Carlo Bonini

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ACAB. All Cops Are Bastards

ACAB. All Cops Are Bastards

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Erschienen am 27.02.2018

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Rezension zu "ACAB. All Cops Are Bastards" von Carlo Bonini

Eine gute Reportage - aber sicher kein Thriller
Gwhynwhyfarvor einem Monat

Anfang erstes Kapitel: »Um Himmels willen … Blut, Gestank von Schweiß und Tod, Gebrüll in der Dunkelheit, wie von abgestochenen Schweinen. Und die vor Erregung geweiteten Pupillen seiner Kollegen, ein Hexensabbat, bei dem Knochen splitterten und Fleisch zerfetzt wurde.«

Um es gleich vorwegzusagen, wer hier einen Thriller erwartet (so steht es auf dem Cover), wird mordsmäßig enttäuscht sein, wenn er sich mit einer Reportage nicht abfinden mag. Ich mag Reportagen, insofern fand ich das Buch gut. – Kritik an den Verlag – Was habt ihr euch dabei gedacht? – ACAB ist verfilmt worden – und ja, Carlo Bonini kann bekanntlich auch gute Thriller schreiben. Der Jurist und Investigativ-Journalist hat mit diesem Buch einen tiefen Einblick in die italienische Polizei gegeben. Das ist spannend und eine Horrorstory zugleich, aber eben keine Thriller, sondern eine Reportage über die bitterböse Wahrheit.

»Tofas. Man hatte beschlossen, dass das Einsatzkommando VII in Genua mit Tofas ausgestattet werden sollte. Eine Waffe, hart wie Stahl mit Quergriff, eine traditionelle Waffe, die bei chinesischen und japanischen Kampfsportarten zum Einsatz kam. Mit diesem Zeug, das die Carabinieri schon seit geraumer Zeit verwendeten, das die Polizei jedoch nie in die Hand genommen hatte, konnte man den Schenkelknochen eines Ochsen zertrümmern.«

Trockenübung für den G8-Gipfel, Napolis Polizisten bekommen die Aufgabe, den schwarzen Block zu spielen und die Kollegen dreschen hart drauf, Polizisten müssen nach der Übung ins Krankenhaus. Leider kommt es dann beim G8-Gipfel zu heftigen Gewaltexzessen seitens der Polizei, friedliche Demonstranten werden übelst zusammengeknüppelt, die Strafen, die Jahre später ausgesprochen werden, sind ein Witz, es gibt Klagen bis hin zum europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. Eine Eliteeinheit von 70 Männern, ausbildet in Trainingscamps, ausgerüstet mit üblen Schlagstöcken und Tränengas wurden auf die Demonstranten losgehetzt wie eine ausgehungerte Meute von Bluthunden.

Ultras aus Rom treffen auf Fußballfans aus Turin, Juve-Fans, eine wilde Prügelei beginnt, die Polizei prügelt mit, Schüsse fallen, ein Latio-Anhäger wird von einer Kugel in den Hals getroffen. Nun tobt der Krieg, den die Ultras inszenieren, in vielen italienischen Städten bricht eine Schlacht aus, der Mob tobt auf der Straße.

Michelangelo Fournier ist der Polizist, der das Einsatzkommando VII leitete, die Hauptfigur in diesem Roman. Erstaunlicherweise wird er befördert, später dann wird der politisch rechts stehende Mann auf einen unteren Posten degradiert. Er gehört zu den »Celerini«, wie sich die Bereitschaftspolizei nennt, »das schwarze Herz der Polizei«, ein ziemlich rechter, gewalttätiger Haufen, viele von ihnen verehren den Duce, Mussolini, an die Zähne bewaffnet fühlen sie sich wie römische Legionäre. Sie nennen sich mit Spitznamen »Kobra« oder »Schneewittchen«, stammen meist aus einfachen Verhältnissen, haben keine höhere Schulbildung und ihr Lohn ist gering. Kameradschaft ist alles, was zählt, der Knüppel ist ihre Macht. Niemand verrät einen Kameraden, eher werden Berichte gefälscht, Falschaussagen gemacht. – Einen kotzt das an, er macht nicht mit.
Der Polizei gegenüber steht die rohe Gewalt der römischen Ultras, die NISS aus Napoli und Juve-Fans, jugendliche Fußballfans, zu übelster Gewalt bereit, politikverdrossen, von der Gesellschaft nicht mitgenommen, enttäuscht vom Leben und dem, was es zu bieten hat. Die NISS (Keine Begegnungen nur Kämpfe – in der Übersetzung) ordnet man der Camorra zu. Polizisten treffen auf Hooligans, Hass gegen Hass, rohe Gewalt, Mordlust auf beiden Seiten. Deeskalation ist ein Fremdwort.

»Die italienische Justiz hat elf Jahre gebraucht, um einen endgültigen Schiedsspruch über die Geschehnisse in Genua zu fällen. Von der Folter in der Kaserne von Bolzaneto bis zum Eindringen in die Diaz-Schule. Nur wenige Polizeibeamte und -funktionäre sind bestraft worden, und selbst das nur in Teilbelangen … wieder ihren Dienst aufnehmen.«
Carlo Bonini hat sauber recherchiert, nennt die meisten Beteiligten beim Namen, das Buch ist in Reportageform aufgebaut, es gibt Chatprotokolle aus dem Polizeichat, Berichte, eingestreute Gedichte usw. Dabei ist mit einer winzigen Schrift gearbeitet worden, die einem das Lesen verleidet, Schade, denn es sind teilweise lange Passagen. Er berichtet über eine Polizeischlägertruppe, die mit äußerster Brutalität vorgeht, die den laschen Staat verachtet, erzählt von Überfällen auf Migranten, von Polizeigewalt auf dem G8-Gipfel, von wöchentlichen Schlachten zwischen Hooligans vor Roms Stadien. Eine wahre Geschichte, sehr lesenswert, aber garantiert kein Thriller. ACAB - All Cops Are Bastards. ACAB wurde von Stefano Sollima verfilmt.

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Gulans avatar

Rezension zu "ACAB. All Cops Are Bastards" von Carlo Bonini

Gewalt und Gegengewalt.
Gulanvor 6 Monaten

Als Fußballfan, der über das bloße Spiel hinausguckt, nehme ich natürlich auch das Thema Gewalt im Fußball wahr. Für Deutschland wird immer gesagt, dass es in den 1980ern am schlimmsten gewesen sei (So starb 1982 der Werder-Fan Adrian Maleika als Opfer eines Angriffs von HSV-Hooligans). Als ich ab Anfang der Neunziger begann, häufig Fußballspiele zu besuchen, bin ich selbst zwar nicht in solche Gewalttätigkeiten geraten, allerdings gab es schon brenzlige Momente. So war ich im März 1996 glückweiserweise auf der gegenüberliegenden Tribüne, als die berüchtigten Anhänger von Feyenoord Rotterdam begannen, das Düsseldorfer Rheinstadion auseinanderzunehmen. Sehr bizarr war auch auch die Situation einen Monat später. Auf der Hinfahrt zum Gelsenkirchener Parkstadion war ich mt drei Gladbachern alleine in einer Straßenbahn voller Schalker. Alles friedlich. Stunden später nach einem grandiosen Fußballspiel, das 3:3 endete und eigentlich alle Fans zufriedenstellen sollte, wurde der Einsatzbus zum Hauptbahnhof massiv von Schalker Fans bedrängt, die nur von einer Handvoll Polizisten und ihren Hunden von deutlicher Gewalt abgehalten wurden. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich im September 2000 nach dem Zweitligaspiel Aachen gegen Gladbach mit Freunden nach dem Spiel vor dem Tivoli-Stadion war, als uns eine etwas merkwürdige Stimmung auffiel. Wir verdrückten uns gerade rechtzeitig, bevor die ersten Steine flogen. Aber schon damals fiel auf, dass die Hools zwar noch da waren, allerdings hatten sich da die Aktivitäten bereits oft außerhalb des Stadions, in die unteren Ligen und teilweise auch außerhalb der Spieltage verlagert. Literarisch wurde dies übrigens vor zwei Jahren eindrucksvoll im Roman „Hools“ von Philipp Winkler verarbeitet.

Der Hooliganismus als ursprünglich britisches Phänomen hatte sich schnell über den gesamten Globus verteilt. Und die Gewalttätigkeit ist andernorts oft noch viel stärker präsent als in Deutschland, nicht nur, aber auch rund ums Stadion. So beispielsweise in Italien, wo die Hooligangruppen außerdem stark politisiert sind und oftmals beste Kontakte ins kriminelle Milieu haben. Aber die Banden haben auch einen erbitterten Gegner: Die „celerini“, die italienische Bereitschaftspolizei. Von diesen beiden Gruppen erzählt Carlo Bonini in „ACAB – All Cops Are Bastards“.

Carlo Bonini ist Investigativjournalist und auch in Deutschland als Co-Autor (zusammen mit Giancarlo de Cataldo) der Mafia-Thriller „Suburra“ und „Die Nacht von Rom“ bekannt. „ACAB“ erschien bereits 2009 in Italien und wurde 2012 auch fürs Kino verfilmt.. Als Klammer verwendet der Autor zwei Ereignisse: Die Ereignisse während des G8-Gipfels in Genua 2001, als ein Demonstrant von einem Polizisten erschossen wurde und die Bereitschaftspolizei eine Unterkunft stürmte und unbewaffnete Gipfelgegner misshandelte, und den Tod des Laziofans Gabriele Sandri im November 2007 durch einen Verkehrspolizisten. Sein Buch ist fiktionalisiert, aber es basiert auf zahlreichen Interviews, Gerichtsakten und Dokumenten. Bonini verwendet auch Original-Blogeinträge aus einem Forum für Polizisten und Hooligan-Manifeste. Der Folio Verlag hat das Buch als „Thriller“ gelabelt, vermutlich mit einem Achsenzucken, da es schwierig ist, es genau einzusortieren. Mit einem normalen Thriller hat es wenig zu tun, da es sehr auf Fakten basiert und eher episodisch aufgebaut ist. Zwar mit einem roten Faden, aber ohne Plot im eigentlichen Sinne. Aber da es doch in einigen Punkten fiktional ist, handelt es sich natürlich auch nicht um True Crime oder ein Sachbuch.

Ein Strudel der Gefühle ergreift von dir Besitz.Du teilst Schläge aus und steckst Schläge ein. Mittlerweile spürst du nichts mehr. Du kämpfst einfach und schlägst die Gewalttätigen zurück. Und in einem Winkel deines Bewusstsein genießt du das alles!!! In diesem Augenblick und nur in diesem Augenblick verstehst du vielleicht, dass du deine Arbeit, deine Mission liebst. Denn der Kriegerinstinkt unterscheidet den Bereitschaftspolizisten von allen anderen. (S.69)

Zum Teil verfolgen wir die Gangs der Hools und Ultras, die ein unglaubliches Maß an Brutalität erkennen lassen. Gleich zu Beginn gibt es eine Episode auf der Autostrada del Sole, als zwei Roma-Fans in ihrem Auto von Hools des SSC Neapel während der Fahrt mit einem Nietengürtel und einer Signalpistole attackiert werden. Da bleibt einem schon die Spucke weg. Später rotten sich die Gewalttäter auch zu einem Sturm auf eine Polizeikaserne zusammen, greifen Migranten mit Messern an oder helfen der Müllmafia in Neapel. Das vorangegangene Zitat lässt jedoch erahnen, dass es Bonini auch um die Kehrseite der Medaille geht.

Denn die italienische Bereitschaftspolizei ist ihrerseits längst in der Spirale der Gewalt angekommen. Sie wollen den „schwachen“ Staat gegen seine Gegner verteidigen, dabei steigern sich Frustration und Wut. Die Celerini bilden eine eigene isolierte Gruppe, voller Korpsgeist und vielfach berufen sie sich offen auf faschistische Traditionen, stehen damit den Hools näher als man meint. Von Polizeiapparat und Justiz werden Exzesse teilweise toleriert, vertuscht oder Prozesse verschleppt. Es gibt durchaus einige, die diesen Weg nicht mitgehen wollen, aber diese haben keinen einfachen Stand. Im Buch verfolgt Bonini den Weg dreier Polizisten, die alle an den Vorfällen in der Diaz-Schule beim G8-Gipfel in Genua beteiligt waren

Eine Studie über Gewalt und Gegengewalt und wie die staatlichen Institutionen dadurch an Legitimation verlieren, das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert wird. Dabei erzählt Bonini eher dokumentarisch und verzichtet weitgehend darauf, explizit Stellung zu beziehen, sondern beleuchtet das Ganze aus mehreren Perspektiven. Allerdings: Wer einen klassischen Krimiplot erwartet, dem sei gesagt, dass dies hier mehr eine Narration zur gesellschaftspolitischen Debatte ist, ein Diskurs als Vorlage zur weiteren Diskussion. Dass dies aber durchaus spannend und intelligent sein kann, das beweist Bonini mit diesem Buch.

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