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ChristianHardinghaus

vor 1 Monat

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Liebe Leserinnen und Leser, 


es ist so weit: Das Jahr der Charité. Zum Start der zweiten Staffel der Charité habe ich zwei Bücher herausgebracht. Die Biografie der diesmaligen Hauptfigur Ferdinand Sauerbruch und einen Roman. "Die Spionin der Charité" beruht auf wahren Begebenheiten, sie baut auf meinen Recherchen zur Sauerbruch-Biographie auf und in ihr tauchen auch die historischen Figuren der ARD-Serie auf. Freue mich auf Bewerbungen und natürlich Diskussionen. Eigentlich wollte ich zu beiden Büchern parallel eine Leserunde anbieten, doch neuerdings darf man hier nur noch alle 30 Tage eine neue starten. Wer das Buch schon hat, der bewirbt sich bitte nicht, ist aber herzlich eingeladen, mit zu diskutieren. 

Es folgt eine Leseprobe aus "Der Spionin" und zur Einstimmung in die Zeit ein Trailer zur aktuellen Charité-Staffel. 


Kapitel 12. FRITZ KOLBE (Frühjahr 1943)

Lily schlug den Pelzkragen ihres grünen Mantels hoch und schüt- telte sich. Was für ein Wetter! Der April macht, was er will, dachte sie. Wobei er sich in diesem Jahr eindeutig vorgenommen hatte, nur Regen zu machen. Von Frühjahr keine Spur.

Nachdem Lily in Höhe des Propagandaministeriums durch den braunen Matsch auf der breiten Wilhelmstraße gehüpft war, klappte sie ihren Schirm zusammen. Eiligen Schrittes lief sie die letzten Meter  an  der  mit  Hakenkreuzfahnen  geschmückten  Außenmauer des  Auswärtigen  Amtes  entlang.  Auf  den  Stufen  zum  Eingang klopfte  sie  den  Schmutz  von  ihren  Stiefeln  und  hielt  einen  Moment  inne.  Eigentlich  sollte  jetzt  alles  ganz  einfach  gehen.  Der Mann,  an  den  sie  sich  heranmachen  sollte,  hieß  Fritz  Kolbe  und war  Mitarbeiter  von  Karl  Ritter,  dem  Botschafter  zur  besonderen Verwendung.  Das  klang  unspektakulär,  war  es  aber  nicht,  wie Jean Neumann ihr gestern Abend erneut ausführlich erklärt hatte. Ritter fungierte nämlich als offizieller Verbindungsmann zwischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem Oberkommando der  Wehrmacht.  Somit  war  er  über  alle  Entwicklungen  an  der deutschen Kriegsfront informiert. Bei seinem Mitarbeiter Kolbe liefen  täglich  die  Geheimen  Reichssachen  ein,  die  unter  gar  keinen Umständen  in  fremde  Hände,  am  allerwenigsten  natürlich  in  die des Feindes fallen durften. Monatelang waren Neumann und Wetterstein auf der Suche nach einer geeigneten Person gewesen, über die man an militärische Informationen herankommen könnte. Als sie auf Fritz Kolbe stießen, holte der Franzose Erkundigungen über ihn ein, folgte ihm heimlich mit seiner Kamera und beschrieb ihn in  seinen  Berichten  für  den  Club  als  unauffällige,  nicht  ideologisierte  Person.  Vor  dem  Krieg  war  Kolbe  Vizekonsul  in  Südafrika gewesen. Als sich Südafrika aber dann auf die Seite Großbritanniens stellte, begegnete man deutschen Diplomaten zunehmend mit Misstrauen und hinderte sie an ihrer Arbeit. Kolbe hatte es deswe- gen vorgezogen, seine Karriere im Deutschen Reich fortzusetzen, während sich seine von ihm damals schon getrennt lebende Frau dazu entschlossen hatte, mit dem gemeinsamen Kind in Afrika zu bleiben.  Der  Mittwochsgesellschaft  war  es  gelungen,  Kolbes  Ex- Frau  in  Kapstadt  ausfindig  zu  machen  und  einen  Einheimischen mit  etwas  Geld  dazu  zu  bringen,  sie  auszuhorchen.  Mit  verblüffendem  Ergebnis:  Kolbe  hielt  nichts  vom  Nationalsozialismus,  er war  immer  völlig  unpolitisch  gewesen,  wollte  bloß  einer  geregelten  Arbeit  nachgehen  und  vor  allem  eins  nicht:  an  die  Front!  Er verabscheute alles Kriegerische.

»An dieser Stelle gilt es ihn aufzuweichen, zu knacken«, hatte Wetterstein beim vorletzten Treffen des Donnerstagsclubs betont.

»Über die Sinnlosigkeit des Krieges kommt ihr ins Gespräch. Außerdem hat Kolbe zwei Schwächen: 
eine für das Schachspiel und eine  für  junge,  blonde  Frauen.  Hier  kommst  nur  du  infrage,  Lily Hartmann.«

»Ich bin aber nicht blond«, hatte Lily sofort erwidert.

»Genau aus dem Grund habe ich dir einen Termin beim besten Damenfriseur  der  Stadt  gemacht.«  
Wetterstein  hatte  sie  stolz  an- gegrinst.  »Frau  Doktor  Sauerbruch  ist  zwar  blond,  aber  die  können wir wohl kaum auf Kolbe ansetzen. Ich bin sicher, dass würde weder ihr, noch dem Chef gefallen.«


Das hatte Lily eingesehen. Und obwohl sie nie vorgehabt hatte,  sich  überhaupt  jemals  die  Haare  blondieren  zu  lassen,  so musste sie sich nach ihrer Verwandlung eingestehen, dass sie bezaubernd  aussah.  Die  Haarfarbe  passte  zu  ihrem  Teint  und  den grünen Augen. Die ganze Woche über hatte man sie in der Klinik mit Komplimenten überhäuft. Nicht nur für die neue Farbe, sondern auch für den glamourösen Schnitt.

»Hollywood-Wellen«,  hatte  Luise  gesagt.  »Wie  Greta  Garbo, damit kriegst du jeden Mann!«

Dass  ihr  die  Studenten  nun  gar  nicht  mehr  von  der  Seite  wi- chen,  hatte  Lily  in  Kauf  genommen,  für  die  Sache.  Sie  erwartete keinen  zweiten  de  Crinis  und  fühlte  sich  vom  Donnerstagsclub beschützt.  Sie  würde  ein  paar  Mal  mit  diesem  Kolbe  ausgehen, und für den Notfall wäre Neumann immer in ihrer Nähe. So hatten  sie  es  besprochen.  Doch  zuvor  galt  es  erstens,  überhaupt  an Kolbe  heranzukommen,  und  zweitens,  ihn  von  sich  zu  überzeugen. Für beides hatte sie sich einen Plan zurechtgelegt.

Lily atmete einmal tief durch und betrat dann das Außenministerium.  Trotz  Neumanns  genauer  Beschreibung  brauchte  sie  eine Weile, um den Gang zu finden, der zur Visastelle führte. Am Schalter arbeiteten drei weibliche Angestellte hinter Glasscheiben. Lily blickte sich um, fand den Wartenummernspender. Sie zog ein Billett und setzte sich auf einen freien Platz. Etwa ein Dutzend Menschen wartete bereits darauf, aufgerufen zu werden, sie hatte also noch  genug  Zeit,  alles  in  Gedanken  erneut  durchzuspielen.  Sie öffnete  ihre  Handtasche,  entnahm  ihr  die  braune  Mappe  und schlug  sie  nur  etwa  bis  zu  einem  Viertel  auf,  damit  die  beiden Männer in braunen Anzügen, neben die sie sich gesetzt hatte, keinen Blick auf die Fotos von Kolbe erhaschen konnten.

Neumann  ist  wirklich  ein  ausgezeichneter  Fotograf,  dachte Lily. Er hatte es geschafft, Kolbe von allen Seiten zu fotografieren. Auf  einem  Bild  wirkte  der  Mann,  auf  den  sie  angesetzt  war,  als schaue  er  direkt  in  die  Kamera,  doch  der  Franzose  hatte  versi- chert,  dass  er  zu  keinem  Zeitpunkt  bemerkt  worden  war.  Kolbe schien,  den  Fotografien  nach  zu  urteilen,  ein  ziemlich  kleiner, aber  keineswegs  unattraktiver  Mann  zu  sein.  Er  war  glattrasiert, besaß ein ausdrucksstarkes Profil und hatte helle, wahrscheinlich blaue Augen. Er trug Krawatte, einen breitkrempigen Hut und einen hellen Nadelstreifenanzug. Unter seiner linken Achsel klemmte  eine  Zeitung.  Auch  Neumanns  Kamera  musste  ausgezeichnet sein.  Derart  scharfe  Bilder  hatte  Lily  selten  gesehen.  Sie  konnte sogar erkennen, dass es sich bei der zusammengerollten Zeitung um ein englischsprachiges Medium handeln musste.

»Die  Nummer  achtundvierzig  an  Platz  zwei.«  Nach  etwa  einer Dreiviertelstunde Wartezeit hörte Lily eine der Frauen ihre Nummer durch das Mikrofon aufrufen. Es ging los. Eilig nahm sie ihre Tasche und lief zu dem Schalter.

»Was kann ich für Sie tun, Fräulein?«, sagte die Dame, die sich hinter ihrer Scheibe um ein Lächeln bemühte.

»Ich möchte ein Visum beantragen.«

»Na,  so  was«,  sagte  die  Angestellte,  und  das  Lächeln  ver- schwand  umgehend.  »Das  wollen  hier  alle.  Die  wenigstens  kriegen eins.«

Zimtzicke,  dachte  Lily,  kein  Wunder  bei  so  einer  Arbeit.  »Es soll in die Schweiz gehen.«

»Na, dann müssen Sie ja eine wichtige Person sein, wenn Sie glauben, auch noch in ein neutrales Land reisen zu dürfen.« Die grauhaarige Dame reichte ihr ein zweiseitiges Formular durch den Schlitz und sagte: »Schauen Sie erst kurz drüber, ob Sie alle Fra- gen verstehen. Damit sich das hier nicht so staut. Gleich herrscht nämlich  Feierabend-Panikbetrieb.«  Sie  reichte  Lily  auch  einen Bleistift  hindurch.  »Dann  füllen  Sie  alles  an  dem  Tisch  dort  drüben aus und legen mir zuletzt Ihre Ausweispapiere vor.«

»Oh, nein«, sagte Lily. »Das Visum ist nicht für mich, sondern für meinen Chef. Ich bin die Privatsekretärin von Professor Sauerbruch.«

»Tja, dann tut es mir leid für Sie, so läuft das nicht. Ich kann erstens nicht überprüfen, ob Sie das wirklich sind, und zweitens müsste  der  Herr  Professor  selbst  kommen,  wenn  er  ein  Visum beantragen will.« Sie tippte sich mit dem Finger gegen die Schläfe.

»Wenn ich krank bin, schicke ich ja auch nicht meine Tochter zur OP in die Charité.«

Lily hatte gehofft, dass sie auf eine unfreundliche Angestellte treffen  würde.  Diese  hier  schien  perfekt  zu  sein.  Verbohrt  und gehässig  wie  sie  war,  würde  sie  sich  ausgezeichnet  provozieren lassen.

»Hören Sie, Frau ...?«

»Ilse Triphaus ist mein Name«, sagte sie in einer Mischung aus genervtem und arrogantem Ton.

Lily öffnete ihre Handtasche und zog einen Brief hervor. »Ich habe hier eine Bescheinigung von Herrn Professor Ferdinand Sauerbruch, die Ihnen ...«

»Ich  habe  mich  doch  wohl  klar  ausgedrückt«,  krächzte  Frau Triphaus. »Das ist gegen alle Vorschriften, das kann ich nicht machen!«

Ist  es  nicht,  und  das  können  Sie  sehr  wohl,  dachte  Lily  und wappnete sich für die folgende Szene, die sie in den letzten Tagen mehrfach vor dem Spiegel eingeübt hatte. »Dann verlange ich, auf der  Stelle  und  sofort  Herrn  Fritz  Kolbe  zu  sprechen.  Im  Namen der Charité tue ich das!«

Frau  Triphaus  schaute  sie  entgeistert  durch  die  Scheibe  an. Eine  solch  heftige  Gegenwehr  war  ihr  anscheinend  noch  nicht untergekommen.

»Entschuldigen Sie, Fräulein«, sagte sie unsicher. »Herr Kolbe ist seit einem Jahr nicht mehr Chef der Visastelle.«

»Er ist doch noch hier im Hause beschäftigt, oder nicht?« Lily wurde etwas lauter als nötig. Als sie Getuschel hinter sich hörte, drehte sie sich um und sah, dass sie alle Blicke auf sich zog. Besonders die der braunen Herren.

»Ja, aber, er ist nicht ...«, stammelte die Angestellte.

»Melden  Sie  mich  an,  Befehl  von  Professor  Sauerbruch«,  rief Lily. »Sie können doch nicht im 
Ernst verlangen, dass mein Chef hier persönlich erscheint. Sie wissen wohl nicht, wer er ist.«

»Doch, natürlich weiß ich das, jeder kennt doch Professor Sau- erbruch.«

»Da haben Sie es«, sagte Lily etwas versöhnlicher. »Jeder kennt ihn, und er hat viele einflussreiche Freunde, auch in diesem Hau- se.  Wenn  Ihnen  die  Arbeit  hier  Freude  bereitet  oder  Sie  damit Kinder zu ernähren haben, sollten Sie mich jetzt bei Herrn Kolbe anmelden. Denn der Professor will es so. Er hat gesagt, wenn es Probleme gibt, dann wird das so und so gemacht.« Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schlug Lily noch einmal mit der flachen  Hand  auf  den  Tresen.  Vielleicht  war  das  übertrieben,  aber sie musste diesen Moment der Einschüchterung der Frau Triphaus nutzen,  bevor  die  auf  die  Idee  kam,  jemand  anderen  zurate  zu ziehen.  »Also,  können  Sie  oder  können  Sie  nicht?«,  fragte  Lily. »Wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

»Ist ja gut«, sagte die verunsicherte Angestellte. »Beruhigen Sie sich,  ich  rufe  in  seinem  Büro  an  und  frage  nach,  ob  er  Sie  emp- fängt.«  Sie  deutete  in  den  Wartebereich.  
»Bitte  nehmen  Sie  noch einmal  einen  Moment  Platz.  Ich  gebe  Ihnen  Zeichen,  wenn  ich ihn erreicht habe.«

»Sie  stammen  aus  Danzig?«,  fragte  Fritz  Kolbe,  an  dessen Schreibtisch Lily Platz genommen hatte, um das Formular für ihren Chef auszufüllen.

»Oh, Sie lesen mit, und das noch über Kopf«, antwortete Lily und  zwinkerte  dem  Diplomaten  zu,  der  heute  einen  schicken blauen  Kreidestreifen-Anzug  trug.  Sie  bemerkte,  dass  ihr  Gegen- über verlegen den Blick senkte und ihn sofort wieder auf sie richtete, als sie weiterschrieb.

Nachdem  Frau  Triphaus  ihn  angerufen  hatte,  war  Kolbe  zur Visastelle  gekommen,  vermutlich  im  Glauben,  dort  ein  lästiges Problem klären zu müssen und die betreffende Person abzuwimmeln.  Warum  sollte  er  sich  in  seiner  jetzigen  Position  mit  Visa-Angelegenheiten  beschäftigen,  mochte  er  gedacht  haben.  Als er Lily aber gesehen hatte und sie ihm das erste Mal zugezwinkert und  mit  ihren  kirschrot  geschminkten  Lippen  angelächelt  hatte, musste sie bei der folgenden kurzen Unterhaltung nicht mal den Namen Sauerbruch erwähnen. Das hatte sie selbst erstaunt. Kolbe hatte Frau Triphaus beruhigt, Lily ohne Umschweife in sein Büro geführt  und  ihr  sogar  einen  Kaffee  bringen  lassen.  Das  lief  alles verdammt gut.

»Ja,  wissen  Sie,  Fräulein  Hartmann«,  sagte  Kolbe,  »ich  bin selbst  aus  Pommerellen,  komme  aus  der  Nähe  von  Danzig  und habe  sofort  gespürt,  dass  auch  Sie  dort  an  der  schönen  Ostsee Ihre  Wurzeln  haben  müssen.  Ich  glaube  ja,  dass  wir  Kaschuben uns  unterbewusst  immer  erkennen.«  Er  schluckte.  »Es  war  für mich eine aufregende Begegnung, und augenblicklich gingen die Heimatgefühle mit mir durch.«

Jetzt  musste  auch  Lily  schlucken.  »Sie  sehen  mir  sogar  an, dass  ich  kaschubische  Vorfahren  habe,  oder  haben  Sie  nur  gut geraten?  Meine  Großeltern  stammen  tatsächlich  aus  der  Kaschubei.« Wenn das Kolbes Versuch war, ihr den Hof zu machen, dann fand Lily das ziemlich originell. Von einer schicksalhaften Begegnung, was sie betraf, hatten schon einige Männer gesprochen. Ob Kolbe ihr wirklich bereits in der Wartehalle angesehen hatte, dass sie aus Pommerellen stammte, konnte sie zwar nicht mit Gewiss- heit sagen, denn er hatte ja auf dem Formular ihren eingetragenen Geburtsort  gelesen.  Allerdings  schien  seine  Gefühlsregung  echt zu sein. Sie nahm ihm die Verbundenheit mit ihr ab, da sie selbst gerade  das  sonderbare  und  gleichzeitig  schöne  Gefühl  überkam, so etwas ebenfalls zu spüren.

»Leben  wir  nicht  in  seltsamen  Zeiten?«  Kolbe  schaute  sie durchdringend  an.  Seine  Augen  waren  tiefblau.  Sie  gefielen  Lily. »Jetzt  sollen  wir  die  Heimat  auf  einmal  Reichsgau  Danzig-West- preußen nennen.« Einen  Moment lang schien er seinen Gedanken nachzuhängen.  »Ich  habe  Ihren  minimalen  Akzent  erkannt«,  er- klärte  er  schließlich.  »Meine  Mutter  ist  Kaschubin.«  Er  machte eine  Pause  und  zog  seinen  roten  Schlips  mit  weißen  Pünktchen zurecht.  »Was  natürlich  alles  nicht  heißen  soll,  dass  mir  Ihre Schönheit nicht imponieren würde. Aber das hören Sie sicher täglich.«

Kolbe  stellte  sich  ihr  als  ein  Mann  mit  Gefühlen  vor,  etwas Besseres  konnte  Lily  gar  nicht  passieren.  Sie  schauten  sich  eine ganze Weile schweigend an, und sie unterließ fortan das gespielte Zwinkern.

»Wor de Ostseewellen trecken an de Strand. Wor de geelen Blö- me bleuhn int gröne Land.« Kolbe begann leise zu singen, und in Lilys  Herz  ging  der  so  schmerzlich  vermisste  Frühling  auf.  »Wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus ...«

Wie lange hatte sie das Lied, das ihr die Mutter schon vorgesungen  hatte,  als  sie  im  Kinderstühlchen  gesessen  hatte,  nicht mehr gehört? »Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus«,  fiel sie in den Gesang ein.

Als  sie  beide  inbrünstig  alle  Strophen  gemeinsam  gesungen hatten, ergriff Lily Kolbes Hand. Er ließ es zu. Sie hatte ihre Mission  vergessen,  war  aber  gleichzeitig  nah  dran,  sie  zu  erfüllen. Ihr  Tag  nahm  eine  Wendung,  mit  der  sie  so  niemals  gerechnet hätte.

»Aber  Sie  sind  ja  nicht  hier,  um  mit  mir  über  die  Heimat  zu klönen«, sagte Kolbe,  nachdem sie sich noch eine Weile auf Plattdeutsch unterhalten hatten. »Wir wollen ja, dass der Herr Professor Sauerbruch zu seinem Vortrag  in die Schweiz reisen kann.«

»Aber  natürlich«,  sagte  Lily  und  füllte  das  Formular  zu  Ende aus. Kurze Zeit später fragte sie scherzhaft: »Soll ich mit Heil Hitler unterzeichnen?«

Kolbe schaute sie erst ernst, dann verwirrt an, dann begann er laut  zu  lachen.  »Wissen  Sie  was,  Fräulein  Hartmann?  Schreiben Sie  doch  auf  Pommerisch:  For  de  Föhrer,  mine  Danzig  
und  dat Vaderland.«

Lily prustete los, unterschrieb und reichte ihm dann die Unterlagen.

»Ob ich denn wohl auch mal einen Termin bei dem Herrn Professor zur Untersuchung bekomme?«, fragte Kolbe, als er Lily wenig  später  zur  Tür  begleitete.  »Sie  erledigen  doch  bestimmt  die Terminsachen, und ich habe schmerzvolle Probleme mit meinem rechten  Knie  zu  beklagen.«  Er  rieb  sich  das  Bein.  »Außerdem  ist Sauerbruch der Beste. Ich halte viel von ihm, auch wenn ich ihn persönlich  nicht  kenne.  Wir  wähnen  aber  einen  gemeinsamen Freund  an  unserer  Seite.  Georg  Schreiber  heißt  der.  Ich  spiele Schach mit ihm, und er redet in den höchsten Tönen über Ihren Chef.«

»Sauerbruch  ist  ein  fantastischer  Arzt«,  sagte  Lily.  »Und  das mit  dem  Termin,  das  lässt  sich  sicher  machen.  Kann  aber  etwas dauern,  bei  dem  vollen  Kalender.«  Sie  drehte  sich  zu  Kolbe  um, und  ihr  Herz  begann  zu  klopfen.  »Schade  eigentlich.  Ich  hoffe, das mit Ihrem Knie ...«

»Nun«,  unterbrach  Kolbe.  »Vielleicht  machen  wir  uns  mal  einen privaten Termin, um erneut von der Heimat zu plaudern? Ich kenne  da  ein  Restaurant,  wo  man  die  vorzüglichsten  Danziger saure Klopse bekommt. Wie zu Hause bei Muttern.«

»Das, das ... wäre wunderbar«, sagte Lily und spürte, wie sich die Härchen auf ihren Unterarmen aufstellten.

»Fein«,  antwortete  Kolbe.  »Ich  muss  diese  Woche  noch  eine kleine Dienstreise antreten. Aber wie wäre es am nächsten Donnerstag?«

»Donnerstags  kann  ich  nie«,  sagte  Lily  und  fügte  eilig  hinzu:

»Aber am Freitagabend hätte ich Zeit, oder auch Samstag.«

»Das passt mir ebenfalls ausgezeichnet«, sagte Kolbe. »Ich darf Sie  dann  abholen?  Freitagabend  um  acht  am  Eingang  zur  Charité?«

»Ja, gerne.«

Kolbe  küsste  Lily  auf  die  Wangen,  versprach  ihr,  das  Doku- ment  für  Sauerbruch  sofort  zu  bearbeiten  und  das  gewünschte 
Visum per Post zustellen zu lassen, und sagte zum Schluss: »Auf
baldiges Wiedersehen, Lily Hartmann!«







Autor: Christian Hardinghaus
Buch: Die Spionin der Charité

Lesewunder

vor 1 Monat

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Ich würde gerne mitlesen, weil mich das Thema interessiert. Die Leseprobe hat mich in meinem Entschluss, mich zu bewerben bestärkt.
Ich versuche mein Glück

Bellis-Perennis

vor 1 Monat

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Hey, das ich ja echt cool.

Ich habe vor kurzem das Buch "Fritz Kolbe" von Lucas Delattre begonnen.
Da muss ich mich doch für dieses Buch bewerben. Ich lese lieber Bücher statt in die Röhre (ach nein, Flatscreen ist angesagt) zu schauen. Daher kenne ich die TV-Serie "Charité" nicht.

Die Bio über Ferdinand Sauerbruch muss natürlich auch gleich auf die WuLi.

Die Bücher von Christian Hardinghaus sind immer penibel recherchiert und fesselnd geschrieben.

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tinstamp

vor 5 Tagen

Diskussion zur Serie Charité

Mit einem weinenden Auge habe ich gestern die letzte Folge gesehen. Immer wieder musste ich auch an die Szenen in deinem Buch denken. Schade, dass es nun ein Ende hat - Buch wie Film

ChristianHardinghaus

vor 5 Tagen

Diskussion zur Serie Charité
@tinstamp

Der letzte Satz von Sauerbruch war stark.
Wischniewski: Woran fehlt es denn am meisten?"
Sauerbruch: "Am Verstand".

tinstamp

vor 4 Tagen

Diskussion zur Serie Charité

ChristianHardinghaus schreibt:
Der letzte Satz von Sauerbruch war stark. Wischniewski: Woran fehlt es denn am meisten?" Sauerbruch: "Am Verstand".

Richtig!! Und leider so wahr...auch noch heute.

Bellis-Perennis

vor 4 Tagen

Plauderecke

Guten Morgen an Alle!

Ich habe "Die Spionin" in die Liste "HIstorische Romane/Lebendige Geschichte" aufgenommen und natürlich dafür gevotet.
Vielleicht wollt ihr das auch tun? Das Buch und Christian haben sich einen Spitzenplatz in dieser Liste verdient.

Hier der Link:

https://www.lovelybooks.de/buecher/historische-romane/Lebendige-Geschichte-Die-besten-neuen-Historischen-Romane-2019-1897403371/

ech

vor 4 Tagen

Plauderecke
@Bellis-Perennis

Von mir sind gerade auch 3 Punkte dazugekommen.

Maddinliest

vor 7 Stunden

Plauderecke
@Bellis-Perennis

Und gleich noch einmal 3 Punkte... ;-)

Maddinliest

vor 7 Stunden

Rezensionen

Hallo Christian,
sorry, dass ich für die Rezension etwas länger gebraucht habe, das hatte definitiv nichts mit dem tollen Buch zu tun. Du hast mich wieder einmal in die Vergangenheit entführt und historische Fakten erlebbar gemacht. Mach gerne weiter so!!! Hier die Links zu meiner Rezension:

https://www.lovelybooks.de/autor/Christian-Hardinghaus/Die-Spionin-der-Charité-1806370193-w/rezension/1999422386/?showSocialSharingPopup=true
https://www.thalia.de/shop/home/kundenbewertung/vorschau/
https://wasliestdu.de/rezension/widerstand-1
https://www.amazon.de/gp/customer-reviews/R1ZIIKHE5DWNZE/ref=cm_cr_getr_d_rvw_ttl?ie=UTF8&ASIN=3958902375
https://www.hugendubel.de/de/account/review/list
https://www.weltbild.de/artikel/buch/die-spionin-der-charite_25470984-1/kommentar-verfassen
https://www.buecher.de/go/my_my/my_ratings/
https://www.lesejury.de/christian-hardinghaus/buecher/die-spionin-der-charite/9783958902374?st=1&tab=reviews&s=2#reviews
https://www.jokers.de/artikel/buch/die-spionin-der-charite_25470984-1/kommentar-verfassen

Ich wünsche Dir viel Glück mit Deinen tollen Büchern!!! Vielen Dank, dass ich hier mitlesen durfte!!!

LG Martin

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