Nordische Göttersagen haben mich schon immer fasziniert – vielleicht, weil sie so gewaltig, so widersprüchlich und zugleich so menschlich wirken. Schon die Götter selbst und die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften üben eine besondere Anziehung auf mich aus: Baldur, Gott des Lichts, der Schönheit, des Frühlings und der Gerechtigkeit, oder Thor, der mächtige Gott des Donners, des Sturms und der Vegetation. Beide sind Söhne Odins, des Göttervaters. Diesen vermeintlich lichten Gestalten steht Loki gegenüber: ein ambivalenter Trickster, Gestaltwandler und Gott der List. Obwohl er von Riesen abstammt, wurde er Odins Blutsbruder – und schließlich zum Verräter. Genau diese Mischung aus Größe, Schuld, Loyalität und Verrat hat mich immer berührt.
So hatte ich die Geschichte Asgards bislang in Erinnerung. Doch was, wenn man sie auch ganz anders erzählen kann? Marah Woolf nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch Asgard und öffnet den Blick für eine neue Perspektive – und genau das hat mich viel stärker gepackt, als ich erwartet hätte. Entstanden ist eine Geschichte, die nicht nur unterhält, sondern dabei unglaublich viel Herz und Charme entwickelt. Wir begegnen Figuren, die nahezu perfekt darin sind, einander auf die Nerven zu gehen – und dennoch füreinander einstehen, wenn es wirklich zählt. Wiederkehrendes Misstrauen wechselt sich mit beinahe naivem Vertrauen ab, das nicht selten in Sackgassen führt. Gerade diese kleinen Brüche, Zweifel und Annäherungen haben für mich den besonderen Reiz ausgemacht. Getragen wird all das von teils geschliffenen, teils herrlich witzigen Dialogen und von Figuren, die sich nach und nach leise ins Herz schleichen. Und ja: Romantik gibt es ebenfalls. Selbst Spice kann man haben, sofern man ihn denn möchte; das hat die Autorin sehr geschickt gelöst.
Neben den Göttern begegnen wir mit Ylva einer Protagonistin, die ich nur als ausgesprochen cool beschreiben kann – und die mir beim Lesen immer näher gekommen ist. Sie ist Heldin und Antiheldin zugleich, geprägt von dem, was sie in ihrer Familie und an der Akademie gelernt hat, und zunächst kaum in der Lage, diese Sichtweise loszulassen. Gerade deshalb fühlte sich ihre Entwicklung für mich so ehrlich an. Denn um eine Geschichte wirklich vollständig zu verstehen, muss man auch andere Seiten sehen, andere Versionen hören und sich in Menschen hineinversetzen, die einem zunächst vollkommen fremd erscheinen. Es lohnt sich, Erinnerungen und Gefühle ernst zu nehmen – selbst dann, wenn sie nicht zur bisherigen Weltsicht passen oder ihr sogar widersprechen. Ylva durchläuft genau diese Entwicklung, und es macht nicht nur Freude, sie dabei zu begleiten; manchmal möchte man sie schütteln, manchmal umarmen und am Ende einfach weiter mit ihr gehen.
Am liebsten würde ich nun auch all die anderen Figuren ausführlich würdigen, von denen ich bereits angedeutet habe, dass sie mir ans Herz gewachsen sind. Das würde jedoch zu viel Raum einnehmen – und womöglich zu viel verraten. Nur so viel sei gesagt: Fast alle Völker, die der Weltenbaum Yggdrasil miteinander verbindet, finden durch eine oder mehrere Figuren Eingang in diese Geschichte. Dadurch entsteht eine Welt, in der man sich erstaunlich schnell zuhause fühlt, obwohl sie voller Gefahren, alter Konflikte und unausgesprochener Wahrheiten steckt.
Ich vergebe wirklich selten 5 Sterne. Hier war ich kurz davor, und es ist eher ein Gefühl als ein klar benennbarer Grund, das mich davon abhält, die volle Punktzahl zu geben. Vielleicht möchte ich mir den halben Stern einfach noch für die Fortsetzung Falling Midgard aufbewahren. Für den 29.09.26 werde ich mir jedenfalls nichts anderes vornehmen, als weiterzulesen und diese liebgewonnenen Figuren wiederzutreffen. Denn genau das ist für mich das Schönste an diesem Buch: Ich habe es nicht einfach beendet – ich habe Asgard nur widerwillig verlassen.
Fazit: Falling Asgard – List & Vorurteil ist eine kluge, humorvolle und mitreißende Neuinterpretation nordischer Mythen, die vertraute Götterbilder teilweise bewahrt, zugleich reizvoll hinterfragt und andere gar ganz in Frage stellt. Marah Woolf verbindet starke Figuren, lebendige Dialoge, Romantik und mythologische Spannung zu einer Geschichte, die nicht nur spannend ist, sondern sich auch warm, lebendig und überraschend nah anfühlt. Für alle, die Asgard lieben – oder es ganz neu entdecken möchten – ist dieses Buch eine klare Empfehlung und ein Auftakt, der Lust macht, sofort weiterzureisen.
















