Verwirrnis

von Christoph Hein 
4,2 Sterne bei5 Bewertungen
Verwirrnis
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J

Sperrig erzählte Geschichte einer schwulen Jugendliebe.

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Inhaltsangabe zu "Verwirrnis"

Friedeward liebt Wolfgang. Und Wolfgang liebt Friedeward. Sie sind jung, genießen die Sommerferien, fahren mit dem Fahrrad die weite Strecke ans Meer, und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie sind glücklich, wenn sie zusammen sind, und das scheint ihnen alles zu sein, was sie brauchen. Doch keiner darf wissen, dass sie mehr sind als beste Freunde. Es sind die 1950er-Jahre, sie leben im katholischen Heiligenstadt, und für die Menschen um sie herum, besonders für Friedewards strenggläubigen Vater, ist ihre Liebe eine Sünde. Käme ihre Beziehung ans Licht, könnten sie alles verlieren. Als sie zum Studium nach Leipzig gehen – Friedeward studiert Germanistik, Wolfgang Musik –, finden sie dort eine Welt gefeierter Intellektueller, alles flirrt geradezu vor lebendigem Geist. Und sie lernen Jacqueline kennen, die ihnen gesteht, dass sie eine heimliche Beziehung zu einer Dozentin hat. Zu viert besuchen sie die legendären Vorlesungen im Hörsaal vierzig, gehen ins Theater, tauchen gemeinsam ein ins geistige Leben der Stadt.Und da reift in den drei Freunden der Plan: Wäre es nicht die perfekte ›Tarnung‹, wenn einer von ihnen Jacqueline zum Schein heiraten würde?
In seinem neuen Roman erzählt der große deutsche Chronist Christoph Hein bewegend von einer Liebe, die über Jahre hinweg allen Widrigkeiten trotzt – und zeichnet zugleich ein lebendiges Panorama deutschen Geisteslebens.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518428221
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:303 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:13.08.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 31.08.2018 bei Der Audio Verlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    thisishers avatar
    thisishervor 14 Tagen
    Emotionale Chronik einer Liebesgeschichte

    Friedeward und Wolfgang lernen sich während ihrer Schulzeit in Ostdeutschland kennen und lieben. Sie fahren gemeinsam in den Urlaub und verlieben sich fern vom konservativen katholischen Zuhause ineinander. Sie halten ihre Beziehung geheim bis sie eines Tages von Friedls Vater überrascht werden . Dieser droht damit den älteren Wolfgang anzuzeigen, wenn er nicht sofort den Ort verlässt, die Schule wechselt und jeden Kontakt zu Friedeward abbricht.
    Jahre später treffen sie sich zufällig wieder, in Jena, wo Friedeward beginnt Philosophie zu studieren. Sie lernen Jacqueline kennen, eine Studentin, die Friedhelm dazu bringt sich zu Wolfgang zu bekennen und ihm im Gegenzug verrät, dass sie lesbisch und in einer Beziehung mit der älteren Herlinde, einer Dozentin, ist. Er wechselt nach Leipzig um seinen Traum von einem Germanistikstudium zu verfolgen und bei Wolfgang, der Musik studiert, zu sein. Die vier werden Freunde und Friedeward und Jacqueline denken darüber nach zum Schein zu heiraten um seinen Vater ruhigzustellen und jeglichen Anschuldigungen zu entgehen.

    Der Roman wird chronisch erzählt, entfaltet sich Seite an Seite der Geschichte des geteilten Deutschlands. So wird in der DDR bereits 1957 Homosexualität legalisiert, in der Gesellschaft und vor allem in Friedewards Bewusstsein, das geprägt ist von seinem Vater, der ihn über lange Zeit mit Schlägen misshandelt hat und für den Homosexualität eine Sünde ist, ist die Akzeptanz noch lange nicht angekommen.
    Christoph Hein erzählt nüchtern und fast distanziert von Friedwards Leben, wörtliche Rede kommt kaum vor, die erzählte Zeit wird teilweise stark gerafft. Trotz der relativ sachlichen Erzählweise wachsen den Lesenden die Figuren ans Herz. Wir erleben Friedewards ganzes Leben, bleiben immer an seiner Seite, gehen durch Höhen und Tiefen, leiden und lieben mit ihm.

    Hein gelingt mit seinem Roman ein großartiges Zeitzeugnis am Beispiel des schwulen Studenten, später Universitätsprofessoren, Friedeward Ringeling. Er schafft es, mich trotz seines nüchternen Schreibstils emotional zu berühren und mir Friedewards Lebensgeschichte nahezubringen. Der Roman liest sich durchweg fesselnd, die Figuren sind überzeugend und authentisch gestaltet. Absolute Leseempfehlung!

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    J
    jamal_tuschickvor einem Monat
    Kurzmeinung: Sperrig erzählte Geschichte einer schwulen Jugendliebe.
    Peitschenpädagogik

    Der Krieg ist noch nah. In den Wäldern um Heiligenstadt verrotten weggeschmissene Verliereruniformen neben anderen mit Hakenkreuzen markierten Gegenständen. Friedeward und Wolfgang suchen nach (oder träumen von) einer „funktionstüchtigen Offizierspistole“ für einen sicheren Doppelselbstmord. Hinter ihnen liegt eine herrliche Zeit, in der sie an Ostseestränden und in einem Zelt zueinanderfanden. Weil ein gemeinsames Leben ausgeschlossen ist, wollen sie gemeinsam sterben.
    Friedeward wird von seinem Vater unterrichtet, einem gläubigen Despoten, der mit einem „Siebenstriemer“ erzieht und den größten Schmerz der Strafe für den Strafenden beansprucht. Pius Ringeling ist nicht einfach aufzuschließen, aber dass ihm mit allem ernst ist, was man inzwischen allgemein fürchterlich findet, steht außer Frage. So spricht Pauker Pius:
    „Es ist eine himmelschreiende Sünde und den Sündern wird ein kirchliches Begräbnis verwehrt … Die Sodomiter leben in Sünde, sie sterben in Sünde, sie haben ihre ewige Seligkeit verloren, Friedeward.“
    Darum geht es in Verwirrnis: Jugendliche entdecken ihre Liebe im neuen Deutschland als intern unkomplizierte, das Leben weit machende, im gesellschaftlichen Gefüge anstößige und im staatlichen Rahmen (noch) kriminelle Angelegenheit. (Seit 1957 waren homosexuelle Beziehungen unter Erwachsenen in der DDR nach § 175 nur noch auf dem Papier strafbar. Eine weitherzige Auslegung war ständige Praxis. 1968 wurde der Paragraf aus dem DDR-Strafgesetzbuch gestrichen.) Die Liebenden weichen dem Milieudruck aus und ziehen Stärke aus der Zweisamkeit und der Literatur. Doch dann verschwindet Wolfgang, liebevoll Wölfchen. Sich selbst überlassen, verlegt sich Friedeward aufs Durchhalten. Die bittere Zeit endet in Leipzig, wo die Liebenden vorübergehend wiedervereint als Studenten eine neue Freiheit genießen. Wolfgang ist auch an Frauen interessiert, er strebt konventionelle Lösungen an und stößt damit den hermetischen Friedeward vor den Kopf, so wenn er „mit Helga in den Sommerferien“ auf den Schauplätzen der Kindheit „händchenhaltend“ schwer interessierten Zeitgenossen seine Ehebereitschaft signalisiert. Friedeward hält mit Jaqueline dagegen. Er führt „die Heidin“ seinen Eltern vor, um die Früchte ihrer Erleichterung zu ernten. Die junge Frau heuchelt eine Verlobte. Sie beteiligt sich an dem Täuschungsmanöver als Komplizin in einem Mininetzwerk der Abweichung. Sie setzt dem Patriarchen zu und nennt ihn einen Kinderschinder.
    Pius wehrt sich geschickt. Er hält den Siebenstriemer als Erziehungsinstrument hoch und verteidigt die Peitschenpädagogik, da sie ihn davor gefeit habe, den Nazis nachzulaufen. Ihr verdanke sich seine Kraft, unter Kommunisten Christ zu bleiben.
    Hein erzählt das in einer erstarrten Sprache. Sie suggeriert die Monotonie des Bizarren in einer Eiswüste. Er geht die Geschichte der DDR durch, passiert „Maßnahmen des Ministerrats zur Sicherung der Republik“, in der westdeutschen Lesart „die Mauer“. Friedeward schult sich an Hans Mayer, bis der Großmeister 1963 von einer Reise ins imperialistische Ausland nicht mehr zurückkehrt. Auch Wolfgang erlebt das Aufrauschen der antiautoritären Bewegung in West-Berlin. Durch die Liebe geht der deutsche Riss.
    Heins Prosa leuchtete lange in Farben der Verheißungen. Der Autor schilderte eine Gesellschaft im Recht, legitimiert von der Geschichte und gewiss nicht zweifellos, aber doch … mit den Kräften einer guten Zukunft im Bund. In die aktuelle Retrospektive hat sich Sterilität eingeschlichen; als habe Hein das Gespür für das Selbstgespräch der Republiken verloren. – Für die Spannungen, in denen die Staaten als Vasallen gehalten wurden. – Für die überwundene, aber nie aufgeklärte Unmöglichkeit, einfach weiter zu machen nach dem II. Weltkrieg. – Für die nicht ausgelotete Differenz zwischen Um- und Aussiedlern.
    Nach dem Tod des Vaters stellt Friedeward der Mutter eine schlichte Frage, deren Beantwortung in einem Glaubensbekenntnis mündet. Wer Gott liebt, muss offenbar nicht auch noch den Ehemann lieben.
    Die Mutter stellt die irdische Liebe als etwas Müßiges hin. Sie lobt Strenge in einer Phase gelockerter Sitten. Friedeward geht kaum weiter als sie. Er begibt sich unter dem Schirm von Academia. Seinem Begehren legt er Zügel an. Er setzt ihm eine Tarnkappe auf.

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    paperandpoetrys avatar
    paperandpoetryvor 8 Tagen
    Poesiesosos avatar
    Poesiesosovor 17 Tagen
    Joshy2s avatar
    Joshy2vor 21 Tagen

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    KirstenWilczeks avatar
    KirstenWilczekvor 3 Monaten
    Ich mochte "Trutz" sehr. Hein kann große zeitliche Bögen spannen.
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