Die Journalistin Casey Cep beschreibt in diesem Sachbuch den Kriminalfall um den Serienmörder und Versicherungsbetrüger Willie Maxwell. Er ist Minenarbeiter und Prediger, die Kirchgänger hören ihm gerne zu. Doch als in relativ kurzer Folge zwei Ehefrauen, ein Bruder, ein Neffe, ein Nachbar und schließlich noch seine Stieftocher unter mysteriösen Umständen sterben und sich dann noch herausstellt, dass Willie auf alle diese Personen hohe Lebensversicherungen abgeschlossen hat, wird Verdacht fast zur Gewissheit. Mehrere Versuche, ihn vor Gericht zu stellen scheitern in den 70er Jahren an der schlechten Beweissicherung, ein forensisches Labor wurde gerade erst eingerichtet. Die Versicherungsgelder werden ausgezahlt. Auf der Beerdigung der Stieftochter Shirley Ellington, wird Willie Maxwell dann vom Bruder der Toten erschossen. Dieser Mann wird nun vor Gericht gestellt. Der Angeklagte ist schwarz, der Anwalt weiß.
An diesem Prozess nimmt die Starschriftstellerin Harper Lee, Autorin des Bestsellers "To Kill A Mockingbird" teil, sie plant ein Buch über diesen Fall. Doch ist sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst – fast 20 Jahre sind seit ihrem Welterfolg vergangen, nichts Neues gibt es seitdem, sie scheut die Öffentlichkeit und versucht die Schreibblockade mit viel Alkohol zu bekämpfen. Von diesem Fall allerdings ist sie magisch angezogen, sie liebt "true crime" - so wie damals, als sie mit Jugendfreund Truman Capote für "In Cold Blood" recherchierte. Jahrelang ermittelt sie nun für ihr eigenes, für dieses neue Buch, aber schreiben konnte sie es nicht.
Und ein bißchen trifft das auch auf die Autorin Casey Cep zu. Die angesehene Reporterin des "New Yorker" hat für ihr Buch "Grimme Stunden" (Originaltitel: "Furious Times") brillante Recherchearbeit geleistet, doch ist das Buch nach meinem Empfinden viel zu detailreich und oft vorlesungsartig geschrieben. Seitenlang geht es da über die Geschichte der Minenarbeiter, die Entwicklung des amerikanischen Versicherungs- und Justizwesen, über den großen Brand von London im 17. Jahrhundert, die noch immer andauernde Rassentrennung, die Architektur von Gerichtsgebäuden. Ermüdend ist das, es erfordert Motivation, trotzdem weiter zu lesen.
Und es lohnt sich, denn nun wird über Lees Freundschaft mit Capote berichtet, die Arbeit an "Cold Blood", die Entwicklung des literarischen Journalismus, die Eifersüchteleien, sein Buch, ihr Buch, die Lebensgeschichten der beiden Schriftsteller. Ich glaube, dass Capote ihr – als Dank für die zweijährige Zuarbeit zu "Cold Blood" - beim Schreiben des "Mockingbird" sehr, sehr geholfen hat. Der Blick in den 2015 ohne ihre erklärte Zustimmung veröffentlichten Mockingbird-Romanentwurf "Go Set A Watchman" zeigt ganz deutliche Schwächen und erklärt, warum sie dann keinen weiteren Roman schreiben konnte. Weder Harper noch Capote haben diese immer wieder aufkommende These je dementiert. Und auch Casey Cep schreibt darüber nichts.