Chloe Hooper Der große Mann

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Inhaltsangabe zu „Der große Mann“ von Chloe Hooper

Am 19. November 2004 wird auf Palm Island der Aborigine Cameron Doomadgee festgenommen, weil er angeblich einen Polizisten beschimpft hat. Vierzig Minuten später liegt er tot in seiner Zelle. Laut Polizeiangaben war er über eine Stufe gestolpert – doch sein Leichnam weist schwere innere Verletzungen auf. Als Hauptverdächtiger gilt der groß gewachsene, charismatische Polizeibeamte Christopher Hurley. Seit Jahren schon arbeitet er auf Palm Island, einem der gefährlichsten Orte Australiens, und auch die Aborigines schätzen ihn. Nun aber muss er sich als erster Polizist des Landes für einen Todesfall in Polizeigewahrsam vor Gericht verantworten ... Chloe Hoopers Tatsachenroman schildert einen unbarmherzigen Kampf um Macht und Gerechtigkeit. Und damit auch das brutale Aufeinanderprallen zweier Kulturen. Aber die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht einfach begraben. Denn der große Mann, der in Camerons Tod verwickelt war, ist in der Mythologie der Aborigines ein Wesen, das viele Formen annimmt, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Ein toter Aborigine im Polizeigewahrsam. Unfall oder Polizeigewalt? Starker gesellschaftskritischer True Crime-Roman.

— Gulan
Gulan

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    Der große Mann
    sapperlot

    sapperlot

    18. March 2017 um 09:01

    Das ungewöhnliche aber auffallende Cover und die Kurzbeschreibung haben mich letzten Herbst zum Kauf dieses Buches animiert und nachdem es fünf Monate auf dem Stapel ungelesener Bücher verbracht hat, habe ich es endlich zur Hand genommen und den ausführlichen Tatsachenroman rund um den durch Polizeigewalt zu Tode gekommen Aborigine Cameron Doomadgee und den mutmasslichen Täter Christopher Hurley gelesen. In den Nachrichten sehen/lesen/hören wir Europäer immer wieder von Tötungsdelikten aus den USA, wo Schwarze wegen Bagatelldelikten von weissen Polizisten erschossen werden. Inhaltlich beschreibt dieses Werk so einen Fall, nur das er in Australien geschehen ist. In gewissen Teilen dieses riesigen Landes gibt es grosse Spannungen zwischen den Ureinwohner, die Aborigines, und der weissen Einwohnerschicht. Es sind aber nicht nur die Äusserlichkeiten die die Menschen unterscheidet. Es klafft eine enorm grosse Lücke wegen dem geschichtlichen und kulturellen Hintergrund. Hautfarbe, Vergangenheit und Glauben spalten die Bevölkerung und es scheint unheimlich schwer diese Kluft zu überwinden.Die australische Autorin schafft es die Ambivalenz des Tötungsdeliktes sowie des ganzen Drumherum zu beschreiben ohne dabei allzu wertend einzugreifen. Dies überlässt sie, ganz so wie es sein soll, den Lesern. Die journalistische Aufarbeitung zeigt, dass sowohl Opfer wie auch Täter Menschen sind mit Vergangenheit und Lebenserfahrungen die ihr Wesen, ihre Persönlichkeit geprägt und geformt haben. Sie nimmt den Fall zum Anlass um ein umfassendes und wirklichkeitsgetreues Bild zu beschreiben was es heisst Aborigine zu sein und was es heisst, ein weisser Bewohner und Gesetzeshüter zu sein auf einer Insel auf die die Ureinwohner abgeschoben bzw. strafversetzt werden und auf der ich wegen der latent vorherrschenden Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt keinesfalls leben möchte.Ein realer Fall minutiös recherchiert und stilistisch so geschrieben, dass sich dieses Werk genremässig in keine Schublade stecken lässt. Es enthält ein Verbrechen sowie die spannenden Elemente von einem Krimi, die Ernsthaftigkeit eines Sachbuches mit Zügen einer Biografie über die Personen die in diese schreckliche Tat involviert waren. Der Begriff "Tatsachenroman" trifft den Kern der Geschichte punktgenau. Ein gelungenes literarisches Experiment das mich in der Art und Weise wie es konzipiert ist frappant an Truman Capotes Klassiker "Kaltblütig" erinnert hat. Und das ist als grosses Kompliment zu verstehen.

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  • Australiens gespaltene Gesellschaft

    Der große Mann
    Gulan

    Gulan

    Ich hörte im beiläufigen Ton vorgetragene Horrorgeschichten. In den vergangenen sechs Wochen hatte ein Mann im Streit um ein Glas Bier seinen Bruder mit einem Messerstich fast tödlich verletzt; eine Frau hatte einer anderen die Lippe abgebissen; ein Mann hatte Benzin über seine Freundin gegossen und sie angezündet. Die Arbeitslosenquote lag bei 92 %. Auf dieser Insel begingen junge Männer drei Mal öfter Selbstmord als junge weiße Männer in Townsville. Die Hälfte der Männer auf Palm Island starb vor dem fünfzigsten Lebensjahr. Die Insel war ein schwarzes Loch, in das Menschen hineingefallen waren. Sollte es also ruhig noch Steine regnen. (S.110) Am 19.November 2004 kommt es zu auf Palm Island zu einem Wortwechsel zwischen dem Aborigine Cameron Doomadgee und dem Polizeibeamten Christopher Hurley. Nach einer angeblichen Beleidigung wird Doomadgee wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen. Vor der Polizeiwache gibt es ein weiteres Handgemenge und schließlich einen Sturz. Doomagdee wird in eine Zelle geschleift. Dort wird er eine halbe Stunde später tot aufgefunden – gestorben an schweren inneren Verletzungen. Ein Unfall oder ein Fall von Polizeigewalt? Palm Island ist eine Insel vor der Ostküste Australiens im Bundesland Queensland, 60 km nördlich von Townsville am Great Barrier Reef. Eigentlich eine klassische Paradiesinsel wurde sie etwa 60 Jahre lang bis in der 1970er von der Regierung von Queensland als Straflager genutzt, in das die Ureinwohner der Aborigines deportiert wurden. Dies ist zwar inzwischen Geschichte, aber die Probleme sind dadurch natürlich nicht verschwunden. Perspektivlosigkeit aller Orten, Armut, eine wahnsinnig hohe Arbeitslosenquote. Familiäre Gewalt, Drogen- und Alkoholsucht sind an der Tagesordnung. Der Tod von Doomadgee löst extreme Ausschreitungen aus, die Polizeistation und das Wohnhaus des Beamten Hurley werden abgefackelt. Cameron Doomadgee ist einer dieser Perspektivlosen, 36 Jahre alt, sein Clan stammt ursprünglich aus einer Gegend in Nordwest-Queensland, mehr als 1000 km entfernt. Er stirbt an massiven inneren Verletzungen: Seine Leber ist durch starken Druck auf die Wirbelsäule gequetscht worden und fast entzwei gerissen. Verletzungen, die nicht durch einen bloßen Sturz zu erklären sind. Der Polizeibeamte Hurley wird zum Hauptverdächtigen. Ein markanter, kräftiger Mann, mehr als zwei Meter groß. Hurley ist schon seit langem in Aborigine-Gemeinden tätig, bislang ohne negativ aufgefallen zu sein. Er weist alle Schuld von sich, behauptet schließlich im Nachhinein, er müsse beim Sturz wohl auf Doomagdee gefallen sein. Eine Erklärung, die seine Kollegen zufriedenstellt, bei der Aborigine-Gemeinde aber mit großer Wut aufgenommen wird. Es kommt zu einer Anhörung, die immer wieder verzögert wird. Dort empfiehlt die Untersuchungsrichterin, Anklage gegen Hurley wegen Totschlags zu erheben. Die Staatsanwaltschaft weigert sich. Erst durch Intervention des Generalstaatsanwalts kommt es schließlich doch zum ersten Prozess in Australien, in dem ein Polizist wegen eines Todesfalls in Polizeigewahrsam angeklagt wurde. Die Autorin Chloe Hooper wird von Rechtsanwalt Andrew Boe angesprochen, er vertritt die Interessen von Doomagdees Hinterbliebenen. Kurz vor Beginn der Anhörungen trifft sie relativ unbefleckt auf Palm Island ein und verfolgt die Ereignisse bis zur Urteilsverkündung im Prozess gegen Christopher Hurley. In bester Tradition Truman Capotes hat sie daraus einen Tatsachenroman verfasst, der 2008 erstmals im Original erschien und in Australien schon jetzt ein moderner Klassiker ist. Der große Mann kommt in vielerlei Gestalt, sagen die Leute. Er kann seine Form verändern, aber wenn er einen am Boden hat, dann ist, ob man schwarz oder weiß ist, das Grauen dasselbe. (S.352) Die Aborigines haben inzwischen alle Bürgerrechte und es wurde sich doch für begangenes Unrecht entschuldigt, sagen viele aus der weißen Bevölkerung Australiens. Das stimmt und doch macht die Autorin in diesem Buch deutlich, wie sehr die brutale Assimilationspolitik die kulturelle, spirituelle und zum Teil auch persönliche Identität der Ureinwohner beschädigt und große Teile der Aborigine-Gesellschaft bis heute marginalisiert hat. Dies manifestiert sich in im Vergleich zur Gesamtbevölkerung extrem erhöhten Prozentsätzen von Sucht, Gewalt, Kriminalität und Kindesmissbrauch. Die Weißen reagieren mit Abscheu und alltäglichem Rassismus. Ein Teufelskreis entsteht, in dem selbst einem nicht unbedingt als „bad cop“ bekannten Polizisten wie Christopher Hurley die Sicherungen durchbrennen können. Doch auf den Korpsgeist ist Verlass: Die Polizeigewerkschaft fährt alle Geschütze auf, um ihren Mann vor der Verurteilung zu bewahren. Chloe Hooper recherchiert in Palm Island, begleitet die Prozesse und begibt sich auch auf die Reise in den Heimatort Doomadgee und nach Burketown, eine frühere Station in Hurleys Berufsleben. Ihre Recherchen ergeben das Bild eines immer noch tief gespaltenen Australiens. Dabei schreibt Hooper nicht im Stil einer wütenden Aktivistin, sondern präzise und stilistisch elegant. Sie erweist sich als genaue Beobachterin, vor allem im Gerichtssaal, und setzt nur dort, wo nötig, erklärende historische Erläuterungen. Aber alles in allem setzt sie natürlich ein politisches Statement. Dies alles macht „Der große Mann“ zu einem überzeugenden Werk.

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    • 6
  • Weit mehr als die Schilderung eines gewaltsamen Todes

    Der große Mann
    Havers

    Havers

    18. May 2016 um 19:03

    „Der große Mann: Leben und Sterben auf Palm Island“ ist im Original bereits 2008 erschienen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nun ist diese Reportage, dem Verlag Liebeskind sei Dank, endlich auch ihn deutscher Übersetzung erhältlich. Die Geschichte, die die australische Autorin Chloe Hooper darin erzählt, beruht auf einem tatsächlichen Ereignis, ist aber weit mehr als die Schilderung eines gewaltsamen Todes und des nachfolgenden Prozesses. Der Vorfall trägt sich im November 2004 auf Great Palm Island zu, jener zu Queensland gehörenden Insel, die der Regierung als Abschiebelager und Ghetto für Aborigines dient und als äußerst gewalttätiger Ort bekannt ist. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 90 Prozent, Alkoholismus und Drogensucht ist weit verbreitet, Gewalt in jeglicher Form, Mord und Selbstmord gehören zur Tagesordnung. Es ist quasi ein rechtsfreier Raum. Auf die ca. 2500 Einwohner kommen eine Handvoll Polizisten unter der Leitung von Christopher Hurley, einem „Großen Mann“, allesamt weiß. Hurley gefällt sich in seiner Rolle als Gesetzeshüter und harter Bursche, und so ist es nicht verwunderlich, dass er Respekt einfordert. Den Aborigines gegenüber fühlt er sich überlegen, gefällt sich in seiner Rolle als Gesetzeshüter. Und so jemandem muss man natürlich Respekt entgegenbringen. Cameron Doomadgee, ein Aborigine, lässt diesen offenbar vermissen, als er in angetrunkenem Zustand kontrolliert wird und daraufhin das Lied „Who let the dogs out“ vor sich hin summt. Er wird verhaftet und auf die Wache transportiert, und eine knappe Stunde später liegt er tot am Boden. Angeblich ist er über eine Stufe gestolpert und hat sich dabei schwer verletzt. Ein blaues Auge, Blutergüsse am ganzen Körper, die Leber in zwei Teile gerissen, diverse gebrochene Rippen und eine Bauchvenenruptur. Zuerst passiert nichts. Erst als die Öffentlichkeit ihrer Empörung Luft macht, sieht sich der Generalstaatsanwalt genötigt zu reagieren und ein Gerichtsverfahren gegen Hurley einzuleiten. Chloe Hooper erzählt nicht nur die Geschichte von Cameron Doomadgee, sondern zeichnet damit auch das Bild einer Gesellschaft, die sich auf Rassismus gründet. In der einer ganzen Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Hautfarbe die Identität genommen wird. Die Aborigines werden ins Abseits gedrängt Grundrechte verweigert, Übergriffe werden durch die staatlichen Stellen geduldet, der Willkür ist Tür und Tor geöffnet – ein Leben ohne Perspektive, analog dem Umgang der US-Regierung/-Bürger mit den Afroamerikanern und den Natives. Hooper zeigt das Große im Kleinen, beschreibt eine erschütternde, australische Tragödie. Nachdrücklich empfohlen!  

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