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Maggi

vor 3 Jahren

(40)

Diesen Traum von Roman durfte ich im Rahmen einer Leserunde lesen. Ich bin rückblickend sehr froh, dass ich bei der Verlosung gewonnen habe, denn sonst wäre mir vielleicht ein fabelhaftes, zauberhaftes Buch mit einer einzigartigen, gemütlichen Stimmung und einer angenehmen Geschichte, die so manche Überraschung birgt, entgangen.

Das Buch ist ein richtiges Wohlfühlbuch, das einen sprachlich, atmosphärisch und inhaltlich umschmeichelt!

Carlotta Goldkorn ist Vizechefin des August Gayette Museums im fiktiven Fichtelbach, einer Kleinstadt, wie es sie so viele in Deutschland gibt. Dieses Museum ist aber kein normales Museum, sondern ein einzigartiges, kaleidoskopartiges Sammelsurium von fast allem. Eben allem, was den Gründer des Museums, August, der zugleich Carlottas Urgroßonkel ist, interessierte, alles, was dieser Mann von Welt und wohlhabender Geschäftsmann in seinem bunten Leben gesammelt und zusammengetragen hat. So kommt es, dass neben kunstvollen Ölgemälden, manche von unbekannten Künstlern, andere von großen holländischen Meistern, Bonbon-Armbänder, Kinderzeichnungen und historische Kostüme zu finden sind. Das Museum wird so lebensecht, so kreativ, wortgewaltig und wunderbar geschildert, dass ich es mehr als nur einmal bedauert habe, dass es nur fiktiv ist!

Wie unfassbar gerne würde ich das Gayette-Museum auch einmal besuchen können! Oder auch 30 mal!

"Das Staunen hatte hier seinen Tempel gefunden. Die Neugierde des Entdeckens war hier zu Hause. Alles, was August interessiert hatte, durfte hier nebeneinander wohnen. Und war ungewöhnlich gut inszeniert. Ohne irgendeine Messlatte, auf der "wertvoll" oder "weniger wertvoll"stand." (S. 313) 

Das ist nur eine von vielen tollen Museumsbeschreibungen, die mich ganz sehnsuchtsvoll gemacht haben!

Carlotta empfängt für eine neue Ausstellung den Urenkel des Malers Jasper Johansson aus Schweden, Gösta, der ein Gemälde seines Vorfahren nach Deutschland bringt.

Die beiden sehen sich zum ersten Mal und doch ist den beiden sofort klar: DAS ist es! Die ganz große Liebe!

Was kitschig und klischeehaft klingt, wird von der Autorin Christine Vogeley so wunderschön und auch glaubhaft geschildert, dass ich diese Liebesgeschichte einfach nur genießen konnte, statt sie anzuzweifeln, wie ich es sonst oft tue, wenn mir so etwas in Romanen begegnet. Beide sind geschieden, beide haben Kinder aus diesen Ehen, Gösta seinen Sohn Nils, Carlotta ihre Tochter Jule. Beide Kinder sind in der Pubertät, in ihrer Findungsphase und das bietet natürlich einiges an Zündstoff! Die Kommunikation mit den Eltern hakt so manches mal und ein plötzlich auftauchender neuer Partner ist nicht unbedingt der Wunschtraum eines Teenagers. Auch die Nebenfiguren des Buches, zum Beispiel Carlottas Cousine Susan, die für das Museum Gemälde restauriert, die Museumscafé-Köchin Emily und ihr Sohn, die Museumschefin und Carlottas Onkel Henri sind so lebensnah, charakterstark und mit echter Tiefe geschildert, mit so authentischen Stärken und Schwächen, dass sie wie echte Menschen wirken. Das muss man als Autorin erst mal schaffen! Ich habe diese Art zu Schreiben so bewundert und genossen! Bei diesem buch wird es auf keinen Fall bei einer einmaligen Lektüre bleiben!

Doch das Gemälde, dass Gösta dem Museum für die Ausstellung leiht, sorgt für die Aufdeckung eines lange gehüteten Geheimnisses um Lovisa, die erste Ehefrau des Malers Jasper Johansson, Nils gerät in ernste Schwierigkeiten, die er sich nicht traut seinem Vater anzuvertrauen und dem Museum droht ein schlimmer, öffentlichkeitswirksamer und rufschädigender Skandal und das unmittelbar vor der Eröffnung!

So wird das Buch auch noch richtig spannend!

Selbst die Charaktere, die zum Zeitpunkt des Geschehens bereits 100 Jahre tot sind, werden durch Lovisas Tagebucheintragungen lebendig. Immer tiefer taucht man so als Leser in die Familiengeschichten von Gösta und Carlotta, in die Museumsgeschichte und die wunderschön beschriebene schwedische Landschaft und das gemütliche Fichtelbach ein. Einfach ein Traum von Buch!

Die angenehme, gekonnte Sprache, voll von sehr passenden Metaphern, hat mich zum Nachdenken, Träumen und zum Reflektieren angeregt. Das wäre so eines der Bücher, in denen ich gerne länger verweilt wäre! Aber andererseits ist es auch gut, dass es zu Ende war, es war einfach alles rund: nicht zu lang und nicht zu kurz. Wenn ein Buch zu dick wird, macht das oft den oder die Spannungsbögen kaputt und ermüdet den Leser. Es wirkt dann einfach zu ausgewalzt, wie Butter auf zu viel Brot verstrichen... Das das hier nicht passiert, ist super und erhält den Zauber der Geschichte!

All die wunderschönen Zitate und Sprüche wären es allesamt wert, in ein wunderschönes Notizbuch übertragen zu werden! Die Sprache ist außergewöhnlich wunderbar und kunstvoll gesetzt. So werden allein die Worte, auch ohne Inhalt, schon zum Hochgenuss. Die Sprache ist einerseits literarisch anspruchsvoll, andererseits aber sehr natürlich, so dass man sich in der Geschichte und bei den Protagonisten wie zu Hause fühlt. Die schöne Geschichte tut ihr übriges um „Die Liebe zu so ziemlich allem“ zu einem besonderen Lesegenuss zu machen!


Autor: Christine Vogeley
Buch: Die Liebe zu so ziemlich allem
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