„Es ist mir sehr wichtig, die Zeit vergehen zu lassen. Mich durch die Tage zu bringen. Auf mich selbst zu warten.“
Inhalt
Im Oktober 2014 verstirbt der nur 34-jährige Lebenspartner der jungen schwedischen Autorin Carolina Setterwall, die sich in dieser autofiktionalen Erzählung mit dem Verlust ihrer Liebe auseinandersetzt. Die Erzählung richtet sich direkt an den Verstorbenen und greift dabei zwei Zeitebenen auf: eine Phase in der Vergangenheit - vom Kennenlernen bis zum Tod von Aksel und eine andere in der Gegenwart – vom ersten Tag ohne ihn und all die weiteren endlosen Tage, in Erinnerung an seine Person. Als Aksel stirbt, befindet sich das Paar in einer schwierigen Phase. Der gemeinsame Sohn ist gerade mal 8 Monate alt und die Liebenden haben sich eigentlich ziemlich auseinandergelebt. Und während Carolina sehnlichst darauf hofft, dass die Verbundenheit zwischen ihr und ihrem Partner wieder aufleben wird, kommt das Schicksal dazwischen und trennt sie für immer. Nun beginnt für die junge Frau ein langer, steiniger Weg, den sie trotz intakter Familie und einem großen Freundeskreis kaum bewältigen kann. Jeder Tag ist eine Belastungsprobe für sie und ihre Schuldgefühle schweigen einfach nicht. War sie es vielleicht selbst, die Aksels letzte Tage mit ihren ständigen Anforderungen so stressig hat werden lassen, das sein Herz versagte? Warum konnten sie nicht einfach so glücklich sein, wie zu Beginn? Und wann war der Zeitpunkt, wo sie sich so weit voneinander entfernt haben, dass nur die Bequemlichkeit noch ihr Zusammenhalt war? Für den gemeinsamen Sohn beschließt sie weiterzumachen, all ihre Liebe in dieses Wunschkind zu stecken und irgendwann die innere Stimme zum Schweigen zu bringen.
Meinung
Dieses Buch lag schon einige Jahre auf meinem SUB, obwohl ich es mir nahe am Erscheinungstermin besorgt habe. Lesetechnisch finde ich mich oft in Büchern über Trauer und Verlust wieder, greife durchaus gezielt zu solcher Literatur, weil mir die Gedanken der Betroffenen nie fremd scheinen, weil ich selbst in jungen Jahren schon viel getrauert habe und mich die Schwere dieser Lektüre nicht schwächt, sondern bestärkt. Ich scheue mich auch nicht vor den Emotionen, die wachgerüttelt werden und trete gedanklich sehr nahe an die handelnden Personen heran. Bei diesem Buch gibt es aber noch eine andere Komponente, die mich nachhaltig beeindruckt hat: Carolina trauert nicht nur, sie geht hart ins Gericht mit sich selbst und ihren Ansprüchen, mit negativen Gedanken und verachtenswerten Charaktereigenschaften, sie vollzieht eine radikale Innenschau, die eigentlich gar keinen Platz für positive Gefühle lässt, sondern nur Trauer und Leere projiziert. Dieser Roman wühlt tief in dunklen Kammern der Seele und schafft mehr und mehr Verständnis für die junge Frau, obwohl viel Distanz bleibt. Hier möchte niemand gefallen oder etwas beschönigen, hier geht es ums wachrütteln und die Erkenntnis, dass man für gute Beziehungen mehr tun muss, als nur gute Vorsätze zu haben …
Fazit
Ich habe dieses Buch ausgesprochen gerne gelesen, es trifft so viele Dinge genau auf den Punkt und macht die Vergänglichkeit des Lebens und damit verbundener Leerstellen deutlich sichtbar – deshalb klare 5 Lesesterne. Das generelle Verhalten der Autorin in Beziehungen erschien mir ambivalent – es geht immer Hals über Kopf, es bleiben Wünsche offen und Ansprüche unerfüllt, aber geprüft wird nicht, nur hinterher bereut oder gezweifelt. Dadurch wird auch der eigene Charakter der Protagonistin sichtbar und als Leser musste ich oft den Kopf schütteln über so manche Einstellung, doch alles ist in sich schlüssig, jedes Wort wirkt echt, jede Handlung nachvollziehbar – mich hat das manchmal an Seelenstriptease erinnert, doch auch diese Komponente fand ich in Summe sehr bewundernswert und einmalig in einem derartigen Roman. Seltsamerweise war ich auf Taschentücheralarm eingestellt und habe kaum eine einzige Träne vergossen, sehr ungewöhnlich für diese Art von Erzählung und auch dafür vergebe ich die Bestnote.



