Bruno Goetz

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Cover des Buches Schilf im Wind (ISBN: 9783717525240)

Schilf im Wind

 (7)
Erschienen am 13.04.2021
Cover des Buches Schilf im Wind (ISBN: 9783717518143)

Schilf im Wind

 (5)
Erschienen am 01.09.1951

Neue Rezensionen zu Bruno Goetz

Cover des Buches Schilf im Wind (ISBN: 9783717525240)ulrikerabes avatar

Rezension zu "Schilf im Wind" von Grazia Deledda

Dem Schicksal beugen
ulrikerabevor 4 Monaten

Ein Dorf in Sardinien in den Jahren kurz vor dem 1. Weltkrieg. Dort dient Efix als Knecht auf dem Gut der Schwestern Pintor. Die Damen sind verarmt, leben äußerst abgeschieden und Efix scheint an einer lang vergangen Schuld zu zehren. Als der junge Neffe vom Festland kommt, um von da an auf Sardinien zu leben, bringt dies viel Unruhe in das Gefüge der Schwester, aber auch der ganzen Dorfgemeinschaft, mit sich.

„Schilf im Wind“ ist das Werk der mit dem Literaturnobelpreis 1926 ausgezeichneten Dichterin Grazia Deledda. Zu deren 150. Geburtstag ist der Roman in einer wunderschönen Ausgabe im Manesse Verlag neu aufgelegt worden.

„Wir sind das Schilf, und der Wind ist das Schicksal“ ist das Lebensmotto der Menschen in diesem Roman. Die Menschen beugen sich ihrem Schicksal, sind zwischen Glauben und Aberglauben hin und hergerissen.

Das Werk erinnert in seinem Aufbau und Dramatik an eine klassische Tragödie. Efix, der dienstbare Geist, ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, in der es immer wieder um Schuld, Buße und Vergebung geht. In der pittoresken Kulisse der sardischen Landschaft wirkt die Geschichte nahezu zeitlos. Die Beschreibung von Natur und Umgebung ist sehr eindrucksstark und plastisch.

Sehr viele Fußnoten zu Ereignissen, Geografie, sardischen Eigennamen werden im Anhang erläutert. Hier musste sich die Leserin immer wieder entscheiden, aus dem Lesefluss gerissen zu werden, oder Hintergrundinformationen zu versäumen. Ein Nachwort gibt noch einen schönen Überblick über Grazia Deledda und den historischen Kontext zu dem „Meisterwerk“ der Schriftstellerin.

Schilf im Wind reizt mit seiner altertümlichen Sprache, macht das Lesen damit aber nicht unbedingt zu einer einfachen Sache. Stellenweise zu viel an Kirche und Gebräuchen machen lesemüde, die Handlungen der schuldgebeugten Protagonisten sind (aus unserer modernen Sicht) mitunter nicht immer nachvollziehbar.

Dieses Buch war dennoch ein lohnender und bildender Ausflug in eine längst vergangene Welt, sprachlich und inhaltlich. Die optisch unglaublich ansprechende Ausgabe ist jedenfalls eine Empfehlung wert.

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Cover des Buches Schilf im Wind (ISBN: 9783717525240)pardens avatar

Rezension zu "Schilf im Wind" von Grazia Deledda

Eindrucksvoll aber düster...
pardenvor 4 Monaten

EINDRUCKSVOLL ABER DÜSTER...

Auf einem halb verfallenen Landgut inmitten der kargen Landschaft Sardiniens, zwischen Granatapfelbäumen und wilden Kaktusfeigen, verbüßt der Knecht Efix eine geheime Schuld im Dienst der Schwestern Pintor. Doch schon bald werden die Frauen in ihrer trostlosen Abgeschiedenheit, gewissermaßen auf einer Insel innerhalb der Insel, von der Vergangenheit eingeholt. Von dieser archaischen, unwirklichen Welt, mit Kobolden, die ihre Schätze verstecken, und Feen, die auf ihren Webstühlen Goldstoffe herstellen, scheint der Mensch nur widerwillig geduldet zu sein. 

Fast zeitlos, dahinströmend im Rhythmus der Naturgezeiten, wirkt das Geschehen in diesem fast märchenhaft anmutenden Werk Grazia Deleddas (1871–1936). Dem Schilf im Wind vergleichbar sind die Menschen, die uns die Nobelpreisträgerin  in ihrem Sardinien-Roman vor Augen führt: geduldig, vom Schicksal erfasst, niedergedrückt und von der Liebe schließlich wieder emporgerichtet. 

Naturschilderungen in allen Farbnuancen bilden das Grundgerüst dieses Romans: sehr bildhaft und stellenweise überaus poetisch - aber die teilweise sehr langen Sätze mit den vielen Details und zahllosen Beschreibungen empfand ich durchaus auch als anstrengend. Andererseits tragen gerade diese Schilderungen zur wohl gewollt elegischen Stimmung bei, so dass sie wiederum passend erscheinen.

Die Stimmung der Erzählung ist leise, melancholisch, und oftmals fast traumhaft (im Sinne von: wie in einem Traum). Ich gewann zeitweise den Eindruck, in etwas Vergangenem festgehalten zu werden, gemeinsam mit den Figuren. Ein karges, armes Leben führen da die meisten, und abgesehen von den täglichen Ritualen gibt es kaum Erwähnenswertes. Kirchenfeste stellen den Höhepunkt im Leben der Dorfbewohner dar, da lassen es sich alle gut gehen und feiern, dann jedoch zieht nur allzu bald wieder der von Armut geprägte, malariaverseuchte, mühsalgeplagte, von Andachten unterbrochene und von Aberglauben bestimmte Alltag ein.

Ganz im Stile eines klassischen Dramas, kommen die Charaktere dem Leser nicht wirklich nahe. Efix als Knecht der Schwestern Pinto steht im Mittelpunkt des Geschehens. Er ist es, der alles zu richten versucht, sich den Schwestern verpflichtet fühlt, obschon sie ihm schon seit Monaten keinen Lohn mehr zahlen können, und der von einer Schuld zerfressen scheint, die ihm immer mehr von seiner Lebensenergie raubt. 

Schuld und Sühne sind hier ebenso Thema wie Kirche und Aberglaube, die große Armut allerorten gegenüber der übervollen Schönheit der Natur sowie das traditionelle Dorfleben und der Geisterglaube - und dazu durchweg tragische Figuren. Einige Längen - gerade im letzten Drittel des Romans - sowie eine Anhäufung von Schilderungen von Kirchenfesten bewirkten, dass ich das Lesen zeitweise als etwas zäh empfand. 

Zusätzlich hemmten auch die zahlreichen Fußnoten den Lesefluss, die zwar im Text gekennzeichnet sind, dann aber viel weiter hinten im Buch aufgeführt werden: 103 Anmerkungen auf 26 kleinebedruckten Seiten. Ich fand es schwierig zu entscheiden, welche davon ich getrost übergehen konnte und welche unbedingt nachgelesen werden sollten - und so habe ich letztlich fast alle Fußnoten verfolgt, was den Lesefluss jedoch stets empfindlich unterbrach.

Ich bin tatsächlich etwas zwiegespalten, was diesen Roman anbelangt. Ich habe ihn nicht ungern gelesen - und tatsächlich ist es doch schön, dass solche alten "Schätze" - immerhin von einer Nobelpreisträgerin für Literatur - nicht verloren gehen und auch der heutigen Leserschaft zugänglich gemacht werden. Aber man muss sich wirklich auf die Erzählung einlassen, was mir nicht durchgehend leicht fiel.

Immerhin ist diese Neuauflage im Kleinformat mit dem bildschönen Cover ein wahres optisches Kleinod. Und ich freue mich letztlich doch, dass ich die mir bis dahin unbekannte Autorin, die als eine der bislang wenigen Frauen den Literaturnobelpreis gewann, mit diesem Roman kennenlernen durfte...   


© Parden

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Cover des Buches Schilf im Wind (ISBN: 9783717525240)Lesebiene017s avatar

Rezension zu "Schilf im Wind" von Grazia Deledda

Klassisches Familiendrama vor der Kulisse Sardiniens
Lesebiene017vor 4 Monaten

Das italienische Original erschien bereits 1913. Der Manesse Verlag hat den Klassiker der Literatur-Nobelpreisträgerin Grazia Deledda neu übersetzt und in einer wunderschön handlichen, bibliophilen Ausgabe neu aufgelegt. Inhaltlich werden klassische Themen bearbeitet. Es geht um Schuld und Sühne, Liebe und Hass sowie die Suche nach der eigenen Bestimmung. Es werden große Emotionen freigesetzt, die an die griechische Tragödie erinnern.

Im Zentrum steht der bereits betagte Knecht Efix, der seit Jahrzehnten im Hause der adligen Familie Pintor Dienst tut. Einst war Don Zame das Familienoberhaupt, dessen Gemahlin Donna Maria Christina vier Töchtern das Leben schenkte. Donna Maria starb allerdings bereits vor 20 Jahren, so dass sich Don Zame in Folge des Verlustes zu einem sittenstrengen Despoten entwickelte, der seinen Töchtern keinerlei Freude mehr gönnte und sie heillos überwachte. Die dritte Tochter Donna Lia konnte das irgendwann nicht mehr ertragen, riss aus und suchte ihr Glück an der Seite eines bürgerlichen Viehhändlers. Ein Sachverhalt, der für die Familie einen Schandfleck darstellt: Keine der anderen Schwestern würde nun noch einen anständigen Ehemann bekommen können. Nicht lange nach Lias Flucht findet auch Don Zame den Tod. Nun müssen die Schwestern das mittlerweile verschuldete Gut verwalten, wozu sie ohne die unermüdliche Hilfe ihres Knechts Efix nicht in der Lage wären. In dieser zeitlichen Ebene setzt die Handlung ein.

Efix wirkt wie der gute Geist des Hauses, er fühlt sich aus zunächst unerfindlichen Gründen für die Schwestern Pintor verantwortlich, die noch immer in der Vergangenheit leben, nichts arbeiten und sich in keiner Weise an die realen Gegebenheiten anpassen wollen. Efix arbeitet ohne Lohn, längst ist seinen Arbeitgeberinnen das Geld ausgegangen, so dass er selbst Schulden bei einer Wucherin aufnehmen muss. Man spürt schnell, dass den Knecht eine große Schuld bedrückt. In irgendeiner Weise hat er mit Lias Flucht etwas zu tun: „Wie schwer wiegen Erinnerungen! Sie wiegen so schwer wie der Eimer, der, kaum dass er mit Wasser gefüllt ist, wieder nach unten zieht, hinab auf den Grund des Brunnens!“ (S. 32)  

Das tägliche Einerlei im Hause Pintor wird unterbrochen, als Don Giacinto, der Sohn Lias, seinen Besuch ankündigt. Der junge Mann wird mit sehr unterschiedlichen Empfindungen aufgenommen. Efix ist überzeugt, dass Giacinto dafür sorgen wird, dass das Haus Pintor zu altem Ruhm zurückfindet, und bringt ihm großes Vertrauen entgegen. Donna Noemi sieht den Burschen extrem kritisch und möchte ihn am liebsten schnell wieder loswerden. 

Don Giacinto selbst hat ein charismatisches Wesen, gewinnt die Sympathien der Dorfbewohner. Gleich zwei junge Frauen buhlen um seine Liebe – etwas, das er natürlich sehr genießt. Man erfährt immer mehr widersprüchliche Informationen über den jungen Mann, man fragt sich, ob er unverschuldet in eine Misere geraten ist oder aber ein unmoralischer Leichtfuß ist. Währenddessen bahnt sich ein Liebesdrama an. Auch Efix, der treue Knecht, gerät in dessen Strudel: Wieder will er die Dinge in Ordnung bringen. Er verlässt das Dorf, um am Ende wieder zu seinen Anfängen zurückzukehren (was übrigens großartig geschildert wird).

Der Autorin gelingt es, die klassischen Themen sehr glaubwürdig in Szene zu setzen. Bestechend ist das Ambiente Sardiniens, dessen Naturschönheiten wunderbar poetisch beschrieben werden: „Vor ihm stieg der Mond immer höher, und die Stimmen des Abends sagten dem Menschen, dass sein Tag zur Neige ging. Da war der gleichförmige Ruf eines Kuckucks, das Zirpen der ersten vorwitzigen Grillen, das Klagen eines Vogels; da war das Seufzen des Schilfs und die immer reiner tönende Stimme des Flusses; da war, vor allem, ein Hauch, ein geheimnisvoller Atem, der aus dem Herzen der Erde selbst zu kommen schien.“ (S. 8)

Das titelgebende Schilf ist ein wiederkehrendes Motiv. Es raschelt, seufzt, flüstert, wogt und ächzt. Es ist die Metapher für das Leben, für die Kraft, die man seinen Unbilden entgegensetzen muss. Man darf sich nicht brechen lassen. Deleddas Sprache glänzt mit eindrucksvollen Sprachbildern. Sie vermag es, ihre Heimat in vielfältigen, sinnlichen Farben zu schildern. Die detaillierten, naturalistischen Landschaftsbeschreibungen, die Macht der Elemente, Licht und Schatten, die Eintönigkeit des Dorflebens wie auch seine Riten und Festlichkeiten - das alles wird für den Leser erlebbar gemacht. Auffällig ist die archaische Grundstimmung, es herrscht meist ein melancholischer Unterton. Etwas Verdrängtes, Bedrohliches bestimmt weite Teile der Handlung. Das einfache, ländliche Leben wird vom Rhythmus der Jahreszeiten geprägt. Sardinien gehört zu Italien. Einerseits wird das Leben von römisch-katholischer Frömmigkeit, andererseits von heidnisch-mythologischen Riten und Aberglauben geprägt. Man glaubt neben der Dreifaltigkeit an Kobolde, Hexen, Heilige und Geister der Verstorbenen, deren Zeichen man zu lesen versucht. 

Die Figuren werden vielschichtig gezeichnet, kommen aber nicht ohne Stereotype und Klischees aus. Das dürfte den klassischen Themen geschuldet sein: Der treue Diener, die hochnäsigen Adligen, die abergläubische Hexe/Wucherin und so weiter; Gut und Böse ziemlich klar definiert. Besonders in der zweiten Hälfte des Romans fiel es mir schwer, den Handlungsweisen und Stimmungswechseln der Protagonisten zu folgen, während ich in der ersten Hälfte ziemlich begeistert war. Aus meiner Sicht verlässt die Autorin den Fokus ihrer Familiengeschichte. Stattdessen halten mystische Elemente Einzug, die Liebe schlägt Kapriolen, manche Kirchenfeste werden sehr ausufernd erzählt. Die Handlung kam mir persönlich zunehmend zerfleddert vor.

So bin ich im Verlauf der Lektüre merklich abgekühlt. Trotzdem verbuche ich sie keinesfalls unter verschenkter Zeit. Es ist immer spannend, den Horizont mit klassischer Literatur zu erweitern. Es lohnt sich, Grazia Deleddas Roman zu lesen, das Positive überwiegt. Zu erwähnen sind noch Nachwort und Editorische Notiz, die „Schilf im Wind“ einordnen sowie das Wesentliche über Leben und Werk der Autorin komprimieren . Zur Erfassung aller Details und Hintergründe bieten zudem zahlreiche Fußnoten und Anmerkungen im Anhang hilfreiche Unterstützung.

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