Bruno Taut rückt langsam auch im Westen wieder in den Fokus des allgemeinen Interesses, von weit größerer Bedeutung ist sein Einfluss aber seit jeher in Japan. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass er die Japanern für ihre traditionelle Architektur sensibilisierte, zu einer Zeit, als sich Japan mit brachialer Geschwindigkeit dem Westen anzupassen suchte. Noch heute gibt es vor allem in Kyoto Beispiele einer vom Westen zwar beeinflussten, aber im Wesen nicht verstandenen japanischen Repräsentationsarchitektur der 30er-Jahre. Diese missglückten Assimilationsversuche zog Tauts Kritik besonders auf sich, während er eine tiefe Bewunderung für die traditionelle japanische Holzarchitektur hegte, in der er alle Vorzüge einer perfekt an die Funktion angepassten Ästhetik erfüllt sah. Die kaiserliche Privatvilla Katsuura hat Taut „wiederentdeckt“ und seit seiner fast schon hymnischen Würdigung in „Nippon mit europäischen Augen gesehen“ gehört sie auch in Japan zum Kanon der klassischen Architektur.
Das Buch erschien zunächst in Japan auf Japanisch, bevor es englische und deutsche Übersetzungen gab. Sein Einfluss war aber international durchschlagend. Taut war noch keine drei Monate im Land, als er sich seine Begeisterung von der Seele schrieb und genau so muss man sich das auch vorstellen: Er reklamierte zu keinem Zeitpunkt akademisch vertiefte Kenntnisse über Land und Leute, ja er betonte, dass diese seine Eindrücke völlig subjektiv seien und nur ansatzweise an der kulturellen Oberfläche Japans kratzten. Bei Licht betrachtet unterlaufen ihm auch zahlreiche Fehleinschätzungen und auch falsch aufgeschnappte (oder falsch zugeordnete) Hintergrundinformationen schleichen sich nicht selten ein. Selbst in Japan wurde ihm ein allzu blinder Enthusiasmus attestiert, aber bei aller Kritik trifft Taut den Kern japanischer Architekturästhetik ziemlich auf den Punkt. Die Reduktion auf das Wesentliche, ein Prinzip, dem auch schon das Bauhaus, dem Taut nahestand vertrat, benennt er in seinem Buch als das prägende Element, wobei Taut eben nicht dafür propagiert, japanische Architektur einfach im Westen zu übernehmen. Er erkennt sehr genau, dass diese Architektur an das japanische Klima angepasst ist und hier nicht funktionieren würde. Auch das unterscheidet Taut von anderen Zeitgenossen, indem er der Funktion eine weitaus größere Bedeutung zumisst. Im Kontrast zur heianzeitlichen Architektur der Katsuura-Villa sieht Taut im überbordenden Prunk der Tokogawa-Zeit einen dekadenten Verfall alter Traditionen, ein Topos, der sich übrigens ebenfalls als Folge dieses Buches in Japan verankert hat.
Die Fotoillustrationen belegen, dass sich in den vergangenen fast 100 Jahren tatsächlich nichts an den besprochenen Gebäuden und den damit verbundenen Gärten verändert hat, was nicht zuletzt Taut zu verdanken ist, der die Japaner für diese kostbaren „Überlebenden“ einer fernen Vergangenheit besonders sensibilisierte.
„Nippon mit europäischen Augen gesehen“ ist ein ungeheuer einflussreiches und weitsichtiges Buch, das Bruno Taut im Überschwang seiner ersten Begeisterung für Japan und seine Kultur schrieb. Diese erfrischende, ansteckende Begeisterung hätte er kaum so überzeugend zu Papier bringen können, wenn er mit der Niederschrift so lange gewartet hätte, bis er alles „verstanden“ zu haben glaubte - ein Zustand, zu dem es tatsächlich nie kam. Aber diese unmittelbare Direktheit macht das Buch auch heute noch lesenswert und überzeugend, was sich auch darin widerspiegelt, dass es seit bald 100 Jahren immer wieder aufgelegt wurde. Obgleich inhaltlich in Details sicher angreifbar, stimmt die große Linie auch heute noch.




