Die Toten

von Christian Kracht 
3,3 Sterne bei44 Bewertungen
Die Toten
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Positiv (21):
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Düsterer Roman mit geschichtlichem Hintergrund

Kritisch (12):
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Schöne Sprache, inhaltlich kein roter Faden zu erkennen

Alle 44 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Die Toten"

In 'Die Toten' führt uns Christian Kracht in die letzten Tage der Weimarer Republik, in denen alles auf dem Spiel steht. Der Schweizer Regisseur Emil Nägeli will einen Film machen, der das ganze Wesen seiner Zeit erfasst. Dieser Film, so hofft Amakasu, der japanische Co-Produzent, wird eine deutsch-japanische Achse begründen und das Monopol Hollywoods brechen.

In betörend-magischer Sprache ist 'Die Toten' ein Roman über zwei Menschen, die schon alles gesehen zu haben glauben. Ihr hellwacher Blick wie ihre frühreife Intelligenz haben sie durch schockartige Erfahrungen zu Geistern werden lassen, die durch das Leben zu treiben scheinen – angetrieben von ihrer Sehnsucht nach Vergänglichkeit und Schönheit, abgestoßen vom Geheimnis der Gewalt. In bald langen Kamerafahrten und durch bald schnelle Schnittfolgen gelingt es dem schreibenden Cineasten Kracht eine Welt zu evozieren, die uns immer noch im Griff hat.

'Angesiedelt zwischen den beiden Weltkriegen erzählt der Roman eine Geschichte von Liebe und Trauer in einer Zeit, da die Schwachen und Zögerlichen von den unnachgiebigen nationalsozialistischen Ideologien zermalmt wurden.“

Sjón

'›Die Toten‹ ist der vollkommen verrückte, brillante Roman, den Thomas Mann hätte schrieben können, hätte der den Osten so gut gekannt wie Yukio Mishima und Hollywood mit der Begeisterung geliebt wie Nathanael West. '

Joshua Cohen

'Eine Glanzleistung. und der Beweis für wirklich GROSSE KUNST! Deshalb: unbedingt lesen. '

Yilmaz Dziewior

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783596522057
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:16 Seiten
Verlag:FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum:23.01.2019
Das aktuelle Hörbuch ist am 23.09.2016 bei Der Audio Verlag erschienen.

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    Lesehexe92s avatar
    Lesehexe92vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Düsterer Roman mit geschichtlichem Hintergrund
    Düsterer Roman mit geschichtlichem Hintergrund

    Eine real überlieferte Videoaufzeichnung eines rituellen Suizids bildet die Ausgangslage von Christian Krachts neuem Roman die Toten. Menschliches Grauen ist zentral für das Thema des Textes, genauso wie die mediale Verarbeitung desselben und nicht vergessen sollte man auch „den Glauben an das Unechte“.

    Der Schweizer Regisseur Emil Nägeli ist eine Art One-Hit-Wonder der Filmbranche, verdankt er doch seinen internationalen Ruhm einem einzigen Meisterwerk. Bemüht um ein neues Projekt zieht es ihn zunächst nach Berlin, wo ihm unter anderem „Schrumpfgermane“ Heinz Rühmann sowie Hitler-Freund und NS-Finanzier „Putzi“ Hanfstaengel über den Weg laufen, er sich aber auch mit den Flimkritikern Siegfried Kracauer und Lotte Eisner befreundet. Vom UFA-Boss und Nazi Alfred Hugenberg erhält er das Kapital um eine Komödie zu drehen, eine Idee, die zum japanischen Gruselfilm mutiert, bevor das Projekt schliesslich ganz versandet. Auslöser dazu ist der bereits in Kinderjahren als Genie erkannte hohe japanische Misteriumsbeamte Masahiko Amakasu, der fanatisch nach Regisseuren aus dem ‚germanischen Kulturraum‘ rekrutiert, um die japanische Filmbranche auf ein internationales Level zu bringen.

    In Krachts letztem Roman Imperium entwickelte sich lediglich der historische Kokovorismussektierer und Südseespinner August Engelhardt allmählich zum ‚Nagelkauer‘ bis hin zur Autophagie. In Die Toten greift dieses ‚Virus‘ nun weiter um sich, so dass so gut wie alle zentralen Figuren dazu neigen, sich die Fingerkuppen wund zu beissen. Das alles bleibt im Romangefüge letztlich psychologisch ‚unmotiviert‘. Eventuell liesse sich dieses Verhalten auf die Todesthematik zurückführen. Der durch das Nagen an den Fingerkuppen verursachte Schmerz diente dann buchstäblich der ‚Lebensversicherung‘. Andererseits offenbart und befördert diese Verhaltensweise aber auch wieder den letztlich unausweichlichen Zerfall. Damit erscheint dann die Namensgebund des Protagonisten durchaus motiviert und auch Nägelis Zuneigung in Kindertagen gegenüber seinem beisswütigen Kaninchen vermöchte dies zu erklären.

    Stilistisch wartet der Text mit vielen vor allem japanischen Fremdwörtern auf. Auch spart Kracht bei der Kombination eines Namens mit einem Adjektiv den Artikel aus. So steht dann da: „Und gerührter Nägeli erfindet irgendeine Geschichte“. Allerdings zieht Kracht dies nicht konsequent durch und so soll etwa „der weltberühmte Schauspieler Charles Chaplin geehrt werden“. Trotz einiger sehr gekonnter Sprachbilder überzeugt der Stil also nicht abschliessend. Gelungene Beispiele wären etwa: Nägeli „erkennt in den verschwindenden weißen Würfeln abwechselnd Kleeblätter, Zylinder, Tränen, die Silben ve-ri-tas, als dämmere ihm, diese frostige, umgedrehte Neuauflage des aus der Kindheit vertrauten Bleigießens“. Ebenfalls geglückt ist, wenn wir über Nägeli erfahren: „er trug sein Nervenkostüm sozusagen außerhalb der Haut“ oder er „ein Nervenkostüm, das sich anfühlt, als sei es in ein Säurebad getaucht worden“ aufweist.

    Auch inhaltlich bleibt letztlich schlicht zu viel unklar oder vage. Bereits der Deutungsvorschlag zum ‚Herumknabern‘ der Figuren an sich selbst ist im Roman zu wenig deutlich vorbereitet. Über die Bedeutung vieler Motive kann man nur rätseln. Bestenfalls werden sie im Text mehrfach aufgenommen, wie jenes einer rotbemalten Frau oder das von den violetten Bleistiften. Zur Farbsymbolik liesse sich vielleicht spekulieren, dass violett – es ist im Text auch die Farbe der Angst, eventuell der Todesangst – eine Verbindung zum Nicht-Erkennbaren, dem Transzendentalen herstellen soll. Dies wäre etwa plausibel, wenn man an das ausserhalb des menschlichen Sehspektrums liegende Ultraviolett denkt. Christian Krachts Die Toten lässt keine eindeutige Absicht oder Motivation erkennen – etwas was man von einem Autor einfordern sollte, bevor man ihm den Schweizer Buchpreis verleiht.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Schwierig, um nicht zu sagen krachtianisch.
    Der Pazifik ist pazifisch ...

    Muss ich ein Buch gut finden, nur weil es den Schweizer Buchpreis erhalten hat? - Nein. 
    "Die Toten" von Christian Kracht bleiben für mich tot und lassen mich kopfschüttelnd zurück. Wieso gefällt es dem Autor zum Beispiel, den Leser mit ekligen Details übers Fingernägelkauen zu quälen? (Dies allerdings zugegebenermassen sprachlich sehr gekonnt.)
    Die Geschichte bleibt diffus, skuril, fetzenhaft. Sie hat mich nicht in ihren Bann gezogen. Ziel erreicht?

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    Aliknechts avatar
    Aliknechtvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Trotz Schweizer Buchpreis 2016 wird dieses Buch wahrscheinlich bald vergessen sein.
    Totes Projekt

    Es beginnt mit einem tödlichen Schnitt in japanisches Fleisch. Ein junger Offizier lässt eine scharfe Klinge durch das weiche Gewebe in  seine Eingeweide hinein gleiten bis Blut herausspritzt. Christian Kracht erzählt eine Geschichte zwischen Tokio, Berlin und Hollywood in den frühen 30er-Jahren. Mit seinem "fulminanten Meisterwerk Die Windmühle im Rücken" geht der Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli  nach Berlin und trifft dort auf Heinz Rühmann, Siegfried Kracauer, Putzi Hanfstaengl und auf Hugenberg, den Medienmogul der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Hugenberg  verschafft Nägeli für sein deutsch-japanisches Filmprojekt unter der Bedingung, dass er Rühmann besetzt, ein großzügiges Budget. 

    Ein japanischer Kulturbeamter namens Masahiko Amakasu, dessen Vita parallel ausführlich geschildert wird, bildet mit Nägeli eine kinematographische Achse für ein monströses Filmprojekt zwischen den Partnern aus der Schweiz und Japan. Es steht völlig ausser Zweifel, dass sie die Hollywood-Maschine nicht schlagen werden, obwohl sogar Charlie Chaplin auf einer Party in Tokio mit einem Cocktailglas hilfsweise mit den Protagonisten herumsteht. 

    Der Autor malt jedenfalls ein eindrucksvolles Gemälde der 30er Jahre in der Weimarer Republik und würzt es mit Kenntnissen über japanische Kultur und Gesellschaft, wie sie heutigen Vielfliegern geläufig sind. Dieses  Buch wird - trotz Schweizer Buchpreis 2016,  den Lukas Bärfuss im übrigen am liebsten abschaffen möchte
     -  später einmal eher nicht zu den besten 1000 Werken der deutschsprachigen Literatur zählen. 

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr
    Jetzt Kracht es endgültig

    Eine real überlieferte Videoaufzeichnung eines rituellen Suizids bildet die Ausgangslage von Christian Krachts neuem Roman die Toten. Menschliches Grauen ist zentral für das Thema des Textes, genauso wie die mediale Verarbeitung desselben und nicht vergessen sollte man auch  „den Glauben an das Unechte“.

    Der Schweizer Regisseur Emil Nägeli ist eine Art One-Hit-Wonder der Filmbranche, verdankt er doch seinen internationalen Ruhm einem einzigen Meisterwerk. Bemüht um ein neues Projekt zieht es ihn zunächst nach Berlin, wo ihm unter anderem „Schrumpfgermane“ Heinz Rühmann sowie Hitler-Freund und NS-Finanzier „Putzi“ Hanfstaengel über den Weg laufen, er sich aber auch mit den Flimkritikern Siegfried Kracauer und Lotte Eisner befreundet. Vom UFA-Boss und Nazi Alfred Hugenberg erhält er das Kapital um eine Komödie zu drehen, eine Idee, die zum japanischen Gruselfilm mutiert, bevor das Projekt schliesslich ganz versandet. Auslöser dazu ist der bereits in Kinderjahren als Genie erkannte hohe japanische Misteriumsbeamte Masahiko Amakasu, der fanatisch nach Regisseuren aus dem ‚germanischen Kulturraum‘ rekrutiert, um die japanische Filmbranche auf ein internationales Level zu bringen.

    In Krachts letztem Roman Imperium entwickelte sich lediglich der historische Kokovorismussektierer und Südseespinner August Engelhardt allmählich zum ‚Nagelkauer‘ bis hin zur Autophagie. In Die Toten greift dieses ‚Virus‘ nun weiter um sich, so dass so gut wie alle zentralen Figuren dazu neigen, sich die Fingerkuppen wund zu beissen. Das alles bleibt im Romangefüge letztlich psychologisch ‚unmotiviert‘. Eventuell liesse sich dieses Verhalten auf die Todesthematik zurückführen. Der durch das Nagen an den Fingerkuppen verursachte Schmerz diente dann buchstäblich der ‚Lebensversicherung‘. Andererseits offenbart und befördert diese Verhaltensweise aber auch wieder den letztlich unausweichlichen Zerfall. Damit erscheint dann die Namensgebund des Protagonisten durchaus motiviert und auch Nägelis Zuneigung in Kindertagen gegenüber seinem beisswütigen Kaninchen vermöchte dies zu erklären.

    Stilistisch wartet der Text mit vielen vor allem japanischen Fremdwörtern auf. Auch spart Kracht bei der Kombination eines Namens mit einem Adjektiv den Artikel aus. So steht dann da: „Und gerührter Nägeli erfindet irgendeine Geschichte“. Allerdings zieht Kracht dies nicht konsequent durch und so soll etwa  „der weltberühmte Schauspieler Charles Chaplin geehrt werden“. Trotz einiger sehr gekonnter Sprachbilder überzeugt der Stil also nicht abschliessend. Gelungene Beispiele wären etwa: Nägeli „erkennt in den verschwindenden weißen Würfeln abwechselnd Kleeblätter, Zylinder, Tränen, die Silben ve-ri-tas, als dämmere ihm, diese frostige, umgedrehte Neuauflage des aus der Kindheit vertrauten Bleigießens“. Ebenfalls geglückt ist, wenn wir über Nägeli erfahren: „er trug sein Nervenkostüm sozusagen außerhalb der Haut“ oder er „ein Nervenkostüm, das sich anfühlt, als sei es in ein Säurebad getaucht worden“ aufweist.

    Auch inhaltlich bleibt letztlich schlicht zu viel unklar oder vage. Bereits der Deutungsvorschlag zum ‚Herumknabern‘ der Figuren an sich selbst ist im Roman zu wenig deutlich vorbereitet. Über die Bedeutung vieler Motive kann man nur rätseln. Bestenfalls werden sie im Text mehrfach aufgenommen, wie jenes einer rotbemalten Frau oder das von den violetten Bleistiften. Zur Farbsymbolik liesse sich vielleicht spekulieren, dass violett – es ist im Text auch die Farbe der Angst, eventuell der Todesangst – eine Verbindung zum Nicht-Erkennbaren, dem Transzendentalen herstellen soll. Dies wäre etwa plausibel, wenn man an das ausserhalb des menschlichen Sehspektrums liegende Ultraviolett denkt. Christian Krachts Die Toten lässt keine eindeutige Absicht oder Motivation erkennen – etwas was man von einem Autor einfordern sollte, bevor man ihm den Schweizer Buchpreis verleiht.

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    Eiseisbabys avatar
    Eiseisbabyvor einem Jahr
    Die Todgeweihten grüßen sich (nicht)

    Leider verstehe ich nicht viel von Filmgeschichte. Ich bin auch nicht wirklich groß in der Welt herum gekommen. Intellektuelle Anstrengungen ermüden mich dummerweise rasch und nachhaltig. Ich bin gerne faul und träume viel und so habe ich Krachts Geschichte auch gelesen, Japan, Berlin, Drittes Reich und USA hin oder her. Schlafwandelnd zog es mich durch die schön gestalteten Kulissen, in die der Meister Spiegel gestellt, doppelte Wände gebaut und Gucklöcher gebohrt hat, für kleine und große Götter und solche die es werden wollen. Nein. All die Querverweise und Insider haben mich nicht gestört, ich hab sie einfach subkutan weggeraucht. Und ja. Natürlich ist das pathetisch, erkennbar artifiziell und wird vom nicht so geneigten Publikum vor allem als deplaziert empfunden. Vor allem auch in diesen Zeiten, aus deren Mitte sich der Autor wie Held des Romans eine "Metaphysik der Gegenwart" erträumt. Und auch wenn Kracht beharrlich alle seherischen Fähigkeiten weit von sich weist, so muss der Leser seiner Werke doch immer wieder erschauern. Mal mehr (1977, Imperium, Metan) mal weniger wohlig (Die Toten, Ich werde bei euch sein). Für mich ist dieser Autor immer ein unheimliches, sprachverliebtes Medium gewesen. Ein zartes, kluges Monster, das mit den Augen rollt und mir aufmunternde Dinge zuraunt. Und wenn es für uns alle sieht und schreibt, dann schimmern die alten Stoffe und persönlichen Geschichten einfach so durch, sei das Ganze noch so gazeverhangen, codiert und verspielt. Bei Kracht geht es (bei aller Detailverliebtheit und seinem Perfektionismus) immer um Gut oder Böse, Kultur und Barbarei, Hoffnung und Desillusion, Exzess und Melancholie. Die wichtigen Sachen, eben. Er kann nur groß träumen und es ist irgendwie zum Lachen und zum Weinen. Und ich bin froh darum, denn er ist einer der Wenigen, der es so radikal und auf seine Art und Weise wagt. Ein Buch, das mich berührt hat. Salve!

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    martinsts avatar
    martinstvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Leider (ich lese ihn sonst gern) halte ich das Buch für abgestürzt. Teil 1 ist noch stark, dann wirkt die Story an den Haaren herbeigezogen.
    Leider No!

    Teil 2 und Teil 3 können nicht halten, was Teil 1 verspricht. Das No-Theater hat mit diesem Buch leider wenig zu tun. Gerade Teil 3 wirkt schnell runtergeschrieben. Zeitsprünge aus Teil 2 werden im letzten Teil nicht aufgelöst. Formal und inhaltlich enttäuschend. Revolution? Mitnichten. Sein bestes Buch bislang in meinen Augen ist: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten.

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    Jaris avatar
    Jarivor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Nur ungerne tauchte ich wieder aus diesem warm-dunklen Mikrokosmos auf, in welchen einen "Die Toten" unweigerlich hineinzieht.
    Christian Kracht - Die Toten

    Herzliche Gratulation an Christian Kracht zum gewonnenen Schweizer Buchpreis 2016!

    "Die Toten" gehört zu jenen Büchern, die über ein einfaches "gut" oder "schlecht" erhaben sind. Immer, wenn ich mich daran setze, diese Rezension zu schreiben, entzieht sich mir das Buch. Aber genau deshalb gehört Christian Kracht zu meinen Lieblingsautoren. Er entzieht sich geschickt den üblichen Standarts, hebt sich ab vom traditionellen "ist gut, weil..." oder "ist schlecht, weil...". Kracht zieht sein eigenes Ding durch und das zeigt sich auch in seinem aktuellsten Werk.

    Es herrscht eine düstere, aber oft auch durchaus witzige Stimmung in "Die Toten". Bei Kracht gehen die Toten munter durchs Leben, bis zu einem Zeitpunkt, an dem es sie zerreisst. Zu Beginn lernen wir die Figuren und ihre Hintergründe kennen. Ich muss gestehen, dass mir dieser erste Teil nicht so wirklich zugesagt hat, aber er ist wichtig für die Geschichte, was ich jedoch erst hinterher begriff. Dann beginnen sich die Lebenslinien der Figuren langsam aber sicher zu berühren und zu verwickeln.

    Kracht schafft es, auf be- und verzaubernde Art und Weise den Untergang der Stummfilmzeit mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus zu verknüpfen, ohne das eine oder andere dominieren zu lassen. Wir treffen auf jede Menge bekannter Namen, doch bleiben uns die agierenden Figuren eher fern. Wir beobachten von aussen, ohne dass man eingreifen will. Ich fühlte mich wie jemand, der Fischen im Aquarium zusieht. Auf keinen Fall will man das faszinierende Spektakel unterbrechen, indem man plump gegen das Glas hämmert.

    Das Wunderbarste an diesem Buch ist jedoch Krachts Ausdrucksstärke. Er zeichnet unvergessliche Bilder in einer Sprache, die einen fast schon hypnotisiert. Diese Worte nehmen einen in den Arm, geben einem ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Nur ungerne tauchte ich wieder aus diesem warm-dunklen Mikrokosmos auf, in welchen einen "Die Toten" unweigerlich hineinzieht.

    Deshalb freut es mich umso mehr, dass dieses Buch den Preis gewonnen hat, den es verdient. Und Kracht ist damit nun auch ein wenig mehr mein Lieblingsautor geworden, als dass er es zuvor eh schon war.

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    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Buntes und vielschichtiges Portrait der frühen Jahre des Films, mit starker Sprache beschrieben.
    Beeindrucken durch Krachts Sprache

    Der Schweizer Regisseur Nägeli nimmt uns in diesem Roman mit in die Filmwelt der 30er Jahre. Dort erlebt er sowohl das ungehemmte Leben mit Partys und Alkohol, aber auch die immer stärker werdende Abneigung gegen alles Jüdische, was besonders der Filmproduzent Hugenberg versinnbildlicht. Der schickt ihn nach Japan, wo er auf Masahiko Amakasu trifft, den der Leser auch bereits im ersten Teil des Romans näher kennengelernt hat. Er soll Nägeli eigentlich dabei unterstützen, den von Hugenberg gewünschten Propagandafilm oder, wie von Nägeli eigentlich geplant, einen deutsch-japanischen Gruselfilm zu drehen. Doch die Verwicklungen, die entstehen, bringen ganz andere Dinge hervor als geplant.
    Christian Krachts Roman „Die Toten“ hat mich besonders durch die starke Sprache beeindruckt, die einen als Leser mitnimmt und im Kopf regelrecht Bilder zaubert. Das passt sehr gut, geht es in dem Buch doch um die Anfänge des Tonfilms und so liefert Kracht für seine Leser quasi gleich den Kinofilm im Kopf mit. Seine Figuren sind keine einfachen Persönlichkeiten sondern alle mit einer Vielzahl von Komplexen, Problemen und Störungen ausgestattet. Teilweise wirken seine Beschreibungen der Berliner Filmclique, in die Nägeli einmal hereingerät, fast wie eine klischierte Darstellung der frühen 30er Jahre, in die die goldenen Zwanziger mit ihrer Vergnügungssucht und scheinbaren Lasterhaftigkeit noch hereinspielen. Dabei bedient Kracht sich auch bei realen Personen an Namen und Biographien. So beschreibt er beispielsweise mit der Figur des Hugenberg niemand geringeren als den berühmten Verleger und zeitweiligen UFA-Chef Alfred Hugenberg, der später auch Wirtschaftsminister unter Hitler war.
    Mit „Die Toten“ ist Christian Kracht ein herausragender Roman gelungen, der es schafft, sowohl die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Japan (den späteren Verbündeten im Zweiten Weltkrieg) deutlich zu machen, als auch den beginnenden Siegeszug des Films zu beschreiben. Die Charaktere stellt er dabei sehr prägnant dar und nimmt den Leser mit auf eine Reise, die er so schnell nicht vergessen wird. Man muss sicher auch im Nachhinein noch etwas über die Geschichte nachgrübeln und sie vielleicht auch das ein oder andere mal erneut lesen, um die feinen Zwischentöne von Kracht alle mitzunehmen und die vielen Blickwinkel mitzulesen, die in der wunderbaren Sprache verborgen sind. „Die Toten“ ist sicher kein unkompliziertes Buch, doch mir hat es ausgesprochen gut gefallen. 

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    JoBerlins avatar
    JoBerlinvor 2 Jahren
    Let's go to the movies, see a show

    Ja – der Roman gefällt … wegen seiner kühlen Ästhetik und sprachlichen Finesse. Das Vorbild Nabokov spürt man, es gibt auch deutliche Reminiszenzen an den Meister.

    Naja – vor lauter Formulierungsarbeit misslingt die eine oder andere Metapher, vor allem die Figuren aus der 2. Reihe bleiben blass und leblos. Die Protagonisten Nägeli und Amaksu, in deren Mischung man den Autor vermuten kann, sind gut gezeichnet. So räsoniert der Regisseur Nägeli über die Schweizer Kulturschaffenden, deren beschränkte, kleinliche Attitüden ihn oft aus seinem Heimatland forttreiben, so dass er es verlässt, so oft es nur geht. Und über eine neue Arbeit: „… nun aber muss er tatsächlich etwas Pathetisches herstellen, einen Film drehen, der erkennbar artifiziell ist vom Publikum als manieriert …. empfunden wird“ - besser kann man auch Krachts Roman(motivation?) nicht beschreiben.

    Naja – der historische Hintergrund versinkt in wohlbekannten Attributen, Klischees und ollen Kamellen (wie z.B. das Ondit von Filmschauspielerinnen, die sich Backenzähne ziehen lassen um „zeitloser“ zu wirken und regieanweisungsartig formulierte Slapstick-Szenen mit Charles Chaplin) - das Romangeschehen in so einer angestaubten Kulisse kann nicht wirklich fesseln, ein Hineinziehen des Lesers gelingt deshalb nicht – der Roman bleibt ohne Nachhall.

    Nein – ich werde keinen weiteren Roman des Autors lesen

    Kommentare: 2
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    Neil Jungvor 2 Jahren
    Doch keine Zeitmaschine

    Wir sind in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Ein Schweizer Regisseur soll im Auftrag der Nazis in Japan einen Film drehen, als Antwort auf die Übermacht Hollywoods sozusagen. Nette Idee, die hier aber gar nie richtig ins Rollen kommt. Kracht scheint sich lieber mit sprachlicher Originalität und mit erzählerischen Nebenschauplätzen zu beschäftigen, bei denen mir oft nicht so recht klar wurde, in welchem Zusammenhang mit der Geschichte diese stehen. Mehr eine prätentiöse Farce denn eine überzeugende Reise in die 30er.

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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