Carlos Peter Reinelt Willkommen und Abschied

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Inhaltsangabe zu „Willkommen und Abschied“ von Carlos Peter Reinelt

Carlos Peter Reinelt wagt viel in seinem literarischen Erstling. Sein Erzähler ist ein junger Mann, ein Rabauke, einer, dessen erstes Wort 'verdammt' lautet und der im Jargon pausenlos Flüche von sich gibt. Vor allem (und von allem) ist er genervt, und erst recht stört ihn die schlechte Luft, die Enge, das Geschrei der Kinder, der Gesang der Mütter. Von Allah redet er dann und von einer Geschichte, die sich in seinem Heimatdorf zugetragen hat. Nicht schön. Der Autor lässt ihn nicht aussprechen, wo er sich befindet, aber wer im Jahr 2015 Nachrichten gesehen und gehört hat, ahnt es bald: In einem dunklen Kasten auf der Ladefläche eines LKW. Hier redet einer um sein Leben; und wie der Autor das mit sprachlichen und graphischen Mitteln gestaltet, wie er im Rhythmus des Sprechens die Worte ins Schlingern geraten lässt, dass sie ihre Bedeutung gewinnen und verlieren und auf andere Art wiedergewinnen, neu buchstabiert werden müssen, umrahmt von Goethes 'Willkommen und Abschied' und in Beziehung dazu gesetzt, hat etwas den Atem Verschlagendes.
Dass ein so junger Autor sich diesem brisanten Thema zuwendet, ist bemerkenswert. Kann das gelingen? Reinelt gibt mit seinem Text darauf eine Antwort.

Beklemmende Lektüre aus der Sicht eines syrischen Flüchtlings in einem Schlepper-Lkw. Beeindruckende Sprache und vor allem Gestaltung!

— Julino

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  • Carlos Peter Reinelt: Willkommen und Abschied

    Willkommen und Abschied

    Julino

    17. August 2016 um 15:39

    Die Geflüchtetenthematik ist aktueller denn je und bei all den politischen Entscheidungen wird viel zu oft die menschliche Komponente vergessen. Der 1994 geborene, österreichische Autor Carlos Peter Reinelt versucht in seinem Erstlingswerk Willkommen und Abschied (Wallstein) eben jenes menschliche Schicksal zu beleuchten und geht damit ein Wagnis ein. Dieses Wagnis liegt bei Reinelts Kurzgeschichte in der Erzählperspektive. In Willkommen und Abschied berichtet ein syrischer Geflüchteter, der sich in einem Schlepper-Lkw mit ca. sechzig anderen Menschen auf der Flucht nach Österreich befindet, aus der Ich-Perspektive. Mir hat sich nun folgende Frage gestellt: Darf ein junger, österreichischer Schriftsteller sich das Recht herausnehmen, durch die Augen eines Geflüchteten zu sehen? Kann ein privilegierter Mensch aus der westlichen Welt überhaupt ansatzweise verstehen, wie ein syrischer Geflüchteter sich auf einer oft tagelangen Fahrt in einem stickigen Lkw fühlt? Ist das nicht pure Anmaßung? Einerseits schon. Immerhin leben mittlerweile genug Geflüchtete in deutschsprachigen Ländern, sodass eine literarische Zusammenarbeit mit ihnen wohl auch denkbar und sinnvoll wäre. Andererseits war Literatur schon immer ein Mittel, um andere Perspektiven einzunehmen, sich zum Beispiel vom privilegierten Leben zu lösen und so den eigenen Horizont zu erweitern. Was dann dabei herauskommt, ist oft ein Mehrwert für andere Menschen und kann das Verständnis unvorstellbarer Geschehnisse in Ansätzen fördern. Reinelts Text Willkommen und Abschied schafft genau das, nicht zuletzt aufgrund seiner Gestaltung und Stilistik. Reinelts Debüt trägt den gleichen Titel wie ein Gedicht von Johann Wolfgang Goethe, und tatsächlich lassen sich Parallelen zwischen beiden Texten finden. In Goethes Gedicht ist es die Vorfreude auf die Geliebte, die das lyrische Ich zur Reise antreibt. Das Treffen mit der Angebeteten verläuft euphorisch, der Abschied schmerzhaft. Freude und Schmerz, auch dieses Gegensatzpaar treibt den Ich-Erzähler inWillkommen und Abschied um. Freude, weil er dem Krieg entkommen ist und sich ein besseres Leben ausmalt, Schmerz, weil er seine Familie zurücklassen musste. Im Gegensatz zu Goethes lyrischem Ich tritt die Hauptfigur keine Reise, sondern seine Flucht an, aus einem weitaus traurigeren Grund als der Liebe: Krieg. Sein innerer Monolog während der Fahrt im Schlepper-Lkw ist so ergreifend wie schockierend. "Verdammt, das Kind schreit sicher schon seit 2 Stunden. ich halt’s nicht mehr aus. Aber noch viel schlimmer wie das Kind ist die Alte. Ihren Klagegesang erträgt doch kein Mensch. […] Diese elenden Klagelieder. Wo soll dein scheiß Allah denn sein?" Die Nähe des Geschriebenen zur gesprochen Sprache lässt die Fahrt des Syrers so authentisch erscheinen, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, selbst in diesem Lkw voller Menschen, Urin und Kot zu sitzen. Besonders auffällig ist die Typografie des Textes. Der Satzspiegel wird von der Fraktur „Willkommen und Abschied“ umflossen, was ein Gefühl von Enge erzeugt und so die Situation im Lkw untermalt. Beginnt die Hauptfigur langsam einzuschlafen, wird die Schrift kleiner, wie vor einem sich schließenden Auge. Regt der Protagonist sich auf und wird panisch, ist die Schrift besonders groß, wie die vor Angst geweiteten Pupillen. Außerdem wird der Hintergrund des Textes immer dunkler. Sind die Seiten anfangs noch weiß, geht ihre Farbe zunehmend in ein Grau über und verdunkelt sich zum Ende hin beständig. Für mich war diese Gestaltungskomponente ein Hinweis auf den physischen und psychischen Zustand des Geflüchteten, der sich im Laufe der Handlung schrittweise verschlechtert. Vor allem durch diese bewusste Gestaltung kann der auf nur 24 Seiten erzählte Schrecken dieser Schlepper-Fahrt wirken. Trotz der Kürze des Büchleins ließ mich die Lektüre im Nachhinein nachdenklich und erschüttert zurück. Aber genau das soll Literatur in mir auslösen und genau deshalb hat dieser Text seine volle Berechtigung, obwohl hier ein westlicher Autor aus Sicht eines syrischen Geflüchteten schreibt. Manchmal ist es eben nötig, ein Wagnis einzugehen, vor allem in der Literatur.Willkommen und Abschied ist ein mutiger Text, der erzählerische Grenzen überschreitet und dabei einen neuen Zugang legt zum derzeit wichtigsten Thema in Politik und Gesellschaft.

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