutet: „Ich versuche, mir vorzustellen, wie sich das anfühlen muss, wenn man nach so langer Zeit zu seiner Familie zurückkehrt. Man würde doch wollen, dass alles noch beim Alten ist, oder? Aber in 13 Jahren kann sich viel ändern. Da kann eine Mutter sich schon mal vor lauter Trauer fast auflösen, ein Vater mit einem tollen Franzosen zusammenziehen und eine kleine Schwester aufhören, Sandburgen zu bauen, und stattdessen anfangen, Mauern um sich herum zu errichten.“ S. 40 Laurel hat noch den alten Bären aus der Kindheit, es gibt bald Anknüpfungspunkte an gemeinsame Erinnerungen wie das alte Schlummerlicht – aber während sie zunächst stark wirkt, werden doch im Laufe der Zeit die inneren Schädigungen sichtbar, wodurch sie der jüngeren Schwester bald Ängste bereitet. Auch wird klar, was es in Familien bedeutet, das Leben des „problemlosen Kindes“ gelebt zu haben und leben zu müssen – des Kindes, das die Mutter trösten muss („Wenn sie [die Mutter] sich in diese Hölle in ihrem Kopf zurückzieht, muss ich sie einfach zum Reden bringen.“ S. 6), die Neugierde und das sensationslüsterne Mitleid der Öffentlichkeit ertragen muss ebenso wie die eigenen Ängste. Cat Clarke ist stark darin, diese Themen darzustellen, doch es kommt noch mehr. Ich hatte hier mit einigem gerechnet, aber doch nicht so, wie es dann kam. Sehr fesselnd, ohne ein Thriller oder Krimi zu sein! Manko: Wenn Orange das neue Schwarz ist in der Mode, sind dann Jugendliche die neuen Senioren – oder woher kommt die Macke fast aller Verlage, Jugendbüchern eine besonders große Schrift angedeihen zu lassen? Und ich hätte mir vom Text her eine etwas andere Einbandgestaltung gewünscht – wie häufig, passt der Original-Titel besser (bei Filmen stört das doch auch niemanden) und der Klappentext ist teils irreführend. Passendes Folgebuch: zum Thema Familienkonstellation auf ein Kind bezogen aus der Sicht des "unproblematischen Kindes" und eher Jugendbuch: "Und auch so bitterkalt" von Laura Schützsack http://www.lovelybooks.de/autor/Lara-Sch%C3%BCtzsack/Und-auch-so-bitterkalt-1202009597-w/rezension/1318718068/

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    • 2
  • Realistisch und emotional, aber zu langatmig

    Justins Heimkehr
    Kittyzer

    Kittyzer

    03. September 2016 um 23:07

    Sie konnten nicht anders, die mussten einander berühren, einander spüren. Garcia und der Deputy verließen diskret den Raum. Laura umfasste das Gesicht ihres Sohnes, dann zog sie ihn heftig an sich. Eric schien es, als schlitterte sie einen Hang hinab und suchte mit ihren Händen verzweifelt nach festem Halt. Ihre Finger zwirbelten Justins T-Shirt. Eric hielt die beiden mit seinen Armen umfangen. Laura sagte etwas wie: "Wir haben nie aufgegeben." Justin nickte. Er presste sein Gesicht gegen die Schulter seines Vaters. Eric fühlte, wie etwas in ihm losgetreten wurde, eine Gefühlslawine, die ihn mitzureißen drohte, doch er bezwang sie: Es schien ihm unverzeihlich, seinem Sohn und seiner Frau gegenüber etwas anderes zu zeigen als eine entschlossene Haltung. INHALT: Vier Jahre ist es her, dass der ältere Sohn der Campbells, Justin, verschwunden ist. In diesen vier Jahren hat die Familie nie die Suche aufgegeben, aber die einzelnen Familienmitglieder haben sich auch voneinander entfernt. Sie scheinen langsam, aber sicher daran zu zerbrechen. Bis Justin gefunden wird, ganz in der Nähe, nur von ihnen getrennt durch seinen bedrohlichen Entführer. Mit offenen Armen empfängt ihn seine Familie wieder bei sich und gibt alles, um ihm ein Leben wie zuvor zu ermöglichen. Doch der Schatten des Entführers schwebt über ihnen - denn dieser hat vor, auf "nicht schuldig" zu plädieren... MEINE MEINUNG: Bret Anthony Johnston konzentriert sich in seinem Roman, anders als man das von Werken mit diesem Thema gewohnt ist, weniger auf das Verbrechen an sich, als auf die Auswirkungen auf die betroffene Familie. "Justins Heimkehr" schildert detailreich, realistisch und emotional auslaugend das Schicksal von vier Personen, deren ganzes Leben durch die Entführung eines Familienmitglieds auf den Kopf gestellt wurde - und es nun wieder wird, als er wieder auftaucht. Der Schreibstil ist wunderschön und unglaublich bildreich in den Beschreibungen - dadurch teilweise aber auch sehr ermüdend. In vielen Szenen scheint es ein wenig, als würde oder wolle der Autor nicht zum Punkt kommen, was die Geschichte deutlich in die Länge zieht. Erzählt wird das Ganze meist kapitelweise aus der Sicht einer der Figuren: Da ist die Mutter Laura, verletzlich und gebrochen, die sich nur mit ehrenamtlicher Tätigkeit aufrecht hält und sich dabei ertappt, wie sie aufgibt. Als Justin zurückkehrt, findet sie wieder einiges an Stärke, ihre Gedanken drehen sich aber oft im Kreis, wodurch sie sich lange nicht weiter entwickelt. Der Vater Eric ist ziemlich ängstlich in seinem Auftreten und kann sich nicht wirklich durchsetzen - das gehört zu seinem Charakter und ändert sich auch nicht grundlegend. Auch er gewinnt jedoch an Zuversicht und Willenskraft, die ihn letztendlich durchaus Dinge durchziehen lassen. Sein Vater Cecil ist das Gegenteil von ihm: raubeinig und von grimmiger Entschlossenheit würde er am liebsten alles auf eigene Faust regeln. Leider kam er mir persönlich nicht wirklich nah, wirkte zu abweisend und schemenhaft. Am sympathischsten ist ganz eindeutig Justins jüngerer Bruder Griff, ein Kerl von beispielhafter Güte und Vertrauen, der seine Familie so sehr liebt, dass es ihm nichts ausmacht, zurückzustecken. Insbesondere wenn er mit seiner leidenschaftlichen und schlauen Freundin Fiona zusammen ist, bereitet er einem große Freude. Die gesamte Handlung kommt allerdings sehr schleppend voran, und das ist mein größter Kritikpunkt - gleichzeitig aber auch ein sehr persönlicher. Ich bin selten ein Fan von langsamen Erzählungen und hier war ich es eindeutig nicht. Der Stil ist großartig, keine Frage, und doch habe ich den Roman oft aus der Hand gelegt und musste mich dann überwinden, ihn weiterzulesen - weil sich so vieles im Kreis dreht, weil sich der Alltag nicht wirklich entwickelt, weil die Figuren alle in ihren eigenen Schleifen festhängen. Das ist sicherlich das, was der Autor porträtieren wollte: Diese Schwierigkeiten beim Wieder-Eingliedern nach einem solchen Verlust, das langsame Zusammenfinden und das sich stückweise aufbauende Vertrauen. Darüber vergisst er aber für ein solches Thema ebenso wichtige Details: Wie etwa den Täter und sein Motiv, sowie das Verbrechen selbst. Diese Dinge kommen ganz einfach zu kurz. Zum Ende hin zieht die Spannung zwar an, den Grund dafür fand ich jedoch nicht ganz ausgereift. Der Schluss aber ist gerade so offen, dass er einen zum intensiven Nachdenken einlädt, und damit perfekt - was den Kritikpunkt zumindest wieder wettmacht. FAZIT: "Justins Heimkehr" ist ein sehr ruhiger, auf die Charaktere und ihre Probleme konzentrierter Roman, der vieles andere außen vor lässt. Das kann und wird Fans solcher Erzählungen gefallen - mir hat ganz eindeutig die Spannung gefehlt. Weil Bret Anthony Johnston das Schicksal der Familie aber dennoch so realistisch und berührend dargestellt hat, gibt es von mir gute 3 Punkte.

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  • Leise und abgründige Geschichte

    Justins Heimkehr
    krimielse

    krimielse

    01. September 2016 um 12:21

    Das Buch "Justins Heimkehr" beginnt dort, wo andere Bücher aufhören, nämlich mit der Heimkehr eines Entführungsopfers. Es beschreibt die emotionale Ausnahmesituation innerhalb einer nach außen hin intakten Familie, die zuerst mit der Entführung und später mit der Heimkehr eines ihrer Söhne umgehen muss. Dass der Autor dabei völlig ohne reißerische Effekte, ohne Voyerismus in Nahaufnahme zur Entführung selbst auskommt und dennoch Spannung schafft, macht dieses Buch so aufregend anders verglichen mit Büchern, die sich mit der Thematik Entführung befassen. Klappentext Mit psychologischem Feingefühl und sehr spannend erzählt Bret Anthony Johnston in seinem Debütroman von einem Familie unter Schock. Vor vier Jahren ist Justin Campbell, damals zwölf Jahre alt, entführt worden. Seine Eltern und sein Bruder, die nie aufgehört haben, nach ihm zu suchen, haben unterschiedliche Wege gefunden, mit diesem Erlebnis umzugehen. Wege, die die Familie eher auseinanderdriften lassen. Da wird Justin wie durch ein Wunder ganz in der Nähe entdeckt und seinem Entführer entwunden - der inzwischen 16-Jährige kehrt in die Familie zurück. Aber ist der Wiedergefundene nicht doch verloren? Und was geschieht mit dem Täter, der vor Gericht gestellt wird und auf "nicht schuldig" plädieren will? Bret Anthony Johnston zeigt sich in diesem Roman als hochbegabter, raffinierter und klüger Erzähler, der glaubwürdige und faszinierende Charaktere zeichnen kann und ohne Effekthascherei ins Herz der Dinge vordringt. Die Familie, nach außen hin und auf den ersten Blick intakt, muss Zerreißproben bestehen, zunächst die Entführung, bei der die Unfähigkeit der Familienmitglieder zur Kommunikation, zum gemeinsamen tröstlichen Weiterleben und gemeinsamen Hoffen vorherrscht. Vater Eric und seine Frau Laura erfinden für sich Mechanismen, um dem Alltag zu entfliehen und wenig Berührungspunkte zu haben, der jüngere Sohn Griffin versucht ebenso allein seinen Weg zu finden, ohne Elterliche Hilfe. Obwohl alle gemeinsam hoffen und Justin nie aufgeben, obwohl die kleinstädtische Gemeinschaft die Familie in Watte packt und durch hilfsbereite Gesten versucht, die Verzweiflung zu mindern, kann man als Leser dank dem Blick hinter die Fassade das Alleinsein der einzelnen Familienmitglieder deutlich spüren. Sprachlich unterstreicht der Autor dies extrem geschickt, indem kaum Dialoge stattfinden sondern lediglich Gedanken und die Gefühlswelt der zurückgebliebenen Mitglieder der Familie Campbell aufgezeigt wird. Nach der erlösenden Nachricht, dass Justin gefunden wurde und er heimkehren kann, löst sich dieser Knoten nicht. Weder Leser noch die Familie erfahren, was Justin in den vier Jahren seiner Entführung zustieß, und das ist für das Buch auch nicht wichtig. Wesentlich ist der Umgang mit der Rückkehr, das Zurückfinden in den Alltag und das Glück, wobei das Handeln der Familie oft sehr aufgesetzt und gestelzt statt glücklich wirkt. Das Unwissen um die Entführung und der auch für den Leser nicht greifbare Charakter Justins schwebt wie eine dunkle Wolke über allem, über der Kommunikation, über der Liebe untereinander, über dem Umgang mit Alltäglichem. Extrem zugespitzt wird die Situation dadurch, dass Justins Entführer seine Tat nicht zugibt und zunächst auf Kaution frei kommt. Diesem enormen Druck können die Campbells nicht problemlos standhalten, das zerbrechliche Familienglück steht erneut auf dem Prüfstand. Das Buch lebt von subtiler Dramatik mit Cliffhangern an den Kapitelenden, von Verwirrspielen für die Familie und für den Leser, von der feinen und aufwändigen Zeichnung der Charaktere, die sich oft erst beim zweiten Hinsehen wirklich offenbaren, und von der Nachvollziehbarkeit und Authentizität des Geschehens in einer texanischen Kleinstadt. Dass man als Leser keinen Zugriff auf Justins Gedanken sondern nur auf seine Handlungen hat, finde ich ganz besonders gelungen. Man fühlt sich dadurch ein wenig wie ein Mitglied der Familie Campbell, die Justin ebenso wenig verstehen oder mit ihm kommunizieren können. Viele kleine Details, teilweise cineastische Beschreibungen, hervorragend transportierte Gefühle, und eine Sprache, bei der jeder Satz passt und keiner zuviel ist, sorgen für ein großartiges und unbedingt empfehlenswertes Leseerlebnis, ich vergebe fünf Sterne für dieses wirklich außergewöhnliche Buch. Der Autor Bret Anthony Johnston unterrichtet Fiction Writing an der Harvard University und veröffentlichte bisher einen Erzählband "Corpus Christi" (2004) und schrieb das Drehbuch zum Dokumentarfilm "Waiting for Lightning" (2012). Justins Heimkehr ist sein Roman-Debüt.

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    • 3
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