Christian Haller Das unaufhaltsame Fließen

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Inhaltsangabe zu „Das unaufhaltsame Fließen“ von Christian Haller

Schon seit Kindertagen hat es sich der Erzähler von Christian Hallers neuem Roman zur Angewohnheit gemacht, allen Anforderungen und Erwartungen auszuweichen. Jetzt ist er Anfang zwanzig, auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben, und er merkt, dass er sich aus seinen Rückzugsräumen hinaus in die gesellschaftliche Gegenwart begeben muss. Da er mit seinen eigenen poetischen Arbeiten nicht vorankommt, stürzt er sich in das Unterfangen, den unüberschaubaren Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichern sowie in einem kleinen Schweizer Dorf eine Stelle als Lehrer anzutreten. Während sich unerfüllte Hoffnungen und Träume immer mehr in ihm aufstauen, bricht unerwartet der Damm: Eher zufällig kommt er an das Gottlieb Duttweiler-Institut bei Zürich, macht Karriere, der Fluss seines Lebens trägt ihn in höchste gesellschaftliche Kreise. Doch mit dem Einblick in die Machenschaften von Politik und Wirtschaft muss er erkennen: Auch dies kann – trotz Aufstieg und Erfolg – nicht sein Weg sein.

Das stille Wasser als Roman. Christian Haller erzählt von einer zu allem quer stehenden Existenz.

— jamal_tuschick

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  • Wackelige Existenz

    Das unaufhaltsame Fließen

    YukBook

    06. October 2017 um 16:07

    Es gibt Einschnitte im Leben, die einen zwingen, auf sein bisheriges Leben zurückzublicken und sich neu zu orientieren. Bei Christian Haller war es ein Hochwasser, das sein Haus am Rhein wegriss. Im zweiten Band seines autobiografischen Romanprojekts "Das unaufhaltsame Fließen" besichtigt er die Renovierungsarbeiten und erinnert sich, dass ihm seine Existenz als Zwanzigjähriger ähnlich brüchig vorkam wie das Fundament seines Hauses. Mit seinen Gedanken und Erfahrungen konnte ich mich stellenweise gut identifizieren. Ich kenne sie auch – diese Phasen, in denen man an mehreren Schreibprojekten arbeitet, aber nirgends so richtig vorankommt. Auch der Ich-Erzähler wartet auf einen Befreiungsschlag. Nachdem er für seine Märchen und Gedichte keinen Verleger findet, stürzt er sich euphorisch auf ein neues Projekt: den Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichten und zu sichern. Gut nachvollziehen konnte ich auch das Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, in der man von literarischen Texten und Romanfiguren umgeben ist. Man spürt die Notwendigkeit, sich der Wirklichkeit zu stellen und mit realen Menschen in Kontakt zu treten, findet jedoch keine passende Gelegenheit. Erstaunt hat mich dann doch, dass der Ich-Erzähler nach einer Tätigkeit als Aushilfslehrer ein Zoologie-Studium aufnimmt, was so gar nicht zu dem Bild passte, das ich mir bis dahin von ihm gemacht hatte. Das Gebiet stellt sich zwar auch nicht als seine Berufung heraus, liefert ihm jedoch immerhin interessante Einsichten, zum Beispiel wie gegensätzlich die Vorgehensweisen in der wissenschaftlichen und in der literarischen Arbeit sind. Während Haller noch auf der Suche nach dem für ihn stimmigen Lebenskonzept ist, geht seine Freundin Pippa als Theaterschauspielerin zielstrebig ihren Weg. Dass er durch Zufall einen Posten in der Gottfried Duttweiler Stiftung bekommt, ist Ironie des Schicksals. Zunächst glaubt er, nun endlich die große Welt kennenzulernen und in der Gegenwart und Wirklichkeit anzukommen. Er erkennt jedoch schnell, dass er auch an seinem neuen Arbeitsplatz nichts weiter ist, als eine Figur in einem makabren Drehbuch, das er nicht einmal selbst geschrieben hat. Er wird zur Marionette, die für politische und wirtschaftliche Machenschaften ausgenutzt wird. Einen Vorteil kann er daraus nur ziehen, indem er einfach mitspielt und Stoff für künftige literarische Arbeiten sammelt. Ich bewundere die Offenheit, mit der der Autor seine verschiedenen Lebensstationen und ernüchternden Erfahrungen beschreibt und kritisch mit sich ins Gericht geht. Bei der Zeichnung der Nebenfiguren und -schauplätze hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. So ließ in manchen Passagen meine Aufmerksamkeit etwas nach. Vielleicht wartete ich auch vergeblich darauf, dass Haller durch seine vielseitigen Erfahrungen zu einer Erkenntnis kommt, die ihm endlich den richtigen Weg weist. Aber das geschieht ja vielleicht im dritten Band. Man darf gespannt sein.

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  • Amphimiktische Vermengung

    Das unaufhaltsame Fließen

    jamal_tuschick

    11. September 2017 um 10:32

     Manchmal macht sich die Zukunft in Personen bemerkbar, deren prophetische Kraft abstoßend wirkt. Adrien Turel war ein Umstrittener - „Krüppel, Säufer und Egomane, den zu ertragen allein schon eine Leistung war“. Sein visionäres Potential nahm man in der Schweiz nicht auf die leichte Schulter. Trotzdem geht der Nachruhm nicht über die zirkulare Anerkennung hinaus, die seine Einsichten fanden, solange er sie noch selbst verbreiten konnte. Turel wurde 1890 in St. Petersburg geboren. 1957 starb er in Zürich. Er wuchs in der Gegend von Lausanne auf. Als Student trat er in Kontakt zu Magnus Hirschfeld und Oskar Loerke. Er sah den Übergang des Menschen aus dem Holozän in ein kernphysikalisch und molekularbiologisch determiniertes Anthropozän 2.0 (Reizwort „Ultratechnoikum“) voraus. Turel bestimmte die Koordinaten des Kalten Krieges korrekt in den Vierzigerjahren. Er wusste, „dass in einer Art Umkehr der imperialistischen Bewegung Europa mit Flüchtlingen aus den ehemaligen Kolonialgebieten überschwemmt werde“. Man hielt das für abwegig. Daran erinnert der Erzähler in Christian Hallers neuem Roman. Er fasst sich selbst zusammen, als einen Autor, der zum Jünger nicht taugt und sich davor hüten muss, als Epigone um die Häuser zu ziehen. Das kleine Licht ist mit dem Nachlass Turels befasst. So findet es Gelegenheit, die Witwe des verrufenen Vordenkers zu kränken. Die Wände ihrer Teetassen sind hauchdünn, ihre Nerven liegen blank. Frau Turel fängt Streit an, sie fühlt sich und den Geist des Toten verraten. Ein Grobian bilanziert: „Eine typisch großbürgerliche Hysterika, die sich in ihrem Unverstand am Geistigen vergreift. … Sie hatte Turel finanziell unterstützt“, nun will sie die Deutungshoheit über die Leiche. Das erzählende Ich memoriert schwindsüchtig das eigene Scheitern. Es gelingt kein Gedicht zum Ausgleich. Haller protokolliert ein Elend der Indolenz. Höhepunkte erreicht das Versagen in der Beziehung des Erzählers zu seiner Geliebten. Eines Nachts kommt Pippa nicht nach Hause. Ihr ist ein Kollege „passiert“. Dem Gehörnten passiert so was nie, er entdeckt ein „loses Ende seiner Seele“ und nimmt sich Sándor Ferenczis „Versuch einer Genitaltheorie“ vor. Wikipedia sagt: „Ausgehend von der Beobachtung, dass beim Samenerguss ursprünglich zum Dickdarm und zur Harnröhre gehörende Triebqualitäten aufs Geschlechtsorgan verschoben und dort in amphimiktischer Vermengung verdichtet worden seien, hält es Ferenczi für möglich …“ Der (mit Legasthenie geschlagene) Erzähler mischt Ferenczis psychoanalytische Biologie mit Turels „essayistischen“ Stil und entfernt sich so rasant von der Ursache des Übels. Er sublimiert wie im Bilderbuch. So geht es immer weiter in einem Land, in dem Max Frisch und seine „heruntergewirtschaftete Sprache“ zum Skandal werden konnten, während Robert Walser still verreckte. „Das unaufhaltsame Fließen“ gleicht einem stillen Sturm auf die Schweizer Bastille der freiwillig-selbstgerechten Isolation. Sein Held beweist pädagogischen Scharfsinn. Er untergräbt einen Widerstand, den er nicht leisten will, bei anderen mit antiautoritären Tricks. Alles gerät ihm zum Refugium, bis er in einem Drama der späten Berufung beschließt, Zoologie zu studieren.

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