C. R. Neilson

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Das Walmesser

Das Walmesser

 (24)
Erschienen am 28.12.2016
Das Walmesser

Das Walmesser

 (4)
Erschienen am 28.12.2016

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Rezension zu "Das Walmesser" von C. R. Neilson

Nachhaltige Erfahrung
Thomas_Lawallvor 4 Monaten

John Callum kommt auf den Färöer-Inseln an. "Mitten im Nirgendwo" gelandet, sucht er nach Orientierung. Diese gestaltet sich schwieriger als zunächst vermutet, denn nachdem er aus dem Flughafengebäude tritt, kann er wenig entdecken, was ihm Fixpunkte für ein Zurechtkommen zumindest andeuten würde.

Es gibt nichts zu sehen, was weniger an Nebel und Nieselregen liegt, sondern eher daran, dass es tatsächlich nichts Wesentliches zu entdecken gibt. Außer dem Bus vielleicht. Dieser wird ihn nach Tórshavn bringen, seinem Ziel. Bis dahin wird er allerdings noch genug Zeit haben, sich in dieser "sommerlichen Düsternis" etwas umzusehen.

C.R. Neilsons Zeilen merkt man bereits auf den ersten Seiten an, dass er nicht gewillt war, einen Kriminalroman von der Stange abzuliefern. Deshalb darf man es sich als Leserin und Leser ruhig etwas gemütlich machen, um seinen wahrhaft ungemütlichen Schilderungen der abgelegenen Inselwelt ausführlich folgen zu können. Man taucht in eine ferne Realität regelrecht ab und weiß nicht so recht, ob man staunen oder weglaufen soll.

Doch die Faszination für seine Landschaftsbeschreibungen überwiegt, zumal er das Kunststück fertigbringt, das vermeintliche Nichts in Worte zu fassen und dies in einer Intensität, die fühl- und greifbar erscheint. Er öffnet den Vorhang einer großen Kinoleinwand und lässt uns ein Land erleben, in dem es 300 Tage im Jahr regnet, in dem man aber auch ohne Regen nass werden kann und wo es nachts nur eine Stunde dunkel ist. "Höchstens."

John Callum, seine Hauptfigur, gestaltet er zunächst in Rätseln. Die eingestreuten Traumpassagen stiften zusätzliche Verwirrung, schockieren und faszinieren aber zugleich. Was auf dem Klappentext verraten wird, passiert auf den ersten Seiten, dann folgt eine fast 200seitige Rückblende, beginnend mit der Ankunft Callums in der selbstgewählten Einsamkeit, die ihm sowohl Schutz als auch die Möglichkeit eines neuen Anfangs bieten soll.

Doch so abgeschieden scheint der Ort nicht zu sein, denn völlig unerwartet beginnt seine Vergangenheit, ihn einzuholen. Fürchterliche Albträume unterstreichen zudem die sich verdichtenden Vermutungen, dass John Callum ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt. Dabei befindet er sich in einer faszinierenden Zwickmühle. Als Hauptperson übernimmt er zusätzlich die Rolle des Hauptverdächtigen, gleichwohl ohne selbst zu wissen, ob er nun Täter ist oder nicht!

Die schon zitierte Rückblende ist umfangreich, doch keineswegs zu lang. Ganz im Gegenteil, denn die Virtuosität, mit welcher C.R. Neilson Land und Leute beschreibt, lässt einen fast vergessen, dass er es mit dem Haupterzählstrang ungewöhnlich spannend macht. Diese Wartezeit lässt man aber sehr gerne über sich ergehen, ja genießt den literarischen Freizeitführer der Färöer Inseln regelrecht.  

Allein die Schilderungen des gewöhnungsbedürftigen Wetters auf der Inselgruppe sowie die Lichtverhältnisse der Tageszeiten sind ein außergewöhnliches Erlebnis. Der Autor möchte dem Schauplatz seiner Handlung ebenso viel Gewicht beimessen wie der Handlung selbst. Die in der einschlägigen Literatur nicht selten als lebloses Beiwerk benutzten "Kulissen" erhalten somit Bedeutung und Gewicht. Jeder banale Grashalm wird zu einer nachhaltigen Erfahrung. So wie das gesamte Buch übrigens auch!

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Rezension zu "Das Walmesser" von C. R. Neilson

Psychodrama auf urigen Inseln
AngelikaWilkevor einem Jahr

Ein Hörbuch besitzt den Vorteil, dass man neben dem Zuhören etwas anderes tun kann, zum Beispiel stricken. Da hat man eher einen langen Atem für Schilderungen der Landschaft, die manchen Lesern wohl zu ausführlich waren – und in der Hör-Version vermutlich auch etwas gekürzt wurden. Trotzdem, dass der Autor den unwirtlichen Extremen der Färöer-Inseln eine Hauptrolle gibt, passt für mich sehr gut. Es macht die Geschichte besonders authentisch und spannend.

Fürs Lokalkolorit streut C.R. Neilson immer wieder dieselben auf Färöisch ausgesprochenen Namen und Begriffe ein, was der Kulisse zusätzliche Würze verleiht. Sollte ich jemals auf die Färöer-Inseln kommen, werde ich auf jeden Fall im Café Natúr ein Bier trinken – allein, weil der Name der Kneipe so schön weich klingt.

Geradezu mitreißend fand ich jedoch, wie der Sprecher Martin Bross jedem der Protagonisten eine eigene Stimme gibt – und nicht irgendeine! Am liebsten habe ich Kommissar Broddi Tunheim zugehört, wie er kratzig-spitzfindig über „die Dänen“ herzieht.

Durch die Person des Ich-Erzählers funktioniert „Das Walmesser“ natürlich gut als Hörbuch. John Callum, ein abgehalfterter Lehrer, der, wenn es ihm ans Leder geht, wahlweise lügt, verschweigt oder zuschlägt, tritt als Mann mit Kanten in Erscheinung. Seine Selbstkontrolle hat Grenzen, sein Alkoholkonsum weniger. Was er allerdings denkt, wie er beobachtet sowie seine Albträume machen rasch klar, dass man es keineswegs mit einem versoffenen Haudrauf zu tun hat. Callums widersprüchlicher Charakter ist die Essenz der dramatischen Geschichte. Dass dieser Typ grundsätzlich den komplizierten Weg einschlägt, wann er die moralische Messlatte anlegt und wann nicht, das hielt zumindest mich über die fast 13 Stunden Gesamtspielzeit in Atem.

Ein Highlight für die Bevölkerung der Färöer-Inseln ist seit Jahrhunderten das Abschlachten von Grindwalen. Wer von den Einheimischen will und kann, ist herzlich eingeladen, sich an dem Blutbad zu beteiligen. C.R. Neilson bedient sich in gewohnt plastischer Sprache des Massakers zur Zuspitzung seiner Geschichte – er fokussiert als Schriftsteller auf das Thema, nicht als Journalist, der er früher war. Das ist (falls beabsichtigt) eine erfolgreiche Methode, auf diesen brutalen Brauch aufmerksam zu machen. Daran gewöhnt, dass das Töten von Tieren in Schlachthäusern geschieht, habe ich mir erst mal eine Arte-Dokumentation dazu auf Youtube angesehen.

Aber auch in Bezug auf das Buch bleiben Fragen offen: Wäre nicht wenigstens ein bisschen Entsetzen über die Waljagd zum Beispiel bei John Callum ebenfalls angebracht? Oder habe ich etwas verpasst? Das ist ein Nachteil von Hörbüchern: Es lässt sich leider schlecht zurückblättern.

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Rezension zu "Das Walmesser" von C. R. Neilson

Flucht auf die Färöer
SalanderLisbethvor einem Jahr

Ich starrte auf das Messer und wünschte, es würde einfach wieder verschwinden. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, woher ich es hatte. Wozu es gebraucht worden war.

Auf dem Dalavegur – der Straße, die ich gerade entlangging – fühlte ich mich plötzlich viel zu exponiert. Das blutbesudelte Messer in der Hand, stand ich auf dem Gehsteig und konnte nur erahnen, an wie vielen Gardinen bereits gezupft wurde, da meine Schritte durch die Nacht hallten. Auszug Seite 13


Böses Erwachen

Der Krimi des schottischen Schriftstellers C.R. Neilson entführt uns auf die Färöer, ein zu Dänemark gehörendes Archipel von 18 Inseln im Nordatlantik. Hier in der Hauptstadt Tórshavn wacht der Ich-Erzähler John Callum nach einer durchzechten Nacht im Freien auf. Er liegt in einem desolaten Zustand auf einem der Steinklötze am Hafen und ist nicht in der Lage, sich vollständig an den vorherigen Abend zu erinnern. Das blutverschmierte Messer in seiner Tasche kann er sich überhaupt nicht erklären und ist schockiert, als er von einem Mord erfährt. Auf den Färörern, mit einer extrem niedrigen Kriminalitätsrate von nur einem Mord in den letzten dreißig Jahren, ist ein Mensch erstochen worden.


Rückblende

Nach diesem fesselndem Auftakt dreht der Autor die Zeit erst mal drei Monate zurück und man erfährt rückblickend die Geschehnisse bis zu diesem bösen Erwachen. John Callum, ein Lehrer aus Schottland, hat es in diesen entlegenen Winkel der Welt verschlagen, um einen Neuanfang zu wagen. Schnell findet er bei einem freundlichen Färinger Ehepaar eine Übernachtungsmöglichkeit und Arbeit in einer Fischfabrik. Callum ist nicht wählerisch und die einfache, aber körperlich harte Arbeit scheint ihn von seinen Problemen abzulenken. Denn es sind nicht nur die ungewohnt hellen Sommernächte, die ihm zu schaffen machen, auch seine immer wieder kehrenden Albträume lassen ihn nachts nicht schlafen. Diese erschütternden Träume voller Gewalt werden in kurzen Kapiteln immer wieder dazwischen geschoben und lassen erahnen, dass der Protagonist vor den Schatten seiner Vergangenheit fliehen musste. Der Autor gibt nur stückchenweise etwas aus Callums schuldhafter Geschichte preis und erst ganz zum Schluss wird diese gelüftet. Hier ist der Roman mehr Drama als Krimi.


Dafür lernt man mit Callum die Insel kennen, denn in seiner Freizeit durchstreift er mit einem befreundeten französischen Fotografen die sumpfigen Ebenen mit den vielen Wasserfällen und Fjorden. Oder er geht in eine der vielen Pubs. Hier lernt er auch Karis Lisberg kennen, eine junge, temperamentvolle Künstlerin, in die er sich verliebt.


Mit der Hauptfigur hat der Autor eine ambivalente Figur geschaffen, dessen inneren Dämone viel Raum einnehmen. Er ist nicht auf Ärger aus, geht aber Streitigkeiten auch nicht aus dem Weg, sei es mit Arbeitskollegen oder mit dem Ex-Freund von Karis. Dabei machte es für mich einen zusätzlichen Reiz aus, dass er, aufgrund seiner alkoholbedingten Amnesie es selbst nicht ausschließt, der Mörder zu sein, und man ihm deshalb bis zum Schluss nicht richtig traut.


Atemberaubende Landschaft

Der Autor nimmt sich richtig viel Zeit, denn erst nach ca. zweihundert Seiten befinden wir uns wieder an der Ausgangsposition. Das muss man mögen und sich darauf einlassen, denn Neilson beschreibt ausgiebig und detailverliebt die überwältigende, färöische Natur. In bildhafter, wortgewaltiger Sprache schafft er es, die einzigartige Landschaft mit all ihren Widrigkeiten darzustellen. Das wechselhafte aber fast durchweg feuchte Wetter mit viel Wind und Nebel dominiert den gesamten Alltag. In diesem rauen Klima leben die Färinger, ein bescheidener, freundlicher Menschenschlag, der vom Fischfang und der Schafzucht lebt und die Tristesse durch viele bunte Häuser mit Rasendächern zu durchbrechen versucht. Die Einwohner sind auch sehr gottesfürchtig und die Affäre zwischen John und Karis gefällt weder ihrem Vater, einem Pastor, noch ihrem Ex-Freund.


CSI aus Dänemark

Zur Unterstützung der einfachen Inselpolizei, die bisher nur mit Verkehrsvergehen oder Vandalismus zu tun hatte, kommen Spezialisten aus dem Königreich Dänemark. Die beiden Kriminalbeamten und die Expertin der Spurensicherung fühlen sich in ihrer selbstgefälligen Art den Insulanern überlegen, sollten aber den ansässigen Inspektor Broddi Tunheim nicht unterschätzen. Dieser ist der einzige, der nicht ganz von Callums Schuld überzeugt ist und mit unkonventionellen Methoden helfen will. John wird verhaftet, muss aber aus Mangel an Beweisen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Jetzt steht er natürlich komplett als Außenseiter da.


Blutige Waljagd

Es gelingt Neilson sogar, die traditionelle, aber weltweit umstrittene Grindwaljagd ganz homogen in den spannenden Showdown einzufügen ohne zu werten oder zu urteilen. Bei dem Grinddarap, ein wichtiger kultureller Aspekt des Landes, werden die Tiere zu Hunderten in eine Bucht getrieben und dort abgeschlachtet. Das detailliert geschilderte Schauspiel der blutigen Waljagd, bei der sich das ganze Meer rot verfärbt, setzte mir sehr zu und war nur schwer zu ertragen. Für die Färinger gehört das zur Nahrungsbeschaffung und am nächsten Tag wird das Fleisch unter den Einheimischen gerecht aufgeteilt.


„Unsere Wale werden schnell getötet. Tiergerecht. Es geht nicht tiergerechter, als das Rückenmark durchzuschneiden. Es geht nicht schneller. Findest du es besser, wenn man den Kühen einen Bolzen in den Kopf schießt? Die Wale haben wenigstens ihr ganzes Leben in Freiheit gelebt und nicht in Käfigen wie die Hühner in diesen Fabriken.“ Auszug Seite 182


Fazit

Freunde rasanter Krimis werden hier keinen großen Spaß empfinden, dafür ist dieser schwermütige, düstere Krimi, dessen zweite Hauptfigur die raue, ursprüngliche Natur ist, einfach auch zu sehr Reiseführer. Gerade die niedrige Kriminalitätsrate auf den Färörern hat C.R. Neilson gereizt, seinen Kriminalroman 'Das Walmesser' genau hier anzusiedeln. Für meinen Geschmack hätten es etwas weniger Traumsequenzen sein dürfen, aber davon ab fand ich den Krimi handwerklich perfekt gemacht und ich habe die Atmosphäre sehr genossen. Durch die Augen seiner Hauptfigur betrachtet der Autor als Außenstehender die Färöer und macht damit sehr neugierig auf dieses fremde Land.

Und ich habe noch nie einen Roman gelesen, in dem soviel gesoffen wurde.


C.R. Neilson ist das Pseudonym von Craig Robertson, einem schottischen Schriftsteller, der jahrelang als Journalist tätig war und von dem bereits einige Kriminalromane in Deutschland erschienen sind.


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