Schon lange nicht mehr habe ich zwei Figuren so ins Herz geschlossen wie Aurelia Beibrunnen und Zavin Wechem.
Aurelia ist eine stumme Prostituierte, die in der Stadt Martz im doppelten Sinne keine Stimme hat. Das Leben hatte seit früher Kindheit nur Tiefschläge für sie übrig, ihre geprügelte Seele ist seiner Kapriolen überdrüssig, ist seiner unendlich müde und würde den Tod eher gestern als heute begrüßen.
Zavin, Spross einer angesehenen Martzer Familie, mag Uhrwerke und Zahnräder lieber als zu viele Menschen um sich. So gerne würde er den Erwartungen seiner Familie entsprechen, sie stolz und glücklich machen, doch Zavin ist ein „Uhrmacher mit einem erheblichen Problem“. Er braucht menschliches Blut.
Und so ekelt und fürchtet er sich vor sich selbst, wenn ihn dieser unerträgliche Durst nach dem Lebenssaft anderer überkommt, er ringt mit seinem Fluch, tatsächlich ist es im Grunde genau das, was ihm im Moment des Beißens und Saugens so nah ans Leben heranzieht wie nichts anderes sonst.
Und nun treffen diese beiden Figuren aufeinander, Lebensüberdruss auf Lebensfurcht. Ein Junggesellenabschied, zu viel Alkohol, mit Drogen versetzt, im Rausch eskaliert der Abend in Zavins Werkstatt.
„Nicht fürs Überleben gemacht … Meine Lider flatterten und ich schloss die Augen. Am Ende, aber im letzten Moment nicht allein. Der Vorteil eines Mordes.“
„Der Moment, das Jetzt und Hier, mehr war es nicht, was sie hielt, und glasige Augen baten darum, den letzten Faden zu zerschneiden.“
Doch Aurelias trotziger Lebenswille ist stärker, als sie denkt, und so findet sie der Tod an diesem Abend nicht. Im Gegenteil, der Biss knüpft eine ganz besondere Verbindung zwischen den beiden.
Getrieben von seinem Gewissen und der Angst, dass sein Fluch durch Aurelias Überleben auffliegt, bietet Zavin ihr als Gegenleistung für ihr Schweigen eine Anstellung in seiner Uhrmacherwerkstatt. Gleichzeitig versucht er, so gut es möglich ist, ihren Zuhälter auf Abstand zu halten und geht dabei einen schrecklichen Handel ein. In Martz ist Zavin hingegen nicht der eigentliche Dämon. Und die Kräfte, die ihn samt seiner Familie fallen sehen möchten, sind nicht nur stark, sondern weit näher und umtriebiger als er ahnt.
Sprachlich ist dieser Roman ein bisschen wie ein Moccachino. Herb, süß, sinnlich. Ein Genuss. Die Figuren sind lebendig, plastisch und nachvollziehbar geschrieben, mit all ihren Narben, Unzulänglichkeiten und den moralischen Untiefen. Gemeinsam mit ihnen erlebe und erfahre ich das Worldbuilding und die Stadt Martz, fliehe über deren Ebenen, durch die unterschiedlichen sozialen Schichten, spiele Mäuschen im Rat oder lerne andere Kulturen kennen.
Wer dunkle, sinnliche Geschichten mit Blutdurst, Intrigen und einem Hauch von Steampunk mag, mit moralisch ambivalenten Figuren, die sich mit jeder Zeile tiefer ins Herz kämpfen, sollte hier unbedingt zugreifen. Ich freue mich auf den zweiten Band und spreche eine dringende Leseempfehlung aus.







