Auf Charline Winter bin ich durch die QueerWelten*-Ausgabe 14 aufmerksam geworden. Ihr Beitrag und der Teaser im Podcast haben mich neugierig gemacht, und auf ihrem Instagram habe ich dann gesehen, dass sie einen Gedichtband veröffentlicht hat.
Ich mag den #Escapril total gerne – und einige Gedichte aus diesem Band stammen auch von dort. Die Worte und Geschichten, die sich da zwischen den Zeilen finden lassen, sind immer besonders. Dazu kommt, dass ich das Unheimliche, liminal space und eerie creatures sehr ansprechend finde – und mit all diesen Dingen wirbt dieser Gedichtband.
Mit wenigen, fragmentierten Zeilen schafft Winter eine dichte Atmosphäre. Nebel, Fernlicht, ein Wald am Straßenrand – und etwas, das sich bewegt, beobachtet, vielleicht bedroht. Die Gedichte in diesem Band sind durchzogen von Natur, Wildheit, Dunkelheit und inneren Landschaften. Es geht immer auch um etwas, das verlassen werden will – oder das sich einem aufdrängt wie Sonnenlicht durchs Gebüsch.
Was mir besonders gefällt: Die Sprache selbst ist hier zentral – nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer Form. Worttrennungen, Wiederholungen, viel Raum auf der Seite – Charline Winter nutzt das Weiß zwischen den Zeilen genauso bewusst wie die Worte selbst. Das erzeugt eine eigenwillige Spannung, ein fast körperliches Gefühl beim Lesen. Man möchte weiterlesen, tiefer dringen – auch wenn’s unbehaglich wird.
Der Band ist kein Ort zum Wohlfühlen – und will es auch gar nicht sein. Die Texte berühren Themen wie Schmerz, Einsamkeit, Verstörung. Sie tun das poetisch, aber ungeschönt. Die Autorin weist zu Beginn auch auf sensible Inhalte hin – und ich finde, diese Warnung sollte ernst genommen werden. Wer sich jedoch auf diese düstere, lyrische Welt einlässt, findet etwas Besonderes: einen Zugang zu inneren Schattenlandschaften, zu brüchigen Wahrheiten und zu Emotionen, die sich nicht sofort greifen lassen.
Meine Lieblingsgedichte: Blickkontakt, Abschied von i, here comes m., Kammerflimmern, nicht-tänzer*in und anti-metamorphose.
Für mich ist Wildwechsel ins Nichts ein eindrucksvoller, mutiger Gedichtband. Kein Wohlfühlbuch – aber eines, das bleibt.


