Wer war Hypathia? Warum gaben die Römer ihre geliebten Badehäuser auf? Und warum sind die schönsten Statuen der Antike nur in verstümmeltem Zustand erhalten? Die Altphilologin Catherine Nixey scheut sich in ihrem Bestseller The Darkening Age nicht davor, unser Wissen über die Spätantike auf die Probe zu stellen. Durch ihre Untersuchungen, die sich auf die Zeit zwischen dem vierten und sechsten Jahrhundert konzentrieren, zieht sich wie ein roter Faden eine gewagte These: Dass der Siegeszug des Christentums keinesfalls so friedlich war, wie Geschichtsschreibung und populäres Wissen lange Zeit glauben machten. Eine These, die als überaus provokant wahrgenommen wurde und entsprechend polarisierte. Stefan Rebenich von der Süddeutschen Zeitung etwa ging so weit, Nixey als „moderne Opferanwältin“ und „Apostatin“ zu diffamieren und ihr persönliche Motive zu unterstellen.
Deutlich wird dabei, dass Nixey polemischer und undifferenzierter rezipiert wird, als sie schreibt. Schließlich macht die Autorin schon in der Einleitung deutlich, dass es ihr nicht darum geht, das Christentum pauschal zu verurteilen. Vielmehr stellt sie dem weitverbreiteten Bild gebildeter und friedfertiger Mönche die Intellektualitäts- und Lebensfeindlichkeit vieler früher Christen gegenüber – eine so notwendige wie wertvolle, wenn auch unbequeme Aktualisierung.
Zudem wurde Nixey vorgeworfen, stark zu vereinfachen: Der Historiker Clemens Schlip etwa bemängelte, dass sie ein einseitiges und monokausales Bild vom Ende der Antike zeichne. Auch hier wurde offenbar ungenau gelesen, schließlich schreibt Nixey: „The Christian assault was not the only one – fire, flood, invasion and time itself all played their part – but this book focuses on Christianity’s assault in particular. This is not to say that the Church didn’t also preserve things: it did. But the story of Christianity’s good works in this period has been told again and again (xxxv).“
Zu keiner Zeit erhebt Nixeys Buch dabei den Anspruch, eine wissenschaftliche Publikation zu sein, ihre Aussagen sichert sie dennoch umfassend mit Quellenangaben ab. Die Altphilologin zitiert Augustinus von Hippo, Johannes Chrysostomos und Damaskius ausgiebig aus Primärtexten, argumentiert mit und gegen Edward Gibbon und setzt sich nicht zuletzt auch intensiv mit der zeitgenössischen Forschung zum Thema auseinander.
Ein Punkt, den man The Darkening Age tatsächlich vorwerfen kann, ist dagegen die sprachliche Präsentation und eine gewisse Tendenz zur Schwarz-Weiß-Zeichnung. Die zu Wiederholungen und allzu prägnanten Parataxen neigende Sprache besitzt nicht selten etwas Reißerisches; um auch von Leser*innen gehört zu werden, die dem Christentum nicht ohnehin kritisch gegenüberstehen, wäre ein nüchternerer Stil klar von Vorteil gewesen. Die romanhaften Beschreibungen friedlicher Szenen in vorchristlichen Tempeln auf der einen Seite und von johlenden Mengen ungeduschter, knüppelschwingender Mönche auf der anderen sind darüber hinaus zwar anschaulich, dabei aber wenig nuanciert. Im Zeichen dieser starken Kontrastierung steht auch Nixeys Versuch, die Zeit der Christenverfolgung – auf nur dreizehn Jahre datiert – im Vergleich zur jahrhundertelangen Unterdrückung Andersgläubiger durch Christen irrelevant erscheinen zu lassen. Ein problematischer Relativismus, der nichts zur Stützung von Nixeys These beiträgt.
Ein weiterer Kritikpunkt verbindet sich mit der teilweise unübersichtlichen Darstellung von historischen Ereignissen in The Darkening Age. Bei den repetitiven Beschreibungen von Zerstörung in tausendfacher Gestalt drohen regionale Unterschiede im weitläufigen und kulturell heterogenen römischen Reich übersehen zu werden. Durch die einander ähnelnden Darstellungen kann letztlich nur ein Eindruck gleichförmiger Gewalt zurückbleiben. Eine Schwäche, die sich das Buch mit den Werken vieler engagierter Autoren teilt, etwa auch den berühmten Aufzeichnungen von Bartolomé de las Casas über die Untaten der spanischen Konquistadoren in der „neuen Welt“.
Diese Schwachstellen ändern jedoch nichts am Verdienst von Nixeys Abhandlung, die eine Einladung dazu darstellt, das Selbstverständnis unserer christlich geprägten Kultur neu zu überdenken. Ihre Kritik beschränkt sich dabei nicht nur auf das Christentum, sondern richtet sich gegen religiösen Fundamentalismus und Intellektualitäts-, Kunst- und Genussfeindlichkeit jedweder Couleur. Darin liegt das so wichtige wie zeitlose Anliegen von The Darkening Age, das in Nixey eine eloquente, entschlossene und sehr überzeugende Vertreterin gefunden hat.










