Der Wille des Volkes

von Charles Lewinsky 
4,0 Sterne bei4 Bewertungen
Der Wille des Volkes
Bestellen bei:

Zu diesem Buch gibt es noch keine Kurzmeinung. Hilf anderen Lesern, in dem du das Buch bewertest und eine Kurzmeinung oder Rezension veröffentlichst.

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Der Wille des Volkes"

Charles Lewinskys souverän erzählter Krimi spielt in einer unheimlichen Szenerie: in einer Zukunft, in der die Schweiz allein von einer national-populistischen Partei regiert wird. Der pensionierte Journalist Kurt Weilemann erhält eine rätselhafte Botschaft von einem Kollegen, der kurz darauf stirbt. Weilemann will den Mord aufklären, bekommt es aber zuerst mit der Politik und dann bald mit der Angst zu tun, denn die Leute, die hier offensichtlich einen Mord durch einen weiteren vertuschen möchten, scheinen an entscheidenden Machtpositionen im neuen Staatsapparat zu sitzen. Mächtig genug, dass sie auch ihn verschwinden lassen könnten – und die Wahrheit gleich dazu.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783312010370
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:384 Seiten
Verlag:Nagel & Kimche
Erscheinungsdatum:21.08.2017

Rezensionen und Bewertungen

Neu
4 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne0
  • 4 Sterne4
  • 3 Sterne0
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 10 Monaten
    auf dem Weg zur freiwilligen Diktatur

    Der erste Satz: «Manchmal nahm Weilemann den Hörer ab, obwohl es gar nicht geklingelt hatte, nur um zu überprüfen, ob da überhaupt noch ein Summton war.«

    Schweizer Humor, Schweizer Charme und Schweizer Kultur, in diesem Buch trifft alles zusammen. Kurt Weilemann, ein alter, brummiger Journalist, der sich der modernen Technik verweigert, noch ein Schnur-Telefon besitzt, hält sich mit kleinen Aufträgen über Wasser, die Rente reicht nicht weit, »nächste-Station-Friedhof-Bett«. Man gibt ihm Nachrufe zu schreiben, auf alte Säcke, mit denen er einmal zusammengearbeitet hat. Da meldet sich Felix Derendinger, und ein ehemaliger Kollege, Freund und Konkurrent, trifft sich ihm, um ihm etwas mitzuteilen. Er ist hektisch, nervös, dreht sich ständig um, redet Unverständliches, steckt ihm eine Anstecknadel zu und ist schon in der Menge verschwunden. Gleich darauf ist er tot, angeblicher Selbstmord, von einer Mauer gesprungen. Weilemann glaubt nicht daran, glaubt, der Kollege war etwas auf der Spur. Mit den ihm mitgeteilten Fragmenten fängt er an zu ermitteln, denn ihm, dem guten Rechercheur hatte der Kollege vertraut. War der Mord an einem Politiker damals ein parteiinternes Komplott? Man hatte einen Asylbewerber dafür verantwortlich gemacht. Bald bekommt er es mit der Angst zu tun, ist man auch ihm auf der Spur?

    »Dabei war es nicht so, dass ihn all die neuen Erfindungen überfordert hätten, überhaupt nicht, er war ja nicht verkalkt, er sah nur nicht ein, warum man sich ständig umstellen sollte, wenn die Dinge doch gut funktionierten, so wie sie waren.«

    In dieser Dystopie befinden wir uns in einer nahen Zukunft, in der Autos selbstständig fahren, aber gleichzeitig fühlen wir uns ganz zu Hause, sogar die vergangene Zeit ist völlig präsent in der Hauptfigur. Alles ist überwacht. Weilemann trickst, fährt im Bus mit einem Seniorenausflug, anstatt ein Ticket zu kaufen, agiert mit fremden Visitenkarten, um seine Identität zu vertuschen, lässt das Handy im Zug liegen, wohin es auch immer reist. Wird ihm das etwas nützen?

    »›Seit 1941 ist in der Schweiz die Todesstrafe abgeschafft‹, stand da. ›Sind Sie der Ansicht, dass man angesichts der virulenten Ausländerkriminalität diese Form der Vollsühne wieder einführen sollte?‹ – ›Vollsühne‹ ist eine Scheißformulierung, dachte Weilemanns Journalistenhirn automatisch, dafür ist ›virulent‹ ein gut ausgesuchtes Adjektiv: Die Leute wissen nicht genau, was es bedeutet, werden aber an einen Krankheitserreger erinnert, und für Krankheitsbekämpfung ist jeder.«

    Die Schweiz wird allein von den »Eidgenössischen Demokraten« regiert, einer rechten, populistischen Partei, die einen digital überwachten Staat installiert hat, nun die Todesstrafe wieder einführen möchte, was den meisten Menschen recht logisch erscheint. Allein, was so ein Verbrecher im Knast jeden Tag kostet! Natürlich darf das Volk noch wählen! Es herrscht ja Demokratie! Die »Eidgenössischen« sind die Einzigen, die viel Geld aufbringen können und stecken dies in jede Menge Werbekampagnen zum Volksentscheid, man kommt an ihren Aufrufen, Artikeln, Plakaten und Unterschriften nicht vorbei, wird täglich berieselt.

    «‹Das Gedicht, das Sie vorgelesen haben, von wem war das?‹ - Der Mann errötete. ›Von mir‹, sagte er und blickte verlegen zur Seite. ›Verse sind mein Hobby.‹ – ›Schön. Sehr schön. Übrigens: ‹Rhythmus› schreibt man mit zweimal ‹h›.‹ – ›Natürlich. Wieso …?‹ – ›Ich hatte den Eindruck, dass Sie das Wort noch nie gehört haben.‹ Es war ein billiger Sieg gegen einen wehrlosen Gegner, weit unter Weilemanns Würde, aber ab und zu tat es einfach gut, so einen verbalen Treffer zu landen und sich damit selber zu beweisen, dass man das Spiel mit der Sprache noch nicht ganz verlernt hatte.«

    Mit Sprachwitz und gesellschaftskritischem Humor begibt sich Weilemann auf die Suche. Eine Suche in das Alter, in die moderne Zeit, in der viel zu kritisieren ist, »ein alter Sack war er geworden, ein altmodischer alter Sack«, »retro«, wie er sich selbst bezeichnet, Altersheim, Seniorenfahren, alles ist dabei. Dieser Krimi ist nichts für Schnellleser, die Handlung wird nicht herangetrieben, tritt oft auf der Stelle in den gedanklichen Exkursen des Protagonisten für alle möglichen Themen.

    »Er hätte auch einen Wilhelm Tell genommen, es musste ja nicht gerade der sein, der da drüben an der Wand hing: das legendäre ED-Plakat für die Abstimmung damals, in der die Kündigung aller Verträge mit der EU beschlossen worden war, Wille im Sennenchutteli und mit Armbrust, und darunter das Schiller-Zitat ›Der Starke ist am mächtigsten allein.‹ Nur dass sich dann sehr bald herausgestellt hatte, dass die Schweiz eben doch nicht stark genug war, um allein mächtig zu sein, eine Tatsache, an der die einfachen Büezer immer noch zu knabbern hatten; selber schuld, warum machten sie aus ihren Kindern nicht Tochtergesellschaften und lagerten sie ins Ausland aus, so wie es die großen Konzerne mit ihren Fabriken taten? Wenn man so wollte, hatte ihnen der Friedrich Schiller mit seinem fetzigen Spruch die Misere eingebrockt, aber der war eben Ausländer, und von denen war noch nie etwas Gutes gekommen.«

    Der Mord ist eigentlich Nebensache. Die Inneneinsichten des alternden Mannes über die Neue Welt treffen ins Schwarze. Was wäre, wenn einer allein die Macht hätte, die Presse und die Polizei im Griff und keiner merkt es? Der Roman ist politisch. Charles Lewinsky mahnt vor einer Zukunft, regiert durch die Rechten, ein Blick auf die SVP ist sicher nicht von ungefähr. Er haut auf alle drauf, in herrlichen Vergleichen. Was braucht Zürich die Mafia, es hat ja schon die Banken, erklärt er. Die gelangweilten Rentner reisen zur Burg nicht aus kulturellen Dingen, wegen der guten Mistkratzerli (Schweizer Name für Hühnchen) und dem guten Kaffee Doppelcreme im Burgkeller, um abends dann wieder die Abführmittel zu nehmen. Hier bekommt jeder sein fett ab. Ein Krimi, der eher für Nichtkrimileser geeignet ist, voll Satire und bösem Blick auf die Politik, der Frau Schweizer und dem Herrn Schweizer auf’s Mul geschaut.

    Kommentieren0
    3
    Teilen
    M
    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Ein Blick in eine mögliche, nahe Zukunft im Gewand eines (ruhigen) Kriminalromans

    Ein Blick in eine mögliche, nahe Zukunft im Gewand eines (ruhigen) Kriminalromans

    Mit immer wieder „Schweizer Spezial-Ausdrücken“ und bildreich geschilderten Szenen in Straßen, Häusern, kleinen und großen Ortschaften bis hin zur Fahrt mit Tram und Taxi gelingt es Lewinsky von Beginn an spielerisch leicht, den Leser mitten hinein in diese Schweizer Welt zu ziehen.

    Zudem, zunächst noch eher überlesen, dann ein wenig irritierend, bis man es vollständig verstanden hat (selbstfahrende Trams und Autos), entpuppt sich das zunächst gemächliche „Pensionärs-Leben“ des ehemaligen Journalisten Kurt Weilemann als ein stückweit in die nähere Zukunft gesetzt.

    Dem nicht nur die veränderten Alltagsbedingungen eine besondere Farbe verleihen, sondern die letztendlich das gesamte Gerüst und den Kern des Romans ausmachen werden.

    Denn wenn sich Weilemann mit einem alten „Konkurrenten“ verabredet, dieser scheinbar sinnloses Zeug vor sich hin brabbelt und knapp 45 Minuten später tot ist (Selbstmord nach offizieller Lesart). Wenn dieser „Konkurrent“ mithilfe einer bezaubernden, jungen Frau und einer irritierenden Fotografie auf einen Kriminalfall von größter Tragweite verweist und wenn dann auch noch klar wird, dass genau jene nationalistischen Strömungen in der Schweiz seit zig Jahren an die Macht gelangt sind, die aktuell weltweit „wiederauferstehen“, dann erst beginnt sich beim Leser mehr und mehr Beklemmung einzuschleichen.

    Die bis zum Ende des Romans nicht enden wird. Seien es rechte Kräfte in Frankreich, in Deutschland, sei es die Linie von Erdogan in der Türkei, all dies setzt Lewinsky in ruhigem Erzählfluss zu einem Gesamtbild zusammen, dass sich Seite für Seite mehr als nurmehr eine Fratze von Demokratie darstellt.

    Und dabei nicht stehenbleibend schaut Lewinsky allen Protagonisten zumindest ein stückweit in die „völkische Seele“ und lässt den Leser immer wieder in die naiven Fallen tappen.

    „Vollsühne“. Aha. Klingt ja eher possierlich, bis man weiß, was damit gemeint ist.

    Und ein Ordnungsamt, das hat doch jede Kommune, jede Verwaltung. Wohl aber nicht so eines, in dem Weilemanns Sohn (mit dem er ein sehr angespanntes Verhältnis pflegt) einen hohen Rang bekleidet. Und auch mancher „Billett-Kontrolleur“ in der Bahn weckt im Nachgang ungute Erinnerungen aus dem Geschichtsunterricht aus den Zeiten vor 1945.

    Diese Welt setzt Lewinsky in eleganter Sprache bestechend in Szene. Was allerdings in der Breite der Beschreibungen auch manche Längen mit sich bringt. Jene „Mehrfach-Witwe“ mit ihrer Sammlung an „Kantons-Ansteckern“ zumindest stört fast den Ablauf mehr, als dass diese eine Bereicherung für die Lektüre darstellen würde.

    Mit zügigem Tempo dann wieder aber nähert sich Lewinsky mit einer überraschenden „Offenbarung“ eines senil wirkenden Schriftstellers dem Finale des Buches, das ebenfalls Erwartungen durchbricht und eine Strategie vollständiger Kontrolle und „genialer“ Inszenierung fast ohne Achillesferse einer Herrschaft durch „Volkskontrolle“ perfide vor Augen führt.

    Eine empfehlenswerte Lektüre.

    Kommentieren0
    5
    Teilen
    J
    Jonellavor 8 Monaten
    Buecherwurm1973s avatar
    Buecherwurm1973vor einem Jahr

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Weitere Informationen zum Buch

    Pressestimmen

    Was wäre, wenn die Schweiz von Rechtspopulisten regiert würde? Der neue Roman von Charles Lewinsky: ein raffinierter Krimi vor politisch brisanter Kulisse

    "Charles Lewinksy spielt in diesem dystopischen Roman mit dem Genre des Thrillers. Er hält die Spannung routiniert und locker aufrecht … Bitter und sehr unterhaltsam." Neue Zürcher Zeitung, 05.11.17
    "Lewinsky lichtet das Dunkel so effektvoll und routiniert, dass man meinen könnte, er habe nie etwas anderes als Krimis geschrieben." Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung
    "Mit viel Witz und Humor treibt Charles Lewinsky seinen Plot vorwärts, verzichtet auf billige Pointen und schafft es, seinen Spass am Stoff auch auf die Leserinnen und Leser zu übertragen. “ Luzia Stettler, Radio SRF1 Buchzeichen
    "Der neue Roman kombiniert gleich drei Genres zu einem echten Lewinsky-Hybrid. ’Der Wille des Volkes’ ist ein Krimi, der in einer gar nicht so fernen Zukunft spielt; dazu kommt als drittes Element ein elegischer Abgesang auf den Qualitätsjournalismus." Martin Ebel, Süddeutsche Zeitung
    "Lewinsky hält die Spannung locker und routiniert aufrecht.bitter und sehr unterhaltsam!" Manfred Papst, NZZ am Sonntag
    "Virtuos meistert Charles Lewinsky seinen Einstand als Krimi-Autor." Anne-Sophie Scholl, Berner Zeitung

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks