Die Autobiographie des Grazer Rechtsanwalts Ludwig Biró (1898-1972) von 1900 bis 1940.
Vom Aufwachsen in einer traditionellen jüdischen Familie, dem Einsatz an der Isonzo-Front im Ersten Weltkrieg, den Anfeindungen der Juden vor dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, der systematischen Entrechtung, seiner dreimaligen Verhaftung und den Gefängnisaufenthalten, der Angst um sein Leben und das seiner Familie und der Freunde, von seiner abenteuerlichen Flucht nach Slowenien und Kroatien und nach Palästina.
Christian Fleck hat die Erinnerungen Birós gekürzt neu herausgegeben.
Die etwas über 100 Seiten des ersten Teils schrieb Biró laut Herausgeber Ende der 60er Jahre als eine Art Familienchronik, ein Rückblick auf eine zerstörte Welt.
„An den Personen und Schicksalen unserer Familie konnte ich die jüdische Assimilation vom Ghetto bis zur westlichen, spezifisch österreichischen Kultur handgreiflich beobachten. Meine Großmutter Laura schrieb noch in hebräischen Lettern, las aber schon ihre deutschen Bücher. Mama war eine typisch österreichische ’höhere Tochter‘, Onkel Adolf ein überdurchschnittlich, allseits gebildeter Mann.“
Besonders eindrucksvoll ist hier, wie Birò seinen traumatischen Einsatz als 17-jähriger Freiwilliger an der Isonzofront schildert. Als „Pazifist und Sozialist“ kehrt er zurück nach Graz. Aus seinen Anschauungen macht er später als Anwalt keinen Hehl. Die eine oder andere hausbackene Bemerkung über das Wesen und die Rolle von Frauen kann man der Zeit seines Aufwachsens zuschreiben und überlesen.
Im zweiten, umfangreicheren Teil (geschrieben noch während des Krieges gleich nach seiner Flucht nach Palästina) geht es um die Vorgänge in Graz vor dem Anschluss 1938 und unmittelbar danach. Biró schildert die Verfolgung und Bedrohung, der die jüdische Bevölkerung ausgesetzt war, aus unmittelbarem Erleben, anschaulich und drastisch.
Vom großen „Maskenlüften nach dem Umbruch“, von brutalen Verhören und sadistischen Nazidrills im Gefängnis (zeitweise zusammen mit dem Nobelreisträger Otto Loewi in einer Zelle), von der „Jagd nach dem Visum“. An manchen Stellen möchte man fast von einer Ironie der Verzweiflung sprechen: „Mit dem Wochenende kam immer ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit über uns: Sonntags waren keine Verhaftungen zu befürchten, da soff die Gestapo“. Er erzählt aber auch vom Mut und der Hilfe von Freunden, ohne die er die abenteuerliche Flucht über die Grenze nicht geschafft hätte.
Ein intensive Leseerfahrung! Wenn‘s nicht schlimme Wirklichkeit und Geschichte wäre, könnte man sagen: spannend, atemberaubend.
Nie wieder!

