Aufgewachsen in einer „künstliche[n] Homogenität nach dem Dritten Reich“ wurde Charlotte Wiedemann unter anderem Auslandsreporterin in Ländern Asiens und Afrikas und ist heute als Journalistin und Autorin tätig. Dass „weiß“ sowie „der Westen“ zu überkommende Konstrukte sind und es höchste Zeit ist, Abstand von einer eurozentristischen Perspektive auf alles zu nehmen, legt sie in dieser Textsammlung eindrucksvoll dar.
Wiedemann erzählt von Rassismus (auch in Verbindung mit Feminismus), von Kolonialismus, Shoah, Gedächtnis(politik) und von der allmählich schwindenden weltpolitischen Bedeutung Europas. In ihren Betrachtungen geht es zum Beispiel um historische Begebenheiten aus anderen Perspektiven als der deutschen und sie erinnert an das, was teilweise in Vergessenheit zu geraten droht oder immer noch (zu) wenig Beachtung findet (z.B. der deutsche Kolonialismus oder Rassismus im Zweiten Weltkrieg). Immer wieder gibt sie den Geschichten von Individuen wie Udo, der 1955 als Schwarzes Kind in Deutschland geboren wurde, Sarah Baartman, die als exotisches Exponat nach Europa verschifft wurde und Isaria Anael Meli, der im Alter von 88 Jahren immer noch nach dem Kopf seines Großvaters sucht, Raum. Und sie zitiert viele andere Personen, die sich mit den von ihr betrachteten Themenbereichen auseinandersetz(t)en – z.B. George L. Mosse, Toni Morrison, Felwine Sarr, Max Czollek und Aladin El-Mafaalani.
So entfaltet sich auf ca. 270 Seiten und in insgesamt 65 Texten, die sich auf sieben Themenbereiche erstrecken, eine kritisch-reflexive, intersektionale, multiperspektivische Annäherung an die Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen und können. Manches konnte ich dabei neu lernen, anderes wieder ins Gedächtnis rufen. Vieles hat mich nachhaltig beschäftigt. Insgesamt habe ich das Gefühl, eine globalere Perspektive eröffnet bekommen zu haben. Ein Wermutstropfen bleibt zwar, dass die einzelnen Texte im Inhaltsverzeichnis manchmal etwas anders als im Fließtext heißen und ein erneutes Auffinden deshalb erschwert ist. Aber die Güte der Texte beeinträchtigt das nicht. Klare Empfehlung!
[Triggerwarnung: zitierte Bezeichnungen für abgewertete Menschen (wie das N-Wort)]











