César Aira Wie ich Nonne wurde

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Inhaltsangabe zu „Wie ich Nonne wurde“ von César Aira

Alles beginnt mit einem Erdbeereis, das so widerlich schmeckt, dass es dem kindlichen Erzähler buchstäblich im Halse stecken bleibt. Sein Vater bringt den Eismann kurzerhand um. Ein Mord, der eine Kette von Ereignissen in Gang bringt, die in ihrer schicksalhaften Unvermeidbarkeit eine groteske Tragik entwickeln. Die verstörende und unentwirrbare Ebenenverschiebung treibt die Erzählung in hoher Geschwindigkeit voran. Das Karussell kindlicher Boshaftigkeiten ruft auf geniale Weise die wundersame Welt der Heranwachsenden und deren brutale Gewalt in Erinnerung. Nachdem der Vater durch eine bewusste Falschaussage des Erzählers statt zu 15 zu 25 Jahren Haft verurteilt wird, kommt es zu einer letzten Wendung, als die Ehefrau des Eismanns ihren Auftritt bekommt. Atemlos am Ende der Erzählung angelangt, beginnt die Suche nach einer Nonne. Finden wird sie nur, wer zwischen den Zeilen lesen kann.

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  • Ein verrücktes Leseerlebnis

    Wie ich Nonne wurde

    Kopf-Kino

    „Meine Geschichte, die Geschichte, wie ich Nonne wurde, begann sehr früh in meinem Leben, und zwar kurz nach meinem sechsten Geburtstag. Den Auftakt markiert eine lebendige Erinnerung, die mir noch bis ins kleinste Detail vor Augen steht. Davor ist nichts; alles hingegen, was danach kam, einschließlich der Zeiten, in denen ich schlief, bildet eine fortlaufende und ununterbrochene, einzige lebendige Erinnerung, bis ich in den Orden eintrat.“ Mit diesen Sätzen beginnt César Airas abstruse und wundersame Novelle. Den Auftakt bildet zunächst einmal ein Glücksmoment, in dem der Vater des sechsjährigen Mädchens namens César Aira ein Versprechen einhält und mit ihr (oder ihm?) Eisessen geht, wobei sie schließlich feststellt, dass Erdbeereis das Widerwärtigste sei, was sie (oder er?) jemals in den Mund genommen habe. Kurz darauf bricht die anfängliche Komödie in sich zusammen und wird zur Trägodie: Aus Wut bringt der Vater den Eisverkäufer um und die Erzählerin stirbt beinahe – und das ist lediglich der Anfang. Das auf 125 Seiten ausgelegte Büchlein ist voll von erzählerischer Spannung, abrupten Brüchen, Abzweigungen, sprunghaften Imaginationen, Absurditäten und kontinuierlichen Zerschlagungen der Konvention des Realismus: ein bizarres Feuerwerk der Literatur, eine halsbrecherische Achterbahnfahrt der Verwirrung ohne strenge Logik, ein genresprengendes Potpourri der Ideen. Der Schreibstil bleibt dabei stets elegant, aber schnörkellos, beinahe sachlich bis kühl und experimentell. Vieles im Buch Enthaltene wird nicht aufgeklärt; das Ganze liest sich eher wie eine atemlose Assoziationskette, die von der unzuverlässigen Ich-Erzählerin, die vielleicht auch ein Junge ist, ständig kommentiert wird: „Die erfahrene Lügnerin weiß, dass der Schlüssel zum Erfolg darin liegt, überzeugend darzustellen, dass man von bestimmten Dingen eben nichts weiß. Zum Beispiel hinsichtlich der Konsequenzen dessen, was sie sagt.“ Meiner Meinung nach beweist Aira mit diesem Werk, was für eine großartige und kindliche Leichtigkeit der Fabulierkunst in ihm steckt, so dass es mir ein reines Vergnügen war, sowohl seiner wuchernden Fantasie als auch seiner Lust am Erzählen zu folgen und mich ins Unvorhersehbare zu stürzen. Sobald es einem gelingt, mit jeglichen Erwartungen, die man an ein Buch stellt, zu brechen, dann wird man mit kryptischen Passagen, verstecktem Hintersinn und gedanklichen Abwegen belohnt – wage ich zu behaupten. „Doch ich konnte nicht. Und das war die häufigste Empfindung in meinem Leben, so sehr, dass sie mein Leben selbst war, ein anderes Leben als dieses kannte ich nicht: Ich hörte eine Stimme, hörte die Befehle, die mir dieses Stimme gab, wollte gehorchen und konnte nicht ... Weil die Wirklichkeit, das einzige Feld, auf dem ich hätte handeln können, sich vor mir in dem Tempo entfernte, in dem ich begehrte, in sie hineinzugelangen ...“ Einräumen möchte ich, dass nicht jeder Gefallen an diesem bizarren Buch finden wird. Rückblickend habe ich den Eindruck, dass der Weg (und das Erleben) das Ziel war, weniger die Handlung, die immer wieder aufs Neue kippt und verschlungene Trampelpfade (mit viel Dickicht!) abseits des Gewohnten einschlägt. Ob 'Wie ich Nonne wurde' die Geister scheiden kann? Ja, definitiv. Auf mich zumindest wirkte das Gelesene einen derartigen Sog aus, dass ich die „Geschichte“ nicht mehr weglegen konnte. Und obgleich der Erzählton sehr erwachsen wirkt, entspricht das assoziative Springen vollkommen der Sicht eines Kindes, was vieles wiederum indirekt erklärt: „Weil ich die Herrin der Geschichte war.“ Eine klare Handlung zu benennen, ist, wie bereits erahnt werden kann, ein schwieriges Unterfangen, vielmehr lassen sich ahnungsweise Essenzen herauslesen, die sich beim Lesen ergeben (können): Dass die Welt und das Leben gleichzeitig sinnlos und sinnhaft sind, dass vieles ohne Logik einhergeht und wir dennoch dazu neigen, dem Ganzen einen Rahmen zu geben und dass das Unmögliche mit kindlichen Möglichkeiten durchbrochen werden kann. Alles ohne Gewähr – vielleicht spielt der Leser sogar eine weitaus größere Rolle als das Erzählte, wer weiß? „Es ist nicht zu vermeiden, dass man sich von einem Gefängnishof romantische Vorstellungen macht, auch wenn man, wie in meinem Fall, gar nicht wusste, was Romantik ist. Und ehrlich gesagt auch nicht, was ein Gefängnis ist. [...] die Vorstellungen, die ich mir davon vorher gemacht hatte, brachen, obwohl ich mir gar keine gemacht hatte, in sich zusammen.“ Dass ich von diesem Büchlein beziehungsweise von diesem Leseerlebnis begeistert bin, kann ich nicht verbergen. So scheint es lediglich logisch, dass ich Airas Novelle jedem wärmstens ans Herz legen möchte, mich aber dennoch etwas scheu, da sie derart bizarr ist. Ein Blick ins Buch dürfte an dieser Stelle die bessere Empfehlung sein – wer daraufhin (wie ich) nicht mehr mit dem Lesen aufhören kann, demjenigen rate ich auf jeden Fall zum Kauf. Derweil mache ich mir Gedanken, zu welchem Aira-Werk ich als nächstes greifen könnte... "Die Tragödie in mir brach los, als ich begriff, dass diese stumme Szene, die ich erlebte, diese abstrakte Mimik von Lehrerin und Schülern mich zutiefst etwas anging. Es war meine Geschichte, nicht eine fremde. Die Tragödie hatte in dem Moment ihren Lauf genommen, als ich die Schule betreten hatte, und sie stand vor mir, im Ganzen und zeitlos, ich war und ich war nicht in ihr, war in ihr und nahm nicht an ihr teil, oder ich nahm nur durch meine Verweigerung teil, wie durch ein Loch im Vorhang, dieses Loch aber war ich!"

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    • 11

    Avirem

    29. August 2017 um 06:08
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