Christa Wolf Kassandra. Erzählung.

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Inhaltsangabe zu „Kassandra. Erzählung.“ von Christa Wolf

Erzählung. Darmst/Neuw. (Luchterhand). 11.Aufl. 1984. geb.mSU. 157 S. (Aufkl.aVS, Autorenbild eingeklebt, Blstanstr).

Eine beeindruckende Erzählung

— Aliknecht
Aliknecht
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  • Prophetin des Untergangs

    Kassandra. Erzählung.
    Aliknecht

    Aliknecht

    01. February 2017 um 18:45

    Die Sieger von Troia ziehen durch das Löwentor von Mykenae. Kassandra sitzt zusammen mit anderen Gefangenen auf einem Wagen. Das letzte, das sie sieht, sind die Mauern der Festung. Sie weiss , dass sie und der griechische Heerführer Agamemnon in wenigen Stunden  durch die Hände der Klytaimnestra und ihres Liebhabers sterben werden. Den Untergang ihrer Stadt sah die troische Prinzessin ebenso voraus. Aber sie warnte vergeblich vor dem hölzernen Pferd, denn niemand glaubte ihr. Sie könnte Agamemnon warnen, aber sie unterlässt es. Erinnerungen an das Leben in Troia vor dem Krieg steigen auf, die Liebe zu ihrem Vater Priamos, die Beziehung zur Mutter und den Geschwistern, wie sie als junges Mädchen Priesterin wurde und ihre Liebe zu Aineias. Sie erinnert sich an die Entführung Helenas durch ihren Bruder Paris, an den aufsteigenden Konflikt mit den Griechen, an den Beginn der Belagerung Troias,  an schmerzliche Verluste und  wie sich allmählich  das Leben in der Stadt unter dem Krieg verhärtete. Sie stemmte sich dagegen und isolierte sich immer mehr, bis sie  schliesslich für irrsinnig gehalten und eingesperrt wurde. Kassandra erinnert sich an die Amazonen, die sich eine  Brust amputiert hatten, um besser  mit Pfeil und Bogen hantieren zu können. Sie denkt an Penthesilea, die Königin der Amazonen, deren Körper übersäht von Narben war,  und die ebenso wie Hektor und viele andere unter den Streichen von "Achilles, dem Vieh" fiel. Dieser wird hier jedenfalls nicht von Brad Pitt gespielt, die Sympathien sind eindeutig anders verteilt. Die Griechen haben dem Feminismus nichts zu bieten. Sie verfügen weder über eine sensible Kassandra noch über eine  im Kampf erfahrene Penthesilea. Die unsympathische Meuchelmörderin Klytaimnestra und die schöne Helena, über deren Intelligenz nichts bekannt ist, sind keine geeigneten Identifikationfiguren. Die Griechen verkörpern mit dem brutalen Agamemnon, der seine eigene Tochter für günstige Winde opferte, dem eifersüchtigen Menelaos,  "Achill, dem Vieh", den beiden Ajax und Odysseus eine rohe, gewalttätige und hinterlistige Männerwelt. Da mag  Johann Joachim Winckelmann noch so sehr von "edler Einfalt und stiller Grösse" fabulieren. Die Träger wahrer Kultur waren die Bewohner des untergegangenen Troia. Die Erzählung fliesst ohne Unterteilung in Kapitel  in einem durch. Der Untergang allüberall wäre denn doch zu beklemmend, wäre da nicht  Aineias, der mit seinen Getreuen aus Troia entkam. Aineias, der mit seinem alten Vater Anchises auf dem Rücken einer neuen Zukunft entgegen ging und ein Held werden musste. Aber einen Helden kann Kassandra nicht lieben. Deshalb konnte sie nicht mit ihm gehen. Aus dem Untergang des Alten entsteht Neues. Es ging selbst nach 1945 weiter, und zwar gar nicht so schlecht. Nach Vergil ist Aineias immerhin ein Staatengründer. Das gelang nur wenigen. Warum Kassandra ihn nicht begleiten konnte und lieber sterben wollte, verstehe ich nicht, aber Kassandra ist jedenfalls ein  sehr beeindruckendes und empfehlenswertes Buch, vor allem für Frauen, wie ich glaube.  Ausgabe: Christa Wolf, Kassandra Erzählung, Luchterhand 1984 Wiedergelesen im Januar 2017  Autorin: Christa Wolf wurde am 18.3.1929 in Landsberg an der Warthe geboren und starb am 1.12.2011 in Berlin. Sie war eine bedeutende Schriftstellerin der DDR, war Mitglied der Akademie der Künste der DDR und erhielt neben zahlreichen anderen Ehrungen 1980 den (westdeutschen) Georg-Büchner-Preis. Sie  besuchte ab 1975 mehrfach die USA zu Studien- und Lehraufenthalten. Sie war Mitglied der SED und gehörte 1977 zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gegen die Ausbürgerung  von Wolf Biermann. 

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