Cécile Wajsbrot

 4.1 Sterne bei 8 Bewertungen
Autor von Eclipse, Die Köpfe der Hydra und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Cécile Wajsbrot

Die Köpfe der Hydra

Die Köpfe der Hydra

 (2)
Erschienen am 01.03.2012
Eclipse

Eclipse

 (2)
Erschienen am 21.03.2016
Aus der Nacht

Aus der Nacht

 (1)
Erschienen am 18.02.2008
Nocturnes

Nocturnes

 (1)
Erschienen am 24.08.2009
Im Schatten der Tage

Im Schatten der Tage

 (1)
Erschienen am 01.08.2004
Der Verrat

Der Verrat

 (1)
Erschienen am 20.02.2006
Mann und Frau den Mond betrachtend

Mann und Frau den Mond betrachtend

 (0)
Erschienen am 01.03.2003

Neue Rezensionen zu Cécile Wajsbrot

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Rezension zu "Die Köpfe der Hydra" von Cécile Wajsbrot

Mit großer Offenheit und stellenweise schwer zu ertragender Direktheit geschrieben
WinfriedStanzickvor 5 Jahren


In ihrem 2088 bei Liebeskind erschienenen Roman „Aus der Nacht“, der wie ein Vorläufer zu dem hier anzuzeigenden Buch zu lesen ist, lebt, ähnlich wie die Autorin selbst, die junge Protagonistin des Romans in Paris. Sie hat lange mit ihrem Vater und dessen Schwester gelebt, auch noch dann, als beide im Nebel der Alzheimer-Krankheit verschwanden; eine überzeugende Metapher für das konsequente Vergessenwollen dessen, was geschehen ist. "Sie", wie die beiden immer genannt werden, sind schon vor Beginn des Holocaust aus ihrer polnischen Heimat geflohen und haben sich in Frankreich niedergelassen, begannen ein normales Leben zu führen und hielten sich für Bürger des Landes, das sie sich ausgesucht hatten. "Und dann kamen wir, die Kinder, und trugen von Geburt an ihre Hoffnungen, denn wir sollten vollbringen, was sie nicht mehr hatten tun können, und sie verfielen auf den Gedanken, dass sie unsretwegen fortgegangen seien, da sie wussten, dass die Zeit eines Lebens nicht mehr ausreichen würde, um alles aufzuholen, sie konnten sich niederlassen, aber sie konnten keine Wurzeln fassen, keine neue Heimat finden, das mussten wir, und so tragen wir von Geburt an die Last ihres Lebens, sowohl die ihrer Enttäuschungen wie die ihrer Illusionen, und mussten Wünsche erfüllen, die nicht unsere waren. Aber die Wunde blieb ..."

 

Die Wunde blieb. Erst recht, als der Vater, der den Holocaust überlebte, und dessen Geschichte sie hier erzählt, an Alzheimer erkrankt. Mit einfühlsamen Worten, die aus dem eigenen Leid und der großen Macht der Hydra Familie erwachsen, schildert Cecile Wajsbrot das verzweifelte Ringen um ihr eigenes Leben. Denn sie erlebt ihr Leben so wie in der Mythologie, wo der Wasserschlange Hydra, kaum war ihr ein Kopf abgeschlagen, ein neuer nachwächst. Aber es scheint kein Herkules und kein Iolaos in Sicht, die die Wunden ausbrennen würden, und so das Nachwachsen verhindern.

 

Mit großer Offenheit und stellenweise schwer zu ertragender Direktheit beschreibt Cecile Wajsbrot, wie der Vater in einer quasi logischen Fortsetzung seiner bisherigen Existenz, sich mit einer Demenz aus seinem Leben herauszieht, nachdem er schon zuvor über eine lange Zeit sich ins Schweigen über das, was er erlebt hatte, zurückgezogen  und seine Tochter damit alleingelassen hatte. Der Schmerz darüber ist ohne Ende. Immer wieder bluten die Wunden und wachsen die Köpfe der Hydra nach. Zu sehen, wie die eigenen Eltern ihr Wissen, ihr Gedächtnis, ihre Sprache und ihre Persönlichkeit verlieren, lebenden Toten gleich durch die Welt irren und sich schon längst für immer aus der Realität verabschiedet haben – all das ist kaum erträglich und auszuhalten, auch nicht für den Leser, der sich regelrecht zwingen muss, das Buch nicht immer wieder erschüttert aus den Händen zu legen und seine Lektüre abzubrechen.

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Rezension zu "Aus der Nacht" von Cécile Wajsbrot

Rezension zu "Aus der Nacht" von Cécile Wajsbrot
WinfriedStanzickvor 6 Jahren

Ähnlich, wie das die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron auf beeindruckende und erschütternde Weise ihren Büchern tut, zuletzt in dem sehr empfehlenswerten Buch "Der Anfang von etwas Schönem" (Jüdischer Verlag 2007) spürt auch die französische Schriftstellerin Cecile Wajsbrot in diesem Roman der Frage nach, wie die Kinder der Überlebenden der Shoa ihr Leben bewältigen können, wie sie es schaffen, die dicke Mauer des Schweigens ihrer Eltern zu durchbrechen und einen inneren Kontakt zu schaffen zu dem, was doch auch ihre Geschichte ist. Im Unterschied zu Lizzie Doron, deren Mutter in Auschwitz war und die in Israel lebt, schreibt Cecile Wajsbrot aus einer französischen Perspektive.

Ähnlich wie die Autorin selbst, lebt auch die junge Protagonistin des Romans in Paris. Sie hat lange mit ihrem Vater und dessen Schwester gelebt, auch noch dann, als beide im Nebel der Alzheimer-Krankheit verschwanden; eine überzeugende Metapher für das konsequente Vergessenwollen dessen, was geschehen ist. "Sie", wie die beiden immer genannt werden, sind schon vor Beginn des Holocaust aus ihrer polnischen Heimat geflohen und haben sich in Frankreich niedergelassen, begannen ein normales Leben zu führen und hielten sich für Bürger des Landes, das sie sich ausgesucht hatten. "Und dann kamen wir, die Kinder, und trugen von Geburt an ihre Hoffnungen, denn wir sollten vollbringen, was sie nicht mehr hatten tun können, und sie verfielen auf den Gedanken, dass sie unsretwegen fortgegangen seien, da sie wussten, dass die Zeit eines Lebens nicht mehr ausreichen würde, um alles aufzuholen, sie konnten sich niederlassen, aber sie konnten keine Wurzeln fassen, keine neue Heimat finden, das mussten wir, und so tragen wir von Geburt an die Last ihres Lebens, sowohl die ihrer Enttäuschungen wie die ihrer Illusionen, und mussten Wünsche erfüllen, die nicht unsere waren. Aber die Wunde blieb ..."

Es ist diese schmerzende Wunde, die die junge Frau dazu treibt, nach Osten zu reisen, dorthin nach Polen, von wo ihre Eltern vertrieben wurden und flüchten mussten. Schon als sie auf dem Bahnhof steht und auf den verspäteten Nachtzug nach Warschau wartet, gerät sie in einen inneren Dialog mit den elterlichen Stimmen der Vergangenheit. Sie hofft, mit ihrer Reise endlich Licht zu bringen in die von unendlichem Leid geprägte und später komplett verdrängte Geschichte der Vergangenheit ihrer Familie. Und noch bevor sie losgefahren ist, melden sie sich mit ihren Bedenken und Sorgen in ihrem Inneren und tragen, wie schon Jahrzehnte vorher ihre Ängste und ihre Rechtfertigungen vor. Dieser innere Dialog, der sich über das ganze Buch hinzieht und aus dem die junge Frau nicht eben siegreich hervorgeht, ist schmerzhaft und drückt die ganze Problematik der zweiten Generation aus.

Im Zug von Berlin nach Warschau trifft die Protagonistin auf eine Frau, die nach Auschwitz fährt, weil sie dort wohnt, Wie Cecile Wajsbrot schildert, was diese nach 1945 in Auschwitz geborene Frau erlebt, wie sie ihre Stadt wahrgenommen hat und wahrnimmt, habe ich in dieser Ausdruckskraft so vorher noch nirgendwo gelesen. Neben den inneren Kämpfen der jungen Frau sind diese Seiten einer Begegnung im Zug mit dem Gespräch über die Folgen der Vernichtung bei der zweiten Generation der Täter, Helfer und schweigenden Zeugen die stärksten des ganzen Buches.

Die junge Frau findet den Ort, von dem ihre Vorfahren vor dem Krieg aufgebrochen waren, sie sieht auch den Fluss, indem ihr Onkel ums Leben kam und kommt ihm innerlich näher, und sie besucht den teilweise erhaltenen Friedhof des Dorfes in dem einige jüdische Grabsteine erhalten geblieben sind.

Die einzelnen Abschnitte des Romans werden eingeleitet mit Reflexionen über die Schneeeule und ihre Lebenswelt. Gegen Ende formuliert die Autorin, wie um die Schneeeule zu ihrem Vorbild zu erwählen:
"Die Schneeeule flieht vor nichts, denn nichts kommt an sie heran, sie ist das Wesen und die Gegenwart- das Ganze."

Ein beeindruckender Roman aus der zweiten Generation der Überlebenden des Holocaust, der wie auch die Bücher von Lizzie Doron zeigt, dass sie diese Vergangenheit nicht werden abschütteln können, sondern sich permanent damit auseinandersetzen müssen. Wie die dritte Generation damit umgehen könnte, zeigt Jonathan Littel mit seinem voluminösen und umstrittenen Roman "Die Wohlgesinnten" (Berlin Verlag 2008.)

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Rezension zu "Die Köpfe der Hydra" von Cécile Wajsbrot

Rezension zu "Die Köpfe der Hydra" von Cécile Wajsbrot
Clarivor 7 Jahren

Untergang in Würde oder Altersbürde?

Die Hydra ist nach der griechischen Mythologie eine Wasserschlange mit mehreren Köpfen, die immer nachwachsen, wenn man einen davon abschlägt. Synonym für diese Schlange steht bei Cécile Wajsbrot hier die Familie. Melancholisch bis wütend berichtet die Autorin über Teile ihrer Familie, denen sie sich ausgeliefert fühlt in der Umkehrung der Fürsorge, die Eltern üblicherweise für ihre Kinder tragen.

1954 geboren trägt Cécile Wajsbrot die Erinnerung ihrer jüdischen Vorfahren an Verfolgung, Pogrome und Lagerhaft in sich, ohne selber betroffen gewesen zu sein. Doch beschreibt sie klar und unumwunden, wie der Vater und die Tanten sich mit ihren Nachfahren im Altersschicksal heutiger Generationen verfangen. Erinnerungen an Vergangenes gehen in der Vergesslichkeit des Alters unter, und die Autorin lässt keine Beschreibung aus, um den Verfallsprozess zu benennen.

Wie schon in ihrem lesenswerten Buch "Aus der Nacht" befleißigt sie sich einer reflektierten, nachdenklichen und in Assoziationen sich ergehenden Erzählweise. „.....wenn sie auch den Schmerz nicht erfuhr, die Eltern zu früh sterben zu sehen, an der Front, in den Lagern, als zivile Bombenopfer oder von Krankheiten hinweggerafft, so kennt sie doch den Schmerz, sie zu lange leben zu sehen und zu erleben, wie sie sich in lebende Tote verwandeln, die durch die Strassen oder die Flure der sogenannten Altenpflegeheime irren und mit ihrem ganzen Gewicht auf dem Leben ihrer Nachkommen lasten".

Während der erste Teil der Erzählung allgemeinen Betrachtungen über Alter, Einsamkeit, Siechtum, Tod und Sterben und auch frei assoziierten Gedanken an die Familie gewidmet ist, erzählt die Autorin in einem zweiten Teil über ihre Erfahrungen mit der Fürsorge für den an Alzheimer erkrankten Vater und die Tante.
Sie berichtet sensibel, erschöpft und traurig über ihre Gefühle.
Die Bürde, die sie trägt, ist fast körpernah zu spüren. Da bleibt neben der Arbeit und der Organisation für die Kranken keine Zeit mehr zum Luftholen oder für ein Eigenleben.
Mutig und krass packt Cécile Wajsbrot ein Thema an, das in seiner Ausweglosigkeit und belastenden Realität nur schwer erträglich ist.

Die poetischen Zwischentexte weisen immer wieder auf die ersehnte Ruhe oder die mögliche Wahrnehmung von Vogelsang und Jahreszeitenwechsel hin.

Das Thema der „alternden Gesellschaft“ ist brisant, viel diskutiert und beschäftigt Politik und Sozialverbände. Der Einzelne jedoch bleibt mit seinem Schicksal in der Familie nur allzu oft alleine.

Eine Lösung für ein Altern in Würde ist nicht in Sicht und wird es vielleicht auch nie geben. Zu groß ist die Diskrepanz zwischen den Lebenden und den noch nicht Toten!

Das ist ein trauriges aber sehr wichtiges Buch für alle jene, die dem Alter mit Sorge aber doch wissend ins Auge sehen.

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