Christian Hardinghaus

 4.6 Sterne bei 224 Bewertungen
Autor von Mindfuck Stories, Ein Held dunkler Zeit und weiteren Büchern.
Autorenbild von Christian Hardinghaus (©Jana Lange)

Lebenslauf von Christian Hardinghaus

Christian Hardinghaus wurde 1978 in Osnabrück geboren. Nach seinem Studium der Geschichte, Medien und Literaturwissenschaft promovierte er im Bereich Propagandaforschung an der Universität Osnabrück. Später folgte der Abschluss fürs gymnasiale Lehramt und die Ausbildung zum Fachjournalisten an einer Berliner Journalistenschule. Hardinghaus ist seit 15 Jahren als freier Journalist, Autor und Lektor tätig.

Alle Bücher von Christian Hardinghaus

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Cover des Buches Mindfuck Stories9783981640908

Mindfuck Stories

 (54)
Erschienen am 15.01.2014
Cover des Buches Ein Held dunkler Zeit9783958901193

Ein Held dunkler Zeit

 (32)
Erschienen am 02.03.2018
Cover des Buches Die Hexe von Norderney9783954414086

Die Hexe von Norderney

 (21)
Erschienen am 01.03.2018
Cover des Buches Schlemihls Schatten9783954751303

Schlemihls Schatten

 (14)
Erschienen am 30.08.2016
Cover des Buches Die verdammte Generation9783958902978

Die verdammte Generation

 (11)
Erschienen am 21.02.2020
Cover des Buches Großväterland9783957989420

Großväterland

 (11)
Erschienen am 17.10.2016
Cover des Buches Wofür es lohnte, das Leben zu wagen9783958901209

Wofür es lohnte, das Leben zu wagen

 (9)
Erschienen am 02.03.2018

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Neue Rezensionen zu Christian Hardinghaus

Neu

Rezension zu "Die verdammte Generation" von Christian Hardinghaus

Gegen das Vergessen
Maddinliestvor 2 Monaten

Das Ende des 2. Weltkriegs jährt sich in diesem Jahr zum fünfundsiebzigsten mal. Eine lange Zeit, in der die Menschheit von solch verheerenden Kriegen verschont geblieben ist. Die Gefahr des Vergessens nimmt jedoch mit fortlaufender Dauer immer zu, so dass es aus meiner Sicht unendlich wertvoll ist, den noch wenigen Zeitzeugen dieser dunklen Stunden, Gehör zu verschaffen. Aus diesem Grunde hat sich auch der Historiker und Autor dieses Buches Christian Hardinghaus aufgemacht, um den spannenden und oft erschreckenden Geschichten zu lauschen und sie so für die Nachwelt festzuhalten. 

Insgesamt hat er Gespräche mit 13 Zeitzeugen geführt, von denen seit den Recherchen zum Buch mittlerweile schon sechs gestorben sind. Desto wertvoller erscheint mir der Inhalt von "Die verdammte Generation". In den einzelnen Kapiteln kommen sehr unterschiedliche Personen zu Wort, die während des 2. Weltkriegs in verschiedenen Regionen und Funktionen eingesetzt waren. Eines haben die Berichte aber gemeinsam, sie lassen den Leser nie kalt und führen die Schrecken der damaligen Zeit manchmal unbarmherzig vor Augen. Für mich sehr nachhaltig die Schilderung eines Angriffs der russischen Übermacht, wo sich der Soldat vorher eingegraben hat und mit viel Glück überlebt, da der ihn überrollende Panzer nicht dreht. Wie schrecklich muss der Umgang mit einer solchen Erfahrung auch für den Rest des Lebens sein. Geschildert werden so die Geschehnisse vor während und nach dem Krieg. Gerade die Tatsache, dass es sich bei den Schilderungen um persönliche Einzelschicksale handelt verleiht dem Buch eine unglaubliche Authentizität.

Sehr geschickt verbindet Christian Hardinghaus die Aussagen dieser Zeitzeugen mit den historischen Fakten, die die Geschehnisse beschreiben. Es bleibt auf diesem Wege stets sehr lehrreich und emotional ergreifend. Eine Kombination, die für einen langen Nachhall sorgt. Sehr gut gefallen hat mir ebenfalls, dass der Autor den jeweiligen Zeitzeugen im Anschluss noch drei Fragen stellt. Eine immer wiederkehrende Frage ist dabei, wann die jeweilige Person vom Holocaust erfahren hat. Gerade um diese Frage rankt sich in der heutigen Zeit viel Unverständnis, wie die deutschen Soldaten solche Gräueltaten billigen konnten. Schaut man auf die glaubwürdigen Antworten, erfährt man von tiefer Betroffenheit und zu Kriegszeiten einheitlicher Unkenntnis. was diese menschenverachtenden Taten anbetrifft. Dies kann vielleicht auch mit dem verallgemeinerten Vorurteil aufräumen, dass es sich bei den deutschen Soldaten des 2. Weltkriegs grundsätzlich um Nazis gehandelt hat. Das Gegenteil ist der Fall, die meisten Betroffenen sind aus Irrglaube einer imaginären Gefahr von außerhalb und oft auch einer Alternativlosigkeit in den Krieg gezogen, ohne jemals das Nazi-Gedankengut gutgeheißen zu haben.

Insgesamt ist "Die verdammte Generation" für mich ein sehr wichtiges Buch, welches uns die Schrecken eins solchen Krieges vor Augen führt. Wenn man die heutige Welt betrachtet, kommt man leider zu dem Schluss, dass einige Personen diesbezüglich deutlichen Nachholbedarf haben. Da kann das Lesen eines solchen Buches nur nützlich sein, was ich auch jeden ans Herz legen möchte. Auch wenn die Schilderungen nicht immer leicht zu ertragen sind, verfehlen sie so auch niemals ihre Wirkung. Ein tolles Buch, welches ich mit den vollen fünf von fünf Sternen bewerte.

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Rezension zu "Die verdammte Generation" von Christian Hardinghaus

Wir waren keine Nazis
Buecherseele79vor 2 Monaten

„Aber wie können sie urteilen, wenn sie selbst nie in der Lage gewesen sind, das zu fühlen, zu entscheiden, zu erleben und zu erleiden was wir damals in unserer Situation mussten?“


(Seite 100, Wigand)


 Alle Soldaten der Wehrmacht waren Nationalsozialisten, alle wussten vom Holocaust, von den Gräultaten der SS, den Befehlen von Hitler, es gibt keine Ausreden. Dies ist ein Bild welches sich mit der Generation von 1968 entstanden ist und festgesetzt wurde. Alle Eltern waren damals in der Nationalsozialistischen Zeit irgendwo engagiert und sie wussten von den Taten.


Dieses Bild wurde nie hinterfragt, nie geändert, es wurden nie die Soldaten von damals gefragt, angehört, in die Öffentlichkeit gestellt. Natürlich ist es nicht zu bestreiten dass der Holocaust das Schrecklichste aller Verbrechen ist, eine Unmenschlichkeit die keine Worte findet. Aber was ist mit den Menschen die keine Wahl hatten? Und hatte man überhaupt damals eine Möglichkeit für ein „Nein“ oder nicht? Wie war es als Soldat in der Wehrmacht kämpfen zu müssen, was hat diese Männer dazu bewegt? Welches Weltbild hat sich ihnen aufgetan, wie war das Elternhaus?


Ein Buch welches viele Fragen beantwortet, erklärt, aufklärt und vor allem auch die Menschen anhört die als 20jährige oder oft noch jünger, gerade zum Ende des Krieges, in die Wehrmacht eingezogen wurden oder sich freiwillig gemeldet hatten. Mit welchen Vorstellungen gingen die Soldaten an diese Situation heran?


Der Autor Christian Hardinghaus hat von allen 3 Bereichen der damaligen Wehrmacht Soldaten aufgesucht und mit ihnen gesprochen – Marine, Infanterie und Luftwaffe kommen hier zu Wort. Begonnen mit ihrer Kindheit, wie sie zum Militär gefunden haben und was sie im Krieg erlebt haben. Auch werden am Ende jeder Person 3 Fragen an sie gestellt, unter anderem – was sie vom Holocaust und von den Kriegsverbrechen gewusst haben?


Die Erzählungen sind unterschiedlich, die Werdegänge ebenso, die Berichte sind oft mit Fotos unterlegt. Und bei allen Erzählungen laufen innerlich Bilder ab, man fühlt mit diesen Männern mit und merkt dass sie jetzt, in einem hohen Alter, mit der Vergangenheit sehr schlecht umgehen können, sie wollen und müssen ihre Erlebnisse erzählen und der Autor nimmt sich hier die  Zeit.


Entstanden ist auf jeden Fall ein bedrückendes aber doch wichtiges Gesamtbild der Soldaten der Wehrmacht welches nicht weniger erschreckend und oft schockierender ist als die ganze Zeit des Dritten Reiches. Dieses Buch gibt den Männern die von vorne rein von der Gesellschaft verurteilt wurden eine Stimme, lässt ihre Geschichte nochmals lebendig werden und wirken und ist ein unheimlich wichtiges Buch.


Wir müssen weiterhin die Themen aufarbeiten die sich mit dem Dritten Reich beschäftigen und müssen alle Geschehnisse einbeziehen, dazu gehören auch die Soldaten die damals wie heute nur eines im Sinn hatten – ihrem Land dienen, es zu schützen und die Familien und Menschen die dort leben. Und die ebenso ehrenhaften Männer waren wie viele andere Soldaten auch, man darf und kann nicht alle Menschen in einen Topf werfen!


„Da kommen sogenannte Neonazis und beschweren sich über ihr ach so schlimmes Leben in Deutschland. Und ich frage mich, was sie wohl andauernd zu beklagen haben, wenn sie doch augenscheinlich alle genug zu essen haben und nicht mit einer Waffe in der Hand jeden Tag um ihr Leben kämpfen müssen. Allein, dass man auf die Idee kommt, heute ein Nazi sein zu wollen, klingt für mich komplett absurd.“ (151/152, Johannes)


Ein Buch welches wichtiger nicht sein könnte und von daher eine ganz klare Leseempfehlung für alle!


Ich danke dem Verlag, dem Autor und Lovelybooks für das Rezensionsexemplar und die Leserunde.

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Rezension zu "Die verdammte Generation" von Christian Hardinghaus

Das moderne Lernbuch über WWII
Krystyna_Sierovavor 2 Monaten

Das Buch ist ein Meisterwerk. Echte Doku! Must-have für alle, die gerade über Zweite Welt Krieg lernen oder recherchieren. Für Schülern und Studenten, für Lehre und Interessierende. Nicht nur Autor hat viel Arbeit gemacht, Verlag hat auch viel investiert. Das Buch ist sehr hochwertig gestalten! Sein Preis wert! 

Nur zu empfehlen!

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Gespräche aus der Community

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Cover des Buches Die verdammte Generationundefined

Diesen Monat erscheint, passend zum baldigen 75-jährigen Kriegsende, ein ganz besonderes Zeitzeugenbuch aus meiner Feder. Sprechen wir über den Krieg. Keinen erhobenen Zeigefinger, keine Moralkeule. Wie war es an der Front? 13 Zeitzeugen geben Auskunft. Von Stalingrad über Tobruk bis D-Day und Endkampf in Berlin. Ich lade zur Leserunde ein und verlose 12 Bücher. Christian Hardinghaus 

Diesen Monat erscheint, passend zum baldigen 75-jährigen Kriegsende, ein ganz besonderes Zeitzeugenbuch aus meiner Feder. Sprechen wir über den Krieg. Keinen erhobenen Zeigefinger, keine Moralkeule. Wie war es an der Front? 13 Zeitzeugen geben Auskunft. Von Stalingrad über Tobruk bis D-Day und Endkampf in Berlin.






548 BeiträgeVerlosung beendet
Cover des Buches Die Spionin der Charitéundefined
Liebe Leserinnen und Leser, 

es ist so weit: Das Jahr der Charité. Zum Start der zweiten Staffel der Charité habe ich zwei Bücher herausgebracht. Die Biografie der diesmaligen Hauptfigur Ferdinand Sauerbruch und einen Roman. "Die Spionin der Charité" beruht auf wahren Begebenheiten, sie baut auf meinen Recherchen zur Sauerbruch-Biographie auf und in ihr tauchen auch die historischen Figuren der ARD-Serie auf. Freue mich auf Bewerbungen und natürlich Diskussionen. Eigentlich wollte ich zu beiden Büchern parallel eine Leserunde anbieten, doch neuerdings darf man hier nur noch alle 30 Tage eine neue starten. Wer das Buch schon hat, der bewirbt sich bitte nicht, ist aber herzlich eingeladen, mit zu diskutieren. 

Es folgt eine Leseprobe aus "Der Spionin" und zur Einstimmung in die Zeit ein Trailer zur aktuellen Charité-Staffel. 


Kapitel 12. FRITZ KOLBE (Frühjahr 1943)

Lily schlug den Pelzkragen ihres grünen Mantels hoch und schüt- telte sich. Was für ein Wetter! Der April macht, was er will, dachte sie. Wobei er sich in diesem Jahr eindeutig vorgenommen hatte, nur Regen zu machen. Von Frühjahr keine Spur.

Nachdem Lily in Höhe des Propagandaministeriums durch den braunen Matsch auf der breiten Wilhelmstraße gehüpft war, klappte sie ihren Schirm zusammen. Eiligen Schrittes lief sie die letzten Meter  an  der  mit  Hakenkreuzfahnen  geschmückten  Außenmauer des  Auswärtigen  Amtes  entlang.  Auf  den  Stufen  zum  Eingang klopfte  sie  den  Schmutz  von  ihren  Stiefeln  und  hielt  einen  Moment  inne.  Eigentlich  sollte  jetzt  alles  ganz  einfach  gehen.  Der Mann,  an  den  sie  sich  heranmachen  sollte,  hieß  Fritz  Kolbe  und war  Mitarbeiter  von  Karl  Ritter,  dem  Botschafter  zur  besonderen Verwendung.  Das  klang  unspektakulär,  war  es  aber  nicht,  wie Jean Neumann ihr gestern Abend erneut ausführlich erklärt hatte. Ritter fungierte nämlich als offizieller Verbindungsmann zwischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem Oberkommando der  Wehrmacht.  Somit  war  er  über  alle  Entwicklungen  an  der deutschen Kriegsfront informiert. Bei seinem Mitarbeiter Kolbe liefen  täglich  die  Geheimen  Reichssachen  ein,  die  unter  gar  keinen Umständen  in  fremde  Hände,  am  allerwenigsten  natürlich  in  die des Feindes fallen durften. Monatelang waren Neumann und Wetterstein auf der Suche nach einer geeigneten Person gewesen, über die man an militärische Informationen herankommen könnte. Als sie auf Fritz Kolbe stießen, holte der Franzose Erkundigungen über ihn ein, folgte ihm heimlich mit seiner Kamera und beschrieb ihn in  seinen  Berichten  für  den  Club  als  unauffällige,  nicht  ideologisierte  Person.  Vor  dem  Krieg  war  Kolbe  Vizekonsul  in  Südafrika gewesen. Als sich Südafrika aber dann auf die Seite Großbritanniens stellte, begegnete man deutschen Diplomaten zunehmend mit Misstrauen und hinderte sie an ihrer Arbeit. Kolbe hatte es deswe- gen vorgezogen, seine Karriere im Deutschen Reich fortzusetzen, während sich seine von ihm damals schon getrennt lebende Frau dazu entschlossen hatte, mit dem gemeinsamen Kind in Afrika zu bleiben.  Der  Mittwochsgesellschaft  war  es  gelungen,  Kolbes  Ex- Frau  in  Kapstadt  ausfindig  zu  machen  und  einen  Einheimischen mit  etwas  Geld  dazu  zu  bringen,  sie  auszuhorchen.  Mit  verblüffendem  Ergebnis:  Kolbe  hielt  nichts  vom  Nationalsozialismus,  er war  immer  völlig  unpolitisch  gewesen,  wollte  bloß  einer  geregelten  Arbeit  nachgehen  und  vor  allem  eins  nicht:  an  die  Front!  Er verabscheute alles Kriegerische.

»An dieser Stelle gilt es ihn aufzuweichen, zu knacken«, hatte Wetterstein beim vorletzten Treffen des Donnerstagsclubs betont.

»Über die Sinnlosigkeit des Krieges kommt ihr ins Gespräch. Außerdem hat Kolbe zwei Schwächen: 
eine für das Schachspiel und eine  für  junge,  blonde  Frauen.  Hier  kommst  nur  du  infrage,  Lily Hartmann.«

»Ich bin aber nicht blond«, hatte Lily sofort erwidert.

»Genau aus dem Grund habe ich dir einen Termin beim besten Damenfriseur  der  Stadt  gemacht.«  
Wetterstein  hatte  sie  stolz  an- gegrinst.  »Frau  Doktor  Sauerbruch  ist  zwar  blond,  aber  die  können wir wohl kaum auf Kolbe ansetzen. Ich bin sicher, dass würde weder ihr, noch dem Chef gefallen.«


Das hatte Lily eingesehen. Und obwohl sie nie vorgehabt hatte,  sich  überhaupt  jemals  die  Haare  blondieren  zu  lassen,  so musste sie sich nach ihrer Verwandlung eingestehen, dass sie bezaubernd  aussah.  Die  Haarfarbe  passte  zu  ihrem  Teint  und  den grünen Augen. Die ganze Woche über hatte man sie in der Klinik mit Komplimenten überhäuft. Nicht nur für die neue Farbe, sondern auch für den glamourösen Schnitt.

»Hollywood-Wellen«,  hatte  Luise  gesagt.  »Wie  Greta  Garbo, damit kriegst du jeden Mann!«

Dass  ihr  die  Studenten  nun  gar  nicht  mehr  von  der  Seite  wi- chen,  hatte  Lily  in  Kauf  genommen,  für  die  Sache.  Sie  erwartete keinen  zweiten  de  Crinis  und  fühlte  sich  vom  Donnerstagsclub beschützt.  Sie  würde  ein  paar  Mal  mit  diesem  Kolbe  ausgehen, und für den Notfall wäre Neumann immer in ihrer Nähe. So hatten  sie  es  besprochen.  Doch  zuvor  galt  es  erstens,  überhaupt  an Kolbe  heranzukommen,  und  zweitens,  ihn  von  sich  zu  überzeugen. Für beides hatte sie sich einen Plan zurechtgelegt.

Lily atmete einmal tief durch und betrat dann das Außenministerium.  Trotz  Neumanns  genauer  Beschreibung  brauchte  sie  eine Weile, um den Gang zu finden, der zur Visastelle führte. Am Schalter arbeiteten drei weibliche Angestellte hinter Glasscheiben. Lily blickte sich um, fand den Wartenummernspender. Sie zog ein Billett und setzte sich auf einen freien Platz. Etwa ein Dutzend Menschen wartete bereits darauf, aufgerufen zu werden, sie hatte also noch  genug  Zeit,  alles  in  Gedanken  erneut  durchzuspielen.  Sie öffnete  ihre  Handtasche,  entnahm  ihr  die  braune  Mappe  und schlug  sie  nur  etwa  bis  zu  einem  Viertel  auf,  damit  die  beiden Männer in braunen Anzügen, neben die sie sich gesetzt hatte, keinen Blick auf die Fotos von Kolbe erhaschen konnten.

Neumann  ist  wirklich  ein  ausgezeichneter  Fotograf,  dachte Lily. Er hatte es geschafft, Kolbe von allen Seiten zu fotografieren. Auf  einem  Bild  wirkte  der  Mann,  auf  den  sie  angesetzt  war,  als schaue  er  direkt  in  die  Kamera,  doch  der  Franzose  hatte  versi- chert,  dass  er  zu  keinem  Zeitpunkt  bemerkt  worden  war.  Kolbe schien,  den  Fotografien  nach  zu  urteilen,  ein  ziemlich  kleiner, aber  keineswegs  unattraktiver  Mann  zu  sein.  Er  war  glattrasiert, besaß ein ausdrucksstarkes Profil und hatte helle, wahrscheinlich blaue Augen. Er trug Krawatte, einen breitkrempigen Hut und einen hellen Nadelstreifenanzug. Unter seiner linken Achsel klemmte  eine  Zeitung.  Auch  Neumanns  Kamera  musste  ausgezeichnet sein.  Derart  scharfe  Bilder  hatte  Lily  selten  gesehen.  Sie  konnte sogar erkennen, dass es sich bei der zusammengerollten Zeitung um ein englischsprachiges Medium handeln musste.

»Die  Nummer  achtundvierzig  an  Platz  zwei.«  Nach  etwa  einer Dreiviertelstunde Wartezeit hörte Lily eine der Frauen ihre Nummer durch das Mikrofon aufrufen. Es ging los. Eilig nahm sie ihre Tasche und lief zu dem Schalter.

»Was kann ich für Sie tun, Fräulein?«, sagte die Dame, die sich hinter ihrer Scheibe um ein Lächeln bemühte.

»Ich möchte ein Visum beantragen.«

»Na,  so  was«,  sagte  die  Angestellte,  und  das  Lächeln  ver- schwand  umgehend.  »Das  wollen  hier  alle.  Die  wenigstens  kriegen eins.«

Zimtzicke,  dachte  Lily,  kein  Wunder  bei  so  einer  Arbeit.  »Es soll in die Schweiz gehen.«

»Na, dann müssen Sie ja eine wichtige Person sein, wenn Sie glauben, auch noch in ein neutrales Land reisen zu dürfen.« Die grauhaarige Dame reichte ihr ein zweiseitiges Formular durch den Schlitz und sagte: »Schauen Sie erst kurz drüber, ob Sie alle Fra- gen verstehen. Damit sich das hier nicht so staut. Gleich herrscht nämlich  Feierabend-Panikbetrieb.«  Sie  reichte  Lily  auch  einen Bleistift  hindurch.  »Dann  füllen  Sie  alles  an  dem  Tisch  dort  drüben aus und legen mir zuletzt Ihre Ausweispapiere vor.«

»Oh, nein«, sagte Lily. »Das Visum ist nicht für mich, sondern für meinen Chef. Ich bin die Privatsekretärin von Professor Sauerbruch.«

»Tja, dann tut es mir leid für Sie, so läuft das nicht. Ich kann erstens nicht überprüfen, ob Sie das wirklich sind, und zweitens müsste  der  Herr  Professor  selbst  kommen,  wenn  er  ein  Visum beantragen will.« Sie tippte sich mit dem Finger gegen die Schläfe.

»Wenn ich krank bin, schicke ich ja auch nicht meine Tochter zur OP in die Charité.«

Lily hatte gehofft, dass sie auf eine unfreundliche Angestellte treffen  würde.  Diese  hier  schien  perfekt  zu  sein.  Verbohrt  und gehässig  wie  sie  war,  würde  sie  sich  ausgezeichnet  provozieren lassen.

»Hören Sie, Frau ...?«

»Ilse Triphaus ist mein Name«, sagte sie in einer Mischung aus genervtem und arrogantem Ton.

Lily öffnete ihre Handtasche und zog einen Brief hervor. »Ich habe hier eine Bescheinigung von Herrn Professor Ferdinand Sauerbruch, die Ihnen ...«

»Ich  habe  mich  doch  wohl  klar  ausgedrückt«,  krächzte  Frau Triphaus. »Das ist gegen alle Vorschriften, das kann ich nicht machen!«

Ist  es  nicht,  und  das  können  Sie  sehr  wohl,  dachte  Lily  und wappnete sich für die folgende Szene, die sie in den letzten Tagen mehrfach vor dem Spiegel eingeübt hatte. »Dann verlange ich, auf der  Stelle  und  sofort  Herrn  Fritz  Kolbe  zu  sprechen.  Im  Namen der Charité tue ich das!«

Frau  Triphaus  schaute  sie  entgeistert  durch  die  Scheibe  an. Eine  solch  heftige  Gegenwehr  war  ihr  anscheinend  noch  nicht untergekommen.

»Entschuldigen Sie, Fräulein«, sagte sie unsicher. »Herr Kolbe ist seit einem Jahr nicht mehr Chef der Visastelle.«

»Er ist doch noch hier im Hause beschäftigt, oder nicht?« Lily wurde etwas lauter als nötig. Als sie Getuschel hinter sich hörte, drehte sie sich um und sah, dass sie alle Blicke auf sich zog. Besonders die der braunen Herren.

»Ja, aber, er ist nicht ...«, stammelte die Angestellte.

»Melden  Sie  mich  an,  Befehl  von  Professor  Sauerbruch«,  rief Lily. »Sie können doch nicht im 
Ernst verlangen, dass mein Chef hier persönlich erscheint. Sie wissen wohl nicht, wer er ist.«

»Doch, natürlich weiß ich das, jeder kennt doch Professor Sau- erbruch.«

»Da haben Sie es«, sagte Lily etwas versöhnlicher. »Jeder kennt ihn, und er hat viele einflussreiche Freunde, auch in diesem Hau- se.  Wenn  Ihnen  die  Arbeit  hier  Freude  bereitet  oder  Sie  damit Kinder zu ernähren haben, sollten Sie mich jetzt bei Herrn Kolbe anmelden. Denn der Professor will es so. Er hat gesagt, wenn es Probleme gibt, dann wird das so und so gemacht.« Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schlug Lily noch einmal mit der flachen  Hand  auf  den  Tresen.  Vielleicht  war  das  übertrieben,  aber sie musste diesen Moment der Einschüchterung der Frau Triphaus nutzen,  bevor  die  auf  die  Idee  kam,  jemand  anderen  zurate  zu ziehen.  »Also,  können  Sie  oder  können  Sie  nicht?«,  fragte  Lily. »Wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

»Ist ja gut«, sagte die verunsicherte Angestellte. »Beruhigen Sie sich,  ich  rufe  in  seinem  Büro  an  und  frage  nach,  ob  er  Sie  emp- fängt.«  Sie  deutete  in  den  Wartebereich.  
»Bitte  nehmen  Sie  noch einmal  einen  Moment  Platz.  Ich  gebe  Ihnen  Zeichen,  wenn  ich ihn erreicht habe.«

»Sie  stammen  aus  Danzig?«,  fragte  Fritz  Kolbe,  an  dessen Schreibtisch Lily Platz genommen hatte, um das Formular für ihren Chef auszufüllen.

»Oh, Sie lesen mit, und das noch über Kopf«, antwortete Lily und  zwinkerte  dem  Diplomaten  zu,  der  heute  einen  schicken blauen  Kreidestreifen-Anzug  trug.  Sie  bemerkte,  dass  ihr  Gegen- über verlegen den Blick senkte und ihn sofort wieder auf sie richtete, als sie weiterschrieb.

Nachdem  Frau  Triphaus  ihn  angerufen  hatte,  war  Kolbe  zur Visastelle  gekommen,  vermutlich  im  Glauben,  dort  ein  lästiges Problem klären zu müssen und die betreffende Person abzuwimmeln.  Warum  sollte  er  sich  in  seiner  jetzigen  Position  mit  Visa-Angelegenheiten  beschäftigen,  mochte  er  gedacht  haben.  Als er Lily aber gesehen hatte und sie ihm das erste Mal zugezwinkert und  mit  ihren  kirschrot  geschminkten  Lippen  angelächelt  hatte, musste sie bei der folgenden kurzen Unterhaltung nicht mal den Namen Sauerbruch erwähnen. Das hatte sie selbst erstaunt. Kolbe hatte Frau Triphaus beruhigt, Lily ohne Umschweife in sein Büro geführt  und  ihr  sogar  einen  Kaffee  bringen  lassen.  Das  lief  alles verdammt gut.

»Ja,  wissen  Sie,  Fräulein  Hartmann«,  sagte  Kolbe,  »ich  bin selbst  aus  Pommerellen,  komme  aus  der  Nähe  von  Danzig  und habe  sofort  gespürt,  dass  auch  Sie  dort  an  der  schönen  Ostsee Ihre  Wurzeln  haben  müssen.  Ich  glaube  ja,  dass  wir  Kaschuben uns  unterbewusst  immer  erkennen.«  Er  schluckte.  »Es  war  für mich eine aufregende Begegnung, und augenblicklich gingen die Heimatgefühle mit mir durch.«

Jetzt  musste  auch  Lily  schlucken.  »Sie  sehen  mir  sogar  an, dass  ich  kaschubische  Vorfahren  habe,  oder  haben  Sie  nur  gut geraten?  Meine  Großeltern  stammen  tatsächlich  aus  der  Kaschubei.« Wenn das Kolbes Versuch war, ihr den Hof zu machen, dann fand Lily das ziemlich originell. Von einer schicksalhaften Begegnung, was sie betraf, hatten schon einige Männer gesprochen. Ob Kolbe ihr wirklich bereits in der Wartehalle angesehen hatte, dass sie aus Pommerellen stammte, konnte sie zwar nicht mit Gewiss- heit sagen, denn er hatte ja auf dem Formular ihren eingetragenen Geburtsort  gelesen.  Allerdings  schien  seine  Gefühlsregung  echt zu sein. Sie nahm ihm die Verbundenheit mit ihr ab, da sie selbst gerade  das  sonderbare  und  gleichzeitig  schöne  Gefühl  überkam, so etwas ebenfalls zu spüren.

»Leben  wir  nicht  in  seltsamen  Zeiten?«  Kolbe  schaute  sie durchdringend  an.  Seine  Augen  waren  tiefblau.  Sie  gefielen  Lily. »Jetzt  sollen  wir  die  Heimat  auf  einmal  Reichsgau  Danzig-West- preußen nennen.« Einen  Moment lang schien er seinen Gedanken nachzuhängen.  »Ich  habe  Ihren  minimalen  Akzent  erkannt«,  er- klärte  er  schließlich.  »Meine  Mutter  ist  Kaschubin.«  Er  machte eine  Pause  und  zog  seinen  roten  Schlips  mit  weißen  Pünktchen zurecht.  »Was  natürlich  alles  nicht  heißen  soll,  dass  mir  Ihre Schönheit nicht imponieren würde. Aber das hören Sie sicher täglich.«

Kolbe  stellte  sich  ihr  als  ein  Mann  mit  Gefühlen  vor,  etwas Besseres  konnte  Lily  gar  nicht  passieren.  Sie  schauten  sich  eine ganze Weile schweigend an, und sie unterließ fortan das gespielte Zwinkern.

»Wor de Ostseewellen trecken an de Strand. Wor de geelen Blö- me bleuhn int gröne Land.« Kolbe begann leise zu singen, und in Lilys  Herz  ging  der  so  schmerzlich  vermisste  Frühling  auf.  »Wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus ...«

Wie lange hatte sie das Lied, das ihr die Mutter schon vorgesungen  hatte,  als  sie  im  Kinderstühlchen  gesessen  hatte,  nicht mehr gehört? »Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus«,  fiel sie in den Gesang ein.

Als  sie  beide  inbrünstig  alle  Strophen  gemeinsam  gesungen hatten, ergriff Lily Kolbes Hand. Er ließ es zu. Sie hatte ihre Mission  vergessen,  war  aber  gleichzeitig  nah  dran,  sie  zu  erfüllen. Ihr  Tag  nahm  eine  Wendung,  mit  der  sie  so  niemals  gerechnet hätte.

»Aber  Sie  sind  ja  nicht  hier,  um  mit  mir  über  die  Heimat  zu klönen«, sagte Kolbe,  nachdem sie sich noch eine Weile auf Plattdeutsch unterhalten hatten. »Wir wollen ja, dass der Herr Professor Sauerbruch zu seinem Vortrag  in die Schweiz reisen kann.«

»Aber  natürlich«,  sagte  Lily  und  füllte  das  Formular  zu  Ende aus. Kurze Zeit später fragte sie scherzhaft: »Soll ich mit Heil Hitler unterzeichnen?«

Kolbe schaute sie erst ernst, dann verwirrt an, dann begann er laut  zu  lachen.  »Wissen  Sie  was,  Fräulein  Hartmann?  Schreiben Sie  doch  auf  Pommerisch:  For  de  Föhrer,  mine  Danzig  
und  dat Vaderland.«

Lily prustete los, unterschrieb und reichte ihm dann die Unterlagen.

»Ob ich denn wohl auch mal einen Termin bei dem Herrn Professor zur Untersuchung bekomme?«, fragte Kolbe, als er Lily wenig  später  zur  Tür  begleitete.  »Sie  erledigen  doch  bestimmt  die Terminsachen, und ich habe schmerzvolle Probleme mit meinem rechten  Knie  zu  beklagen.«  Er  rieb  sich  das  Bein.  »Außerdem  ist Sauerbruch der Beste. Ich halte viel von ihm, auch wenn ich ihn persönlich  nicht  kenne.  Wir  wähnen  aber  einen  gemeinsamen Freund  an  unserer  Seite.  Georg  Schreiber  heißt  der.  Ich  spiele Schach mit ihm, und er redet in den höchsten Tönen über Ihren Chef.«

»Sauerbruch  ist  ein  fantastischer  Arzt«,  sagte  Lily.  »Und  das mit  dem  Termin,  das  lässt  sich  sicher  machen.  Kann  aber  etwas dauern,  bei  dem  vollen  Kalender.«  Sie  drehte  sich  zu  Kolbe  um, und  ihr  Herz  begann  zu  klopfen.  »Schade  eigentlich.  Ich  hoffe, das mit Ihrem Knie ...«

»Nun«,  unterbrach  Kolbe.  »Vielleicht  machen  wir  uns  mal  einen privaten Termin, um erneut von der Heimat zu plaudern? Ich kenne  da  ein  Restaurant,  wo  man  die  vorzüglichsten  Danziger saure Klopse bekommt. Wie zu Hause bei Muttern.«

»Das, das ... wäre wunderbar«, sagte Lily und spürte, wie sich die Härchen auf ihren Unterarmen aufstellten.

»Fein«,  antwortete  Kolbe.  »Ich  muss  diese  Woche  noch  eine kleine Dienstreise antreten. Aber wie wäre es am nächsten Donnerstag?«

»Donnerstags  kann  ich  nie«,  sagte  Lily  und  fügte  eilig  hinzu:

»Aber am Freitagabend hätte ich Zeit, oder auch Samstag.«

»Das passt mir ebenfalls ausgezeichnet«, sagte Kolbe. »Ich darf Sie  dann  abholen?  Freitagabend  um  acht  am  Eingang  zur  Charité?«

»Ja, gerne.«

Kolbe  küsste  Lily  auf  die  Wangen,  versprach  ihr,  das  Doku- ment  für  Sauerbruch  sofort  zu  bearbeiten  und  das  gewünschte 
Visum per Post zustellen zu lassen, und sagte zum Schluss: »Auf
baldiges Wiedersehen, Lily Hartmann!«






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324 BeiträgeVerlosung beendet
Letzter Beitrag von  anushkavor einem Jahr
Meine Rezension ist nun hier zu finden:

https://www.lovelybooks.de/autor/Christian-Hardinghaus/Die-Spionin-der-Charit%C3%A9-1806370193-w/rezension/2030401712/

Ich werde sie in den nächsten Tagen auch noch auf Amazon, Thalia, Hugendubel, etc. posten und auch nochmal verkürzt bei Instagram. Danke nochmal, dass ich dabei sein durfte. Mir hat das Buch sehr gut gefallen.

EDIT: Ich habe die Rezension jetzt auch bei Amazon, Thalia, Hugendubel und Bücher.de gepostet. Bei Amazon und Hugendubel kann es allerdings noch ein paar Tage dauern, bis sie freigeschaltet ist.
Cover des Buches Wofür es lohnte, das Leben zu wagenundefined
Liebe LovelybookerInnen, 

aufgrund der großen Nachfrage der Teilnehmer zur Leserunde meines Romanes "Ein Held dunkler Zeit" habe ich vom Europa Verlag den Support erhalten, auch für die wahre Geschichte hinter dem Roman eine Runde zu veranstalten. Es hat sich doch heraus gestellt, dass das Sachbuch auch für gewohnte Romanleser hoch interessant ist - eben mit der Rückmeldung, es lese sich spannend wie ein Roman. "Wofür es lohnte das Leben zu wagen" kann als Hintergrund zu "Ein dunkler Held" gelesen werden, oder eben völlig losgelöst. Ihr erhaltet Buch und DVD. Ich hoffe, dass dieses Mal auch ein paar Männer in der Runde sind. 

Um zwei zu beantwortende Fragen nebst dem Versprechen auf Beteiligung an der Diskussion und dem Verfassen einer Rezension bitte ich Euch bei der Bewerbung:

1. Habt Ihr "Ein Held dunkler Zeit" gelesen oder schon davon oder von diesem Buch in den Medien o. Ä. gelesen? 

2. Warum spricht Euch die Leseprobe an (insgesamt ist das Buch sicher keine leichte Kost) und warum interessiert Ihr Euch für die deutsche Sicht innerhalb des Zweiten Weltkrieges?

Im Folgenden eine Leseprobe und ein paar Bilder aus dem Buch. 

Brief von Helmut an Erna vom 05. April 1942 – Osterspaziergang: Hoffnung Menschlichkeit

"Ein Strahl der frühen Morgensonne fällt durch den Spalt des Fensterladens, und blauer Himmel scheint herein. Also ist wieder schönes Wetter draußen und das Schneien vorbei. So hält es mich nicht länger auf dem Lager, ich schlüpfe in meine Pantoffeln und trete vor die Tür. Blendendes Sonnenlicht übergießt mich mit seinem Glanz! Welch herrlicher Morgen! Weiß und weich ist alles wieder mit Schnee bedeckt, aber jetzt wärmt die Sonne schon so, dass es einem in Hemdsärmeln nicht kalt ist. Ich atme die würzige Morgenluft. Kaum die Augen kann man öffnen vor der Fülle des Lichts.
Fast friedlich ist’s, diese unberührte Zartheit des Schnees und über allem die goldene Sonne. Was Wunder! Heute ist ja auch Ostertag! Ein wenig winterlich für Ostern, würde für Weihnachten besser passen, wenn die warme Sonne nicht wäre. Man kann’s dem Osterhasen nicht verübeln, wenn er bei diesem Wetter nicht kommt. Wo sollte er auch die Eier hinlegen? Er würde sich einen kalten Hintern holen.
Ich stehe eine Weile hier draußen und genieße die Schönheit dieses Morgens. Still ist’s hier überall. Eigentlich zu wundern, aber umso besser! Nur weit in der Ferne hört man ab und zu leises Rollen der Artillerie.
Doch, richtig! Da hat die Sonne doch eine Rata hervorgelockt. Über dem oberen Dorfende zieht sie ein paar Kreise, fliegt dann an der Häuserreihe entlang und gibt ein paar Schüsse ab. Lassen wir ihr das Vergnügen, wir sind daran gewöhnt. Jetzt ist sie auch schon wieder fort. Sollte wohl nur ein Ostergruß sein. Haben wunderbare Umgangsformen, diese Russen.
Meine beiden Kumpane schlafen natürlich noch. Ich nehme die Zeltbahnen von den Fenstern und öffne die Läden. Da sind sie denn auch auf den Beinen. »Frohe Ostern! Und heute wird zur Feier des Tages reiner Bohnenkaffee gemacht!«
Schon knistert im Herd das Feuer, und das Waschwasser ist warm. Heute wird fein rasiert und der Bart geschnitten. Und frische Wäsche gibt es. Meine Hose mit ihren sieben Löchern muss es allerdings nochmals tun, habe ich doch eine umso schönere Weste!
Jetzt röstet das Brot auf der Herdplatte, und der Kaffee dampft. Also her mit dem Mokka, für jeden zwei Gläser! Und Butter ist auch noch da! Was wollen wir mehr? Prost, Kameraden! Es lebe der Soldat! Schnaps haben wir nicht zum Anstoßen, so muss es der Kaffee tun! Jetzt suchen sie zuhause ihre Ostereier im frischen Grün. Könnt ihr euch das vorstellen? Frühling und Osterglocken und kein Kanonendonner und keine Russen? Ja, das gibt’s!
Ich öffne das Fenster, würzig strömt die frische Luft herein. Und mit ihr herein strömen - o Wunder - leise Klänge einer fernen Musik. Woher kommen sie? Jemand muss ein Radio haben. Es ist eine feierliche Musik: Beethoven, ja, richtig: der Erzherzog .
Jetzt erkenne ich es genau. Ja, auch das gibt es noch. Lange ist es her, dass ich sie nicht mehr gehört habe, unvorstellbar lange. Und doch, es gibt so was noch!
Ich greife nach Mütze und Rock. »Ich gehe hinauf zum Kolchos, bin bald wieder zurück.«
»Jawohl, Herr Unterarzt!«
Ja: Unterarzt, Oberarzt, Leutnant und Gefreite! Alles das sind wir, nur das eine nicht: Mensch. Ach, wieder einmal Mensch, wieder ein Selbst sein dürfen! Wo lebt es, unser eigenes Ich? Alles versunken, was früher war, verhüllt von Schleiern der Zukunft. Das Gestern, es ist unwichtig, ein Heute allein kennen wir, ein Morgen vielleicht, aber dann schon liegt alles im Dunkel.
Ich schreite durch den Morgen. Noch ist der Boden hart, wie weicher Flaum bedeckt ihn der Schnee. Wo die Sonne sticht, beginnt er schon zu schmelzen. Wie ich so meinen Weg gehe, allein, begleitet nur von dem Schatten, kommt es mir in den Sinn: Dass das eigene Leben, das Leben des eigenen Ichs, nur noch ist wie ein Schatten, der nebenher läuft, unwesentlich, schemenhaft.
Ich trete von der Straße, überquere das Tal und steige langsam die Höhe hinauf, von wo man das Gelände übersehen kann. Tote Russen liegen hier noch, aus dem schmelzenden Schnee hervorwachsend, und auch Blindgänger von Granaten. Man muss sie vorsichtig umgehen. Ein sonderbarer Osterspaziergang! Es ist jetzt warm in der Sonne. Der Schnee schmilzt und fließt in kleinen Rinnen zu Tal, um irgendwo wieder zu erstarren.
Nun ist der Blick frei. Unter mir das lang gezogene Tal mit der Reihe ärmlicher Häuser, und am Fuß des gegenseitigen Hügels, weit auseinandergezogen, im schmelzenden Schnee deutlich erkennbar: unsere Stellungen. Und ganz weit hinten, über der hohen Linie des Horizontes, die eckigen Schneehütten der Russen. Und dort, sich in Täler senkend, die beiden Wälder, die Ausgangsstellungen ihrer Angriffe.
Da unten liegt es also, das armselige Russendorf, kaum nennenswert in seiner Dürftigkeit, das wir doch so lange schon verteidigten, als wäre es eine der Kostbarkeiten der Erde! Eigentlich kaum zu glauben, dass diese dünn besetzte Kampflinie bisher immer noch standgehalten hat. Was ist es, das ihr die Kraft gibt? Ob die Kameraden da vorne, die da in ihren Löchern liegen, es wohl wissen? Sie tun ihren Dienst, ihre Pflicht, wie man es nennt. Aber das ist es nicht. Nicht allein. Manchmal kämpfen sie um ihr nacktes Leben, wenn der Russe hart drängt. Aber sie ziehen immer wieder aufs Neue hinaus. Und wenn sie dann müde sind, zum Umfallen, und doch auf ihren Posten stehen, hört man es sie wohl mal einmal aussprechen: Hier verteidigen wir die Heimat!
Was ist das, Heimat? Ist es der eigene Besitz? Viele haben ihn nicht, sie sind noch jung und arm, und der Krieg gerade hindert sie am eigenen Besitz. Sind es die Brüder oder Schwestern, Frau und Kind? Viele kennen weder das eine noch das andere, und doch kämpfen sie mit und sterben, wenn es sein muss. Es ist die Heimat, ein dunkel, aber stark gefühltes Ganzes. Sie wissen es, das macht sie so unbesiegbar, aber sie sprechen nicht davon.
Der Soldat kennt kein Pathos. Still treibt er sein Handwerk des Kampfes. Und wie er kämpft, so stirbt er auch, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Der eine stumm, in sich gekehrt, der andere schreiend vor Schmerz. Aber alle ohne große Worte. Es ist natürlich, wenn einer fällt, ohne viele Worte begraben ihn die Kameraden. Ein anderer springt für ihn ein. So ist es.
Mein Blick wandert hinüber zu ihren Gräbern. Viele sind es schon. Viele der Besten von uns. Wie sie gekämpft, so starben sie, und wie jene starben, so kämpfen diese weiter. So leben sie unter uns und wir bei ihnen.
Auch diese, ja auch sie kennen das eigene Ich nicht mehr! Soldaten sind sie im grauen Rock und weiter nichts. Ich bin, wie Ihr seid, Kameraden. Euch gehört mein ganzes Herz!
Ein MG schießt seine Garben über die Hänge, ein eigenes und dann auch eins der Russen. Ich gehe wieder herunter, diesmal etwas gedeckt durch eine Baumreihe. Weich ist jetzt der Boden schon, und überall rinnt es herunter. Noch sind die Knospen der Sträucher fest geschlossen: Aber der Frühling naht!
Helmut."


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Christian Hardinghaus wurde am 23. April 1978 in Osnabrück (Deutschland) geboren.

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