Candia McWilliam

 4 Sterne bei 2 Bewertungen

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Cover des Buches Die dritte Seite der Liebe (ISBN: 9783499129353)

Die dritte Seite der Liebe

(1)
Erschienen am 01.07.1998
Cover des Buches Candia McWilliam: Ein anständiges Haus (ISBN: B00ACO5SFG)

Candia McWilliam: Ein anständiges Haus

(1)
Erschienen am 01.01.1991

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Cover des Buches Die dritte Seite der Liebe (ISBN: 9783499129353)
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Rezension zu "Die dritte Seite der Liebe" von Candia McWilliam

liebesleser
Ein Meisterwerk aus den Achtzigern - sprachlich brillant, erzählerisch virtuos

Neugierig geworden auf diesen Roman aufgrund einer Anzeige in einem alten Rosamunde-Pilcher-Taschenbuch, erwarb ich das Buch antiquarisch, da es aktuell nicht mehr aufgelegt wird. Bei seinem Erscheinen Ende der Achtziger galt die Autorin aufgrund dieses Debüts offenbar als literarische Hoffnungsträgerin, zu Recht, wie ich schon mal vorausschicken möchte. Leider blieb das Output McWilliams‘ überschaubar, wohl auch aufgrund von Alkoholproblemen und einer zeitweiligen Erblindung. Beachtung fand dann wieder ihre offene, selbstkritische Autobiografie, die 2010 erschien.

Vielleicht ist die Werbung in einem Pilcher-Buch etwas irreführend, denn McWilliam ist literarisch auf völlig anderem Terrain unterwegs. Ich sehe das Buch in der Tradition großer Autorinnen wie Virginia Wolf oder Silvia Plath, komplex und teilweise auch harte Kost, aber ganz sicher keine seichte Unterhaltung (nichts gegen seichte Unterhaltung, die hat auch ihre Berechtigung). Es trägt allerdings eine spürbar „weibliche“ Handschrift: Gefühle und Zwischenmenschliches spielen die Hauptrolle, und Kleidung und andere äußere Merkmale werden detailliert beschrieben (die Autorin arbeitete in jungen Jahren auch für VOGUE).

Dennoch ist es ein Roman mit Tiefgang und Dramatik, verstörend und tragisch, auch voller Milde und erlösenden Einsichten, mit ambivalenten Protagonisten, sodass die Sympathien und Antipathien der Leserin / des Lesers ständig wechseln.

Zur Geschichte: Der erfolgreiche schwule Kinderchirurg Lucas möchte seinen jungen Schwarm Hal, der sich nicht auf eine erotische Beziehung einlassen will, an sich binden, indem er dessen Heirat mit der attraktiven, etwas naiven Cora, initiiert. Sie wiederum ist eigentlich verliebt in Lucas, von dessen Homosexualität sie nichts ahnt (aufgrund seiner gesellschaftlichen Position – und es waren noch die Achtziger – lebt er sie nicht offen aus), braucht aber einen Vater für das Kind, das in ihr – anfangs noch unbemerkt für andere –  heranwächst. Der eigentliche Vater kommt nicht in Frage, und Lucas wäre zu alt und hat die „falsche Haarfarbe“. Auch Hal hat seinen Grund für die Heirat; Liebe ist es nicht.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt sich ein Drama, in dem Missverständnisse, Konventionen und auch die Vergangenheit der Protagonisten eine große Rolle spielen. Zeitgeschichtlich spielen die beginnende Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Homosexualität, auch und gerade aufgrund von Aids, radikale Tierschützer sowie der Niedergang einer in sich abgeschlossen lebenden Elite hinein, letztere personifiziert durch die Freundin Lucas‘ und Coras, der adligen Anne, die im Hintergrund eine wichtige Rolle spielt und der ein grandioser langer Abschnitt in diesem Roman eingeräumt wird, in dem die Fäden der Geschichte zusammenlaufen und gleichzeitig ein intensiver Blick auf die tragischen Verluste in Annes Leben erfolgt, neben einer melancholischen, teils von Trost, teils von Resignation geprägten Beschreibung ihres ländlichen Anwesens, in dem die Geschichte ihr Ende findet, „zur Ruhe kommt“, könnte man auch sagen.

Der Schreibstil von Candia McWilliam ist geprägt von einem überbordenden Bilderreichtum. Metapher reiht sich an Metapher, ihre Beschreibungen sind immer wieder überraschend und erhellend. Die Dialoge sprühen selbst in den bittersten Momenten noch von geistreichem Wortwitz, der bisweilen an Oscar Wilde erinnert. Mit Klischees wird jongliert, Vorurteile werden ebenso häufig verworfen wie gepflegt. Allen vier Hauptpersonen wird ein eigenes Ich-Kapitel gegönnt, wobei der Stil der Autorin zwar in jeder Inkarnation erkennbar bleibt, dennoch entscheidende Akzente gesetzt werden, die jedem/jeder eine eigene Stimme geben.
 Fazit: dieser Roman ist es wert, wiederentdeckt zu werden. Auf stilistisch meisterhafte Weise schafft es die Autorin, Leserinnen und Leser in diese spannende, tragische, kluge Geschichte zu ziehen, die einem ein Ende beschert, das jede/r letztlich selbst bewerten kann: ist es auf seine Art ein Happy End? Ist es traurig? Oder ist es gar offen?

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