Chris Kraus Das kalte Blut

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Inhaltsangabe zu „Das kalte Blut“ von Chris Kraus

Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen. Die Geschichte der Solms ist auch die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: des Untergangs einer alten Welt und die Erstehung eines unheimlichen Phönix aus der Asche.

Ein Meisterwerk! Keine Seite zu viel.

— sar89

Ein Meisterwerk! Mehr braucht man dazu nicht zu sagen. 1200 Seiten, die in sich haben. Die sich aber auf jeden Fall lohnen.

— hans-bubi

ein großartiges Epos!

— ju_theTrue

Was für ein ein Epos!

— Estel90

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  • Eine Familie im Strudel der Geschichte

    Das kalte Blut

    sar89

    16. August 2017 um 20:15

    Die deutsch-baltische Familie Solm gerät mitten in den Strudel der Geschichte. Zuerst wird Pfarrer Grosspaping Solm bei der Apfelernte brutal ermordet und im Teich ertränkt. Dann gerät die Familie in die Wirren des ersten Weltkriegs. Zu Hub und Koja gesellt sich bald Ev, die von der Familienamme Anna mitten in den Hungerjahren angeschleppt wird. Vater Solm malt Ev gerne und die Mutter lernt von Ev haushalten, was sie als Abkömmling von Adligen nie musste. Der jüngere Bruder Koja gibt für Ev sein nicht zielführendes Architekturstudium auf und Ev wird Medizinerin. Hub zieht Koja dann in die Nazi-Szene hinein. Ev ist kurzzeitig mit Sneiper verheiratet und dann abwechslungsweise mit Hub und Koja. Während Hub zuerst eine steile Karriere bei den Nazis hinlegt, bekommt Koja eher speziellere Aufträge zugeteilt wie Kunstbeauftragter usw., bis er immer mehr in Geheimdienstarbeit hineinkommt und sich als Doppelagent in ihr verstrickt. Im Verlauf der Zeit arbeitet Koja unter unterschiedlichen Namen und Identitäten für SD, KGB, BND, CIA und den Mossad. Er Verrät seine Familie, schützt sie aber auch immer gleichzeitig. Die beiden Brüder zerstreiten sich, vor allem nach einem grossen Schicksalsschlag, der die ganze Familie erschüttert. Hub wird Alkoholiker und gesellschaftlich und politisch irrelevant. Koja steigt innerhalb der Geheimdienste auf und macht Karriere. Koja erzählt die ganze Familiengeschichte seinem sterbenden Hippienachbarn im Krankenzimmer, denn Koja hat sich gegen Ende seiner Geheimdienstzeit eine Kugel eingefangen.Trotz der 1200 Seiten ist der Roman immer sehr spannend zu lesen und die Seiten vergehen im Flug, vorausgesetzt man ist an Geschichte interessiert. Sehr spannend ist die Tatsache, dass viele Ex-Nazis in den Behörden an höchster Stelle wirkten, was zwar allgemein bekannt ist aber im Roman sehr im Fokus steht. Die Figur Koja Solm ist komplex, widersprüchlich und birgt einige Untiefen. Die Beziehung der beiden Brüder entwickelt sich zwar negativ aber sie macht genau wie die Charaktere im Buch eine Entwicklung durch. Einzig die Figur von Ev behält während des ganzen Buches ihre Haupteigenschaften bei und zeigt immer wieder die gleichen extremen Verhaltensmuster. Alles in allem ist "Das kalte Blut" sehr, sehr lesenswert!

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  • Chris Kraus ist ein großartiger Erzähler

    Das kalte Blut

    buchmagie88

    12. July 2017 um 19:30

    Die beiden Brüder Hub und Koja Solm aus Riga beginnen ihre politische Laufbahn in Nazideutschland. Während Hub in seinem Element angekommen scheint, gerät Koja eher durch unglückliche Umstände in das Netz der NSDAP.Nach dem Ende des Krieges arbeiten beide als Spione in der jungen Bundesrepublik. Schon früh adoptieren Hubs und Kojas Eltern die Jüdin Ev, die als Geliebte zwischen den beiden Brüdern immer wieder wechselt. Aus diesem Dreiecksgespann, das nicht nur eine Menge moralischer Fragen aufwirft, treten abenteuerliche politische Verwicklungen in Kraft. Denn die Geschichte der Familie Solm repräsentiert gleichsam die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Einem Land, das nach seinem Untergang wieder aufersteht. "Normale Menschen, die zu Massenmördern werden". Dieses Buch, geschrieben vom Kulturwissenschaftler Harald Welzer, wird in der Danksagung von Chris Kraus' Roman "Das kalte Blut" vom Autor selbst erwähnt und als ein Titel bezeichnet, der auch gut zum hier vorliegenden Roman passen würde. Und das ist mehr als zutreffend. Koja Solm, der Protagonist dieser Geschichte, der im weit fortgeschrittenen Alter in einem Krankenhaus einem Hippie, namens Basti, seine Lebensgeschichte erzählt, verkörpert zunächst den klassischen Typen eines Durchschnittmenschen, der nach einer Verkettung unglücklicher Umstände in die NSDAP kommt. Ein Leben lang stand der künstlerisch begabte Koja im Schatten seines größeren und dominanten Bruders und gerade dieser Umstand, dass Hub eine gewisse Macht über seinen Bruder besitzt, ist auch wohl der Grund, warum sich Koja in dieses gefährliche Milieu hineinziehen ließ. An diesem Punkt enden aber auch schon jegliche Rechtfertigungsversuche für die Hauptfigur des Romans. Auch wenn Koja das ein oder andere Mal in seinem weiteren Lebensweg aus Angst um eine geliebte Person handelte, handelte er doch immer im vollen Bewusstsein und war sich der Tragweite seiner Entscheidungen bewusst. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Leser diese Tatsache annimmt, wird auch deutlich, dass man es mit einer unglaublich unsympathischen Hauptfigur zu tun hat. Zumindest meiner persönlichen Empfindung nach.Diese Erkenntnis kam mir sehr früh, während der Lektüre der knapp 1200 Seiten, dementsprechend überrascht war ich dann, dass es der Sogwirkung, die "Das kalte Blut" zweifellos besitzt, keinen Abbruch getan hat. Wenn man einmal begann zu lesen, kam man, selbst nach sehr vielen Seiten, schwer von der Geschichte los. Das lag vor allem daran, dass Chris Kraus einen wirklich begnadeten Erzähler verkörpert. Er erzählt die Familiengeschichte der Solms, eine Geschichte, in der zwei Brüder sämtliche Moralvorstellungen ablegten und zu Massenmördern wurden. Er konstruiert zwei unterschiedliche Charaktere und beschreibt, wie einem die Last wegen der Richtung, die sein Leben nahm, erdrückt und wie der andere besser mit der Situation zurecht zu kommen scheint. Man würde annehmen, dass es sich bei dem Erdrückten um Koja handelt, aber das ist eine falsche Vermutung. In einer fast schon beängstigenden emotionslosen Neutralität berichtet der Protagonist Koja von seinen Verbrechen in der Nazizeit, wie er danach lügt und betrügt und jedem in seiner unmittelbaren Umgebung manipuliert, um seine Ziele zu erreichen. Manchmal bekommt der Leser den Eindruck, dass er nicht von seinem eigenen Leben berichtet, sondern vom Leben eines anderen erzählt. Wutanfälle, Alkoholexzesse, Gewaltausbrüche und den ein oder anderen psychotischen Zusammenbruch überlässt der Protagonist den beiden anderen Akteuren im oben erwähnten Dreiecksgespann, seinem Bruder Hub und seiner Adoptivschwester Ev. Diese Dreiecksgeschichte bildet dann auch eines der wichtigsten Handlungselemente der Geschichte. Sie steht mehr als einmal im Mittelpunkt der Geschehnisse und bestimmte sogar die politischen Wege, die die beiden Brüder nach Ende des Krieges gehen. Als Spione der jungen deutschen Bundesrepublik müssen sie Leute abhören, Geheimnisse hüten und ein Lügenkonstrukt erschaffen, dass sich unbemerkt auch in ihr Privatleben schleicht, und dort Ereignisse hervorbringt, die den Leser immer wieder überraschen. Und somit der Sogwirkung von "Das kalte Blut" natürlich keinen Abbruch tut. Obwohl der Protagonist mit seiner Lebensbeichte gegenüber dem friedlich lebenden Hippie im Krankenhaus wohl nur Vergebung suchte, und klar stellen wollte, dass er an keinem Punkt seiner teils fragwürdigen und teils grausamen Taten keine Wahl hatte, lässt sich in der Handlung des Erzählens einer Lebensbeichte, wieder ein typischer Charakterzug Kojas erkennen, die er auch oftmals in seinen Erzählungen einfließen ließ, und zwar, dass er in den meisten Fällen immer nur sich selbst retten wollte. Mögen manche seiner Motive aus Liebe gewesen sein, diese Selbstsüchtigkeit konnte ich ihm trotzdem nicht absprechen. Auch das Ende der erzählten Geschichte von Koja Solm, möchte ich in handlungstheoretischer Sicht, positiv hervorheben. Es knüpft noch einmal an die bereits erwähnte Disharmonie im Zusammenhang mit dem Protagonisten an und bringt seine gesamte Lebensgeschichte zu einem nennenswerten Abschluss.Wie bereits erwähnt ist "Das kalte Blut" nicht nur eine Familiengeschichte, sondern gleichsam die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Nicht nur der zweite Weltkrieg wird thematisch behandelt, sondern auch die neue deutsche Bundesrepublik mit einem besonderen Hauptaugenmerk auf die Geheimdienste, in denen sich allerhand ehemalige Naziverbrecher befanden, die straflos ihren Angelegenheiten weiter nachgehen konnten. Gerade die politischen Akteure in Chris Kraus' Roman, so steht es in den Vorbemerkungen des Autoren, entsprangen zum großen Teil eben nicht seiner Feder, sondern haben wirklich existiert. An dieser Stelle sollte auch noch einmal die Danksagung lobend erwähnt werden, in der man nicht nur allerhand interessante Details zum Lesen bekommt, sondern auch einen kleinen Überblick über das enorme Recherchematerial erhält, das Chris Kraus für seinen Roman gebraucht hat.Es ist ziemlich schwierig auf 1200 Seiten nicht einmal langatmig zu werden, doch genau das ist dem Autoren mit "Das kalte Blut" gelungen. Eine Geschichte, die sauer aufstößt, die einen wütend macht, die man aber doch nicht eine Minute zur Seite legen kann. 

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  • Ein deutscher Epos

    Das kalte Blut

    raven1711

    30. June 2017 um 10:04

    Rezension Chris Kraus - Das kalte Blut Klappentext:Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Ver¬wicklungen führen. Die Geschichte der Solms ist auch die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: des Untergangs einer alten Welt und die Erstehung eines unheimlichen Phönix aus der Asche.Meinung:Mit Das kalte Blut hat Chris Kraus hier ein nahezu episches Werk geschaffen und erzählt die Geschichte der Brüder Koja und Hub von ihrer frühen Kindheit in den 1910er Jahren bis in die 1970er Jahre. Zu Anfang lernen wir Koja kennen. Dieser liegt mit einer gefährlichen Schussverletzung im Krankenhaus und erzählt dem neben ihm liegenden Patienten seine Lebensgeschichte. Und so reist der Leser vom einstigen deutschen Ostpreußen durch die Jahrzehnte und Länder, bis sich schließlich die Geschichte im Krankenhaus schließt.Chris Kraus greift dabei gerade in den Anfängen ein mir nicht ganz so gegenwärtiges Thema auf: Die Region Ostpreußen und ihre Entwicklung im Verlauf der Jahrzehnte. Gerade diese erste Zeit bis zum Ende des zweiten Weltkrieges fand ich thematisch besonders spannend und hielt für mich sehr viele neue Informationen und Blickwinkel bereit. Denn nicht nur die Hintergründe hat der Autor gut untergebracht, auch sprachlich weiß er den Leser an sein Mammutwerk zu fesseln. Wie ein Film läuft das Geschehen vor dem inneren Auge ab, ungeschönt und brutal, aber auch menschlich und verzweifelt entwickelt sich die Handlung. Und trotz der vielen dunklen Momente finden sich immer genug Lichtblicke in Kojas Leben. Und wenn es gar zu dunkel wird, versetzt uns Chris Kraus wieder ins Krankenzimmer, wo Koja seine Absolution erhofft und dem Leser so eine Atempause gewährt wird.So umfassend, wie die Geschichte ist, so vielschichtig sind auch seine Protagonisten. Chris Kraus lässt ihnen viel Raum sich hier zu entfalten, und da man sie durch mehrere Jahrzehnte begleitet, kann man hautnah ihre Entwicklung und Reife verfolgen. Man baut dabei Sympathien und Antipathien auf, mag die Hauptfiguren manchmal mehr, und manchmal weniger, und doch kann man deren Handlungen und Beweggründe immer nachvollziehen.Leider bleibt die Geschichte nicht ganz ohne Längen aus, trotzdem lohnt sich das Buch allein schon von seiner Geschichte und den gut recherchierten Hintergründen, welche die kleine Längen in der Handlung wieder wettmachen. Fazit:Mit Das kalte Blut hat Chris Kraus hier ein Mammutwerk geschaffen, das Blockbuster-Qualitäten aufweist. Es ist richtig gut recherchiert, trotz ein paar Längen spannend bis zur letzten Seite und hält richtig viel Lesezeit bereit :)Von mir gibt es 5 von 5 Punkten.Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

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    • 3
  • Informativ, erschütternd, unterhaltsam

    Das kalte Blut

    himbeerbel

    14. April 2017 um 10:25

    „Das kalte Blut“ offenbart sich dem Leser aus der Sicht von Koja Solm, der 1974 mit einer Kugel im Kopf auf der Hirnstation in einem Münchner Krankenhaus ist und seinem Bettnachbarn, einem Hippie, sein Leben erzählt. Was diesem zunächst noch sympathisch, unterhaltsam und witzig erscheint, wird jedoch zunehmend grausam, desillusionierend und belastend.„Warum weinen Sie nicht? Ist Ihnen nicht klargeworden, dass Sie, bitte verstehen Sie das nicht falsch, unerträglicher Abschaum sind?“ (S. 478)Die Geschichte beginnt im Zarenreich und erzählt von den beiden deutschbaltischen Brüdern Hub und Koja Solm, die einander in aufrichtiger Bruderliebe zugetan sind: strahlend-extrovertiert der Ältere, empfindsam der Jüngere. Koja möchte wie sein Vater als Künstler leben, doch politische Umbrüche und finanzielle Sorgen verhindern dies. Und so lässt sich Koja in den dreißiger Jahren von seinem großen Bruder Hub in die NS-Bewegung in Lettland und später in Berlin hineinziehen. Koja und sein Bruder werden Nazis und wenig später als SS-Offiziere und Agenten des nationalsozialistischen SD zu Tätern. Die beiden Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik.Beiden Brüdern gemeinsam ist die leidenschaftliche Liebe für ihre Adoptivschwester Ev. Als sich herausstellt, dass Ev jüdische Wurzeln hat, kann Koja, inzwischen Obersturmführer der SS, sie vor der Vernichtung bewahren. Im Lauf der Zeit ist Ev mal Hubs, mal Kojas Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen.Nach dem Krieg und seiner Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft muss sich Koja neu erfinden und verstrickt sich als Doppelagent immer mehr in Verrat und Lüge. Selbst Ev gegenüber, mit der er nach Israel zieht und die nur noch eines will: die Wahrheit über die Täter von damals zu Tage fördern.„Warum glauben immer alle (bis auf Geheimagenten natürlich), dass Ehrlichkeit am längsten währt? Ehrlichkeit hat niemals eine Zukunft, es sei denn, sie lässt sich als List gebrauchen.“ (S. 834)Wer sich auf dieses 1200 Seiten umfassende Werk einlässt, dem wird einiges geboten. Wir haben es hier mit interessanten vielschichtigen Charakteren zu tun, die weder komplett gut noch komplett böse sind. Das Handeln der Personen ist nachvollziehbar oder eben nicht nachvollziehbar, wird den Protagonisten aber zugetraut. Es ist gefühlvoll, herzergreifend, nicht gerade moralisch einwandfrei, manchmal brutal, widerwärtig und abstoßend. Eine Stelle im Buch ließ mich beim lesen erschrocken zusammenzucken. Doch dieser Roman baut nicht auf Schockmomente, auch wenn diese vorhanden sind, sondern vielmehr berührt die Gefühlsvielfalt, die einem diese Personen bieten und durchleben lassen – und vor allem die Informationen, die Chris Kraus hier vermittelt.So hat der Autor diesen Roman parallel neben seiner unveröffentlichten Familiengeschichte verfasst und einen umfangreichen Literatur- und Quellenverweis der Fachbücher (online) aufgelistet, ohne die ihm ein Zugang in die Welt der westlichen und östlichen Geheimdienste und ihres nationalsozialistischen Äquivalents, des SD, verschlossen geblieben wäre. Auch in den Vorbemerkungen des Buchs weist der Autor darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der geschilderten Geschehnisse und politischen Affären gänzlich erfunden sind. Und so lässt er seine fiktiven Figuren inmitten realer früherer Geheimdienstoperationen agieren und erzählt davon, wie der BND in der noch jungen Bundesrepublik von ehemaligen Nazis gegründet und geführt wurde. Sicherheitshalber steht jedoch auch im Vorwort: „Ihre Gültigkeit haben die Handelnden wie auch ihre beschriebenen Handlungen dennoch nur in der fiktiven Welt des folgenden Romans. Außerhalb davon mag es sich so oder auch anders zugetragen haben.“Und so konnte mich Chris Kraus mit diesem Roman dank des ironischen, teilweise sarkastischen Erzähltons, gefühlvoller Schilderungen und der bildhaften Sprache gut unterhalten. Gleichzeitig habe ich über die Verstrickungen der Geheimdienste gelesen und mir einige Gedanken über die NS-Zeit, sowie den Aufbau der Bundesrepublik gemacht. Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der sich für diese Themen interessiert.

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  • Das kalte Blut

    Das kalte Blut

    Minoo

    09. April 2017 um 13:09

    "Das kalte Blut" ist ein Koloss, ein echter Wälzer mit seinen 1.200 Seiten. Doch selten habe ich ein Buch solch enormen Umfangs verschlungen, wie "Das kalte Blut". Oft gehen entweder dem Erzähler oder dem Leser (häufig auch beiden) während des Buches die Luft aus. So gut ein Buch dieses Umfangs auch ist, verspüre ich während des Lesens häufig das Bedürfnis nach etwas Anderem, nach Abwechslung, nach einer kleinen Pause. Bei diesem Buch war dies nicht der Fall. Ich hasste die erzwungenen Pausen die ich einlegen musste, denn Abwechslung bringt dieses Buch zu Genüge. Auf keiner Seite habe ich mich gelangweilt. "Und mir wurde klar, warum der Mensch den Menschen liebt, da er ihn nämlich lieben muss, weil das für jeden Einzelnen die einzige Hoffnung ist, trotz allem ein Mensch zu bleiben." (S. 476)In großartigem Stil erzählt Chris Kraus die Geschichte der beiden Deutschbalten Koja und Hub. Geschrieben ist dieses Werk aus Kojas Sicht, einem Mann Mitte 60 der aufgrund einer schweren Hirnverletzung, hervorgerufen durch einen Schuss, im Krankenhaus liegt und seine Geschichte seinem Zimmernachbarn, einem friedliebenden Hippie, erzählt. Dabei, so scheint es, geht es ihm vor allem um Eines: Um Vergebung. Darum, dass der Hippie ihm zusichert, dass er keine andere Wahl hatte, dass er kein schlechter Mensch ist, trotz allem, was er in seinem Leben getan hat. Obwohl der Hippie irgendwann nichts mehr von Kojas Vergangenheit hören möchte, erzählt dieser rücksichtslos weiter. Dabei geht Koja zunächst zurück in seine frühe Kindheit, welche er im Riga der 1910er Jahre erlebte. Er führt den Leser in das Leben seiner Familie, insbesondere das seines älteren Bruders Hub und seiner Adoptivschwester Ev. Die besondere Beziehung zu seiner Schwester, die zunächst Hubs Frau und später die seine wird, nimmt schon zu Beginn des Buches einen großen Platz ein. Während seine Schwester offensichtlich in Hub verliebt ist, leidet der noch sehr junge Koja still darunter. Die Brüder treten der SS bei. Hub aus Überzeugung, Koja, weil Hub es tut. Während Hub aus Überzeugung und Hass handelt, folgt Koja allem, was von ihm verlangt wird. Auch wenn er darunter leidet, bringt er nie den Mut, die Kraft auf, sich zu weigern. Immer wieder stellte ich mir die Frage, zu welcher Art von Mensch Koja das macht. Konnte der Holocaust vor allem wegen Menschen wie ihm geschehen? Besonders interessant empfand ich, wie die Brüder in der Mitte des Buches die Rollen tauschen. Nach der SS-Zeit ist Koja Geheimagent für den BND, aber auch für den KGB, sogar den Mossad. Er betrügt und verrät alles und jeden. Das spannende ist, dass all diese Verwicklungen, alle Gräueltaten die Koja während seines Lebens begeht aus Kojas heutiger Sicht geschildert werden. "Die Wahrheit blieb mein oberstes Gebot, kollidierte aber mit meinem anderen obersten Gebot, dem Selbsterhaltungstrieb." (S. 550)Das Besondere an dieser Geschichte ist die unglaubliche Charakterentwicklung der Protagonisten und Nebencharaktere. Die Charaktere können nicht in Schubladen gesteckt werden und das, obwohl die Handlung von den Grausamkeiten des zweiten Weltkrieges erzählt. Es gibt viel Gutes und noch mehr Böses, jedoch findet man in den Charakteren immer von beidem etwas. Dies löste in mir aus, dass ich mit einem Verräter und Mörder Sympathie hegte, dessen Verhalten mich aber zugleich abstieß und anwiderte. Auch die Liebe nimmt einen großen Platz in "Das kalte Blut" ein. Authentisch beschrieben werden hier die Beziehungen innerhalb einer Familie, aber auch die Liebe zwischen Mann und Frau. Dabei entsteht die Frage, ob die Liebe wirklich alles entschuldigt. Entschuldigt die Liebe Mord, Verrat und Lügen? "Für Ev war es die letzte gewaltige Lüge, nicht für mich. Und deshalb, glaube ich, konnte ich sie nicht verstehen. Denn die letzte gewaltige Lüge ist etwas, was jeden in den Wahnsinn treibt. Was man loswerden muss. Was einen verfolgt." (S.749) Der Schreibstil des Autors ist große Kunst. Seine Charaktere haben Gesichter, die Atmosphäre geht unmittelbar auf den Leser über und die Sprache ist so bildgewaltig, dass ich oft mit den Tränen zu kämpfen hatte. Die Gefühle der einzelnen Charaktere überwältigten mich. Der Autor schrieb einige Dialoge in jiddisch-daitschem, hessischen oder bayrischen Dialekt, was diese viel lebhafter und authentischer machte. Ich las das Buch, als wäre ich davon besessen, in dem Wissen, dass mir die nächste Seite, der nächste Satz erneut den Boden unter den Füßen wegziehen konnte. Es gibt eine Szene, in welchem ein Erschießungskommando beschrieben wurde. Einer der jüdischen Männer erkennt Koja, bettelt und fleht um Gnade und wird dennoch von dessen Bruder Hub erschossen. Koja steht daneben und tut nichts. Eine Frau und ihr Baby überleben. Koja erhält den Befehl beide zu erschießen und feuert ein ganzes Magazin auf ihre Mutter und ihr Neugeborenes ab. Eine weitere Szene beschreibt, wie Koja einen Freund findet, der sich das Leben genommen hat. Diese Szenen und viele weitere, erdrückten mich in ihrer Eindringlichkeit. "Der nächtliche Regen hatte seinen abstehenden Haarkranz flach auf die Kopfhaut geklatscht, als wäre er nie eine Pusteblume gewesen." (S.821) Fazit: Ein atmosphärisch dichter, mitreißender Roman, der den Leser durch unterschiedlichste Gefühle jagt und in seiner Sprache, der Charakterentwicklung, der Handlung und den Fragen, die aufgeworfen werden, auf ganzer Linie überzeugt. "Angst ist selten logisch, sonst wäre es keine. Warum sollte man Angst vor Spinnen haben oder vor seinem Chef? Nichts ist jemals logisch, was einem den Schlaf raubt." (S. 1077)

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  • Das kalte Blut

    Das kalte Blut

    karlmotzet

    18. March 2017 um 16:42

    Diese Geschichte zweier deutschstämmiger Brüder aus Riga ist ein mitreißendes Drama um Verrat und Selbstbetrug im Strudel des 20. Jahrhunderts. Sie machen Karriere im Nazideutschland und dann als Spione in der jungen BRD. Die Stationen sind ausgehend von Riga über Moskau, Berlin und München bis nach Tel Aviv führt. Die revolutionären Unruhen 1905 im Zarenreich erschüttern auch das malerische Riga. Die Pastorenfamilie Solm gerät in finanzielle und existenzielle Schwierigkeiten, der Großvater wird erschlagen. In diesen Wirren adoptieren die Solms das jüdische Mädchen Ev als ihre Tochter, die beide Brüder leidenschaftlich und wechselweise lieben. Koja lässt sich von seinem großen Bruder in die NS-Bewegung in Lettland und später in Berlin hineinziehen. Er avanciert zum Obersturmbannführer der SS und kann in dieser Position Ev vor der Deportation bewahren. Die Geschichte der Solms ist auch die Geschichte Deutschlands mit all den Umbrüchen und Gräuel dieser Zeit. Nach dem Krieg  kehrt Koja aus sowjetische Gefangenschaft zurück und muss sich neu erfinden.

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  • LovelyBooks Romane-Challenge 2017: Die Challenge mit Niveau

    aba

    29. December 2016 um 13:40

    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.Und auf euch warten tolle Gewinne.Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2017 wieder dabei!Liest du gerne Bücher mit Niveau?Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2017 bis 31.12.2017 lesen.Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.Auch Neuauflagen – 2017 erschienen - von Klassikern.Die Regeln: Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind! Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Nimmst du die Herausforderung an? Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2017 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema. Ich freue mich auf viele Anmeldungen! Teilnehmer: AgnesM aljufa Ancareenanneschuessler anushka Arietta ArizonaAspasia ban-aislingeachbanditsandra Barbara62 blaues-herzblatt BookfantasyXY bookgirl Buchina Buchraettinc_awards_ya_sin CaroasCaro_LesemausCornelia_Ruoff Corsicana Curin cyrana czytelniczka73 dia78 DieBerta Dionemma_vandertheque erinrosewell Federfee Flocke86 Fornika Frau_J_von_T Gela_HK Ginevra Gruenentegst Gwendolina hannelore259 imitas Insider2199 Isaopera jenvo82 JoBerlin kalestraKatharina99 katrin297Katze21 krimielse lesebiene27 leselea LibriHolly maria1 Maritzel marpije Mercado Miamou Mira20 miro76  miss_mesmerized moni_lovesMotte_muqqel Nane_M naninka Nilonce-upon-a-time parden Petris Pocci Sandra_Halbesar89 schokoloko29 serendipity3012 SikalSimi159 sofie solveig SorR StefanieFreigericht Sumsi1990 suppenfee Susibelle TanyBee Tinchen07 TochterAliceulrikerabe vielleser18 Weltensucher Xirxe xlxn Yolande

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