Christian Haller Der seltsame Fremde

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Inhaltsangabe zu „Der seltsame Fremde“ von Christian Haller

Manchmal sind wir uns selbst am meisten fremd.
Clemens Lang ist ein anspruchsvoller Fotograf. Der genaue Blick für die Strudel und Untiefen der Welt ist seine Stärke. Und doch ist er sich selbst am meisten fremd. Das jedenfalls beginnt er zu begreifen, als er sich auf die Reise zu einer bedeutenden Tagung in einer weit entfernten Metropole begibt. Als der Fotograf Clemens Lang eine unerwartete Einladung zu einer Tagung irgendwo im Orient erhält, fühlt er sich enorm geehrt. Doch was ihm zunächst als verlockender Ausbruch aus dem Alltag erschien, entpuppt sich als Albtraum.

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Über diese und andere Themen, zum Beispiel über die Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance, die Anwendung der camera obscura in der Antike und deren Verbesserung durch das Verwenden einer Linse durch den genialen Cardano oder über die Wechselwirkung von Werbung und Bild in der Moderne, verhandelt die Fachtagung für Fotografie, zu der Clemens Lang überraschender Weise eingeladen wird und treibt gelegentlich auch wilde gedankliche Blüten: Ist es nicht so, dass „nicht nur wir die Dinge ansehen, sondern die Dinge auch uns, dass sie uns in diesem Sinne beständig photograhieren“? so dass es ist wie überall in der Welt, in der sich Intellektuelle in ihrer Bedeutungsschwere auch wiederum lächerlich machen. Man tagt in einer asiatischen, nicht näher bezeichneten Metropole. Diesen vom Autor leer gelassenen Platz kann der Leser nach Gutdünken kraft seiner Phantasie mit einer Stadt seiner Wahl füllen: Kalkutta, dachte ich sofort. Alles, was Christian Haller beschreibend ins Feld führt, trifft auf diese Stadt zu, die Slums, der tosende Verkehr, die Strassen, auf denen „alles, was Räder oder Beine hatte, mit Waren beladen war“, das schäbige Guesthouse, die nobleren Touristenunterkünfte, das Lebensgefühl. Jede Wellblechhütte, die klebrige Hitze, der Abfall, die Selbstverständlichkeit, mit der der Reiche seinen Platz einnimmt, der Fatalismus, mit dem der weggestossene Arme eingewickelt in ein paar Kartons auf dem Strassensteig schläft, die Fusstritte, der Gestank, die Kühle des Clubhauses, im dem getagt wird, denn einst war man englische Kolonie, der vernachlässige strohgelbe Rasen, ist authentisch, meisterhaft lebensecht, im kaleidoskopartigen Detail dargestellt, ich erinnere sofort die diskutierte digitale Massenfotografie! Christian Haller fotografiert mit Buchstaben! Jeder bildet jeden und jedes ab! Der Erzähler knipst drauflos und der Leser stellt jedes einzelne Foto in seinem geistigen Auge nach. Diese Analogie des Romans zum Tagungsthema, diese Wechselwirkung vom „Fotografen“ Haller und der Wahrnehmung des Bildes durch die Linse des Lesers finde ich ungeheuer reizvoll. Der Held kämpft indes mit sich, der fremden Umgebung und mit einem untoten Fremden namens Landers, von dem nicht recht klar wird, wer er ist. Ist er eine erinnerte Figur aus dem unvollendet gebliebenen gleichlautenden Roman Mark Twains „Der seltsame Fremde“, also ein Neffe Satans, der Macht und Einfluss auf das Leben anderer hat, eine mephistotelische Gestalt? Die Materie hat jedenfalls keine Macht über ihn und er taucht auf, wann und wo er will. Oder ist Landers die Wiederauferstehung des früheren Mäzens Grünberg? War dieser wirklich ein Mäzen und Mentor von Clemens Lang oder nicht vielmehr Manipulator seines Schicksals? Der Fremde benennt sich selbst Causeur, also einer, der auf Gesellschaften zu jedem Thema amüsant zu plaudern weiss, Sachverstand vorgebend, mit anderen Worten ein Hohlkopf, ein Blender. Diese Interpretation wird durch das Büchlein unterstützt, das der Causeur dem Helden in die Hände drückt: „Das Buch der Halbwahrheiten“, Autor: der geheimnisvolle Fremde. Der Held kämpft jetzt mit dem Thema, das ihm von den Gastgebern als Auftrag mit auf den Weg gegeben worden ist, auf die Schnelle soll er irgendetwas Repräsentatives für die besuchte Stadt auf Polaroid bannen und präsentieren. Da kommt ihm die Fasziniation zu Hilfe, die er immer schon für Dantes Göttliche Komödie hatte, konzentrische, sich verdichtende Kreise der Hölle: wie wäre es mit Schichten und Kreisen von Abfall als Anspielung auf die Nähe zum Purgatorium, zu der sich die Stadt befindet? Äusserer Abfall, innerer Abfall, Abfall von der Kolonialherrschaft, bzw. deren Rückstände? Und er beginnt zu fotografieren. Die Linse der Kamera ist sein Auge, durch das er blickt, aber auch ihn verhüllender Paravent, der ihm erlaubt, selbst nicht in die wirkliche Welt einzutreten. Das war immer schon so, sagt Landers, der ihn mit dieser Art des Nichtlebens konfrontiert, stecke deinen Kopf heraus vom schwarzen die Welt abdeckenden Tuch der Kamera. Lebe! Handle! Denn weder deinen Augen noch denen der Kamera kannst du wirklich vertrauen, das ist nicht die wahrnehmbare Wirklichkeit, nur die Gesamtheit deiner Sinne könnten sie eventuell erfassen. Ist das so? Und kann Clemens Lang sich emanzipieren? Christian Haller spielt mit den Motiven seines Fotografen und reprojeziert sie auf die Romanhandlung. Denn so wie der Protagonist seine künstlerische Aufgabe „Abfall" durch die Abbildung in einander liegender Schichten dem ohne die Kamera dafür blinden Auge aufdeckt, so wird auch im Laufe der Lektüre das Leben des Fotografen wie mehrlagige Schalen einer Zwiebel mehr und mehr entblättert und „entschält“. Der schweizerische Autor Christian Haller wirft mit „Der seltsame Fremde“ einen wahrhaft kunstfertigen, intellektuellen und philosophischen Roman voller literarischer Anspielungen auf den Plan! Man muss sich mit aufmerksamem Geist dennoch hineinziehen lassen in die Geschichte des Protagonisten weilend auf der extra hierfür vom Autor konstruierten Fachtagung „um die heutige Fotografie und die Veränderungen der Wahrnehmung aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Fachgebiete und Richtungen“, einer Geschichte, die auf den ersten Blick wenig Sinn zu ergeben scheint und am Ende das Leben als (die neun Kreise der) Hölle definiert, was aber seine Richtigkeit habe, und womit der Autor den Kreis schliesst, wieder auf "Die göttliche Komödie" abstellt und Dantes Interpretation der Welt recht gibt. Fazit: Ich bin sicher, diese anspruchsvolle Geschichte, die Ausflüge in die Naturwissenschaften, Literatur und Philosophie unternimmt, ja, ohne sie nicht auskommen würde, um schlüssig zu sein, wird nur wenige echte Liebhaber finden. Aber die, die sie findet, werden begeistert und bereichert sein von einer Art des Schreibens, die es eigentlich nicht mehr gibt: dem Meisterhaften!

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    alasca

    06. February 2014 um 13:14
  • Rezension zu "Der seltsame Fremde" von Christian Haller

    Der seltsame Fremde

    WinfriedStanzick

    15. March 2013 um 14:27

    Als der Fotograf Clemens Lang, der etwa 45 – jährige Protagonist dieses nicht sehr eingängigen Romans von Christian Haller, eines Tages eine Einladung zu einer Fachtagung in einer Stadt im Orient erhält, da glaubt er sich am Ziel. Er, der schon immer einen hohen Anspruch an sich selbst hatte, soll dort eine Sammlung seiner fotografischen Arbeiten präsentieren. Sofort sagt Clemens Lang zu, und bedauert es sehr, dass seine Lebensgefährtin nicht mitkommen kann. Dass sie sich als Astrophysikerin mit Dantes „Göttlicher Komödie“ befasst, ist zunächst fremd, doch das Thema bleibt. Denn der Mann, der sich schon auf dem Flughafen Clemens Lang als Begleiter zugesellt und in wechselnden Kontexten immer wieder auftaucht, scheint geradezu aus Dantes Werk entsprungen. Er erinnert Clemens an andere Menschen, die seinen Lebensweg kreuzten und wichtig für ihn waren. Der Aufenthalt in der orientalischen Stadt gestaltet sich für Clemens wie eine Fahrt durch die Dantesche Hölle, nicht nur, weil er erkennen muss, dass seine Einladung auf einem Missverständnis beruht. Es gelingt Clemens eine nicht für möglich gehaltene Wandlung; aus sich selbst heraus kann er Zug und Zug eine veränderte Sicht auf die Welt und die Dinge um ihn herum entwickeln. Er bleibt nicht länger der Beobachter, de sich durch die Kamera die Welt vom Leib hält, sondern er wird Teil von ihr. Es war dieses faszinierende Thema, das den Rezensenten lange bei einem fest 400 - seitigen Buch gehalten hat, dessen Sprache und Bilder gewöhnungsbedürftig waren bis zum Ende. Aber so richtig gepackt hat mich dieses Buch nicht.

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