Der Schieber

von Cay Rademacher 
4,3 Sterne bei46 Bewertungen
Der Schieber
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eulenmamas avatar

Sehr gut geschrieben, für mich ein authentisches Bild dieser Zeit verpackt in einen spannenden Krimi

StefanieFreigerichts avatar

Richtig guter „Zwitter“ aus Kriminal-, historischem und Hamburg-Roman – sehr spannend, lehrreich, unterhaltsam, mitreißend. Top!

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Inhaltsangabe zu "Der Schieber"

Kommissar Staves zweiter Fall
Hamburg 1947: Es ist das Jahr der Extreme. Nach dem bitterkalten Hungerwinter stöhnt die zerbombte Stadt schon im Frühling unter quälender Hitze. Und Oberinspektor Frank Stave wird mit einem neuen Fall konfrontiert. In den Ruinen einer Werft wird die Leiche eines Jungen gefunden. Zusammen mit Lieutenant MacDonald und Doktor Czrisini macht sich Stave auf die Suche nach dem Mörder, und die Ermittlungen führen sie in die Welt der »Wolfskinder« – jener elternlosen Kinder, die aus den besetzten Ostgebieten geflohen sind und sich nun zu Banden vereint als Kohlenklauer, Prostituierte und Schmuggler durchschlagen.
Doch nicht nur beruflich sieht Frank Stave sich vor Rätsel gestellt: Mitten in den Untersuchungen steht plötzlich sein Sohn vor der Tür, der aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist. Ein schmerzhafter Weg der Annäherung liegt vor ihnen, während Stave zugleich um den Erhalt der Beziehung zu seiner Geliebten Anna kämpft.
Als zwei weitere Leichen entdeckt werden, gerät Stave zunehmend unter Druck. In einer dramatischen Nacht im Hafen soll sich schließlich entscheiden, ob Stave den Täter zu fassen bekommt …

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783832162542
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:368 Seiten
Verlag:DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum:21.11.2017
Das aktuelle Hörbuch ist am 01.09.2012 bei Der Audio Verlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    StefanieFreigerichts avatar
    StefanieFreigerichtvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Richtig guter „Zwitter“ aus Kriminal-, historischem und Hamburg-Roman – sehr spannend, lehrreich, unterhaltsam, mitreißend. Top!
    Richtig guter „Zwitter“ aus Kriminal-, historischem und Hamburg-Roman – sehr spannend!

    „Die alte Hutkrempenregel: Verletzungen, die durch einen Sturz verursacht werden, liegen am Kopf stets so, dass man sie sehen würde, hätte das Opfer einen Hut auf. Die meisten Schädelverletzungen hingegen befinden sich höher am Schädel.“ S. 214 So lernen Leser und Frank Stave gleichermaßen, der Hamburger Oberinspektor, der doch viel lieber wie vor dem Krieg „Kommissar“ heißen würde. Die Schädelverletzungen hat das bereits zweite Opfer – oder sind es gar drei Opfer? Alle sind Jugendliche – alle hatten zuvor bereits ihre Eltern an den Zweiten Weltkrieg verloren. Hamburg, ab dem 30.05.1947. Die Stadt liegt in Trümmern, steht unter britischer Verwaltung.

     

    Cay Rademacher lässt das Nachkriegs-Hamburg plastisch auferstehen mit seiner Zerstörung, dem Schwarzmarkt, der Rationierung und Knappheit von fast allem – aber auch schon mit den ersten Gewinnlern und denen, die dauerhaft alles verloren haben: entwurzelten Kindern, die durch Bombenangriffe in Hamburg selbst oder auf der Flucht aus deutschen Ostgebieten ihre Eltern verloren haben, die von klein auf nur den Lebenskampf erlernt haben und sich so nicht mehr einfügen können in die „neue Zeit“. Da wird der Roman fast zur Gesellschaftsstudie, ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit etlichen eingeflochtenen Persönlichkeiten des wahren Lebens, wenn sich sein Personal durchschlägt, wenn die Briten Blohm und Voss demontieren lassen, den früheren Konkurrenten, wenn es schiefe Blicke der Nachbarn gibt angesichts neuer Beziehungskonstellationen nach dem Verlust der alten, wenn die Alpträume kommen und die Heimkehrer aus den Gefangenenlagern. Der Text versetzt mich als Leser sehr plastisch hinein.


    Und dennoch: Er bleibt Kriminalroman, rasant dazu, mit seiner unmittelbaren Wirkung auch durch das durchgängige Präsens des Textes, der sich nach meiner Meinung für Liebhaber des Genres als auch für Liebhaber historischer Romane gleichermaßen eignet und viel über Hamburg berichtet, besonders aus dem Milieu der Werften. Es ist kein klassischer „Whodunnit“, bei dem der Leser über Informationen zum Miträtseln verfügt, vielmehr begleitet er Stave und seinen britischen Gegenpart, Lieutenant James MacDonald, bei den Ermittlungen, wie auch schon im ersten Band der Reihe – in diesem Falle inklusive Showdown zum Ende, das Buch hat mir eine Nacht doch reichlich zum Tage gemacht. Ich hatte den ersten Teil vorher gelesen https://www.lovelybooks.de/autor/Cay-Rademacher/Der-Tr%C3%BCmmerm%C3%B6rder-Kriminalroman-733726452-w/rezension/1456030753/, jedoch ist das nicht zum Verständnis erforderlich; es gibt kurze Zusammenfassungen, ohne dass Autor Rademacher dabei zu ausschweifend wird.


    Klare Leseempfehlung für Spannung, sympathische Protagonisten, eine nach meiner Meinung klug gewählte Auflösung, viel Zeit- und Lokalkolorit und dafür, dass ich neues gelernt habe sowohl über düstere Vergangenheit (Wolfskinder) als auch über (historisches) Arbeitsleben (Tallymann, Schauerleute, Stauer,…!). 5 Sterne, da Band 2 mir noch einen Tick besser gelungen erscheint als Band 1.

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    engineerwifes avatar
    engineerwifevor 2 Jahren
    Die schwere Zeit danach ...

    Hamburg 1947 … was für ein Jahr! Ein extrem heißer Sommer, der die Wasserzufuhr in Hamburg zum Erliegen bringt, macht der gesamten Bevölkerung zu schaffen. Umso beeindruckender die Tatsache, wie hart besonders die Frauen arbeiten, um die Stadt wieder bewohnbar zu machen. Stunde um Stunde, Tag um Tag stehen sie in den Trümmern und versuchen Hamburg wieder aufzubauen. Viele der heimgekehrten Männer sind immer noch sehr kriegsgeschädigt und der Wirtschaftsaufbau geht unter der britischen Besatzung natürlich nur schleppend voran. Umso emsiger sind die sogenannten Schieber dabei, ihre Taschen zu füllen. Leider bleiben bei diesem Bestreben drei junge Menschenleben auf der Strecke, mit deren Mordaufklärung, zumindest in Teilen, der dem Leser inzwischen gut bekannte Oberinspektor Stave beauftragt ist.
    Das Leben könnte so schön sein für ihn, die Beziehung zu Anna scheint sich zu festigen und sein Sohn ist aus Russland zurück. Doch nichts ist so einfach wie es scheint und so leidet man mit ihm und seinen kleinen Niederlagen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt für ihn und Leutnant MacDonald, hängt doch auch die Zukunft seiner Sekretärin Erna von der Aufklärung der Morde ab.
    Einen kleinen Abzug erhält der Autor diesmal von mir, da sich die richtige Spannung um die Kriminalfälle eigentlich erst im letzten Drittel der Story aufbauen, zwischenzeitlich hält den Leser jedoch Staves Privatleben in Atem. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil.  

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    Bellis-Perenniss avatar
    Bellis-Perennisvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Der zweite Fall für Frank Stave und Lt. MacDonald in der zerbombten Hansestadt Hamburg.
    Wer ist der tote Junge auf dem Blindgänger?

    Hamburg, Frühjahr 1947 – die Stadt ist nach wie vor größtenteils zerstört. Täglich werden Blindgänger gefunden und entschärft. Die Menschen hungern. Wenigstens frieren sie nicht mehr, denn es herrscht jetzt Ende Mai Tropenhitze. Der Schwarzmarkt floriert.

    Dies ist die Kulisse zu Frank Staves zweitem Fall. Er wird zu einem Mordfall in den Hafen gerufen. Ein toter Jugendlicher liegt dramatisch drapiert auf einer Fliegerbombe. Da der Hafen dem Britischen Militär untersteht, ist auch Lt. James MacDonald bei den Ermittlungen wieder an seiner Seite.

    Stave hat nicht nur bei seiner Arbeit den Mörder zu finden Probleme, nein auch in seinem Privatleben geht es drunter und drüber. Karl, sein Sohn kehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft wieder zurück. Das Zusammenleben der beiden vom Krieg gebeutelten Männer gestaltet sich schwierig. Dazu kommt, dass Staves Beziehung zu Anna hart auf die Probe gestellt wird. Sie gibt nicht allzu viel aus ihrer Vergangenheit preis, was den Polizisten zum Grübeln bringt.

    Die Suche nach dem Mörder gestaltet sich verzwickt. Da ist zum einen sein Kollege Cäsar Dönnecke, der ihm das Leben schwer macht und zum anderen werden weitere Kinder, die allesamt das erste Mordopfer kannten, ermordet.
    Wie hängen diese Verbrechen zusammen? Denn, dass sie zusammenhängen ist offensichtlich.

    Stave und MacDonald gehen gemeinsam vor. Manchmal umgehen sie die geltenden Gesetze. Die Dialoge der beiden sind sarkastisch und humorvoll. Der Deutsche und der Engländer lavieren sich geschickt durch die Vorschriften.

    Wird Oberinspektor Stave den oder die Mörder finden und festsetzen können?

    Ich finde diesen Krimi, der in die Geschichte Hamburgs eingebettet ist grandios.
    Die Beteiligten werden lebensecht und voller Zweifel dargestellt. Die Zwickmühlen in denen sowohl Stave als auch MacDonald stecken sind glaubwürdig beschrieben.

    So oder ähnlich hat sich das Leben der Bevölkerung in vielen Städten Europas nach dem Krieg abgespielt. Der Leser kann dies hautnah miterleben. Auch die Ohnmacht Einzelner (wie Staatsanwalt Ehrlich), wenn manche der braunen Gesellen sehr, sehr rasch wieder zu Ansehen und Macht kommen.

    Die Sprache ist der Situation angepasst. Ein wenig schräger Humor darf auch nicht fehlen.
    Die Charaktere gut gezeichnet und haben Ecken und Kanten.

    Fazit: wieder fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

    Kommentare: 1
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    NiWas avatar
    NiWavor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Solider Nachkriegskrimi!
    Solider Nachkriegskrimi

    Hamburg in der Nachkriegszeit. Die Leiche eines Jungen wird auf einer Bombe drapiert in den Ruinen einer Werft gefunden. Es ist Oberinspektors Staves zweiter Fall im zerbombten Hamburg während der Besatzungszeit, bei dem er nun versucht, einen Kindermörder zu fassen.

    Die Krimihandlung selbst ist an und für sich nicht herausragend. Bis auf den ungewöhnlichen Fundort der Leiche - welcher lebensmüde Mörder legt eine Leiche auf einem Blindgänger der Alliierten ab? - ist es ein Kriminalfall der solide nach dem gängigen Schema abgearbeitet wird. Frank Stave macht sich auf Mördersuche, wobei auch noch weitere Leichen seinen Ermittlungsweg pflastern und er nach und nach Mordverdächtigen und dem Motiv auf die Schliche kommt.

    Allerdings zeichnet sich dieser Krimi durch seinen historischen Rahmen aus. Nicht nur, dass der Grundstein der Handlung auf wahren Umständen basiert, Cay Rademacher hat ein besonderes Gespür dafür, den Leser das zerbombte Hamburg der Nachkriegszeit vor Augen zu führen: die Zuteilung der Wohnstätten, die großen und kleinen Probleme des Lebensalltags, leise Hoffnung sowie laute Verzweiflung und die Schwerfälligkeit polizeilicher Ermittlungen, hervorgerufen durch die Wirren, die der Krieg in der Regel nach sich zieht. Davon wird ein anschauliches Bild vermittelt, das unglaublich authentisch wirkt.

    Außerdem ist Kommissar Frank Stave ein sympathischer und glaubwürdiger Charakter, an dessen Seite man weitere Tatsachen über die Zeit nach dem Krieg erfährt. So steht Karls Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft bevor und der Kommissar weiß nicht so recht, ob er sich über die Rückkehr des Sohnes freuen oder davor fürchten soll. Denn der Sohn wurde als begeisterter Nazi in den Krieg gesandt und hat nun die Schrecken der Schlacht am eigenen Leib erfahren. In welche Richtung hat ihn das verändert? Mit welchen Erinnerungen er wohl nachhause kommt und ob ihn Albträume plagen?

    Aber nicht nur die Befürchtungen eines besorgten Vaters werden thematisiert, sondern weitere Begleiterscheinungen des Krieges erhalten ihren Raum: die Wolfskinder, die ihre Kindheit in den Kriegsjahren gelassen und im Rudel zB durch Kohlenklau selbst für ihr Überleben sorgten.

    Zudem tragen neckische Dialoge zwischen Kommissar Stave und seinem alliierten Vertrauten Lieutenant MacDonald zum Unterhaltungswert bei, was diesen Roman neben der soliden Krimihandlung zu einem guten, historischen Leseerlebnis vereint.

    Die Komissar-Frank-Stave-Reihe:
    1) Der Trümmermörder
    2) Der Schieber
    3) Der Fälscher

    Kommentare: 10
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    Igelmanu66s avatar
    Igelmanu66vor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Intelligente Krimihandlung mit viel Zeitgeschichte, Stoff zum Nachdenken und einigen sehr unterhaltsamen Dialogen.
    Verlorene Kinder

    »Bis Mai 1947 registrierte der Suchdienst des Roten Kreuzes und der beiden großen Kirchen in Hamburg etwa 40.000 elternlose Kinder: Waisen, die im Bombenhagel oder durch andere Kampfhandlungen Mütter und Väter verloren hatten. Für 21.000 Mädchen und Jungen machten die Helfer keinen einzigen Verwandten ausfindig, bei dem diese unterschlüpfen konnten. Mehr als 1.000 dieser verwaisten Kinder lebten nicht in Heimen, sondern schlugen sich, allein oder in Banden, in der verwüsteten Stadt durch. Sie hausten in selbstgebauten Unterkünften, in Nissenhütten oder Hochbunkern. Sie verdingten sich als Handlanger des Schwarzmarktes, als Kohlenklauer, Diebe oder Prostituierte.«

     

    Eines dieser elternlosen Kinder ist es scheinbar, das Oberinspektor Frank Stave an diesem heißen Maitag des Nachkriegsjahres 1947 findet. Ermordet und liegend auf einem Blindgänger, mitten in den Ruinen einer Hamburger Werft. Wie kam der Junge dorthin – ins Sperrgebiet? Wer hat ihn brutal ermordet und wieso liegt die Leiche auf einer englischen 500-Pfund-Bombe?

    Stave nimmt die Ermittlungen auf und hat schon bald einen alten Bekannten an seiner Seite: Lieutenant James C. MacDonald von den britischen Besatzungstruppen.

    »Ich soll meinem eigenen Vorgesetzten nicht sagen, dass ein englischer Offizier bei den Ermittlungen mitmischt?«

    »Schön, dass wir uns so gut verstehen«, erwidert MacDonald fröhlich. »Die Dinge sind schon kompliziert genug.«

     

    Dieser Krimi bietet dem Leser gute Unterhaltung plus einer reichlichen Portion Zeitgeschichte. Da gibt es detaillierte Beschreibungen des zerbombten Hamburg und seiner zerstörten Hafenanlagen. Die englischen Besatzungstruppen sind ein weiteres großes Thema und die von ihnen erzwungene Demontage der Werft von Blohm + Voss.

    Ferner geht es um das normale Leben des Durchschnittsbürgers, das sich um Verlust, vermisste Personen, Kriegsgefangenschaft, traumatische Kriegserlebnisse, Lebensmittelkarten, Schwarzmarkt und Neuanfänge dreht. Und es geht um das Leben der vielen Kinder, die durch den Verlust ihrer Eltern plötzlich gezwungen waren, sich irgendwie allein durchzuschlagen. Wobei es sogar da noch Unterschiede gab, denn es gab die „normalen“ Waisen und es gab die sogenannten Wolfskinder.

    »Wolfskinder – so nennen sich die Mädchen und Jungen aus dem Osten. Die Waisen, die in den Kämpfen oder bei der Flucht aus Ostpreußen und Schlesien ihre Eltern verloren haben. Erschossener Vater, zu Tode vergewaltigte Mutter, verbrannter Hof. Trecks über Eis und Schnee. Kinder, die wie Wilde aus der Vorzeit in Wäldern und Mooren überleben, die betteln, stehlen, essen, was ihnen vor die Hände kommt. Manche kennen nicht einmal ihren Namen. Hausen in abgebrannten Scheunen und zertrümmerten Häusern. Schlagen sich irgendwann durch bis in die Westzonen. Ein paar Hundert sollen in Hamburgs Ruinen hausen.«

     

    Stave geht das Schicksal dieser Kinder sehr nahe. Zumal es nicht bei diesem einen toten Jungen bleibt. Private Sorgen hat er außerdem, denn sein Sohn befindet sich noch immer in russischer Kriegsgefangenschaft. Und nachts plagen ihn Alpträume, in denen er wieder und wieder erlebt, wie seine Frau bei einem Fliegerangriff ums Leben kommt.

     

    Im Grunde könnte man also meinen, dass man es als Leser hier mit einem Buch zu tun hat, das einem aufgrund des ernsten Themas zusetzt. Tatsächlich gibt es aber immer zwischendurch Passagen, in denen ich lachen musste – und das liegt an Staves „Partner“, Lieutenant MacDonald. Die beiden haben sich bei einem früheren Fall Staves kennengelernt und zum beiderseitigen Erstaunen angefreundet. Und während Stave die personifizierte Ernsthaftigkeit ist, ist MacDonald – nun ja – eher das Gegenteil. Als Folge daraus gibt es herrliche Wortgefechte zwischen den beiden, da wird gefrotzelt und mit sarkastischen Bemerkungen geglänzt.

    »Ich mache mir keine Sorgen, ich stelle Fragen. Zum Beispiel: Weiß Ihr Colonel, dass wir uns seine Yacht ausleihen?«

    »Selbstverständlich nicht.«

    »Patrouillieren nachts auf der Elbe englische Boote?«

    »Selbstverständlich ja. Wir müssen vorsichtig sein. Und spät losfahren.«

    »Und wenn uns doch jemand erwischt?«

    »Zücken wir unsere Ausweise und erfinden irgendeine Geschichte.«

    »Welche?«

    »Noch ist mir keine eingefallen. Ich denke darüber nach, wenn ich den Suchscheinwerfer eines Patrouillenbootes aufleuchten sehe.«

    »Schön, dass wir so gut vorbereitet sind.«

     

    Nach dem „Trümmermörder“ muss Frank Stave hier seinen zweiten Fall lösen. Erneut schafft es der Autor, aus dem zeitgeschichtlichen Hintergrund eine passende Kriminalhandlung zu entwickeln. Auch Staves Seelenleben wird sehr schön skizziert, ich stellte für mich fest, dass ich gleichermaßen an seinen privaten Problemen wie an der Auflösung des Falls interessiert war. Es ist nicht notwendig, den „Trümmermörder“ zu kennen, obwohl ich dieses Buch auch sehr empfehlen kann ;-)

     

    Fazit: Intelligente Krimihandlung mit viel Zeitgeschichte, Stoff zum Nachdenken und einigen sehr unterhaltsamen Dialogen.

     

    »Verlorene Kinder, verlorene Familien. Das haben wir ihnen angetan, denkt er, wir Älteren. Wir machen sie zu Waisen, wir zertrümmern ihre Welt, wir stoßen sie herum, wir kümmern uns einen Dreck um sie. Werden wir am Ende wenigstens ihre Mörder bestrafen?«

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    PaulTemplevor 4 Jahren
    Unter Wolfskindern in Hamburg

    Wir befinden uns mittlerweile im Sommer 1947. Nach dem Jahrhundertwinter mit Temperaturen von - 20 Grad, quält die Bevölkerung nun eine wochenlange Hitze. Nach wie vor ist Hamburg zerstört, nach wie vor blüht der Schwarzhandel und nach wie vor ist Oberinspektor Stave bei der Mordkommission. Mittlerweile leben 40000 Kinder und Jugendliche in Hamburg, ohne Eltern oder Verwandte. Genau in dieses Milieu führt Stave der nächste Mordfall, nachdem die Leiche eines 14jährigen Jungen aufgefunden wird.
    Nach wie vor weiß Rademacher durch sein exquisites Wissen zur Hamburger Geschichte zu unterhalten. Die historische Atmosphäre ist sehr anschaulich und detailreich gestaltet, so dass dies allein schon den kauf des Buches rechtfertigt. Der Kriminalfall an sich ist leider nur Mittelmaß, aber dies ist zu verschmerzen.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 5 Jahren
    Geniale Fortsetzung der Krimi-Reihe um Frank Stave

    Selten hat mich ein Buch so mit Beschlag belegt, dass ich sofort die Fortsetzung lesen wollte - nein: musste. Wie geht es mit Oberinspektor Stave weiter? Wie entwickelt sich die Lebenssituation 1947 in Hamburg? Es war wie eine Sucht, die sich nicht ignorieren ließ.
    Stave muss einen weiteren brisanten Fall aufklären, diesmal den Mord an einem 14-jährigen Jungen, der tot auf einem Blindgänger gefunden wurde. Und da der Fundort eine ehemalige Werft ist, die auf Befehl der englischen Besatzer demoliert werden soll, bekommt der Fall eine politische Komponente. Stave ermittelt allein. Lediglich MacDonald unterstützt ihn unter der Hand, mit der Billigung, aber ohne offizielle Befugnisse seiner Vorgesetzten. Allerdings weiß MacDonald, dass der Fall schnellstmöglich geklärt werden muss, sonst wird er nach Palästina strafversetzt. Stave verbeißt sich auch dieses Mal in seine Arbeit, so dass er alles um sich herum aus den Augen verliert: die brutale Hitze des Frühjahrs 2007, seine zarte Liebesbande zu Anna, die sich allerdings zurückzieht, als sein Sohn Karl endlich vor der Tür steht, und Karl selbst, der schon nach wenigen Tagen wieder auszieht. Stave bleibt nichts mehr außer den Mordermittlungen, die ihn auch dieses Mal wieder an seine körperlichen Grenzen führen.
    Bei diesem Buch hatte ich das Gefühl, endlich mal zu erfahren, wie Männer ticken. Weibliche Autorinnen zeichnen Männer ganz anders. Hier steht ein Protagonist im Mittelpunkt der Story, der den Kontakt zu seinen Gefühlen, seinen Traumata und seinem Körper zu verlieren droht. Der nur noch seine Arbeit hat, um Halt im Leben zu finden. Wichtige Gespräche mit Anna oder seinem Sohn verschiebt er, findet nicht die richtigen Worte und droht schließlich alles zu verlieren. Das erklärt einiges über Männer, die frau so im richtigen Leben trifft. Davon abgesehen schildert das Buch wieder eine packende Krimihandlung, erstklassig recherchiert und historisch gut platziert. Jedes Wort sitzt da, wo es hingehört. Die Sprache ist von einer wunderbaren Klarheit und Aussagekraft, die ihresgleichen sucht. Stave als Charakter ist gebrochen, innerlich zerrissen und doch irgendwo tief drinnen so menschlich, dass er mich zutiefst berührt hat. MacDonald wiederum ist ein leichter, spritziger Ausgleich zu Stave, weshalb sich so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden entwickelt. Und die Geschichte Schwere und Leichtigkeit zugleich bekommt.
    Mein Fazit: Unvergleichlich! Wann erscheint der dritte Teil?

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    odenwaldcolliess avatar
    odenwaldcolliesvor 5 Jahren
    Der zweite Fall für Frank Stave

    Mai 1947, Hamburg: Der 14-jährige Adolf Winkelmann wird ermordet in den Hallen einer Werft gefunden. Die Ermittlungen führen Oberinspektor Stave und den englischen Lieutenant MacDonald u.a. in die Hamburger Schmugglerkreise sowie den Kohlen- und Wolfskindern.
    Aber auch privat wird es für Frank Stave kompliziert: sein Sohn kehrt aus Kriegsgefangenschaft zurück und die Annäherung der Beiden ist schwierig und geprägt durch Sprachlosigkeit - darunter leidet auch seine Beziehung zu seiner Geliebten Anna.

    Ich habe diesen Roman ohne Vorkenntnis des Vorgängerbandes "Der Trümmermörder" gelesen, was aber kein Problem war, ich hatte nicht das Gefühl, daß mir wichtige Informationen fehlen würden.

    Die historischen Fakten dieses Kriminalromans haben mich am meisten fasziniert: der Autor schafft es mühelos, Historie mit Fiktion zu verbinden. Der historische Teil ist sehr gut recherchiert, selbst kleinste Details sind geschichtlich belegt - ich habe durch diesen Roman mehr über die damalige Nachkriegszeit erfahren als jemals in einem Geschichtsunterricht.

    Zum Beispiel waren mir die Kohlen- und Wolfskinder und deren Schicksal weitgehend unbekannt, die Geschichten hinter diesen Kinder sind teilweise erschütternd und ergreifend. Man bekommt einen guten Einblick in die Schmuggler-Szene der damaligen Zeit und erlebt Hamburg unter britischer Besatzung.  

    Wenn man mit Stave im zerbombten Hamburg unterwegs ist, hat man das Gefühl, die Trümmer zu sehen und den Staub zu schmecken, der sich auf die Stadt gelegt hat. Die detaillierten Ortsbeschreibungen sind ebenfalls ein großer Pluspunkt dieses Romanes.

    Der Kriminalfall selbst ist spannend und das Motiv ist - für unsere heutigen Verhältnisse - überraschend, aber eben passend für die damalige Zeit.

    Die Beziehung Staves zu seinem Sohn Karl ist sehr einfühlsam beschrieben, man spürt in den Zeilen regelrecht die Verzweiflung, die Scham und das Unvermögen der Beiden, über die Nazi-Zeit und ihre konträren Haltungen damals zu sprechen.

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    nw0783s avatar
    nw0783vor 6 Jahren
    Rezension zu "Der Schieber: Kriminalroman" von Cay Rademacher

    Grundsätzlich war es ein klassischer Krimi. Was mir dann doch sehr gut gefallen hat war die Zeit in der der Krimi spielt. Gleich nach dem 2.Weltkrieg war die Welt anders und mit diesem Krimi kann man ein wenig in diese Zeit hineinschnuppern. Kinder die sich alleine durchschlagen müssen (Wolfskinder), eine neue Liebe in einer schwierigen Zeit, Kriegsheimkehrer und die Nebenwirkungen eines sehr heißen Sommers.

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    mama2009s avatar
    mama2009vor 6 Jahren
    Rezension zu "Der Schieber" von Cay Rademacher

    Inhalt:

    Hamburg im Jahre 1947, ein paar Monate nach dem Hungerwinter. Das genaue Gegenteil, es ist unerträglich warm.
    Da wird mitten auf einer Werft auf einer Fliegerbombe ein toter Junge gefunden. Erstochen. Frank Stave wird mit den Ermittlungen betraut und im Verlauf erfährt er so einiges über Schwarzmarktgeschäfte. Dabei wird ihm bewusst, wie viele Kinder dafür eingesetzt werden und ihr Leben riskieren, um in den kargen Zeiten zu überleben. Doch der tote Junge soll nicht das einzige Opfer bleiben.

    Fazit:

    Bereits in "Der Trümmermörder" habe ich Frank Stave sehr als Ermittler, aber auch als Person schätzen gelernt. Wie er an die Ermittlungen herangeht und dabei immer ein Augenmerk auf sein Hamburg und das Elend nach dem 2. Krieg hat. Er versetzt sich in die Lage der Menschen und ihr Schicksal, betrachtet die Zeiten des Krieges und was damit den Kindern angetan wurde. Neben den Ermittlungen wird auch auf das Schicksal tausender Kinder eingegangen, die ohne Familie sind und sich durch die harte Zeit kämpfen müssen, hier fällt oft der Begriff der Wolfskinder. Dieses Buch ist ganz klar ein gut recherchierter Krimi, aber für mich wird hier auch ganz deutlich die bedrückende Zeit ab 1945 deutlich und Stave funktioniert hier für mich wie ein Beobachter.
    Stave selbst ist vom Kriegsschicksal geprägt, seine Frau ist in der Bombennacht gestorben und sein Sohn befindet sich Kriegsgefangenschaft, der laut Mitteilung vom Roten Kreuz frei sein soll. Auch eine neue Liebe scheint für Stave möglich, doch wie wird alles miteinander vereinbar sein?

    Stave steht wieder MacDonald, der britische Lieutnant zur Seite und beide geben ein sehr gutes Team ab und zeigen, dass aus ehemaligen Feinden auch Freunde werden können. Dadurch funktioniert auch die Zusammenarbeit und die gemeinsame Lösung des Falles.
    Ergeiz und Wille prägen beide.
    Für mich von Anfang an spannend und beeindruckend geschrieben und ich freu mich auf eine Fortsetzung.
    Ich habe keinen Kritikpunkt gefunden. 5 von 5.
    Meine Buch-Empfehlung.

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