„1979“ von Christian Kracht ist ein schmaler, aber eigentümlich schwerer Roman: kühl, präzise und von einer unterschwelligen Bedrohung durchzogen - irgendwie verstörend. Kracht erzählt mit seiner typischen stilistischen Eleganz von Dekadenz, Orientierungslosigkeit und dem Zusammenbruch einer saturierten westlichen Existenz zwischen Luxus, Revolution und Leere. Kein gefälliges Buch, keines, das man – wie Faserland – lesen muss, aber ein sehr eindringliches.
Christian Kracht

Lebenslauf
Alle Bücher von Christian Kracht
Faserland
Imperium
1979
Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Eurotrash
Der gelbe Bleistift
Die Toten
Air
Neue Rezensionen zu Christian Kracht
Air von Christian Kracht ist eine genial konstruierte Geschichte, in der ein realistischer und ein Sci-Fi/Fantasy-artiger Strang sich erst parallel zueinander bewegen, um sich dann zu kreuzen und mehr und mehr zu mischen, wobei schon von Anfang an verschiedene Elemente in beiden Strängen in anderen Zusammenhängen auftauchen. Dann „verflacht“ die Handlung, indem Hauptfiguren und ganze Armeen sterben und die Handlung stark gerafft wird, obwohl ein ganz neues Land betreten wird. Am Ende frieren die ersten und gleichzeitig letzten „realen“ Hauptcharaktere als zweidimensionale Figuren auf dem schon zu Beginn erwähnten Gemälde ein.
Wer trotz der Kürze des Buches epische Science-Fiction oder Fantasy erwartet hat, ist sicherlich enttäuscht. Wer sich von dieser Erwartung lösen konnte, wird belohnt mit etwas, was Freude an der Konstruktion einer Geschichte an sich ist. Alles daran stimmt, eins ergibt sich aus dem anderen und ist am Ende so rund wie eine Kugel. Was soll das Ganze, kann man vielleicht fragen, ohne eine gute Antwort zu bekommen. Für mich kommt die Geschichte aber auch ohne eine Moral oder tiefere Botschaft aus. Eben weil sie einfach nur genial konstruiert ist.
"Ein kleiner Bach floß aus einem Gebüsch, schlängelte sich quer durch den Rasen und verschwand am unteren Ende des Grundstücks in einem Dornenstrauch. Brennende Fackeln waren in unregelmäßigen Abständen in den Boden gesteckt. Eine Frau in einem hellblauen Kleid stand etwas abseits im Garten und zielte mit einem Luftgewehr auf die Baumwipfel. Ihr Schatten zitterte auf dem Gras."
Völlig klar und doch wieder schematisch, so erscheint uns die Welt oft; Christian Kracht hat das in seinem Buch "Faserland" hervorragend eingefangen.
Auch in 1979, seinem Anschlusswerk, ist alles völlig klar, und auch ein wenig absurd, und doch auch irgendwie schematisch, als ob es keinen Ausweg gebe, als sei das Buch eine Reise in einem verschlossenen Waggon, also kombinierten die einzelnen Sätze des Werkes die Realität und wüchsen dann untrennbar zusammen. Schicksal und Vorbestimmung, dass alles wird ab ad absurdum geführt und doch wird die menschliche Bestimmung hervorgehoben.
Das Buch startet im Iran, in Teheran, Anfang 1979. Das Land ist im Umbruch, die alte Ordnung bröckelt, die offene Revolution gegen das Königshaus des Schahs ist nah. Aber ähnlich wie Nicolas Borns Held in Die Fälschung (ein Buch, das ein ganz kleines bisschen ist wie eine ältere Faserlandversion von "1979"), haben auch Krachts Protagonisten wenig Interesse an den Geschehnissen, denn sie sind, wie das bei normalen Menschen halt so ist und wie Kracht es auch konsequent verfolgt, laufend mit sich selbst beschäftigt, auf sich selbst konzentriert oder auf ihre Bezugspersonen/-punkte. Und so streifen sie den eigentlich alles beherrschenden Sog der Geschichte nur am Rande - die persönliche Innerlichkeit steht im Vordergrund, das Erleben der ganz und gar dezentralen Welt der Zentralismen.
In einer Odyssee wird aus Teheran über Tod und Flucht hinweg schließlich Tibet; eine Reise, die scheinbar ohne Grenzen und auch ohne Ziel bleibt. Von der Liebe, über die Freundschaft, den Glauben, bis zum letzten Ursprünglichen ist Kracht bis dahin die Stufen der Lebensleiter immer weiter hinabgestiegen. Viel kann nicht mehr kommen. Und so endet dieser Abstiegsroman kurz vor dem Nichts. Ein fast schon Beckett ähnliches Nichts, aber nicht mal mit dem Hang es zu erreichen.
Das schöne an 1979 ist, dass es ein Buch ist, das scheinbar keinerlei Erwartungen stellt. Und so ist der Leser angehalten viel vorsichtiger und aufmerksamer die Zwischenräume zu erkunden, die sich hinter Gedanken und Schilderungen des Ich-Erzählers und den Zusammenhängen ergeben, er kann mit Gedanken spielen wie mit dem Feuer - auch wenn sie letztlich nur Fragen ergeben.
Sicherlich ist es vor allem eine postmoderne Erzählung, die uns möglicherweise zeigen will, wie leicht der Abstieg aus der Zivilisation ist, weil schon einfachste Sachen ihr Gerüst herabsenken. Nie ist man fern von der Zivilisation, außer vielleicht in sich selbst.
Wegen Krachts detaillierter und nuancierter Erzählpolitik ist das Buch mehr ein Erlebnis, denn eine Geschichte, auch wenn es für viele wohl eher ein Fremderlebnis sein dürfte. Aber ein intensives Fremd- und Literaturerlebnis, keine Frage.
Gespräche aus der Community
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Christian Kracht wurde am 28. Dezember 1966 in Saanen (Schweiz) geboren.
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