Christian Hardinghaus

 4,6 Sterne bei 267 Bewertungen
Autor von Mindfuck Stories, Die Spionin der Charité und weiteren Büchern.
Autorenbild von Christian Hardinghaus (©Jana Lange)

Lebenslauf von Christian Hardinghaus

Christian Hardinghaus wurde 1978 in Osnabrück geboren. Nach seinem Studium der Geschichte, Medien und Literaturwissenschaft promovierte er im Bereich Propagandaforschung an der Universität Osnabrück. Später folgte der Abschluss fürs gymnasiale Lehramt und die Ausbildung zum Fachjournalisten an einer Berliner Journalistenschule. Hardinghaus ist seit 15 Jahren als freier Journalist, Autor und Lektor tätig.

Neue Bücher

Cover des Buches Ein Held dunkler Zeit (ISBN: 9783958903746)

Ein Held dunkler Zeit

Erscheint am 25.06.2021 als Taschenbuch bei Europa Verlage.

Alle Bücher von Christian Hardinghaus

Cover des Buches Mindfuck Stories (ISBN: 9783981640908)

Mindfuck Stories

 (55)
Erschienen am 15.01.2014
Cover des Buches Die Spionin der Charité (ISBN: 9783958902374)

Die Spionin der Charité

 (36)
Erschienen am 08.02.2019
Cover des Buches Ein Held dunkler Zeit (ISBN: 9783958901193)

Ein Held dunkler Zeit

 (32)
Erschienen am 02.03.2018
Cover des Buches Die verratene Generation (ISBN: 9783958903326)

Die verratene Generation

 (21)
Erschienen am 30.10.2020
Cover des Buches Die verdammte Generation (ISBN: 9783958902978)

Die verdammte Generation

 (19)
Erschienen am 21.02.2020
Cover des Buches Die Hexe von Norderney (ISBN: 9783954414086)

Die Hexe von Norderney

 (22)
Erschienen am 01.03.2018
Cover des Buches Schlemihls Schatten (ISBN: 9783954751303)

Schlemihls Schatten

 (14)
Erschienen am 30.08.2016
Cover des Buches Ferdinand Sauerbruch und die Charité (ISBN: 9783958902367)

Ferdinand Sauerbruch und die Charité

 (13)
Erschienen am 08.02.2019

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu Christian Hardinghaus

Cover des Buches Die verdammte Generation (ISBN: 9783958902978)Nika488s avatar

Rezension zu "Die verdammte Generation" von Christian Hardinghaus

Die verdammte Generation
Nika488vor 2 Monaten

Ich muss zu meiner Schande gestehen, daß ich genau zu dieser Generation gehöre, die den zweiten Weltkrieg in der Schule nie wirklich behandelt hat. Leider, leider. Genau deswegen liebe ich Bücher aus dieser Zeit und gerade wenn sich ein Historiker mit Soldaten des Krieges unterhält und ihre Geschichten für uns fest gehalten hat. 


Man bekommt 13 Einblicke in die Erlebnisse von Zeitzeugen. Was ich wahnsinnig erschreckend und überraschend fand, dass alle nichts über den Holocaust während ihrer Zeit mitbekommen haben,sondern erst im Nachhinein. Kann man sich kaum vorstellen oder? Aber wahr!


Definitiv wird nichts verschönigt, sondern berichtet. Man durchlebt Wut, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Elend. Man bekommt ein Einblick in eine gravierende Szene aller. Definitiv sollte man sich bewusst sein, daß diese Herren die letzten sind, welche uns noch einen ehrlichen Einblick verschaffen können. Diese Erkenntnis hat mich das Buch noch mal ganz anders erleben lassen.


Es gibt dieses Zitat im Buch, welches mich nicht mehr los lässt und wo ich heftig genickt habe.


„Nur schade, dass man sich in Deutschland nicht für meine Geschichte interessiert, das heißt für die Geschichte deutscher Soldaten überhaupt. Ich wäre gerne mal in Schulklassen gegangen. Die amerikanischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg haben das gemacht für Schüler. Vielleicht hätte es auch hier etwas gebracht. Vor dem Krieg muss man warnen, wenn man ihn kennt. Aber da hat niemand gefragt.“


Ich finde der Titel ist perfekt gewählt, denn diese Generation ist für mich verdammt zum Schweigen. Niemand schenkt ihnen gehör,niemand fragt nach ihrer Meinung und ihren Erlebnissen. 


Für mich ein Buch, was man gelesen haben muss.

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Cover des Buches Ferdinand Sauerbruch und die Charité (ISBN: 9783958902367)Sikals avatar

Rezension zu "Ferdinand Sauerbruch und die Charité" von Christian Hardinghaus

Beeindruckende Biografie
Sikalvor 3 Monaten

Ferdinand Sauerbruch ist wohl den meisten bekannt und auch durch den „Sauerbruch-Arm“ überliefert. Beinahe gehypt wurde er zu seiner Zeit und ein hoch angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Bis vor ein paar Jahren sein Name von allen Straßen entfernt werden soll. Warum? War er ein Nazi und an den schrecklichen Forschungen in den KZs beteiligt? Was wusste er über den Attentatsversuch von Stauffenberg? Die meisten Publikationen rücken Sauerbruch in die Riege der Nazifreunde ein – doch kann man heute noch nachvollziehen, was damals wirklich passierte?

 

Der Historiker Christian Hardinghaus versucht mit diesen Fragen und Legenden aufzuräumen. Er zeigt mit dieser Biografie ein umfassendes Bild Sauerbruchs und dessen Diplomatie und den auch oftmals offenen Widerstand gegen die Nazis. Hardinghaus will durch umfassende Recherche und neue Quellenangaben eine lückenlose Darstellung darbieten und widersprüchliche Aussagen aufarbeiten.

 

Und wer bereits Bücher von Christian Hardinghaus gelesen hat, weiß auch, dass ihm mit seiner akribischen Herangehensweise dies auch gelingt.

 

Als Einleitung gibt es eine groben Überblick über diverse Daten zu Sauerbruch und der Charité. Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit der Kritik an dem Mediziner und der Widerlegung dieser Punkte, in dem Sauerbruchs Widerstand gegen das Regime erläutert wird – beispielsweise sein Kontakt mit Adolph Jung oder seine Treffen bei der „Mittwochsgesellschaft“.

 

Dass er mehrmals in Kontakt mit der Gestapo stand, wird klar hervorgehoben – aber nicht als Spion sondern als Verdächtiger. So hatte besonders Ernst Kaltenbrunner ein Auge auf Sauerbruch geworfen und verhörte ihn des Öfteren.

 

Als Mediziner arbeitet er oft an mehreren Operationen gleichzeitig, macht auch keinen Unterschied, ob es sich hier um Nazis oder Juden handelt. Als sein Sohn Peter mit dem Stauffenberg-Attentat in Verbindung gebracht wird, muss Sauerbruch das Regime öffentlich verteidigen, um seinen Sohn zu retten.

 

Der Autor Christian Hardinghaus schreibt mit einer unnachahmlichen Art und Weise über historische Hintergründe. Dies schafft er dermaßen fesselnd, dass man meint, in einem Roman zu lesen. Die Komplexität mancher Ereignisse zeigt Hardinghaus auch für den Laien verständlich auf.

 

Das Buch ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument und räumt mit Missverständnissen oder auch falschen Überlieferungen auf. Es zeigt ein umfassendes Bild eines großartigen Mediziners. Und wer noch die Romanvariante lesen möchte, ist mit „Der Spionin der Charité“ gut beraten. Für beide Bücher kann ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen. 5 Sterne

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Cover des Buches Die verratene Generation (ISBN: 9783958903326)HEIDIZs avatar

Rezension zu "Die verratene Generation" von Christian Hardinghaus

Einmalig wertvolles Zeitdokument
HEIDIZvor 3 Monaten

Den zweiten Weltkrieg aus Sicht von Zeitzeugen zu erlesen habe ich neulich mittels des Buches "Die verratene Generation" erlebt.

 

Christian Hardinghaus hat Gespräche mit den letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkrieges geführt und niedergeschrieben, was sie zu berichten haben, diese Gespräche unterlegt mit

 

Gliederung:
 =========

 

1. Die deutsche Angst vor der Erinnerung

...

 

2. Frauen im Zweiten Weltkrieg: verführt, verbraucht, verraten und vertreiben

...

 

3. Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten

...

 

4. Bombenkrieg gegen Deutschland

...

 

Nachwort und Danksagung

Anmerkungen

Register

 

Ich fand die Lektüre extrem interessant, auch emotional aufwühlend und vor allem informativ. Solche Bücher müssen geschrieben, kann ich da nur sagen.

 

Das Buch liest sich sehr intensiv und

 

Leseprobe:
 ========

 

Manche fragten zurück: "Was hätten wir denn tun sollen?" Oder sie nahmen eine Schutzhaltung ein: "Was hättet ihr denn getan?" Fragen, auf die es keine Antworten gab. Die letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkrieges haben nicht nur geschwiegen, weil man sie schon vorher mit  Vorurteilen überschüttet hatte, sondern auch, um überhaupt wieder ins Leben zu finden. ...

 

Frauen, die als vermeintliche Mittäterinnen beschämt werden, kommen zu Wort. Außerdem gibt es zu jedem Kapitel eine kompetent verständliche Einleitung des Autors, der umfassend und komplex darlegt und erläutert, neugierig macht auf das Kapitel und appelliert an das Über- und Umdenken und historische einordnet.

 

Mit Fotomaterial unterlegt gehen die Texte der Frauen unter die Haut, sind lebendig und bewegend emotional zu lesen und geben Erlebtes authentisch wider, sodass alles in allem dieses Buch ein ganz besonderes Zeitzeugnis zum Zweiten Weltkrieg ist, bei welchem ich froh bin, es gelesen zu haben.

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Gespräche aus der Community

Nun ist es so weit. Nach den letzten Soldaten in "Die verdammte Generation", sollen nun 13 der letzten Zeitzeuginnen des Zweiten Weltkrieges ihre besonderen Geschichten erzählen. Exklusiv zum Buchstart am 30. Oktober möchte ich natürlich wieder eine Leserunde mit Diskussion aufmachen und starte eine Schnellverlosung der druckfrischen Bücher. Christian Hardinghaus 

Ich freue mich erneut auf spannende Diskussionen zu brisanten, und doch so bedeutenden Themen wie Flucht und Vertreibung oder Bombenangriffe gegen Deutschland. Es erzählen Lazarettschwestern, Rüstungsarbeiterinnen, Opfer des Bombenkrieges, Flüchtlinge und Vertriebene, Kriegshilfsdienstmaiden, Volkssturmmädchen und Arbeitsmaiden von ihren traumatischen Erlebnissen an oder hinter der Front. 

641 BeiträgeVerlosung beendet
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Letzter Beitrag von  Chuckipopvor 5 Monaten

Diesen Monat erscheint, passend zum baldigen 75-jährigen Kriegsende, ein ganz besonderes Zeitzeugenbuch aus meiner Feder. Sprechen wir über den Krieg. Keinen erhobenen Zeigefinger, keine Moralkeule. Wie war es an der Front? 13 Zeitzeugen geben Auskunft. Von Stalingrad über Tobruk bis D-Day und Endkampf in Berlin. Ich lade zur Leserunde ein und verlose 12 Bücher. Christian Hardinghaus 

Diesen Monat erscheint, passend zum baldigen 75-jährigen Kriegsende, ein ganz besonderes Zeitzeugenbuch aus meiner Feder. Sprechen wir über den Krieg. Keinen erhobenen Zeigefinger, keine Moralkeule. Wie war es an der Front? 13 Zeitzeugen geben Auskunft. Von Stalingrad über Tobruk bis D-Day und Endkampf in Berlin.






547 BeiträgeVerlosung beendet
Liebe Leserinnen und Leser, 

es ist so weit: Das Jahr der Charité. Zum Start der zweiten Staffel der Charité habe ich zwei Bücher herausgebracht. Die Biografie der diesmaligen Hauptfigur Ferdinand Sauerbruch und einen Roman. "Die Spionin der Charité" beruht auf wahren Begebenheiten, sie baut auf meinen Recherchen zur Sauerbruch-Biographie auf und in ihr tauchen auch die historischen Figuren der ARD-Serie auf. Freue mich auf Bewerbungen und natürlich Diskussionen. Eigentlich wollte ich zu beiden Büchern parallel eine Leserunde anbieten, doch neuerdings darf man hier nur noch alle 30 Tage eine neue starten. Wer das Buch schon hat, der bewirbt sich bitte nicht, ist aber herzlich eingeladen, mit zu diskutieren. 

Es folgt eine Leseprobe aus "Der Spionin" und zur Einstimmung in die Zeit ein Trailer zur aktuellen Charité-Staffel. 


Kapitel 12. FRITZ KOLBE (Frühjahr 1943)

Lily schlug den Pelzkragen ihres grünen Mantels hoch und schüt- telte sich. Was für ein Wetter! Der April macht, was er will, dachte sie. Wobei er sich in diesem Jahr eindeutig vorgenommen hatte, nur Regen zu machen. Von Frühjahr keine Spur.

Nachdem Lily in Höhe des Propagandaministeriums durch den braunen Matsch auf der breiten Wilhelmstraße gehüpft war, klappte sie ihren Schirm zusammen. Eiligen Schrittes lief sie die letzten Meter  an  der  mit  Hakenkreuzfahnen  geschmückten  Außenmauer des  Auswärtigen  Amtes  entlang.  Auf  den  Stufen  zum  Eingang klopfte  sie  den  Schmutz  von  ihren  Stiefeln  und  hielt  einen  Moment  inne.  Eigentlich  sollte  jetzt  alles  ganz  einfach  gehen.  Der Mann,  an  den  sie  sich  heranmachen  sollte,  hieß  Fritz  Kolbe  und war  Mitarbeiter  von  Karl  Ritter,  dem  Botschafter  zur  besonderen Verwendung.  Das  klang  unspektakulär,  war  es  aber  nicht,  wie Jean Neumann ihr gestern Abend erneut ausführlich erklärt hatte. Ritter fungierte nämlich als offizieller Verbindungsmann zwischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem Oberkommando der  Wehrmacht.  Somit  war  er  über  alle  Entwicklungen  an  der deutschen Kriegsfront informiert. Bei seinem Mitarbeiter Kolbe liefen  täglich  die  Geheimen  Reichssachen  ein,  die  unter  gar  keinen Umständen  in  fremde  Hände,  am  allerwenigsten  natürlich  in  die des Feindes fallen durften. Monatelang waren Neumann und Wetterstein auf der Suche nach einer geeigneten Person gewesen, über die man an militärische Informationen herankommen könnte. Als sie auf Fritz Kolbe stießen, holte der Franzose Erkundigungen über ihn ein, folgte ihm heimlich mit seiner Kamera und beschrieb ihn in  seinen  Berichten  für  den  Club  als  unauffällige,  nicht  ideologisierte  Person.  Vor  dem  Krieg  war  Kolbe  Vizekonsul  in  Südafrika gewesen. Als sich Südafrika aber dann auf die Seite Großbritanniens stellte, begegnete man deutschen Diplomaten zunehmend mit Misstrauen und hinderte sie an ihrer Arbeit. Kolbe hatte es deswe- gen vorgezogen, seine Karriere im Deutschen Reich fortzusetzen, während sich seine von ihm damals schon getrennt lebende Frau dazu entschlossen hatte, mit dem gemeinsamen Kind in Afrika zu bleiben.  Der  Mittwochsgesellschaft  war  es  gelungen,  Kolbes  Ex- Frau  in  Kapstadt  ausfindig  zu  machen  und  einen  Einheimischen mit  etwas  Geld  dazu  zu  bringen,  sie  auszuhorchen.  Mit  verblüffendem  Ergebnis:  Kolbe  hielt  nichts  vom  Nationalsozialismus,  er war  immer  völlig  unpolitisch  gewesen,  wollte  bloß  einer  geregelten  Arbeit  nachgehen  und  vor  allem  eins  nicht:  an  die  Front!  Er verabscheute alles Kriegerische.

»An dieser Stelle gilt es ihn aufzuweichen, zu knacken«, hatte Wetterstein beim vorletzten Treffen des Donnerstagsclubs betont.

»Über die Sinnlosigkeit des Krieges kommt ihr ins Gespräch. Außerdem hat Kolbe zwei Schwächen: 
eine für das Schachspiel und eine  für  junge,  blonde  Frauen.  Hier  kommst  nur  du  infrage,  Lily Hartmann.«

»Ich bin aber nicht blond«, hatte Lily sofort erwidert.

»Genau aus dem Grund habe ich dir einen Termin beim besten Damenfriseur  der  Stadt  gemacht.«  
Wetterstein  hatte  sie  stolz  an- gegrinst.  »Frau  Doktor  Sauerbruch  ist  zwar  blond,  aber  die  können wir wohl kaum auf Kolbe ansetzen. Ich bin sicher, dass würde weder ihr, noch dem Chef gefallen.«


Das hatte Lily eingesehen. Und obwohl sie nie vorgehabt hatte,  sich  überhaupt  jemals  die  Haare  blondieren  zu  lassen,  so musste sie sich nach ihrer Verwandlung eingestehen, dass sie bezaubernd  aussah.  Die  Haarfarbe  passte  zu  ihrem  Teint  und  den grünen Augen. Die ganze Woche über hatte man sie in der Klinik mit Komplimenten überhäuft. Nicht nur für die neue Farbe, sondern auch für den glamourösen Schnitt.

»Hollywood-Wellen«,  hatte  Luise  gesagt.  »Wie  Greta  Garbo, damit kriegst du jeden Mann!«

Dass  ihr  die  Studenten  nun  gar  nicht  mehr  von  der  Seite  wi- chen,  hatte  Lily  in  Kauf  genommen,  für  die  Sache.  Sie  erwartete keinen  zweiten  de  Crinis  und  fühlte  sich  vom  Donnerstagsclub beschützt.  Sie  würde  ein  paar  Mal  mit  diesem  Kolbe  ausgehen, und für den Notfall wäre Neumann immer in ihrer Nähe. So hatten  sie  es  besprochen.  Doch  zuvor  galt  es  erstens,  überhaupt  an Kolbe  heranzukommen,  und  zweitens,  ihn  von  sich  zu  überzeugen. Für beides hatte sie sich einen Plan zurechtgelegt.

Lily atmete einmal tief durch und betrat dann das Außenministerium.  Trotz  Neumanns  genauer  Beschreibung  brauchte  sie  eine Weile, um den Gang zu finden, der zur Visastelle führte. Am Schalter arbeiteten drei weibliche Angestellte hinter Glasscheiben. Lily blickte sich um, fand den Wartenummernspender. Sie zog ein Billett und setzte sich auf einen freien Platz. Etwa ein Dutzend Menschen wartete bereits darauf, aufgerufen zu werden, sie hatte also noch  genug  Zeit,  alles  in  Gedanken  erneut  durchzuspielen.  Sie öffnete  ihre  Handtasche,  entnahm  ihr  die  braune  Mappe  und schlug  sie  nur  etwa  bis  zu  einem  Viertel  auf,  damit  die  beiden Männer in braunen Anzügen, neben die sie sich gesetzt hatte, keinen Blick auf die Fotos von Kolbe erhaschen konnten.

Neumann  ist  wirklich  ein  ausgezeichneter  Fotograf,  dachte Lily. Er hatte es geschafft, Kolbe von allen Seiten zu fotografieren. Auf  einem  Bild  wirkte  der  Mann,  auf  den  sie  angesetzt  war,  als schaue  er  direkt  in  die  Kamera,  doch  der  Franzose  hatte  versi- chert,  dass  er  zu  keinem  Zeitpunkt  bemerkt  worden  war.  Kolbe schien,  den  Fotografien  nach  zu  urteilen,  ein  ziemlich  kleiner, aber  keineswegs  unattraktiver  Mann  zu  sein.  Er  war  glattrasiert, besaß ein ausdrucksstarkes Profil und hatte helle, wahrscheinlich blaue Augen. Er trug Krawatte, einen breitkrempigen Hut und einen hellen Nadelstreifenanzug. Unter seiner linken Achsel klemmte  eine  Zeitung.  Auch  Neumanns  Kamera  musste  ausgezeichnet sein.  Derart  scharfe  Bilder  hatte  Lily  selten  gesehen.  Sie  konnte sogar erkennen, dass es sich bei der zusammengerollten Zeitung um ein englischsprachiges Medium handeln musste.

»Die  Nummer  achtundvierzig  an  Platz  zwei.«  Nach  etwa  einer Dreiviertelstunde Wartezeit hörte Lily eine der Frauen ihre Nummer durch das Mikrofon aufrufen. Es ging los. Eilig nahm sie ihre Tasche und lief zu dem Schalter.

»Was kann ich für Sie tun, Fräulein?«, sagte die Dame, die sich hinter ihrer Scheibe um ein Lächeln bemühte.

»Ich möchte ein Visum beantragen.«

»Na,  so  was«,  sagte  die  Angestellte,  und  das  Lächeln  ver- schwand  umgehend.  »Das  wollen  hier  alle.  Die  wenigstens  kriegen eins.«

Zimtzicke,  dachte  Lily,  kein  Wunder  bei  so  einer  Arbeit.  »Es soll in die Schweiz gehen.«

»Na, dann müssen Sie ja eine wichtige Person sein, wenn Sie glauben, auch noch in ein neutrales Land reisen zu dürfen.« Die grauhaarige Dame reichte ihr ein zweiseitiges Formular durch den Schlitz und sagte: »Schauen Sie erst kurz drüber, ob Sie alle Fra- gen verstehen. Damit sich das hier nicht so staut. Gleich herrscht nämlich  Feierabend-Panikbetrieb.«  Sie  reichte  Lily  auch  einen Bleistift  hindurch.  »Dann  füllen  Sie  alles  an  dem  Tisch  dort  drüben aus und legen mir zuletzt Ihre Ausweispapiere vor.«

»Oh, nein«, sagte Lily. »Das Visum ist nicht für mich, sondern für meinen Chef. Ich bin die Privatsekretärin von Professor Sauerbruch.«

»Tja, dann tut es mir leid für Sie, so läuft das nicht. Ich kann erstens nicht überprüfen, ob Sie das wirklich sind, und zweitens müsste  der  Herr  Professor  selbst  kommen,  wenn  er  ein  Visum beantragen will.« Sie tippte sich mit dem Finger gegen die Schläfe.

»Wenn ich krank bin, schicke ich ja auch nicht meine Tochter zur OP in die Charité.«

Lily hatte gehofft, dass sie auf eine unfreundliche Angestellte treffen  würde.  Diese  hier  schien  perfekt  zu  sein.  Verbohrt  und gehässig  wie  sie  war,  würde  sie  sich  ausgezeichnet  provozieren lassen.

»Hören Sie, Frau ...?«

»Ilse Triphaus ist mein Name«, sagte sie in einer Mischung aus genervtem und arrogantem Ton.

Lily öffnete ihre Handtasche und zog einen Brief hervor. »Ich habe hier eine Bescheinigung von Herrn Professor Ferdinand Sauerbruch, die Ihnen ...«

»Ich  habe  mich  doch  wohl  klar  ausgedrückt«,  krächzte  Frau Triphaus. »Das ist gegen alle Vorschriften, das kann ich nicht machen!«

Ist  es  nicht,  und  das  können  Sie  sehr  wohl,  dachte  Lily  und wappnete sich für die folgende Szene, die sie in den letzten Tagen mehrfach vor dem Spiegel eingeübt hatte. »Dann verlange ich, auf der  Stelle  und  sofort  Herrn  Fritz  Kolbe  zu  sprechen.  Im  Namen der Charité tue ich das!«

Frau  Triphaus  schaute  sie  entgeistert  durch  die  Scheibe  an. Eine  solch  heftige  Gegenwehr  war  ihr  anscheinend  noch  nicht untergekommen.

»Entschuldigen Sie, Fräulein«, sagte sie unsicher. »Herr Kolbe ist seit einem Jahr nicht mehr Chef der Visastelle.«

»Er ist doch noch hier im Hause beschäftigt, oder nicht?« Lily wurde etwas lauter als nötig. Als sie Getuschel hinter sich hörte, drehte sie sich um und sah, dass sie alle Blicke auf sich zog. Besonders die der braunen Herren.

»Ja, aber, er ist nicht ...«, stammelte die Angestellte.

»Melden  Sie  mich  an,  Befehl  von  Professor  Sauerbruch«,  rief Lily. »Sie können doch nicht im 
Ernst verlangen, dass mein Chef hier persönlich erscheint. Sie wissen wohl nicht, wer er ist.«

»Doch, natürlich weiß ich das, jeder kennt doch Professor Sau- erbruch.«

»Da haben Sie es«, sagte Lily etwas versöhnlicher. »Jeder kennt ihn, und er hat viele einflussreiche Freunde, auch in diesem Hau- se.  Wenn  Ihnen  die  Arbeit  hier  Freude  bereitet  oder  Sie  damit Kinder zu ernähren haben, sollten Sie mich jetzt bei Herrn Kolbe anmelden. Denn der Professor will es so. Er hat gesagt, wenn es Probleme gibt, dann wird das so und so gemacht.« Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schlug Lily noch einmal mit der flachen  Hand  auf  den  Tresen.  Vielleicht  war  das  übertrieben,  aber sie musste diesen Moment der Einschüchterung der Frau Triphaus nutzen,  bevor  die  auf  die  Idee  kam,  jemand  anderen  zurate  zu ziehen.  »Also,  können  Sie  oder  können  Sie  nicht?«,  fragte  Lily. »Wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

»Ist ja gut«, sagte die verunsicherte Angestellte. »Beruhigen Sie sich,  ich  rufe  in  seinem  Büro  an  und  frage  nach,  ob  er  Sie  emp- fängt.«  Sie  deutete  in  den  Wartebereich.  
»Bitte  nehmen  Sie  noch einmal  einen  Moment  Platz.  Ich  gebe  Ihnen  Zeichen,  wenn  ich ihn erreicht habe.«

»Sie  stammen  aus  Danzig?«,  fragte  Fritz  Kolbe,  an  dessen Schreibtisch Lily Platz genommen hatte, um das Formular für ihren Chef auszufüllen.

»Oh, Sie lesen mit, und das noch über Kopf«, antwortete Lily und  zwinkerte  dem  Diplomaten  zu,  der  heute  einen  schicken blauen  Kreidestreifen-Anzug  trug.  Sie  bemerkte,  dass  ihr  Gegen- über verlegen den Blick senkte und ihn sofort wieder auf sie richtete, als sie weiterschrieb.

Nachdem  Frau  Triphaus  ihn  angerufen  hatte,  war  Kolbe  zur Visastelle  gekommen,  vermutlich  im  Glauben,  dort  ein  lästiges Problem klären zu müssen und die betreffende Person abzuwimmeln.  Warum  sollte  er  sich  in  seiner  jetzigen  Position  mit  Visa-Angelegenheiten  beschäftigen,  mochte  er  gedacht  haben.  Als er Lily aber gesehen hatte und sie ihm das erste Mal zugezwinkert und  mit  ihren  kirschrot  geschminkten  Lippen  angelächelt  hatte, musste sie bei der folgenden kurzen Unterhaltung nicht mal den Namen Sauerbruch erwähnen. Das hatte sie selbst erstaunt. Kolbe hatte Frau Triphaus beruhigt, Lily ohne Umschweife in sein Büro geführt  und  ihr  sogar  einen  Kaffee  bringen  lassen.  Das  lief  alles verdammt gut.

»Ja,  wissen  Sie,  Fräulein  Hartmann«,  sagte  Kolbe,  »ich  bin selbst  aus  Pommerellen,  komme  aus  der  Nähe  von  Danzig  und habe  sofort  gespürt,  dass  auch  Sie  dort  an  der  schönen  Ostsee Ihre  Wurzeln  haben  müssen.  Ich  glaube  ja,  dass  wir  Kaschuben uns  unterbewusst  immer  erkennen.«  Er  schluckte.  »Es  war  für mich eine aufregende Begegnung, und augenblicklich gingen die Heimatgefühle mit mir durch.«

Jetzt  musste  auch  Lily  schlucken.  »Sie  sehen  mir  sogar  an, dass  ich  kaschubische  Vorfahren  habe,  oder  haben  Sie  nur  gut geraten?  Meine  Großeltern  stammen  tatsächlich  aus  der  Kaschubei.« Wenn das Kolbes Versuch war, ihr den Hof zu machen, dann fand Lily das ziemlich originell. Von einer schicksalhaften Begegnung, was sie betraf, hatten schon einige Männer gesprochen. Ob Kolbe ihr wirklich bereits in der Wartehalle angesehen hatte, dass sie aus Pommerellen stammte, konnte sie zwar nicht mit Gewiss- heit sagen, denn er hatte ja auf dem Formular ihren eingetragenen Geburtsort  gelesen.  Allerdings  schien  seine  Gefühlsregung  echt zu sein. Sie nahm ihm die Verbundenheit mit ihr ab, da sie selbst gerade  das  sonderbare  und  gleichzeitig  schöne  Gefühl  überkam, so etwas ebenfalls zu spüren.

»Leben  wir  nicht  in  seltsamen  Zeiten?«  Kolbe  schaute  sie durchdringend  an.  Seine  Augen  waren  tiefblau.  Sie  gefielen  Lily. »Jetzt  sollen  wir  die  Heimat  auf  einmal  Reichsgau  Danzig-West- preußen nennen.« Einen  Moment lang schien er seinen Gedanken nachzuhängen.  »Ich  habe  Ihren  minimalen  Akzent  erkannt«,  er- klärte  er  schließlich.  »Meine  Mutter  ist  Kaschubin.«  Er  machte eine  Pause  und  zog  seinen  roten  Schlips  mit  weißen  Pünktchen zurecht.  »Was  natürlich  alles  nicht  heißen  soll,  dass  mir  Ihre Schönheit nicht imponieren würde. Aber das hören Sie sicher täglich.«

Kolbe  stellte  sich  ihr  als  ein  Mann  mit  Gefühlen  vor,  etwas Besseres  konnte  Lily  gar  nicht  passieren.  Sie  schauten  sich  eine ganze Weile schweigend an, und sie unterließ fortan das gespielte Zwinkern.

»Wor de Ostseewellen trecken an de Strand. Wor de geelen Blö- me bleuhn int gröne Land.« Kolbe begann leise zu singen, und in Lilys  Herz  ging  der  so  schmerzlich  vermisste  Frühling  auf.  »Wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus ...«

Wie lange hatte sie das Lied, das ihr die Mutter schon vorgesungen  hatte,  als  sie  im  Kinderstühlchen  gesessen  hatte,  nicht mehr gehört? »Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus«,  fiel sie in den Gesang ein.

Als  sie  beide  inbrünstig  alle  Strophen  gemeinsam  gesungen hatten, ergriff Lily Kolbes Hand. Er ließ es zu. Sie hatte ihre Mission  vergessen,  war  aber  gleichzeitig  nah  dran,  sie  zu  erfüllen. Ihr  Tag  nahm  eine  Wendung,  mit  der  sie  so  niemals  gerechnet hätte.

»Aber  Sie  sind  ja  nicht  hier,  um  mit  mir  über  die  Heimat  zu klönen«, sagte Kolbe,  nachdem sie sich noch eine Weile auf Plattdeutsch unterhalten hatten. »Wir wollen ja, dass der Herr Professor Sauerbruch zu seinem Vortrag  in die Schweiz reisen kann.«

»Aber  natürlich«,  sagte  Lily  und  füllte  das  Formular  zu  Ende aus. Kurze Zeit später fragte sie scherzhaft: »Soll ich mit Heil Hitler unterzeichnen?«

Kolbe schaute sie erst ernst, dann verwirrt an, dann begann er laut  zu  lachen.  »Wissen  Sie  was,  Fräulein  Hartmann?  Schreiben Sie  doch  auf  Pommerisch:  For  de  Föhrer,  mine  Danzig  
und  dat Vaderland.«

Lily prustete los, unterschrieb und reichte ihm dann die Unterlagen.

»Ob ich denn wohl auch mal einen Termin bei dem Herrn Professor zur Untersuchung bekomme?«, fragte Kolbe, als er Lily wenig  später  zur  Tür  begleitete.  »Sie  erledigen  doch  bestimmt  die Terminsachen, und ich habe schmerzvolle Probleme mit meinem rechten  Knie  zu  beklagen.«  Er  rieb  sich  das  Bein.  »Außerdem  ist Sauerbruch der Beste. Ich halte viel von ihm, auch wenn ich ihn persönlich  nicht  kenne.  Wir  wähnen  aber  einen  gemeinsamen Freund  an  unserer  Seite.  Georg  Schreiber  heißt  der.  Ich  spiele Schach mit ihm, und er redet in den höchsten Tönen über Ihren Chef.«

»Sauerbruch  ist  ein  fantastischer  Arzt«,  sagte  Lily.  »Und  das mit  dem  Termin,  das  lässt  sich  sicher  machen.  Kann  aber  etwas dauern,  bei  dem  vollen  Kalender.«  Sie  drehte  sich  zu  Kolbe  um, und  ihr  Herz  begann  zu  klopfen.  »Schade  eigentlich.  Ich  hoffe, das mit Ihrem Knie ...«

»Nun«,  unterbrach  Kolbe.  »Vielleicht  machen  wir  uns  mal  einen privaten Termin, um erneut von der Heimat zu plaudern? Ich kenne  da  ein  Restaurant,  wo  man  die  vorzüglichsten  Danziger saure Klopse bekommt. Wie zu Hause bei Muttern.«

»Das, das ... wäre wunderbar«, sagte Lily und spürte, wie sich die Härchen auf ihren Unterarmen aufstellten.

»Fein«,  antwortete  Kolbe.  »Ich  muss  diese  Woche  noch  eine kleine Dienstreise antreten. Aber wie wäre es am nächsten Donnerstag?«

»Donnerstags  kann  ich  nie«,  sagte  Lily  und  fügte  eilig  hinzu:

»Aber am Freitagabend hätte ich Zeit, oder auch Samstag.«

»Das passt mir ebenfalls ausgezeichnet«, sagte Kolbe. »Ich darf Sie  dann  abholen?  Freitagabend  um  acht  am  Eingang  zur  Charité?«

»Ja, gerne.«

Kolbe  küsste  Lily  auf  die  Wangen,  versprach  ihr,  das  Doku- ment  für  Sauerbruch  sofort  zu  bearbeiten  und  das  gewünschte 
Visum per Post zustellen zu lassen, und sagte zum Schluss: »Auf
baldiges Wiedersehen, Lily Hartmann!«






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Letzter Beitrag von  anushkavor 2 Jahren
Meine Rezension ist nun hier zu finden:

https://www.lovelybooks.de/autor/Christian-Hardinghaus/Die-Spionin-der-Charit%C3%A9-1806370193-w/rezension/2030401712/

Ich werde sie in den nächsten Tagen auch noch auf Amazon, Thalia, Hugendubel, etc. posten und auch nochmal verkürzt bei Instagram. Danke nochmal, dass ich dabei sein durfte. Mir hat das Buch sehr gut gefallen.

EDIT: Ich habe die Rezension jetzt auch bei Amazon, Thalia, Hugendubel und Bücher.de gepostet. Bei Amazon und Hugendubel kann es allerdings noch ein paar Tage dauern, bis sie freigeschaltet ist.

Zusätzliche Informationen

Christian Hardinghaus wurde am 23. April 1978 in Osnabrück (Deutschland) geboren.

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