Was für ein Drama! In diesem Roman steckt so viel Hass, Neid und Rache, dass einem fast schlecht wird. Wie verletzt kann man sein, dass man ganze Generationen einer Familie zerstören will, nur weil einem selbst Schlechtes widerfahren ist? Heathcliff hat das perfektioniert.
Er ist ein Findelkind und landet in der Familie Earnshaw. Dort wird er mit dem nötigsten versorgt, nur an Liebe und Güte fehlt es. Besonders Hindley quält ihn über alle Maßen. Einzig von Catherine, für die er eine große Obsession entwickelt, erfährt er Zuneigung, die das Schwesterliche zu übersteigen droht. Als diese aber jemand anderen heiratet, dreht er vollkommen durch. In seinem Leben gibt es nur Hass und Häme.
Wutheting Heights, ein abseits gelegener Gutshof, steht dabei im Zentrum seines Begehr. Er möchte die Familie Earnshaw vernichten und sich all deren Hab und Gut aneignen. Nach und nach sterben die Mitglieder, aber auch deren Nachkommen sind nicht sicher vor Heathcliffs Vergeltungslust.
Er bringt großes Unglück über alle, nur eine Nuss kann er nicht knacken – Cathy, Catherines Tochter, hält ihm Stand, und das, obwohl sie von allen am schlimmsten behandelt wird
Emily Brontë hat ein Panoptikum an Personen gezeichnet, die sehr unterschiedlich sind und zur Diskussion anregen. Ein Familienoberhaupt z.B., das von jetzt auf morgen erwartet, dass ein Findelkind herzlich aufgenommen wird und die Charaktere seines eigenes Umfeld nicht richtig einschätzt. Schwächliche Männerfiguren, die entweder leiden und krank sind, aber auf jeden Fall sehr viel jammern oder eben, wie im Falle Heathcliffs ihre mangelnde Resilienz anders ausleben.
Auffällig sind die Frauenfiguren, die hier vieles wuppen. Nelly Dean, die Haushälterin, die sich um alles kümmert, ist eine davon. Doch auch Isabella und Catherine kommen viel stärker rüber, als ihre männlichen Gegenparts. Gesundheitlich sind sie durchweg von schwacher Konstitution. was im 18. Jahrhundert sicherlich nicht ungewöhnlich war, und jeder zweite scheint an gebrochenem Seelenheil dahinzuscheiden.
Erzählerisch haben wir es hier mit einer Binnenhandel zu tun. Mister Lockwood, der das Nachbargut von Heathcliff gepachtet hat, ist sehr verwundert über den rauen Ton, der auf Wuthering Heights (Sturmhöhe) herrscht. Er motiviert, Nelly Dean ihm mehr über die Menschen dort zu erzählen. Teilweise erfahren wir durch andere Personen wichtige Wendungen, und alle Informationen fließen in einer Art Tagebuch Lockwoods zusammen, bis sich uns das Drama um die Familien Earnshaw und Linton erschließt. Dabei entbehrt der Roman neben aller literarischer Raffinesse nicht einem gewissen Humor. Die Handlung wird von Brontë genau in dem Maße überzeichnet, dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.
Diese Art von Literatur war damals neu. Der Roman thematisiert soziale Klassenunterschiede, Erbschaft, Besitz und Macht. Heathcliffs Außenseiterrolle macht sichtbar, wie soziale Ausgrenzung und Diskriminierung Menschen prägen und zerstören können. Die Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff ist leidenschaftlich, obsessiv und destruktiv, nicht romantisch und wird nie idealisiert Liebe wird als existenzielle, beinahe animalische Kraft dargestellt. Das widersprach stark den damaligen Vorstellungen von kontrollierter, gesellschaftlich akzeptabler Liebe. Viele Kritiker reagierten ablehnend und bezeichneten das Werk als roh oder unmoralisch. Für seine Zeit war Sturmhöhe ein Tabubruch - ein Roman, der zeigte, dass Literatur nicht nur erziehen, sondern auch verstören, provozieren und die dunklen Seiten des Menschen zeigen darf. Erst später wurde erkannt, dass dieser Roman ein Meisterwerk der englischen Literatur ist.
Ich habe etwas gebraucht, mich in die Erzählmelodie einzugrooven und das viele Gejammere der männlichen Protagonisten, ist mir ziemlich auf den Keks gegangen. Doch irgendwann war ich drin und konnte auch nicht mehr aufhören zu lesen. Besonders das letzte Drittel hat mich sehr gefesselt. Man erkennt schon sehr deutlich wie umwälzend diese Art von Literatur für die damalige Zeit gewesen sein muss.
Ein Must Read für alle die Klassiker entdecken möchten, auch weil es sich um eine der wenigen weiblichen Autorinnen handelt. Und eine gute Vorbereitung auf die Neuverfilmung, die im Februar in unsere Kinos kommt.