Achtung: Wem diese Rezension zu umfangreich ist, der kann direkt die/den Zusammenfassung/Fazit ganz unten lesen.
"-Die Furcht-
Einer gibt sie dem anderen weiter,
die Furcht, und weiß nichts davon,
wie ein Blatt seinen Schauder,
weitergibt an das nächste.
Auf einmal zittert der ganze Baum,
und vom Wind keine Spur."
Charles Simic wurde 1938 in Belgrad geboren, kam dann mit 16 nach Amerika, wo er heute an der Universität lehrt. 1990 erhielt er für einen Gedichtband den Pulitzerpreis. Inneramerikanisch wird er als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts bewertet.
"Dunkle Wolken
und Schnee, der durch den weiten, leeren Raum tanzt,
durch den wir einander anreden, durch den wir
unsere Unschuld beteuern, immer dieselbe,
die stummen Flocken sind unsere Zeugen
und die alten Putzfrauen, die sie aufwischen
und die von jeder Flocke wissen was sie leidet und wie sie heißt"
Es ist eine fast neutrale Lyrik, diese Auswahl an Gedichten, die im Lyrikteil des Buches (etwas weniger als die Hälfte des Bandes fühlt ein autobiographischer Essay, in dem Simic sein Leben, seine Einflüsse und sein Werden beschreibt) versammelt sind. Gedichte über Kindheit, über Liebe und vor allem über die speziellen Dinge des Lebens - ein Haustürschlüssel, den jemand verloren hat; ein Vermisstenblatt an einer Laterne; ein Geschäft, das eine Geschichte der Zeit selbst erzählt; Dinge aus der Vergangenheit, Dinge des Lebens. Viele Texte wirken wie unvollständige Fotos, wie Seiten aus einer größeren Geschichte und doch sind sie alle wunderbar ganz, ein einziger Eindruck, ein Bild, ein paar Farben.
"Ein leerer Vogelkäfig hing von einem Dampfrohr herab.
Dort hob ich einen Apfel auf und ein Federmesser.
Ringsum auf dem Fußboden legte ich alte Zeitungen aus,
auf dem Sprung beim geringsten Rascheln.
Es hörte sich an wie das Kratzen einer Feder,
das Schweigen der Nacht, die in ihr Tagebuch schrieb."
Große Lyrik - keine Ahnung, was große Lyrik ist, aber Charles Simic schreibt sie; vielleicht kann man so ein wenig andeuten, welche Art von Gedichten ich meine. Ich meine die unwillkürlich und unscheinbar schönen. So ähnlich klänge die einfache Retroperspektive nach der Lektüre von Simics Gedichten. Oft sind sie wie Momente des eigenen Lebens, ertappte Momente, völlig angefüh/llte Momente, unheilbar bizarre oder unheilbar rührende, im Augenblick wie ein ganzes Glas voll mit Leben schmeckende Momente, mit Spuren eines im Herzen berühmten Bildes. Simic hat das Talent diese Momente ganz Gedicht werden zu lassen und sie noch leicht weg zu rücken. Er macht Kunst aus Gedichten, die nicht von Kunst handeln, die nicht künstlich sind, die lebendig sind.
"Die Ewigkeit, dachte ich,
ist voller Eifersucht
auf den Augenblick.
Dann war der Augenblick vorbei."
Ein Buch von Göttern und Teufeln bietet eine schmale Auswahl aus Simic Werk, aber eine sehr gute und vor allem gut übersetzte (übertragen wurden die Texte von H. M. Enzensberger). Ansonsten ist die Anzahl der Erscheinungen auf Deutsch leider sehr gering. Eine wäre noch zu erwähnen Grübelei im Rinnstein . Dort sind etwas mehr Gedichte enthalten.
Dennoch sollte man auch dieses Buch lesen. Der Essay ist ein hervorragendes Beispiel für sehr starke Prosa und die Gedichte sind einfach nur - ja, schön. Schön in ihrer Erkenntnisarmut und Erkenntnistiefe (nein, dass widerspricht sich nicht), in ihrer Kraft und ihrer Unverstelltheit. Nichts an Simic Dichtungen ist abstrakt, ist visionär bemüht. Gäbe es kühle und heiße Dichtungen, Simics wären genau in der Mitte, zwischen kalt und warm, kühl und lau. Sie sind verregnet, aufblitzend, unstrategisch. Sie sind gut. Sehr gut.
"Glück, hellrotes Futter,
des dunklen Wintermantels,
der der Kummer verkehrt herumträgt.
Soviel zu mir, wenn ich mich erinnre,
wenn ich, o Zeit, kaue und kaue
an deinen langen schlaflosen Nägeln."
Fazit: Charles Simic ist ein amerikanischer Dichter in der Tradition von William Carlos Williams ; genau wie dieser schreibt er eine höchst einfache und doch immer wieder überraschend tiefgehende und glattaneckende Poesie. Seine Themen sind die Stolpersteine und Anhängsel des Lebens, die Erinnerung an Kindheit, aber auch einmalige Erlebnisse. Er schreibt betrachtend, ungereimt, aber niemals abstrakt oder kryptisch, vielmehr hat er ein sehr genaues und sehr besonderes Gespür, für das richtige Maß an Poetik, Metaphorik und Verzerrung in jedem seiner Texte - mal sind sie einfacher, mal etwas entrückter. Alle die eine mehr impressive als expressive Lyrik schätzen, sollten Simic lesen; alle, die es mögen, wenn sich in der Lyrik jede Zeile auswirkt, mit immer mehr Eindrücken aufbaut, bis ganz zuletzt das Ende einen mit einem sehr gut nachzuempfindenden Bild/Gefühl entlässt.
(P.S.: Wer sich für Lyrik interessiert, findet unter eine Liste der meiner Meinung nach besten 25 Lyriker)
Charles Simic
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Charles Simic
Ein Buch von Göttern und Teufeln
Grübelei im Rinnstein
Die Wahrnehmung des Dichters
Im Dunkeln gekritzelt
Neue Rezensionen zu Charles Simic
"Möge mich dieses Staunen auf immer begleiten"
In seinen Gedichten führt Charles Simic den Leser in sonderbare Gegenden. Viele bekannte Bilder mit merkwürdigen Veränderungen, Neubedeutungen, man fühlt sich nicht so recht sicher, kann sich nicht sicher fühlen, mit jedem neuen Wort kommt es zu neuen Veränderungen, neuen Bildern, neuen Zusammenhängen.
Man muss mit ihm gehen, setzen lassen, wirken – es ist als ob Knoten platzen. Häufig auch nicht, klar, muss man nicht erzwingen wollen, später gehts vielleicht, in einem Jahr, zwei Jahren – Gedichte, die guten, werden nicht alt.
Jetzt also einen Band mit Essays, Betrachtungen zur Lyrik, politische Überlegungen, Aussagen übers Dichten, Gedichte und Überzeugungen – eine Fundgrube zum Nach- und Mitdenken!
“Verlangen nach Respektlosigkeit, das ist es, was mich vor allem anderen zum Dichten gebracht hat. Das Bedürfnis, über Autorität Witze zu machen, Tabus zu brechen, den Körper und seine Funktionen zu feiern, im selben Atemzug zu behaupten Engel gesehen zu haben, und zugleich die Existenz Gottes zu leugnen, allein bei dem Gedanken an die Möglichkeit, alles Scheiße nennen zu können, kugelte ich mich auf dem Boden vor Freude.“
Man möchte ihm Satz für Satz zujubeln!
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