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CorneliaKuhnert

vor 10 Monaten

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Unser neuer Roman „Mörderjagd mit Inselblick“ erscheint in gut zwei Wochen und wir, die Autorinnen Christiane Franke und Cornelia Kuhnert, möchten euch herzlich zu unserer Leserunde einladen.

Wir freuen uns schon jetzt auf den Austausch mit euch. Das hat bei den vorangegangenen Leserunden schon riesigen Spaß gemacht. Das werden diejenigen, die bei früheren Leserunden dabei waren, sicher noch wissen.

Mehr zum Buch:

Sommer in Neuharlingersiel. Die Vorbereitungen zum Hafenfest laufen auf Hochtouren. Mittenmang lauter Autoren, die sich bei ihrem Treffen ordentlich in die Wolle kriegen. Und dann fällt auch noch der erste tot um. Ausgerechnet beim Klönen mit Rosa! Als ein zweiter auf Norderney zusammenbricht, wird Rosa hellhörig. Aber Dorfpolizist Rudi will von Mord nichts wissen. Die Kripo in Wittmund schon gar nicht. Von Postbote Henner ist auch keine Hilfe zu erwarten. Der kurt seelenruhig auf Norderney. Als es eine weitere Tote gibt, erwacht Rosas Jagdinstinkt. Bei Mord versteht sie keinen Spaß. Und als bei allen dreien die gleiche Todesursache festgestellt wird, ist das Trio in Alarm …

In ihrem vierten Fall ermittelt das ostfriesische Kulttrio auch auf den Inseln Norderney, Wangerooge und Spiekeroog.

Und hier könnt ihr euch schon mal den Anfang als Bildergeschichte ansehen:

 https://guidewriters.com/cornelia-kuhnert/1425-morderjagd-mit-inselblick

Zu den Autorinnen:

Christiane Franke wurde an der Nordseeküste geboren und lebt immer noch gerne dort. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Herausgeberin arbeitet sie als Dozentin für kreatives Schreiben.Mehr unter www.christianefranke.de

Cornelia Kuhnert lebt in Hannover und hat bereits zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht und Anthologien herausgegeben. Mehr unter www.corneliakuhnert.de

www.kuestenkrimi.de

 

 

Bis einschließlich 16. April 2017 habt ihr die Möglichkeit, euch für eines der 20 Freiexemplare zu bewerben, die wir gemeinsam mit dem Rowohlt-Verlag vergeben möchten. Die Gewinner nehmen dann automatisch an der Leserunde teil und schreiben im Anschluss eine Rezension zum Buch.
Natürlich sind auch diejenigen, die das Buch schon kennen oder es sich über andere Kanäle besorgt haben, herzlich in der Runde willkommen. Wer von euch eines der Exemplare von „Mörderjagd mit Inselblick“ gewinnen möchte, beantwortet bitte folgende Frage im Unterthema „Bewerbung“:
Unsere Frage zum Gewinnspiel:


In unserem Buch lebt Rosa mit einem Haustier zusammen.

Hat sie  

A einen Hund,

B eine Katze

C einen Vogel

D ein Kaninchen

oder E einen Fisch?

 


Stimmen dazu:

 „Morden im Norden: spannend und witzig und vor allem mit viel Herz erzählt.“ WDR 5

 „Ein spaßiger Krimi mit Lokalkolorit.“ (Hamburger Morgenpost)

„Tolle knorrige Charaktere, eine witzige Sprache, vor allem gleitet dieser charmante Roman nie ins triviale und klischeehafte ab.“ (Föhrer Blatt)

„Endlich ein neues, originelles Ermittlerteam an der Küste!“ (Klaus-Peter Wolf)

„Diejenigen, die Ostfriesland lieben und alle,die dort noch nie gefroren haben, werden von diesem Trio so begeistert sein wie ich!“ (Gisa Pauly)„

„Wer geglaubt hat, dass er Ostfriesland kennt, der wird hier eines Besseren belehrt – und das mit einer saftigen Portion Spannung und vor allem Humor, den manch einer den knorrigen Charakteren am Nordseestrand nicht zutraut, was aber wieder einmal beweist: Friesland singt nicht nur, es lacht auch!“ (Margarete v. Schwarzkopf)

 


Leseprobe:

Mitt woch
R osa Moll steht frisch geduscht in Unterwäsche vorm
Spiegel. In einer halben Stunde muss sie im Sielhof
sein. Ihr Blick fixiert den geöffneten Kleiderschrank. Zum
dritten Mal schiebt sie die Blusen und Kleider von links nach
rechts. Das rote, das bis zu den Waden geht? Nein, der Ausschnitt
ist viel zu tief. Das passt für eine Abendveranstaltung,
aber nicht zur Begrüßung der Autoren der «Ostfriesischen
Literaturtage». Sie wirft das Kleid mit Schwung aufs Bett.
Es ist wirklich toll, was Meta Hinrichs da auf die Beine gestellt
hat. Nie hätte sie der Vorsitzenden des Lesezirkels aus
Neuharlingersiel zugetraut, dass sie es tatsächlich schafft,
so eine Veranstaltung an Land zu ziehen. Keine Frage, dass
Rosa der Cousine ihres Lieblingsbäckers jede Unterstützung
zugesagt hat.
Entschlossen schlüpft sie in die weiße Leinenhose und
das passende Hemd. Nach einem Blick in den Spiegel zieht
sie beides schnell wieder aus. Vielleicht doch das schwarze
Kleid mit den weißen Tupfen? Nein, das geht gar nicht. Tupfen
sind viel zu spießig.
Was zieht man zu so einem Anlass eigentlich an? Schließlich
lernt sie gleich jede Menge Autoren kennen, dazu Literaturagenten
und Kritiker. Wahnsinn! Rosas Finger wandern
die Kleiderstange entlang. Vielleicht sollte sie das schwarze,
ärmellose Leinenkleid nehmen. Dazu die mit Strass ver8
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zierten Sandalen … Sie guckt auf die Wanduhr. Mist. In zehn
Minuten muss sie im Sielhof sein. Und geschminkt ist sie
auch noch nicht.
$
Warmer Wind schlägt Gesche Anders entgegen, als sie in
Norden aus dem Zug steigt. Tief saugt sie die Luft in ihre
Lungen. Nein, die würzige Nordsee riecht man hier noch
nicht. Mit Herzklopfen nimmt sie ihren Koffer und orientiert
sich. Wo muss sie hin? Es bleiben ihr zwölf Minuten,
um den Bus nach Neuharlingersiel zu finden. Nicht mehr
lang, und sie sieht Alexander wieder. Das letzte Treffen ist
schon Wochen her. Und es war viel zu kurz. Nur eine Nacht
in München. Bereits am nächsten Tag musste er zu einer
Veranstaltung in die Schweiz und sie ins Fernsehstudio.
Ein glückliches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Jetzt
haben sie ganze fünf Tage miteinander. Natürlich müssen sie
vorsichtig sein, dürfen es nicht an die große Glocke hängen,
dass sie vertrauter miteinander sind, als es nach außen aussieht.
Immerhin ist Alexander verheiratet. Aber das haben
sie in den letzten drei Jahren ja auch meisterhaft hingekriegt.
Voller Vorfreude wirft Gesche die schulterlangen rotblonden
Haare zurück und folgt dem Hinweisschild zum Bus, den
Rollkoffer ratternd hinter sich herziehend.
Aus dem vorderen Waggon steigen ein Mann und eine
Frau. Von hinten sieht der Mann aus wie Alexander. Nein,
das kann nicht sein. Dann hätte er ihr doch Bescheid gesagt,
dass er diesen Zug nimmt. Außerdem kommt Alexander immer
allein. Und seine Frau sieht ganz anders aus. Kleiner als
er, mit kürzeren, leicht ergrauten Haaren. Nicht nur einmal
hat er sich darüber aufgeregt, dass Francesca sich weigert,
ihre Haare zu färben. Auch, wenn sie ein paar Jahre älter ist
als er, müsse das niemand auf den ersten Blick sehen. Das
hat Gesche für sich selbst als Kompliment aufgefasst. Francesca
und sie sind schließlich beinahe gleich alt.
Verwundert folgt Gesche dem Paar. Beide ziehen jeweils
einen Rollkoffer hinter sich her. Die Frau lacht laut auf. Es ist
eine junge Stimme. Der Mann antwortet, und Gesche zuckt
zusammen. Sie würde dieses rollende «R» unter Tausenden
erkennen: Alexander Paulssen. Wie blöd ist das denn? Sie
hätten doch im Zug nebeneinandersitzen können. Nun
lacht auch Alexander. Wie gut sie dieses Lachen kennt! Sie
beschleunigt ihren Schritt, soweit es der enge Kostümrock
zulässt.
«Hallo, Alexander!», ruft sie, als sie fast auf gleicher Höhe
sind. Überrascht dreht er sich um.
«Gesche.» Er klingt mehr irritiert als erfreut. «Bist du
auch schon da?» Ohne eine Antwort abzuwarten, zeigt er
zum Ausgang und sagt zu seiner Begleitung: «Da vorn müsste
der Bus stehen.» Dann wendet er sich wieder zu Gesche
um. «Du kennst Tessa von Wittgenfels sicher. Tessa, das ist
Gesche Anders, du hast bestimmt schon von ihr gehört. Sie
ist Literaturkritikerin.»
Gesche ist sprachlos. Was ist das denn für eine Begrüßung?
Wenigstens ein «Schön, dich zu sehen» hätte sie erwartet.
Und zumindest einen Kuss auf die Wange. Na, der
wird sie noch kennenlernen. Gesche ist Literaturkritikerin.
Wie er das sagt. Sie ist die Literaturkritikerin, die Nummer
eins! Kein Autor, der die Bestsellerlisten stürmen will,
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kommt an Gesche Anders vorbei. Sie ist die Königsmacherin.
Ohne sie wäre Alexander nicht dort, wo er jetzt steht.
Alle drei steuern auf den Reisebus zu. Der Fahrer nimmt
Gesche den Koffer ab und verfrachtet ihn auf die Ladefläche
unterhalb des Fahrgastraumes. Alexander hilft Tessa.
«Danke, das ist zu lieb!» Das Gurren in Tessas Stimme
steigert Gesches Wut. Schnell erklimmt sie den Bus und
setzt sich in die dritte Reihe. Ans Fenster. Dann ist der
Platz neben ihr für Alexander frei. Aber er geht einfach weiter
nach hinten durch. Als gäbe es sie gar nicht. Was läuft
denn hier, bitte schön? Sie will etwas sagen, doch kein Wort
kommt über ihre Lippen. Ihr Mund bleibt offen stehen. Hat
Alexander sie tatsächlich gerade abserviert? Einfach so? Im
Vorbeimarschieren? Das wird sie ihm nicht durchgehen lassen.
Niemals!
$
War ja irgendwie klar, dass zehn Minuten nicht reichen, um
sich zu schminken und die Haare in Form zu bringen. Rosa
hetzt die letzten Meter über die Cliener Straat zum Sielhof.
Der einstige Herrensitz derer von Eucken liegt inmitten einer
großzügigen Parkanlage direkt in Hafennähe. Als sie an
der Freitreppe des zweigeschossigen Klinkerbaus ankommt,
steht ihr der Schweiß auf der Stirn. «Mörderhitze im August»
stand heute als Schlagzeile im Anzeiger für Harlingerland.
Über 35 Grad zeigte ihr Thermometer gestern Nachmittag.
Hoffentlich wird es heute nicht noch heißer. Sie wischt sich
den Schweiß von der Stirn, wendet sich nach rechts und eilt
die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
In der oberen Etage hört sie Stimmen. Na, wenigstens die
anderen sind pünktlich.
«Entschuldigt, dass ich mich verspätet habe!», ruft Rosa
ganz außer Atem, als sie den großen Raum mit dem Kachelofen
betritt, in dem Meta Hinrichs und Ottwin Otten schon
fleißig alles herrichten.
Meta hebt den Kopf: «Hauptsache, du bist da. Den Empfangstisch
hab ich mit Ottwin schon fertig gemacht. Du
kannst die Programmhefte aus den Kartons links auf den
Tisch packen. Die ersten Autoren müssten jeden Moment
eintrudeln. Der Bus aus Norden sollte schon längst da sein.»
Meta dreht sich zu einem schlaksigen Mann um, der die
Baumwolltaschen mit Infomaterial über Neuharlingersiel
und Ostfriesland füllt und in jede noch eine Packung ostfriesischer
Festtagsröllchen steckt. Ein Karton mit kleinen
Schnapsfläschchen der Kornbrennerei aus dem Nachbarort
steht als zusätzlicher Willkommensgruß bereit.
«Ottwin, wie weit bist du?», fragt Meta.
«Gleich fertig.» Ottwin hebt nicht einmal den Kopf, sondern
steckt stur weiter Prospekte in die Taschen. Seine fisseligen
Haare, farblich zwischen Matsch und Straßenköterblond,
fallen ihm über die Brille. «Die Namensschilder hab
ich alphabetisch sortiert.»
«Super», freut sich Meta und wendet sich an Rosa. «Erst
brüllt der ganze Lesezirkel: ‹Wir wollen so ein Festival nach
Neuharlingersiel holen›, aber wenn es ans Eingemachte geht,
schiebt jeder Gründe vor, nicht helfen zu müssen. Wie schön,
dass wenigstens ihr zwei mich heute nicht hängenlasst.
Ohne euch und die Unterstützung des Kurvereins wäre es
ein Chaos geworden.» Sie hebt den Kopf. «Ottwin, der rechte
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Tisch muss noch ein bisschen dichter ans Fenster. Dahinter
können wir dann die Tüten stellen.»
Sofort führt Ottwin den Auftrag aus. «Gut so?»
«Bestens», sagt die Vorsitzende des Lesezirkels, die auch
die Buchhandlung «Watt’n LeseLust» in Neuharlingersiel
betreibt. «Dann kann’s ja jetzt losgehen!»
$
Herrlichstes Wetter auf Norderney. Henner hat einen Platz
in der dritten Reihe ergattert. Mittlerweile sind alle Stühle
vor der Musikmuschel besetzt. Heute spielt ein polnisches
Symphonieorchester. Begeistert lauscht Henner den Klängen
von Gershwins «Rhapsody in Blue». Die Jungs sind wirklich
einmalig gut. Henner kann das beurteilen, seit seiner
Jugend schlägt sein Herz für klassische Musik. Wie gern hätte
er ein Streichinstrument gelernt, aber daran war in einer
Bauernfamilie mit neun Kindern nicht zu denken. Seine acht
Schwestern hätten den Eltern die Hölle heiß gemacht, wenn
sie ihrem einzigen Sohn und Hoferben Musikunterricht finanziert
hätten. Da ist er dann eben in den Spielmannszug
vom Schützenverein eingetreten und hat die große Trommel
geschlagen.
Während seiner dreiwöchigen Kur hat Henner kein Konzert
verpasst. Vor allem, weil sie keinen Eintritt kosten. Wo
bekommt er so etwas sonst schon geboten? Er streckt die
Beine weit von sich. Norderney. Was für eine schöne Insel!
Allein die Spaziergänge am Strand zur Weißen Düne. Er genießt
die letzten Tage hier. Vor allem die Ruhe. Weder eine
seiner Schwestern noch Rosa will etwas von ihm. Seit die
über ihm wohnt, ist sein ruhiges Leben irgendwie vorbei. Da
sehnt er sich direkt den geigenden Finanzbeamten als Nachbarn
zurück. Denn schon drei Mal ist Rosa über Leichen gestolpert
und hat nicht eher Ruhe gegeben, bis er und sein
Kumpel Rudi sich der Sache angenommen haben. Rudi ist
zwar bei der Polizei und nicht nur für Esens, sondern auch
für Neuharlingersiel zuständig, bei Mord darf jedoch nur die
Kripo in Wittmund ermitteln. Rudi nicht. Aber irgendwie
sind die Wittmunder in letzter Zeit immer auf dem Holzdampfer,
was die Ermittlungen angeht. Da war es schon gut,
dass Rudi, Rosa und er auf eigene Faust Nachforschungen
angestellt haben – sonst wären nachher noch die Falschen
im Gefängnis gelandet.
Aber wirklich Spaß hat Henner an solchen Aktionen
nicht. Viel lieber feilt er an seinen Reden für die Stadtausrufer-
Wettbewerbe. In Uniform und mit Dreispitz auf dem
Kopf ist er so ganz in seinem Element. Vor ein paar Wochen
hat er in Neustadtgödens eine Rede hingelegt, da haben die
Leute laut Beifall geklatscht. Und im Finale musste er gegen
Bernd Krüger von Norderney antreten. Den Favoriten. Da
hat er allerdings keine Chance gehabt. Aber das tut ihrer
Freundschaft keinen Abbruch.
Das Orchester setzt zum Schlussakkord an. Henner applaudiert
tüchtig, bevor er sich auf den Weg in die Milchbar
macht. Nur noch zweimal Sonnenuntergang am Meer und
ein letztes Treffen mit Bernd auf ein Bier. Anders als Henner,
der die Ausruferei nur hobbymäßig betreibt, ist es bei Bernd
ein richtiger Job. Täglich läuft er in weißer Hose, blau-weißem
Fischerhemd und großer Messingglocke durch den Ort
und verkündet die Veranstaltungen. Seit neuestem trägt er
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auch noch einen königsblauen Umhang. Seine rote Schirmmütze
erinnert an die von Eisenbahnern aus dem vorigen
Jahrhundert und leuchtet weithin sichtbar.
Gestern und heute hat er auch die Lesung von Alexander
Paulssen angekündigt. Dabei ist die Insel sowieso schon mit
Werbeplakaten dafür regelrecht zugepflastert. Rosa kommt
sogar extra deswegen angereist. Aber das Schlimmste: Sie
hat ihn darauf festgenagelt, zusammen mit ihr hinzugehen.
Sie hat gemeint, er müsse diesen Paulssen unbedingt live
erleben. Wirklich Lust hat er dazu nicht. Liebesromane sind
überhaupt nicht sein Ding. Aber seine Nachbarin hat nicht
lockergelassen. Rosa ist eben Rosa. Zur Not schiebt er einfach
einen Asthmaanfall vor und verlässt vorzeitig den Saal.
Henner schlendert die Bülowallee entlang, vorbei am
Café Koppe, wo es so leckere Waffeln gibt. Dörte war letzte
Woche ganz begeistert davon.
Hoffentlich kriegt Rosa nicht spitz, dass die ihn besucht
hat. Und eigentlich war es auch kein richtiger Besuch. Sie
hat nur ihre Mutter zum Onkel gebracht. Der hat hier einen
Fahrradverleih und braucht im Sommer ein bisschen Unterstützung.
Und natürlich hat er Dörte bei dieser Gelegenheit
getroffen. Warum auch nicht? Schließlich kennen sie sich
seit ihrer Sandkastenzeit. Das mit dem Kino war aber keine
so gute Idee. Er hat gedacht, beim Filmgucken muss er nicht
so viel reden. Aber der Schuss ist gründlich nach hinten losgegangen.
Ihm graust es, wenn er daran zurückdenkt. Frauen
sind wirklich eine schwierige Sorte Mensch. Besser, man hält
die sich vom Leib.
$
Mittlerweile geht es auf Mittag zu, und schon mehr als die
Hälfte der fünfzig Teilnehmer hat sich am Empfangstisch
des Begrüßungskomitees angemeldet. Bei der brütenden
Hitze draußen freuen sich alle über die angenehme Kühle in
dem alten Klinkerbau.
«Herzlich willkommen in Neuharlingersiel», sagt Rosa zu
der Frau, die gerade an den Tisch tritt. «Hatten Sie eine gute
Anreise?»
«Ja», lautet die einsilbige Antwort.
«Verraten Sie mir Ihren Namen?»
Rosa mustert die verhärmt aussehende Brünette. Das
Gesicht kennt sie nicht von Facebook, dabei hat Rosa sich
allen Autorengruppen angeschlossen, die sie dort aufgetrieben
hat.
«Lüttjohann, Heide Lüttjohann.»
Ach nee. Nun ist Rosa baff. Das soll die Lüttjohann sein?
Auf dem Schwarz-Weiß-Foto für das Lesungsplakat sieht die
mindestens zehn Jahre jünger aus. Schnell sucht Rosa das
Namensschild aus dem Karton für die Buchstaben I bis L
heraus und macht auf der Liste einen Haken.
«Am Freitag haben Sie die Lesung auf Wangerooge. Die
Tide ist günstig, da können Sie hin die Fähre nehmen und
zurück mit den Inselfliegern nach Harle fliegen. Der Shuttleservice
ist bereits für Sie organisiert», sagt Ottwin, zeigt auf
Rosa und reicht ihr die Stofftasche. Rosa merkt ihm an, dass
er zu gern ein Lob hören möchte. Doch die Lüttjohann nickt
nur blasiert.
«Ich habe nichts anderes erwartet», sagt sie herablassend,
dreht sich um und geht grußlos. Nach drei Schritten bleibt
sie stehen, hebt erfreut die Arme und ruft überschwänglich:
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«Robert! Du hier!? Was für eine Überraschung! Wir haben
uns ja ewig nicht gesehen!»
Sie fällt dem Mann um den Hals, der gerade durch die
Tür getreten ist. Eine stattliche Erscheinung mit weißem
Hemd unter dunkelblauem Sakko. Er ist groß gewachsen
und wohlgenährt. Die Tropfenform seiner runden Hornbrille
ist zurzeit der letzte Schrei, eine ähnliche hat Rosa
kürzlich in der Zeitung bei einem bekannten amerikanischen
Schauspieler gesehen. Seine graumelierten Haare
sind eine Spur zu lang, schmeicheln jedoch seinem Gesicht,
in dem ein Dreitagebart wohl vom Doppelkinn ablenken
soll.
«Hallo, Heide», brummt er und schiebt sie von sich. «Hast
du Alexander schon gesehen?»
«Ja. Und Gesche auch.»
«Muss mich das wundern?» Er lacht auf.
«Nicht wirklich. Aber Alexander hat diesmal nicht sie,
sondern Tessa von Wittgenfels im Schlepptau.»
«Tessa?» Er grinst breit. «Na, dann ist ja für Spannung
gesorgt.» Er schlägt der Lüttjohann auf die Schulter. «Wir
sehen uns später. Ich muss jetzt erst mal die Formalitäten
regeln.»
Rosas Herz macht einen Sprung, als er auf sie zukommt.
«Guten Morgen! Ich hätte gern meine Unterlagen. Robert
Goldbach.»
Goldbach. Der Literaturagent. Rosa schluckt aufgeregt.
«Willkommen, Herr Goldbach. Ich hoffe, Sie hatten eine gute
Anreise.»
«Danke. War wunderbar.»
«Einen Moment, gleich habe ich Ihr Namensschild.» Rosa
strahlt ihn an. «Ich bin schon sehr auf die Podiumsdiskussion
heute Nachmittag gespannt. Wissen Sie, ich …»
Doch Goldbach hört ihr nicht zu, sein Blick fällt auf Ottwin,
der ihm den Baumwollbeutel entgegenhält. «Ach, der
Herr Otten», sagt Goldbach gedehnt. «Was machen Sie denn
hier?»
«Ich gehöre zum Organisationsteam.»
«Richtige Entscheidung, Otten. Organisieren liegt Ihnen
bestimmt mehr als Schreiben. Ist gut, wenn das mal jemand
einsieht. Gibt eh viel zu viele talentfreie Autoren.»
Ottwin wird blass, erwidert aber nichts.
Das ist zwar hart, was Goldbach da sagt, Rosa gibt ihm
insgeheim jedoch recht. Ottwins Krimis sind wirklich gähnend
langweilig. Einen hat sie ganz gelesen, den anderen
nach sieben Seiten weggelegt. Aber das würde sie ihm natürlich
nie direkt sagen.
«Hier, bitte», sagt Rosa und reicht Goldbach das Schild.
«Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich jederzeit an
mich wenden. Wissen Sie, ich würde gerne …»
«Danke.» Goldbach dreht sich um und geht.
«Moment», ruft Ottwin, «vergessen Sie nicht Ihre Begrüßungstasche!
»
$
«Puh», stöhnt Rosa auf, als nur noch sie, Meta und Ottwin im
Raum sind, «das war ja, als hätte jemand eine ganze Busladung
hier abgesetzt.» Sie öffnet das Fenster, um frische Luft
hereinzulassen.
Meta legt den Stift zur Seite und grient. «Die sind tatsäch18
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lich zum großen Teil mit dem Bus aus Norden gekommen.
Ist jetzt sicher eine knappe Stunde Ruhe, bevor der nächste
Ansturm kommt.»
«Wenn das so ist, dann geh ich unten einen Kaffee trinken
», sagt Rosa. «Kommt einer von euch mit?»
Meta schüttelt den Kopf. «Nein. Ich halte die Stellung.
Ottwin, willst du nicht mitgehen? Ich schaffe das auch allein.
»
«Nein», widerspricht er. «Ist besser, wenn wir zu zweit
hier sind.»
«Na gut, dann bis gleich.» Erleichtert verlässt Rosa den
Raum. Natürlich hätte sie auch mit Meta und Ottwin einen
Kaffee getrunken, aber wenn sie ehrlich ist, geht sie lieber
allein runter. Schließlich hofft sie, Goldbach in ein Gespräch
verwickeln zu können.
Doch der ist nirgends zu sehen, als sie mit dem Kaffeebecher
in der Hand durch die Räume streift und so tut, als
ob sie sich für die blaue Fliesenwand mit den Bibelmotiven
interessiert. Unauffällig wirft sie einen Blick in den Pavillon
des Restaurants. Überall hocken Autoren und plappern und
lachen. Eine verschworene Gemeinschaft. Rosa kann die
kreative Energie, die durch den Raum fließt, förmlich spüren.
Langsam schlendert sie zum Vordereingang. Ob Goldbach
vor dem Sielhof frische Luft schnappt? Sie bleibt draußen
auf dem Treppenabsatz stehen und schaut sich um. Er ist
nirgendwo zu sehen. Enttäuscht will sie wieder hineingehen,
als sie aus der kleinen Kapelle Stimmen hört.
«Was bildest du dir eigentlich ein, mich so zu behandeln?
», faucht eine Frau aufgebracht. «Ich bin kein lästiges
Insekt, das man mal eben so aus seinem Leben entfernen
kann! Das haben sich vielleicht die Frauen vor mir gefallen
lassen, aber mit mir kannst du das nicht machen! Ich habe
dich erst zu dem gemacht, was du jetzt bist, also wirst du
mich mit Respekt behandeln. Hast du das kapiert? Ich lasse
es nicht zu, dass du einfach über mich hinwegsiehst! Deine
kleine Tessa kannst du vögeln, wann immer du willst, aber
nicht hier. Vergiss nie: Ich habe dich in den Olymp der Autoren
gebracht, und ich kann dich dort ebenso schnell wieder
hinauskatapultieren.»
Rosa ist baff. Was sind das denn für Töne? Und vor allem:
Wer spricht da mit wem?
«Du überschätzt deinen Einfluss», antwortet eine gelangweilte
Männerstimme, deren rollendes «R» ihr einen wohligen
Schauer über den Rücken laufen lässt. Das ist Alexander
Paulssen. Kein Zweifel. Oft genug hat Rosa ihn im Fernsehen
gesehen.
«Damit hättest du mich vielleicht zu Anfang meiner
Karriere unter Druck setzen können, aber inzwischen habe
ich so viele Stammleser, die kannst selbst du mir nicht mehr
nehmen.»
«Das glaubst aber nur du», zischt die Frau. «Wenn ich will,
dann kannst du einpacken.»
$
Henner ist schon ein gutes Stück auf dem Damenpfad am
Weststrand entlangspaziert. Vorbei an weißen klassizistischen
Herrenhäusern mit Blick aufs Meer, Strandkörben
und badenden Menschen. Und dem historischen Badekarren,
einer hölzernen Umkleidekabine auf vier Rädern, die als
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mobiles Standesamt dient. Dörte war richtiggehend gerührt,
als sie den gesehen hat.
«Was muss das schön sein, hier zu heiraten», hat sie gesagt.
Henner schüttelt sich. Bloß schnell weg. Die Milchbar
ist bereits in Sichtweite, und er entdeckt Bernd Krüger direkt
davor, diesmal ohne Ausrufer-Uniform. Henner will ihm
gerade zuwinken, als sein Handy in der Hosentasche vibriert.
«Henner, der Goldbach ist hier», ruft Rosa ihm ohne Begrüßung
ins Ohr. «Er ist tatsächlich nach Neuharlingersiel
gekommen!»
«Glückwunsch», murmelt Henner. Wer um Himmels
willen ist Goldbach? Muss er den kennen? Das fragt Henner
aber nicht, stattdessen winkt er Bernd zu. Der hat ihn auch
entdeckt und grüßt zurück.
«Henner, weißt du, was das für eine Chance für mich ist?»
«Nee.» Also nicht wirklich.
Bernd macht ein Zeichen in Richtung Milchbar und hebt
zwei Finger. Henner nickt zustimmend.
«Menno, Henner! Goldbach ist der Agent. Ich will ihm
mein Manuskript anbieten. Er wird es an einen der ganz
großen Verlage verkaufen. Für richtig viel Geld. Dann werde
ich reich und berühmt.»
«Aber du hast das doch noch gar nicht fertig geschrieben
», wendet Henner ein.
«Sei nicht so ein Korinthenkacker», meckert Rosa, «du
hast überhaupt keine Ahnung vom Literaturbetrieb. Niemand
gibt ein fertiges Manuskript ab.»
«Echt nicht? Selbst Anfänger wie du nicht?»
«Was soll denn die Spitze?», fragt Rosa erbost. «Du bist ja
so was von miesepetrig!»
Bernd kommt ihm mit zwei Gläsern Bier entgegen.
«Du, Rosa, ich muss jetzt auflegen. Die nächste Anwendung
geht los.»
$
Rudi, genauer: Rudolf Hieronymus Bakker, brütet über dem
Einsatzplan für den nächsten Monat, als das Telefon der Polizeistation
in Esens klingelt. Er blickt zu seinem Kollegen
Bernie Bütefisch, der eigentlich Telefondienst hat. Doch der
hat den Mund voll. Seine Frau Martha hat gestern wieder
einmal gebacken: Kuchen mit frischen Augustäpfeln. Also
greift Rudi zum Hörer.
«Polizeistation Esens, Kommissar Bakker am Apparat»,
meldet er sich.
«Rudi, ich bin’s!», brüllt Dörte aufgeregt in den Hörer.
«Du musst unbedingt kommen, ich hab gerade einen Unfall
gebaut.»
«Um Himmels willen, bist du verletzt?» Rudi ist genau wie
Henner seit Kindertagen mit Dörte befreundet. Kein Wunder,
die beiden Jungs sind am selben Tag geboren und zusammen
auf dem Steffens-Hof aufgewachsen. Er allerdings
nicht als Sohn des Bauern, sondern als uneheliches Kind der
Magd – sein Vater ist als Matrose auf den Weiten des Meeres
verschollen, bevor er Rudis Mutter heiraten konnte.
«Nein, ist nur Blechschaden. Aber ich bin einem reingefahren.
Die Fahrerin hat so dämlich gebremst, dass ich ihr
hinten draufgerumst bin, und jetzt macht die ein Theater,
das glaubst du nicht. Ist ’ne Auswärtige.» Dörte senkt abfällig
die Stimme.   (..........)  
22


Autor: Christiane Franke
Buch: Mörderjagd mit Inselblick

Shanna1512

vor 10 Monaten

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Antwort habe ich per PN verschickt.
Ich hüpfe mal in den Lostopf.
Vielleicht darf ich schon vor unserem Urlaub im Mai nach Neuharlingersiel reisen.
Dann geht es für uns nach Bensersiel.

nellsche

vor 10 Monaten

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Ich würde auch sehr gerne mitlesen. Die Beschreibung hört sich toll und unterhaltsam an.
Meine Antwort kommt gleich per PN. :-)

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309 weitere Beiträge (Klassische Ansicht)
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CorneliaKuhnert

vor 8 Monaten

Nach dem Schluss: Wie gefällt euch Rosas "Schlagfertigkeit"?
@tigerbea

Danke für die tolle Rezension. Und wir sind mächtig stolz darauf, dass wir Deine Lieblingsserie schreiben. Danke!

lisam

vor 7 Monaten

Plauderecke

Dankeschön, dass ich mitlesen durfte. Für mich ist es mein Lieblingsband mit dem Trio :-)

https://www.lovelybooks.de/autor/Christiane-Franke/M%C3%B6rderjagd-mit-Inselblick-1400906101-w/rezension/1463017479/

Ich habe die Rezi zusätzlich noch bei amazon.de, thalia.at, weltbild.at und ebook.de gepostet und die Freischaltung müsste noch ein bissi auf sich warten lassen.

Linny

vor 7 Monaten

Nach dem Schluss: Wie gefällt euch Rosas "Schlagfertigkeit"?

Auch meine Rezi ist endlich fertig: https://www.lovelybooks.de/autor/Christiane-Franke/M%C3%B6rderjagd-mit-Inselblick-1400906101-w/rezension/1464646121/
Bin schon ganz gespannt wie es weiter geht und Danke das ich mitlesen durfte.
Bei Amazon ist sie schon eingestellt und werde sie auch noch weiter streuen.

madamecurie

vor 7 Monaten

Wer hat Lust zu einem Ausflug nach Ostfriesland?
Beitrag einblenden

Hallo liebe Cornelia,bin etwas hinten nach aber es gefällt mir wieder sehr gut ,spannend sind sie ja immer eure Bücher und Rosa finde ich zu witzig ,natürlich Henner und Rudi auch.Bin ja von anfang an dabei und immer noch begeistert von euren Büchern.Im Moment bin ich da wo Rosa zu Frau Anders ins Zimmer ging und feststellt das die gute nicht verschlafen ha,t sondern Tod ist,na bin gespannt ob es noch ein paar Tode gibt.

CorneliaKuhnert

vor 7 Monaten

Wer hat Lust zu einem Ausflug nach Ostfriesland?
@madamecurie

Komme gerade von einer Fahrradtour zurück und freue mich, dass Dir das Buch gefällt! :-)

Blaustern

vor 6 Monaten

Nach dem Schluss: Wie gefällt euch Rosas "Schlagfertigkeit"?
Beitrag einblenden

Hier ist meine Rezension:
https://www.lovelybooks.de/autor/Christiane-Franke/M%C3%B6rderjagd-mit-Inselblick-1400906101-w/rezension/1473218111/
Danke, dass ich mitlesen durfte. Ich stell die Rezi auch noch bei amazon rein.

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