‚Es wird sich für alles eine Lösung finden.‘ (Seite 13)
Jeder Tag und sein gesamtes Denken kreist um die Beschaffung von Alkohol, um die Planung des passenden Pegels, um Methoden der Geheimhaltung seiner Sucht: Christoph Peters erzählt in seinem autobiografischen Roman ‚Entzug‘ von negativen Konsequenzen eines Alkoholkonsums, die sich vor allem dadurch zeigen, dass er nicht mehr die gewohnte Qualität in seinem Job abliefern kann und dass er in seiner Familie nicht mehr funktioniert.
Peters erzählt zudem von körperlichen Schädigungen, Entzugserscheinungen, Toleranzentwicklung, Kontrollverlust und Suchtdruck.
‚Ich muss aufhören zu trinken. Ich kann nicht aufhören zu trinken.‘ (Seite 29)
Als Peters nach und nach alles entgleitet, möchte er zu Hause einen Entzug mit Distraneurin machen, damit dieser Entzug im Geheimen geschehen kann. Als eine befreundete Ärztin dies wegen des hohen Risikos für ein Delirium tremens ablehnt, entschließt er sich letztendlich doch dazu, offen mit seiner Suchterkrankung umzugehen, seine Partnerin in seine Suchtproblematik, die er bisher verharmlost hat, einzuweihen.
Um seine Ehe und die Beziehung zu seiner zweijährigen Tochter noch retten zu können, begibt sich Peters schließlich in eine Entzugsklinik, um die (langfristige) Abstinenz von Alkohol zu erreichen.
Ich habe aufgrund meiner psychotherapeutischen Tätigkeit (fast) täglich mit Konsum und Sucht zu tun, kenne somit die Symptomatik, die Wege in die Sucht und die Wege aus der Sucht. Trotzdem hat mir dieser Roman Einblicke ermöglicht, die ich als sehr besonders und hilfreich, als relevant und kostbar empfunden habe.
Peters schreibt bisweilen in sehr langen Bandwurmsätzen mit unzähligen Einschüben, was rastlos und getrieben wirkt, das sprunghafte Denken und Gedankenrasen zeigt, in dem sich irgendwann alles nur noch um die Sucht und das Bekämpfen von Entzugssymptomen dreht.
Andererseits schreibt Peters immer wieder sehr distanziert, zum Beispiel ‚die Frau‘, ‚das Kind‘, wobei ich die ständigen Wiederholungen der Phrase ‚das Kind, unser Kind, mein kleines Mädchen‘ anstrengend und etwas nervig fand.
Alles in allem empfand ich diesen Roman als extrem eindrücklich erzählt und beeindruckend, ehrlich, gnadenlos und schonungslos.
‚Entzug‘ ist meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Buch. Hier findet man
eine überzeugende Schilderung davon, was Menschen in eine Sucht treibt, wie man sich als abhängiger Mensch verhält, was man denkt und fühlt sowie wie man es aus der Sucht herausschafft. Gelungen fand ich zudem die lebendigen Charakterisierungen der einzelnen Figuren, die Peters in der Entzugsklinik trifft.
Christoph Peters
Lebenslauf
Alle Bücher von Christoph Peters
Mitsukos Restaurant
Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln
Dorfroman
Der Sandkasten
Stadt Land Fluß
Das Tuch aus Nacht
Entzug
Der Arm des Kraken
Neue Rezensionen zu Christoph Peters
Ehrlich und schonungslos, unbedingt lesenswert! Ein Buch über das ich immer wieder mal nachdenke, vor allem weil in unserer Gesellschaft Alkohol leider immer noch extrem verharmlost wird. Es ist erschreckend, was die Sucht aus einem Menschen machen kann und wie schrecklich es für die Person selbst und das Umfeld ist. Ich finde es toll und mutig, das der Autor seine Geschichte mit der Öffentlichkeit geteilt hat.
Es ist nicht das erste Buch, dass sich mit dem Thema „Sucht“ auseinandersetzt. Sachbücher, Ratgeber, Romane haben in den letzten Jahren vermehrt authentisch, mahnend und unverbrämt in den Raum gestellt, dass eine „Sucht“ nach einem „Stoff“ am Ende den Menschen des Menschseins beraubt. Man muss es so explizit sagen.
Christoph Peters kennt das. Zu gut sogar.
Der Roman trägt vielfach autobiographische Züge.
Mit der Stärke allerdings, dass Peters mit seinem klaren, gut zu lesenden und differenziert ausleuchtendem Stil in Roman-Form Leser- und Leserinnen nicht nur zu Zuschauern seines Lebensweges degradiert, sondern durch den roten Faden der Geschichte im Buch und die vielfachen Schattierungen der Sucht emotional sehr gut zu vermitteln versteht, wie diese „Rutschbahn“ nach unten mehr und mehr Fahrt aufnimmt.
Dabei ist der Weg von „das gönne ich mir“ und „das hilft mir zu Schrieben“ über „das brauche ich, dass muss sein, um zu funktionieren“ letztlich hin zu einem „das brauche ich zum Leben“ erst unmerklich und dann immer deutlicher die zerstörerische Kraft des Alkohols, aber auch des Selbstbetrugs präzise auf den Punkt schreibt.
Wobei er sein Werk mittendrin beginnt. Und in den ersten Seiten bereits die innere Verfasstheit und diese ganz losgelöste „Tunneldenken“ bedrängend vor den Augen ausbreitet.
Die versteckte Flasche hat der Schriftsteller wohl, er kann sich schlicht nicht erinnern, nach einigen „wohltuenden Schlucken“ nicht mehr in das Versteck zurückgeräumt. Offen auf dem Tisch steht sie. Vor den Augen „der Frau“.
Klar, es ist „seine Frau“.
Aber Peters kann eben mit Kleinigkeiten der Sprache lapidar vermitteln, wie ein „Alkohol-Kopf“ denkt.
Distanziert von dem, was allgemein „Wichtigkeiten des Lebens“ wären.
Er ist bereits an einem Punkt, an dem nurmehr unterschieden wird zwischen „die da“ (draußen). Weit weg.
Und das „in sich sein“, ganz nah. Warm mit Wodka.
Und doch wird ein Erlebnis ihn erschüttern. Mit dem einzigen Menschen, der noch „Du“ ist. Seine Tochter.
Alles andere, der Betrug an den andern, das ständige Kreisen um „ein paar Schlucke“, das sich vormachen, damit „kreativ“ sein zu können.
Die Lügen sich selbst gegenüber.
Die immer stärker werdende Distanz zum Erleben anderer, deren Sorgen um ihn nur als Bedrohung eben des „nächsten Schlucks“ wahrgenommen werden. „Die da“ sind „Feinde“, die „ausgetrickst“ werden müssen.
Der Betrug am Ende eben sich selbst gegenüber.
Es braucht, nach der Initialzündung durch seien Tochter, bis der Mann im Roman mehr und mehr erkennt, dass es auch für ihn um Leben und Tod geht. Dass da kein einfacher Ausweg auf ihn wartet, sondern der lange Weg des Entzugs. Denn auch der Weg „hinein“ in die Sucht war ein schleichender und langer und hatte Gründe. Die erkannt werden müssen.
Den Peters klug mit der Geschichte anderer Patienten in der Klinik mit verbindet und damit auch mehr „Lebensformen“ breit vor Augen stellt, als nur dieses konkrete „Sucht-Leben“.
Am Ende liegt nicht nur eine äußere Beschreibung ausgebreitet in den Seiten des Romans (intellektuell wissen ja viele über Gefahren und Wirkungen von Alkohol schon Bescheid), sondern das innere Erleben, die „gekrümmten Gedanken“, die um Wege „zur Flasche hin“ auch dann noch kreisen, wenn doch Einsicht schon vorhanden ist.
All das ist stark, überzeugend und hineinziehend geschrieben.
Es wäre zu wünschen, das all dieses „Auf ein Gläschen“, oder „Manchmal gibt man sich die Kante“ von einer breiten Leserschaft abgeglichen wird mit dem, was Peters zu erzählen hat.
Gespräche aus der Community
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Welche Bücher unter den Nominierten habt ihr gelesen und wie haben sie euch gefallen? Wünscht ihr euch bei einem Buch ganz besonders, dass es den Preis gewinnt? Und gibt es ein Buch oder sogar mehrere, die ihr auf der Liste vermisst?
Hier also die Nominierten:
Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus (C. H. Beck, Januar 2012)
Bernd Caliloux: Gutgeschriebene Verluste (Suhrkamp, Februar 2012)
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend (Knaus, September 2012)
Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte (Wagenbach, Januar 2012)
Rainald Goetz: Johann Holtrop (Suhrkamp, September 2012)
Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser, Februar 2012)
Wolfgang Herrndorf: Sand (Rowohlt.Berlin, November 2011)
Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen (Frankfurter Verlagsanstalt, September 2012)
Germán Kratochwil: Scherbengericht (Picus, Februar 2012)
Ursula Krechel: Landgericht (Jung und Jung, August 2012)
Dea Loher: Bugatti taucht auf (Wallstein, März 2012)
Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss (Diaphanes, März 2012)
Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische (Piper, Mai 2012)
Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck (Luchterhand, August 2012)
Michael Roes: die Laute (Matthes & Seitz Berlin, September 2012)
Patrick Roth: Sunrise (Wallstein, März 2012)
Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez (Galiani Berlin, Februar 2012)
Clemens J. Setz: Indigo (Suhrkamp, September 2012)
Stephan Thome: Fliehkräfte (Suhrkamp, September 2012)
Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes (Suhrkamp, August 2012)
Ihr habt auch die Möglichkeit, in dieser Bücherliste für eure Favoriten abzustimmen!
Ich habe natürlich gleich geschaut, welche Bücher ich kenne und muss gestehen, von einigen habe ich noch gar nicht vorher gehört! Ich habe von den 20 Büchern "Sand" gelesen und "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Beide Bücher haben mir wirklich gut gefallen. Zum Einen finde ich es gut, dass man an Olga Grjasnowa zeigt, dass auch junge, frische Autoren eine Chance auf diese große Auszeichnung haben, zum Anderen hat Wolfgang Herrndorf mit seinen Werken über die letzten Jahre hinweg eine qualitative Konstanz gezeigt und bewiesen, dass er kein One-Hit-Wonder Autor ist... Hm, schwierige Entscheidung!
Zusätzliche Informationen
Christoph Peters wurde am 11. Oktober 1966 in Kalkar (Deutschland) geboren.
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