Seit 2016 gilt in Deutschland "Nein heißt nein". Ein Richter sagte letztes Jahr zu mir, dass mit diesem Gesetz den Frauen ein Bärendienst erwiesen wurde. Ein "Ja heißt ja" bringe uns eher weiter.
Diesen Gedanken hat Carolin Emcke hier bereits 2019 aufgegriffen. Es geht aber nicht nur um seggsualisierte Gewalt sondern generell um die Benachteiligung marginalisierter Gruppen, zu denen auch Frauen gehören.
Bei allem geht es vor allem um Macht. "Es ist diese Macht, die auch darüber entscheidet, wem geglaubt wird und wem nicht, wessen Misshandlung als lustig und akzeptabel, wessen Nötigung als selbstverschuldet und harmlos, als Teil des Geschäftsmodells, als Teil der Arbeitskultur gilt, es ist diese Macht, die auch darüber entscheidet, wer sich zu sprechen traut, wer die Scham ablehnt oder die zugeschriebene Mitschuld an der Demütigung, es ist diese Machr, die auch darüber entscheidet, wem geholfen wird, wem zugehört, wer beschützt wird, für wen Schweigezirkel durchbrochen werden, welche Hautfarbe, welche Kleidung, welcher Status, welche Weiblichkeit als schützenswerter gelten als andere." (S. 28)
Carolin Emcke, selbst lesbisch, gelingt hie ein Rundumschlag gegen unsere heteronormative männlich geprägte Cis-Welt aus lauter "Biodeutschen". Ich wage die These, dass jede Frau in ihrem Leben bereits mindestens unangemessenes Verhalten eines Mannes ertragen musste, jede zweite Frau hat seggsuelle Gewalt erlebt. Sämtliche Angehörige der LGBTQA+ Community müssen sich immer wieder erklären, Menschen mit Migrationsgeschichte müssen unabhängig davon, wie lange sie und ihre Familie in Deutschland leben immer wieder beweisen, dass sie "wirklich" deutsch sind.
"Es ist unangenehm, wieder und wieder erklären zu müssen, warum die Würde des Menschen unantastbar sein soll, wieder und wieder ausbuchstabieren zu müssen, was die Würde sein könnte und wer alles als Mensch zählt, es erscheint peinlich banal, erklären zu müssen, warum Menschen rechtsstaatliche Garantien verdienen, warum sie nicht benachteiligt werden dürfen, nur weil sie anders glauben, anders lieben oder einen anderen Körper haben, als es mehrheitlich erwartet wird, wieder und wieder zu erläutern, warum jede Person selbst bestimmen darf, was ihr Lust bereitet oder warum jede Person fromm oder trans oder ungläubig sein darf." (S. 90)
Nach dem Lesen dieses Buches war mir wieder bewusst, wie privilegiert ich bin. Ich bin weiß, cis, hetero, lebe in Mitteleuropa (noch) in Frieden und Freiheit, konnte Bildungschancen nutzen und bin das, was man einen "sozialen Aufsteiger" nennt.
Ich bin aber auch eine Frau, die selbst erlebt hat, dass für Männer und Frauen nicht dieselben Regeln gelten. Solange ich kann, werde ich mich dafür einsetzen, dass sich das endlich ändert.
Um es mit den Worten der mutige Giselle Pelicot zu sagen: Die Scham muss die Seiten wechseln.





















