Christa Wolf Sommerstück

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Inhaltsangabe zu „Sommerstück“ von Christa Wolf

8 farb. Graf. v. Hamer, Hartwig ( Vertrieb nur in d. neuen Bundesländern) 191 S. - 21 X 14 cm 2. Aufl. (Quelle:'Sonstige Formate/01.06.1997')
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  • Rezension zu "Sommerstück" von Christa Wolf

    Sommerstück
    Heike110566

    Heike110566

    21. August 2011 um 20:17

    "Sommerstück" ist ein Buch, das den Leser fordert. Man kann es nicht nebenbei lesen. - Warum schreibe ich das?, wird sicherlich so mancher fragen, denn dies ist doch bei Werken dieser Autorin nicht ungewöhnlich und besonders erwähnenswert. - Nun ja, ich schreibe dies, weil ein Leser in einer Rezension bei Lovelybooks sich folgendermaßen zu dem Buch, eine andere (bundesdeutsche) Ausgabe, äußerte: "Diese Autorin hat kürzlich den Uwe Johnson-Preis bekommen, aber dieser Roman ist schlichtweg unlesbar. Er ist äußerst schwer zu lesen und daran ist notwendige Implementierung des Lesers in nahezu jede Aktion schuld. Es ist überhaupt nicht einfach so nebenher zu lesen. Der Satzbau ist an Eigenwilligkeit nicht zu überbieten." (Leser-Rezension vom 21.07.2010) Es ist ein typisches Christa-Wolf-Werk, kann ich da eigentlich nur erwidern. Sicher: man kann es nicht nebenbei lesen. Es ist anspruchsvolle Literatur und keine profane Mainstreamunterhaltung. Aber genau das macht doch Christa Wolf zu dem, was sie ist: eine herausragende Schriftstellerin. - Für mich ist es immer wieder faszinierend in die Gedankenwelt dieser Frau einzutauchen. Auch ich musste manche Stellen mehrmals lesen, gelegentlich sogar zwischendurch das Buch beiseite legen, um das Gelesene zu reflektieren und zu erschließen. Als Leser muss man sich voll und ganz auf den Text einlassen, nur dann scheitert man nicht an dem Text, wie offenbar der Leser-Rezensent. Der Roman erschien 1989 im Aufbau-Verlag der DDR. Aber es ist inhaltlich kein Buch, das sich mit dem "ende der ddr" beschäftigt, wie offenbar jemand ebenfalls bei Lovelybooks annahm, denn dieser tag (englisch) fand sich ebenfalls unter den Hinweisen zum Buch. Geschrieben hat Christa Wolf aber den Text bereits 1982/83, teilweise parallel zu ihrer Erzählung "Kein Ort. Nirgends". 1987 überarbeitete die Autorin den Text für die Druckfassung noch einmal und dann dauerte es bis 1989 zur Erstveröffentlichung. Man scheitert, wenn man versucht darin ein Wendestück als solches zu sehen, das sich mit der Stimmung in der DDR im Sommer 1989 beschäftigt. Man muss diesen Text im Kontext seiner Entstehung betrachten und darf nicht als entscheidendes Kriterium das Ausgabejahr nehmen. Und ich denke auch, man muss über die DDR doch einiges Wissen besitzen, am besten Teil von ihr gewesen sein, um bestimmte Anspielungen zu erkennen. Auch Wissen um das Leben der Autorin ist hilfreich für das Textverständnis. - Ein Buch, das man sich erarbeiten muss. Aber es lohnt sich. Zur Fabel: Ellen und Jan ziehen mit ihrer jungerwachsenen Tochter Jenny aus der Metropole in ein kleines mecklenburgisches Dorf. Sie wollen dem Großstadtstress entfliehen und sich auf dem Lande neu finden, neu beginnen. Zu dem Haus kamen sie durch die Vermittlung von Luisa, die mit dem Griechen Antonis gemeinsam in einem Haus in dem Ort lebt. Kurz darauf ergibt sich, dass sie auch Ellens an Krebs erkrankte Freundin Irene mit ihrem Mann Clemens nachholen, weil ein weiteres Haus in dem Dorf frei wurde. Das Leben auf dem Land soll den Rahmen für ein ruhigeres Leben und ein gemeinsames Miteinander liefern. Der Wille ist bei jedem dazu da. Man verbringt auch sehr viel Zeit miteinander, kommt sich physisch näher. Aber dennoch wächst die Distanz der Paare zueinander und innerhalb der Paare die Distanz zwischen den Partnern immer mehr. Jeder spielt (s)eine Rolle, wie in einem inszenierten Stück. Keiner der Beteiligten ist bereit sich ganz zu öffnen. Jeder hat etwas zu verbergen. Stück für Stück führt das dazu, dass man sich von einander entfernt. Aber auch im Dorf bleiben sie Fremde. Sie leben zwar im Dorf, gehören aber nicht zum Leben des Dorfes und können daher auch nicht in deren Gemeinschaft hineinwachsen. Und sie werden sich auch dessen bewusst. Ihre Fluchtversuche scheitern auf der ganzen Linie. Scheitern aber nicht an den anderen, sondern an sich selber, was sie aber zu spät erkennen. Der Text ist sehr vielschichtig aufgebaut. Die Erzählperspektive ist nicht wirklich eindeutig. Einerseits scheint der Erzähler / die Erzählerin eine auktoriale Stellung zu haben, andererseits denkt man stellenweise, dass die Erzählperson Teil des Figurenensembles ist, was ja irgendwie nicht zusammenpasst. Es lässt sich aber niemand von den genannten Personen als die Figur eineindeutig identifizieren. - Es ist als wenn noch jemand immer dabei ist, dennoch aber über allen und allem steht. Einfach faszinierend diese Konstruktion. Christa Wolf hat einen leserfordernden Schreibstil. Man muss sich voll auf den Text konzentrieren, wird aber dann durch die Poesie in ihm mehr als nur entschädigt. Sicher: Christa Wolf hätte sich einfacher ausdrücken können, damit der Leser etwas mehr beim Lesen Entspannung findet. Dann müsste Frau Wolf sich aber selbst verleugnen. Ihre Ansprüche sind hoch, auch an den Leser. Aber Anspruchsvollsein empfinde ich nicht als Makel, wenn man selber hohe Qualität liefert. Und diese liefert die Autorin auch mit "Sommerstück". Hier eine kleine Kostprobe: "In der ersten Zeit auf dem Lande hat das prall Gegenständliche noch eine weitere Bedeutung, eine symbolische, gleichnishafte Wirklichkeit tritt aus ihm hervor, die wir in den Städten nicht mehr bemerken. Der Käfig mit dem toten Kater war ein Warnzeichen, über das wir nie wieder sprachen, das uns alle aber tief verstört hat, in verwandelter Form begeisterte er unsere Träume, in wie vielen Nächten sind wir selbst die Katze gewesen, wieviel Angst wurde freigesetzt, während sich, wieder und wieder, die Käfigtür hinter jedem von uns schloß. Ein Ungeist, dem wir nicht zu begegnen wußten, war uns entgegengetreten, die Lemuren waren am Werk, ein Schatten war über die Landschaft gefallen." (1. Auflage, Aufbau Verlag DDR, 1989, S. 94) Wunderbare poetische Dichtung!

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