Carl Frode Tiller

 3.3 Sterne bei 38 Bewertungen
Autor von Kennen Sie diesen Mann?, Der Beginn und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Carl Frode Tiller

Multitalent aus Norwegen: Der 1970 geborene Carl Frode Tiller ist nicht nur als Schriftsteller erfolgreich, er ist zudem auch als Historiker, Musiker und Komponist tätig. 2001 veröffentlichte er seinen Debütroman „Skråninga“ (Die Böschung), der mit dem Tarjei Versaas Preis für das beste debüt ausgezeichnet wurde. Sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch ist „Innsirkling“, das 2015 unter dem Titel „Kennen Sie diesen Mann?“ erschien. Darin geht es um David, der sein Gedächtnis verloren hat. Um ein paar seiner Erinnerungen zurückzubekommen, bittet er in einer Anzeige Leute, die ihn kennen, darum, ihm zu schreiben und ein bisschen zu erzählen. Doch die Antworten, die er bekommt, sind nicht alle schön und bald weiß David nicht mehr, wem er wirklich Glauben schenken darf. Die Geschichte ist als Trilogie angelegt. In seinen Büchern wird oft Tillers Talent für die delikaten Beschreibungen der menschlichen Psyche herausgestellt. Seine Romane wurden bisher in über ein Dutzend Sprachen übersetzt.

Alle Bücher von Carl Frode Tiller

Cover des Buches Kennen Sie diesen Mann? (ISBN: 9783442756162)

Kennen Sie diesen Mann?

 (24)
Erschienen am 31.08.2015
Cover des Buches Der Beginn (ISBN: 9783442758203)

Der Beginn

 (13)
Erschienen am 24.06.2019
Cover des Buches Wer du heute bist (ISBN: 9783442716791)

Wer du heute bist

 (1)
Erschienen am 25.06.2018
Cover des Buches Encircling (ISBN: 9781908745293)

Encircling

 (0)
Erschienen am 04.04.2013

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Rezension zu "Der Beginn" von Carl Frode Tiller

'Jetzt sterbe ich tatsächlich, dachte ich, so ist es, wenn man stirbt.‘
sabatayn76vor 4 Monaten

‚Ich blickte sie direkt an, aber auch jetzt sah sie mich nicht, sie sah durch mich hindurch. Jetzt sterbe ich tatsächlich, dachte ich, so ist es, wenn man stirbt.‘ (Seite 12)

Nach einem Suizidversuch liegt Terje im Sterben.

Während sich seine Familie im Krankenhaus um sein Bett versammelt, denkt er über sein Leben nach. Dabei geht er immer weiter in die Vergangenheit zurück und lässt den Leser so teilhaben an den großen und kleinen Wendepunkten und prägenden Erlebnissen seines Lebens: am Leben mit seiner Ehefrau Turid und seiner Tochter Marit, an der schwierigen Beziehung zur alkoholabhängigen Mutter, an den wechselhaften Gefühlen für seine Schwester Anita, an der Abwesenheit des Vaters, an der Liebe zur Natur.

Die Idee des Rückwärtserzählens hat mir sehr gut gefallen und wurde meiner Meinung nach meisterhaft von Carl Frode Tiller umgesetzt.

Auch die Darstellung der dysfunktionalen Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die von Double-Bind-Botschaften und Manipulation gekennzeichnet ist, ist Tiller hervorragend gelungen und wirkt durchweg überzeugend. Dies trifft auch auf die Beziehungsdynamik zwischen Terje und seiner Frau Turid sowie zwischen ihm und seiner Schwester und zwischen ihm und seiner Tochter zu, die allesamt komplex und mit emotionaler Tiefe geschildert wurden.

Wie exakt und lebensnah Tiller seine Figuren gezeichnet hat, lässt sich sehr gut daran erkennen, wie unangenehm diese Personen auf mich wirkten, dass sie echte Gefühle in mir auslösten, dass sie mich mit ihrer Art zu kommunizieren, andere zu verletzen und zu intrigieren wütend gemacht haben. Andererseits zeigt Tiller bei allen Personen auch eine gewisse Wärme und Weichheit, erzeugt Sympathie für die Figuren, die man eigentlich ablehnen möchte, macht ihre Handlungen verstehbar.

Sprachlich bewegt sich der Roman auf anspruchsvollem Niveau, wirkt an wenigen Stellen allerdings etwas hölzern, was jedoch nichts an meinem sehr positiven Gesamturteil ändert.

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Rezension zu "Der Beginn" von Carl Frode Tiller

Das Leben kann nur vorwärts gelebt werden....
BluevanMeervor 7 Monaten

“Wenn ich früher darüber fantasiert hatte, meinem Leben ein Ende zu setzen, hatte ich eine feierliche, fast rituelle Handlung vor mir gesehen, mit Abschiedsbrief, Anzug und einem Ort, der mir viel bedeutete, und mein letzer Gedanken, bevor plötzlich Panik in mir hochstieg und ich versuchte auszuweichen, war: Ich hätte etwas mehr daraus machen sollen.” 

Der Klimaforscher und Naturschützer Terje ist mit hoher Geschwindigkeit und ohne sich anzuschnallen in den Gegenverkehr gerast. Mit voller Absicht. Im Krankenhaus warten seine Frau, seine Mutter und seine Schwester, die schockiert sind und sich nicht erklären können, was Terje zu diesem Suizidversuch bewogen haben könnte. In kleinen, fragmentarischen Episoden sinniert Terje darüber nach, warum er sich so verhalten hat. Bis er schließlich stirbt. 

Während Terje nach außen hin vermutlich ganz normal wirkte, zeigen sich in seinen Lebenserinnerungen vor allen Dingen Schmerz und Enttäuschungen, denen Terje mit einer riesen Portion schwarzem Humor begegnet, solange bis er nicht mehr kann. 

""Jetzt wirst du psychotisch Terje, dachte ich, aber ich wusste, das war nur Wunschdenken, ich war nicht imstande, in eine Psychose zu flüchten, dazu steckte ich zu sehr in mir fest." (S. 188)

Dabei sind den aufmerksamen Leser*innen schon längst Lücken in seiner Erzählung aufgefallen, er vergisst Dinge oder stolpert über Zeitfenster, die ihm auf einmal fehlen... 

„Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden“, das wusste schon Søren Kierkegaard. Der norwegische Autor Carl Frode Tiller folgt diesem Prinzip:  Er erzählt das Leben seines Protagonisten rückwärts, sodass der Leser nach und nach versteht, wie es zum Suizidversuch des Protagonisten kommen konnte. Und da macht es einem die Hauptfigur nicht gerade leicht. 

Warum sind ihm merkwürdige Insekten wichtiger als seine eigene Ehefrau? Warum interessiert er sich kaum für seine Tochter, warum schimpft er über seine Schwester und seine Mutter, die Sozialhilfe beziehen und auf ihn angewiesen sind? Warum jagt er den Freund der Schwester weg und warum ist er einfach nur so ein gigantisches Ekelpaket? Man ahnt es schon, eigentlich ist Terje ein empathischer und liebevoller Mensch, der allerdings einiges verkraften musste, vielleicht mehr als andere tragen musste oder vielleicht einfach eine sensiblere Seele als andere hat. Und mit Sicherheit auch an einer Depression erkrankt ist, die niemand erkannt hat. Die Gründe dafür liegen weit zurück, irgendwo am Beginn des Lebens von Terje. 

Eine Mutter, die Alkoholikerin ist, spielt mit in diese Entwicklung, genau wie ein Vater, der nie da war und dessen Tod vermutlich auch ein Suizid war, genau wie eine Schwester, die in dieser schweren Zeit sehr viel mehr für ihren kleinen Bruder regeln musste und dabei sicherlich auch vieles falsch gemacht hat. Doch reichen diese Anfänge aus um zu erklären, warum Terje keinen anderen Ausweg gesehen hat? Nicht nur. Terje macht Fehler, scheitert an seinen eigenen Ansprüchen und hat trotz allem ein riesengroßes Herz für den Klimaschutz und die Umwelt. Die Naturbeschreibungen machen einen großen Teil des Romans aus und zeigen, das Terje auch mit Leidenschaft für Dinge eintreten wollte. Allerdings stand er auch hier wieder auf verlorenem Posten, denn mit Artenschutz wird niemand reich. Terje wird als Querkopf wahrgenommen, der für Insekten und Amphibien kämpft, weil seiner Meinung nach jedes Tierchen einen Platz auf der Welt verdient hat, denn Ökosysteme bestehen nicht aus überflüssigen Wesen. Jedes hat eine Aufgabe. Man kann nicht aufhören sich zu fragen, was Terjes Aufgabe gewesen wäre. Und so bleibt am Ende doch eine Menge Empathie für eine schwierige Person und ein toll geschriebener Roman. 

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Rezension zu "Der Beginn" von Carl Frode Tiller

Leben
Giselle74vor 10 Monaten

"Ich wartete noch einen Moment, dann zog ich den Wagen auf die Gegenfahrbahn."

Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, seine Lebenszeit ist nur noch knapp bemessen. Er blickt zurück, immer weiter in Richtung Vergangenheit.
Carl Frode Tiller erzählt von einem Leben, in dem es von Anfang an nur wenig Chancen gibt. Terjes Mutter kämpft mit Depressionen und Alkohol, sein Vater verlässt die Familie schon früh. Nicht erkannte und nicht behandelte Depressionen führen wohl auch zu Terjes Selbstmord. Erkennen kann man das aber nur im Nachhinein, im täglichen Überlebenskampf bleibt keine Zeit für solche Schlussfolgerungen.
Stück für Stück folgen wir Terje zurück in seiner Lebensbahn, lesen von der gescheiterten Ehe, dem schlechten Verhältnis zu Mutter und Schwester, erfahren von seinen Gewaltausbrüchen als Teenager und den Überforderungen seiner Kindheit. Vieles bleibt für den Leser im Moment des Lesens undurchsichtig, klärt sich bruchstückhaft erst mit dem nächsten Schritt. Mal liegen nur Tage zwischen den einzelnen Momenten, mal sind es Jahre. Immer ist da aber Terje, schwankend zwischen Aggression und maskenhaftem Lächeln.
Ein düsteres, realistisches Bild zeichnet Tiller in diesem Roman. Zeigt, dass die Wurzeln für einen Suizid ganz weit in der Vergangenheit liegen können, verschüttet durch den Alltag und Phasen des vermeintlichen Glücks.
Mit dem Ende vor Augen, erhalten die einzelnen Szenen eine ganz andere Bedeutung, achtet man auf Anzeichen weitaus mehr als man das hätte tun können, wäre der Roman dem normalen Lebensverlauf gefolgt.
Dass das Konzept überhaupt aufgeht, ist Tillers Schreibstil zu verdanken. Immer geradlinig, mit schwarzem Humor, lässt er den Leser nicht komplett in Düsternis versinken. Er bleibt nah an seinem Protagonisten und ihm gelingt dabei das Kunststück, Terjes Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, selbst bei Gewaltausbrüchen. Trotz der Bruchstücke bleibt ein roter Faden erkennbar. Ein ganzes, kompliziertes Leben so lakonisch in Worte zu fassen, das ist nicht jedem gegeben. Daher verwundert es auch nicht zu lesen, dass Tiller zu Norwegens bedeutendsten Gegenwartsautoren gehört.

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Zusätzliche Informationen

Carl Frode Tiller wurde am 04. Januar 1970 in Namsos (Norwegen) geboren.

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von 1 Lesern aktuell gelesen

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