Carl-Christian Elze

 4,1 Sterne bei 7 Bewertungen

Lebenslauf von Carl-Christian Elze

Carl-Christian Elze studierte zwei Jahre Medizin, danach Biologie und Germanistik. Von 2004 – 2009 war er Student am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2022 erschien sein Roman „Freudenberg“ bei Voland & Quist / Edition Azur. Im Verlagshaus Berlin erschienen zuletzt „langsames ermatten im labyrinth“ (2019) und „diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde“ (2016). Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit einem Stipendium im Deutschen Studienzentrum in Venedig (2016), dem Rainer-Malkowski-Stipendium (2014) und dem Joachim-Ringelnatz- Nachwuchspreis (2014). Elze ist Mitbegründer der Leipziger Lesereihe „niemerlang“, Monatsjuror bei „lyrix“, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik, und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Carl-Christian Elze

Cover des Buches Freudenberg (ISBN: 9783942375658)

Freudenberg

 (6)
Erschienen am 26.09.2022
Cover des Buches Aufzeichnungen eines albernen Menschen (ISBN: 9783940249838)

Aufzeichnungen eines albernen Menschen

 (0)
Erschienen am 10.03.2014
Cover des Buches panik/paradies (ISBN: 9783910320017)

panik/paradies

 (0)
Erschienen am 01.11.2022

Neue Rezensionen zu Carl-Christian Elze

Cover des Buches Freudenberg (ISBN: 9783942375658)

Rezension zu "Freudenberg" von Carl-Christian Elze

Höllenmaschine
Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Monaten

Beim ‘Großen Longlist-Abend’ im Literaturhaus Hamburg stellten für den Deutschen Buchpreis 2022 nominierte Autor:innen sich und ihre Werke vor. Darunter war auch Carl-Christian Elze mit seinem klugen, tragischen, ganz und gar außergewöhnlichen Roman “Freudenberg”.


Er werde selber nicht so recht schlau aus seinem wortkargen Helden, der sich so fremd in seinem Leben fühlt, so machtlos und gefangen in den Routinen seines Vaters. »Wer ist dieser Freudenberg eigentlich?«, habe er sich gefragt, und entdecke das ein Stück weit in den Gesprächen, die er mit Interessierten über seinen Roman führt. Im Nachhinein habe er das Gefühl, der Roman sei eine Höllenmaschine, durch die Freudenberg durchmüsse. Bedrückend, seltsam, kaum fassbar – mit einem Ende, das auch für ihn als Autor so wenig in Stein gefasst sei wie für seine Leser:innen.


Eine Höllenmaschine?


Ja, das trifft es sehr gut, das gibt dem Gefühl, das ich beim Lesen hatte, einen Namen. Die Erzählung ist so kraftvoll, so verstörend; du kannst dich ihr so wenig entziehen wie einem Albtraum, der dich im Zustand der Schlafparalyse überkommt. Freudenbergs Gedankenbilder machen aus vertrauten Elementen des Alltags etwas Morbides, düster Bedrohliches. Die Geschichte zerfasert sich in verschiedene Ebenen, die geradezu wirken wie aus verschiedenen Parallelwelten gegriffen. Das ist sprachlich meines Erachtens unglaublich stark.


Die Realität ist hier ein zerbrechliches Gefüge, was nichts Befreiendes an sich hat, keinen erlösenden Moment der Katharsis. Aber wer hat die Deutungshoheit, um das mit Sicherheit zu sagen? Sicher nicht ich, und auch der Autor scheint sie nicht für sich zu beanspruchen.


Das klingt schrecklich, und es ist in der Tat ein herzzerreißendes, schmerzliches Leseerlebnis – indes keines, das ich missen möchte.


Aber warum? Nachdem ich auf Instagram erwähnte, dass ich von “Freudenberg” sehr angetan war, fragte mich Marc vom Blog “Lesen macht glücklich”: »Was hat dir an Freudenberg so gefallen?« Und da musste ich erstmal in mich gehen.


Hier meine Antwort:


Ich glaube, es war vor allem dieses Schwebende – was ist Realität, was Traum, was sind nur Erinnerungen oder Gedankenexperimente. Der Erzähler ist unzuverlässig, im Endeffekt löst sich die Geschichte meines Erachtens dadurch von einer schlichten Abfolge von Geschehnissen. Die Themen fand ich umso eindringlicher. Diese Haltlosigkeit von Freudenberg in einem Leben ohne echte Ziele, dieser Überdruss, diese Verachtung der Lebensmodelle seiner Eltern, ohne Entwurf einer Alternative. Was gibt den Menschen noch Sinn in einer übersättigten Welt? Aber am eindringlichsten fand ich, wie Freudenberg nach und nach zerbricht an einer Schuld, die er sich erst ganz am Schluss eingesteht. Er hat den Jungen nicht getötet, aber dessen Leiche für seine eigenen selbstsüchtigen Zwecke benutzt – dabei gar nicht in Betracht gezogen, wie das andere Menschen emotional verletzen muss. Auch hier wieder der Gedanke, dass Freudenberg das Resultat einer übersättigten Welt ist, einer egoistischen Welt, in der Gemeinschaft verloren geht und die Menschen sich selber immer mehr reduzieren auf das ICH, ICH, ICH.


Aber vor allem ist “Freudenberg” ein Roman, der Kafka gefallen hätte. Dies ist in der Tat ein Buch, das auf uns wirkt ‘wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord‘. Kurz gesagt: “Freudenberg” kann die vielzitierte ‘Axt sein für das gefrorene Meer in uns‘.


Hier verschwinden Grenzen, hier verschwimmen Wahrnehmungen und Erinnerungen. Erwartungen werden auf die Spitze getrieben und dann gebrochen. Dabei ist Freudenberg ein hochintelligenter Junge mit einem scharfen Blick auf die Welt um ihn herum. Aber das hilft ihm nicht, es ändert nichts an seiner schrecklichen Haltlosigkeit.


Ich hätte heulen können ob der schmerzvollen Unausweichlichkeiten seiner Heldenreise; ich haderte mit dem Schluss, den ich mehrfach für mich uminterpretierte. Der Charakter Freudenberg ist jedoch eine so klare Präsenz in meinem Kopf, regt mich so intensiv zum Nachdenken an, dass sich das lohnt.

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Cover des Buches Freudenberg (ISBN: 9783942375658)
Rebecca_86s avatar

Rezension zu "Freudenberg" von Carl-Christian Elze

Der Weg in die Freiheit - manchmal etwas verwirrend
Rebecca_86vor 5 Monaten

Im Urlaub an der polnischen Ostseeküste verbringt der 17-jährige Freudenberg (der erst gegen Ende einen Vornamen bekommt) Zeit allein, ohne seine Eltern. Er entflieht der übermäßigen Dominanz des Vaters, der in seinem Leben alles zu bestimmen scheint und geht alleine schwimmen. Am Strand findet er einen toten polnischen Jugendlichen, der von der Klippe gestürzt ist. Freudenberg nutzt seine Chance, tauscht mit dem Toten die Kleidung und Papiere und flieht in den Wald. Dort schlägt er sich irgendwie durch, kehrt aber nach zwei Wochen wieder nach Hause zurück, wo er sich im Keller versteckt. Die Freiheit, von der er geträumt hat, war um einiges härter als gedacht. Das Geschehen ist immer wieder von Rückblenden und Traumsequenzen durchzogen, so dass man meistens gar nicht genau weiß, was Realität und was Wahn oder Traum ist. Ich bin leider mit keiner der Personen ganz „warm“ geworden, vor allem die Mutter bleibt sehr blass. Gegen Ende erfährt man dann noch ein Detail, das alles auf den Kopf stellt. Der Schreibstil ist keiner, der sich einfach lesen lässt, aber wenn man sich darauf einlässt, trägt er den Leser poetisch durchs Geschehen

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Cover des Buches Freudenberg (ISBN: 9783942375658)
B

Rezension zu "Freudenberg" von Carl-Christian Elze

Vom Versuch ein anderer Mensch zu werden
buchlesenliebevor 5 Monaten

„Freudenberg musste an eine Zeit denken, in der er so unglücklich gewesen war in der Schule, dass er sich den ganzen Tag lang nur auf die Nacht gefreut hatte, auf die Bewusstlosigkeit, auf ein Fernsein von sich selbst“ (S.67).

Es könnte ein wahrhaft schöner Urlaub an der polnischen Ostseeküste im Jahr 2006 sein. Wären da nicht seine Eltern, zu denen der schweigsame und sensible 17-jährige Freudenberg wahrlich kein gutes Verhältnis hat. Insbesondere die Beziehung zu Vater Gerd ist angespannt, denn der dominante Gerd trifft jegliche Entscheidungen für seinen Sohn. So bestimmt er auch, dass Freudenberg nach seinem Hauptschulabschluss eine Ausbildung in der Metallverarbeitung absolviert. Ganz wie der Vater. Während Gerd das Leben seines Sohnes regelt, fügt sich die Mutter und bleibt – so auch im ganzen Roman – unbeteiligt und passiv [vielleicht ist das ein kleiner Kritikpunkt meinerseits]. Freudenberg findet keine Worte, um seine Gefühle und Gedanken auszusprechen, jegliche Kommunikation ist ihm zuwider. So ergreift Freudenberg direkt nach der Ankunft im Hotel die Chance und streift allein durch das Städtchen Międzyzdroje.  

Bei seinem Strandspaziergang entdeckt Freudenberg den Leichnam eines Jungen, der von einer abgelegenen Steilküste abgestürzt ist. Der Junge ist völlig entstellt, doch ein genauerer Blick auf die Leiche und in den Ausweis des Jungen, der Marek Strzep heißt, offenbart eine verblüffende Ähnlichkeit. Was folgt: eine Kurzschlussreaktion, ein unverhoffter Fluchtweg aus dem alten Leben, die Möglichkeit die eigene Identität abzulegen: Freudenberg wird zu Marek.

Zwei Wochen streift Freudenberg durch den angrenzenden Wald, schläft an Seen und Teichen, führt das Leben eines Diebes, um zu überleben. Eines Tages trifft er auf das mysteriöse Mädchen Maja, die mit älteren Frauen Heidelbeeren pflückt. Freudenberg verliebt sich in Maja. Aber ist sie real oder entspringt sie nur seiner Phantasie? Und warum kehrt Freudenberg schließlich nach zwei Wochen doch zu seinem Elternhaus zurück? Ausgerechnet am Tag „seiner“ Beerdigung? Und wie werden die Eltern auf die Rückkehr ihres totgeglaubten Sohnes reagieren, der sich zunächst wie ein Tier im Keller versteckt?  

Carl-Christian Elze, der als Lyriker bekannt ist, hat mit Freudenberg einen leisen, atmosphärischen, poetischen, aber auch sehr spannenden Debütroman geschrieben, der mich zunächst erobern musste und letztendlich doch sehr für sich eingenommen hat. Das Einfließen fantastischer, surrealer, märchenhafter Elemente in die partiell unzuverlässige und distanziertere Erzählung – das kann mir abhängig vom Buch und der Frequenz dieser stilistischen Mittel auch schnell die Freude am Lesen nehmen. In diesem Fall hat es mir gefallen. Ein lesenswerter Roman über die ganz eigene Rebellion eines jugendlichen Antihelden, über seine sprachlose Auflehnung, seine Selbstzweifel, seine Schuldgefühle, seine Sehnsüchte, über sein Scheitern. Und am Ende: ein unerwartetes Geständnis, das nachdenklich zurücklässt und kurz den Atem raubt. Mit kleinem Herzstillstand-Effekt.

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