Christine Hewicker Die Aussteigerin. Autobiografie einer ehemaligen Rechtsextremistin

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Inhaltsangabe zu „Die Aussteigerin. Autobiografie einer ehemaligen Rechtsextremistin“ von Christine Hewicker

Mit 14 Jahren gerät Christine in die Fänge nationalsozialistischer Kreise. Zuerst macht sie bei unpolitischen Freizeitaktivitäten mit, dann plötzlich ist sie mittendrin in der rechtsextremen Szene, die sich den bewaffneten Kampf gegen die Bundesrepublik zum Ziel gesetzt hat. Sie tritt der NPD bei, verteilt verfassungsfeindliches Propagandamaterial und nimmt an rechtsradikalen Aktionen teil – bis sie im Alter von 23 Jahren nach einem bewaffneten Banküberfall festgenommen wird. Sechs Jahre Gefängnis, lautet das Urteil. Während ihrer Haftzeit gelingt Christine der seelische Kraftakt, über vertraute Denkmuster hinweg zu kommen und sich selbst eine neue Identität zu schaffen. Dieses Buch berichtet authentisch und mutig über die Irrwege eines jungen Frauenlebens in den 70er Jahren, das gekennzeichnet ist von Gewalt, Hass, Reue, psychischen Wirren, schließlich von Zweifeln und einem bemerkenswerten Wandel. Es stellt eine nüchterne Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Zustände dar, die sich in einem ergreifenden Einzelschicksal spiegeln.

Sprachlich nicht immer makellos, aber durch und durch authentisch.

— Arbutus
Arbutus

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    Die Aussteigerin. Autobiografie einer ehemaligen Rechtsextremistin
    Arbutus

    Arbutus

    09. July 2016 um 19:18

    Erst 14 Jahre jung, schloss sich Christine Hewicker einer regionalen Neonazi-Bewegung an, mit 23 Jahren wurde sie wegen Beteiligung an einem Banküberfall, der dazu dienen sollte, Geld für die große Sache zu aquirieren, festgenommen und als Terroristin zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Zeit im Gefängnis gelang ihr die Umkehr. Man staunt, wenn man die politische Argumentation der Terroristin liest - es ist nicht immer das, was man von einem typischen Nazi erwartet. Vieles klingt eher ein bisschen links- denn rechtsextrem. Kein Wunder, dass sie im Gefängnis auch schnell Zutrauen zu RAF-Leuten fasste. So weit war man offensichtlich gar nicht voneinander entfernt. Ein Psychologe bescheinigte Christine Hewicker ein ausgeprägtes "Helfersyndrom". In ihrer ausführlichen Verteidigungsschrift, die sie damals dem Gericht vorlegte, und die ungekürzt im Buch wiedergegeben wird, lässt sie auch an der NPD kein gutes Haar. "...habe ich im Laufe unserer Beziehung festgestellt, dass hier auch nur nichts weiter als hohle Phrasen gedroschen wurden." Trotz ihrer Abkehr von den Neonazis wird sie aber weiter als hochgefährlich eingestuft; tatsächlich ist auch ihr anti-imperialistischer Moral-Rundumschlag nach wie vor extremistisch in seiner Argumentation und Pauschalisierung. Von ehemaligen Mittätern wird sie als Verräterin gesehen und erhält Drohbriefe. Trotz ihrer immer noch extremen Positionen ist sie aber zu vernünftigen Entscheidungen durchaus in der Lage, zum Beispiel, die illegal erworbenen Medikamente, von denen sie sich während des Prozesses Stärkung versprochen hatte, nach einem Fehlversuch umgehend zu vernichten. "...nach dem heutigen Tag war mir klar, dass ich mich niemals solchen Dingen untertan machen würde. Ich wollte die Herrschaft über mich nie wieder verlieren..." Sehr reif empfinde ich ihre Schilderung der Isolationshaft. Ohne dass sie verbittert wirken würde, bringt sie ihr damaliges Gefühlschaos und die furchtbaren Auswirkungen der Isolierung auf den Punkt. Im Gefängnis ist es ihr stets darum zu tun, die Starke, Unnahbare zu geben. In Wirklichkeit kämpft sie aber mit sich selbst darum, sich nicht zum "eiskalten Monster" zu entwickeln. Zu diesem Zweck beginnt sie, Gedichte und Aufsätze zu schreiben. "Ich schrieb über Hass und Freude, und ich schrieb darüber, wie ich mich in bestimmten Situationen fühlte. Kaum aufgeschrieben, zerriss ich die Blätter wieder und verbrannte sie in der Toilette, damit sie nicht in falsche Hände kamen. Aber ich setzte mich dann auf mein Bett und dachte lange über das Geschriebene nach. Bald merkte ich, dass dies für mich eine gute Methode war, das Menschsein nicht zu verlieren und mir meine restlichen menschlichen Gefühle zu bewahren." Meistens ist ihr Urteil über ihre damalige Lage eindeutig. Sie beschreibt sich selbst als verbohrt und uneinsichtig, urteilt vom "heute" her auf das "damals". Nur hin und wieder kommen nochmal Dinge durch wie "Eigentlich war ich während der letzten Jahre vom Staat völlig bewegungsunfähig gemacht worden." Wenn man das liest, denkt man, dass sie vielleicht noch nicht alles ganz hinter sich gelassen hat. Liest man aber von ihrer allmählichen schwierigen Annäherung an den korrekten Staatsanwalt Hecking, den sie zunächst gehasst hatte und den zu respektieren sie allmählich in kleinen Schritte lernt, so ist dies wiederum sehr glaubwürdig. Angesichts eines im Gefängnishof blühenden Fliederbusches schreibt sie später: "Es ist erschreckend, was man verpasst, wenn man vor lauter Frust und Selbstmitleid die Augen verschließt, nur um ja nichts Schönes zu sehen." Geradezu anrührend, obwohl auch hier knapp und unaufgeregt geschildert, ist es, wenn sie während des Hungerstreiks ein ihr vom Gefängnispersonal angebotenes sehr verlockendes Gericht gegen die Gefängnistür donnert und sich danach kommentarlos, zusammen mit zwei Beamten, an die Beseitigung der Sauerei macht. Gegen gelegentliche Schikanen einzelner Wachleute setzt sie sich zur Wehr. Solche Situationen werden auch genauestens beschrieben. Anders die Konflikte mit den Mithäftlingen. Diese werden stets nur angedeutet. Zu tief sitzt offensichtlich noch die Abneigung, zum Nestbeschmutzer zu werden. Aber genau diese Ungenauigkeit macht die Lektüre etwas zäh. Und zu dieser Konsequenz, was das respektvolle Verschweigen betrifft, passt es dann leider wieder überhaupt nicht, dass einzelne Vollzugsbeamtinnen für ihre unfreundlichen Kleinlichkeiten namentlich auf's Vorzeigetablett gesetzt werden. Mit Respekt spricht sie hingegen von ihren Richtern und Staatsanwälten und schildert ihre eigene damalige Verbohrtheit ihnen gegenüber ohne jegliche Bitterkeit. "Ich war ein Sturkopf", schreibt sie öfter. So legte sie sich während ihrer Haftzeit ständig wieder mit der gesamten Staats- und Bundesanwaltschaft an, weil die ihren Gesinnungswandel nicht ernst zu nehmen scheinen. Ihr Kampf um frühzeitige Entlassung auf Bewährung hat schließlich Erfolg. Die detaillierten Schilderungen sind allerdings auf Dauer etwas ermüdend. Hier hätte eine Straffung geholfen. Leider muss ich auch sagen, dass ich manche Schilderung als etwas arrogant empfinde. Aber auch das ist insofern nur authentisch, da sie selber diese Arroganz als eine der noch nicht ganz ausgestandenen Spätfolgen ihres Lebensweges nennt. Was wieder sehr sympathisch und ehrlich ist. Ehrlich ist es auch, wie sie über ihre heutigen Gefühle gegenüber ihren Ex-Nazi-Kameraden spricht. Sie macht kein Hehl daraus, dass es da auch noch vereinzelte positive Gefühle gibt, auch wenn sie mit der Ideologie abgeschlossen hat. Ein großes Anliegen von Christine Hewicker ist es, dem inzwischen verstorbenen Richter Gleitsmann ein Denkmal zu setzen, der sie zwar zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt hat, "...der mich aber den Wert des Lebens lehrte und der immer für mich dagewesen war, wenn ich ihn gebraucht hatte." Wenn sie schildert, wie sie mehrere Stunden weinend an seinem Grab verbrachte, ist das schon sehr berührend. Als Außenstehender ist man sich kaum bewusst, welch intensiven Briefkontakt ein Gefangener mit Richtern und Staatsanwälten haben kann, und die stolze, aufmüpfige Strafgefangene (wie sie sich später selber charakterisiert) nutzte diese Möglichkeit exzessiv. Dabei ging sie nicht immer diplomatisch vor. "Ich musste immer mit dem Kopf durch die Wand, aber dieser Richter wusste, wie man mich vor dem Aufprall abbremst." Was dieses Buch so wertvoll macht, ist seine große Aussagekraft über die Menschlichkeit, über die Kraft der Veränderung, über die Möglichkeit, einen scheinbar unmöglichen Weg der Umkehr zu gehen. Hin und wieder zieht sich die Lektüre für den ereignis- und sensationsverwöhnten Leser ein wenig, wirkt ein wenig unstrukturiert und langatmig. Wirklich interessant ist wiederum die Kurzanalyse der verschiedenen Personen aus ihrer ehemaligen Szene, die sie am Ende gibt. Man erfährt hier, dass es dumpfbackige, frauenverachtende Machtmenschen gab, aber eben auch solche, die der Autorin echte Wertschätzung entgegenbrachten und ihr menschlich einfach wertvoll geblieben sind. Auch das muss man sich erst mal auszusprechen trauen. Schön ist, dass das letzte Kapitel mit der Versöhnung mit dem Staatsanwalt Hecking endet, dem Menschen, den sie einst als ihren ärgsten Feind angesehen hatte, und dass sie an dieser Tatsache das "Ich habe es geschafft!" misst. Das Buch ist auch ein eindrückliches Plädoyer dafür, ehemaligen Strafgefangenen alle erdenklichen Hilfen beim Wiedereinstieg in ein Leben in Freiheit zu geben; man hat als Außenstehender keine Vorstellung davon, wie schwer dieser Schritt sein kann.

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