Christoph Hein Einladung zum Lever Bourgeois. Prosa

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Inhaltsangabe zu „Einladung zum Lever Bourgeois. Prosa“ von Christoph Hein

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  • Rezension zu "Einladung zum Lever Bourgeois. Prosa" von Christoph Hein

    Einladung zum Lever Bourgeois. Prosa
    Heike110566

    Heike110566

    10. September 2010 um 22:01

    Als "Lever" bezeichnete man am französischen Hof Ludwig XIV. die Zeremonie des Aufstehens des Königs am Morgen. Diesem Ereignis wohnten, neben diversen Dienern, auch hochgestellte Adlige bei. Eine Auszeichnung. (Ich bin irgendwie froh, diese Auszeichnung nicht erhalten zu haben.) - Der Leser hat nun keine Einladung, um beim königlichen Aufstehen dabei zu sein, aber: dank Christoph Hein dürfen wir dem Aufstehen des Bürgers Racine beiwohnen. Racine ist königlicher Hofgeschichtsschreiber, fast sechzig Jahre alt und schon etwas gezeichnet vom Leben. Während des Aufstehens, des Waschens, seiner Sitzung auf dem Zimmerklosett, des Ankleidens, des Frühstücks und seines Aufbruchs nach Versaille sinniert er reichlich und intensiv über sein Leben nach. (Da es den Rahmen sprenegen würde, wenn ich hier auf die einzelenen Erzählungen intensiver eingehen würde, setze ich an entsprechender Stelle jeweils ausnahmsweise Links zu meiner Homepage, wo ich die Erzählungen im einzelnen rezensiert habe. Diese hier unter: http://www.heikehoerig.de/hein1.htm ) Das Besondere bei Christoph Hein (geb. 1944) ist sein Schreibstil. "Einladung zum Lever Bourgeois" und auch die anderen Prosa-Texte lesen sich wie stichpunktartige Gedanken. Einfach in der Art und, trotz teilweise sehr ernster Themen, mit viel Ironie gespickt. Während die Titelgeschichte einen historischen Kontext hat, haben die kleinen Prosa-Texte aus "Ein Album Berliner Stadtansichten", die im Kalendergeschichten-Stil gehalten sind, den normalen Berliner und sein Leben zum Inhalt. Scheinbar belangloses, alltägliches wird hier auf sehr einfache Art, fast schmucklos dargestellt. Aber sie sind nur scheinbar profan. Es sind, auch wenn ganz einfache Menschen im Zentrum der Geschichten stehen, individuelle und damit auch einzigartige Schicksale. So zB die Familiengeschichte von "Friederike, Martha, Hilde" (mehr dazu unter http://www.heikehoerig.de/hein2.htm ). Das Büchlein erschien 1980 im Aufbau-Verlag der DDR. Insgesamt gibt es 11 Prosa-Texte. Während die mittleren neun über einfache Menschen der Zeit der DDR berichten, sind die beiden einrahmenden Texte historisch angehauchte. Den ersten, die Titelgeschichte, habe ich ja bereits vorgestellt. Der letzte ist eine Brief-Erzählung namens "Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert". Seifert ist eine historisch belegte Person, die Briefe sind aber eine Erfindung des Autors. - Johann Seifert ist Diener Alexander von Humboldts auf dessen Russland-Reise. Der russische Zar beauflagt Humboldt, dass er sich während seiner Reise auf wissenschaftliche Aspekte zu konzentrieren und sich jedweden Kommentars zu politischen Fragen zu enthalten hat. Natürlich sehen sie das Elend und die Unterdrückung im Land. Humboldt hat zu seinen Diener Seifert ein recht vertrauliches Verhältnis und äußert sich zumindest in diesem privaten Rahmen auch zu politischen. Kurz vor Ende der Reise wendet sich der russische Geheimdienst an Seifert, dass er einen Bericht schreiben soll. Darin soll er darlegen, wie Humboldt sich während der Reise zu den Zuständen im Land geäußert hat. Seifert weigert sich anfangs, aber immer größer wird der Druck auf ihn, dass er als Spitzel für die zaristische Staatspolizei arbeitet. - Parallelgedanken zum IM-System des MfS der DDR kamen mir beim Lesen. Das Besondere an diesem Reisebericht ist die Briefform. Und die Briefe selber haben auch noch eine besondere Form, denn sie sind gekennzeichnet vom Niveau des Schreibers, also des Dieners Johann Seifert. Sie sind einfach gehalten, wirken leicht unbeholfen und sind voller Rechtschreib- und Grammatikfehler. (Mehr zu diesem Prosa-Text unter http://www.heikehoerig.de/hein3.htm ) Das ganze Büchlein ist einfach ein Lesegenuss.

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