Baut sich hier eine neue literarische Welle auf, deren Ziel die Aufarbeitung (Aufklärung?) von Frauenschicksalen des vergangenen Jahrhunderts (und ein wenig darüber hinaus) sowie der eigenen Familie sind? Spontan fällt mir hierzu der Longseller von Henning Sußebach ein: „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“. Die Frauen jener Zeit haben es – ganz grundsätzlich – jedenfalls verdient, einen Platz in der allgemeinen Wahrnehmung zu erhalten, stark waren sie allemal, auch wenn diese Stärke oft durch die Männerwelt (die weltliche wie klerikale) zerstört wurde.
In dieser in Romanform aufgearbeiteten Frauengeschichte, die gleichzeitig eine Familiengeschichte des Autors ist, kommt allerdings noch eine besonders düstere Facette hinzu, die der eigentliche Auslöser für dieses Buch geworden ist: „Wenn Hedwigs Buch nicht auf der Liste gewesen wäre, hätte ich dieses Buch nicht begonnen. Denn sonst hätte ich nicht vielmehr gehabt als die von meinem Großvater überlieferte Bemerkung: ‚Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen.‘“
Bevor allerdings diese Aussage mit Substanz gefüllt wird, muss man sich durch diese interessante wie bedrückende Familiengeschichte hindurcharbeiten, was nicht immer leichtfällt, sind doch nicht wenige „Lebensäußerungen“ nur schwer zu ertragen. Einige andere sind raumfüllend, familiengeschichtlich möglicherweise wichtig, aber für den Leser ein wenig ermüdend. Nichtsdestoweniger ist es gerade in heutiger Zeit immer wichtiger geworden, sich mit den Lebensumständen vergangener Zeiten auseinanderzusetzen, um dem eigenen Leben ein wenig großzügiger und gelassener entgegentreten zu können.
Dabei ist dass Vorgehen des Autors geschickt gewählt. Beginnend mit den Autoanamneseangaben der Patientin Hedwig über die Familie Poschenrieder vom 6. Mai 1928 (Psychiatrische und Nerven-Klinik München) wird die Familiengeschichte aufgeblättert, die durch die Frauen der Familie ihre eigentliche Erzählkraft entwickelt. Bereits hier wird deutlich, dass das Leben der Protagonistin nicht ganz in den gewünschten/erhofften Bahnen verlaufen wird, obwohl ihre berufliche Laufbahn, trotz der miesen Startbedingungen, schließlich erfolgreich fortgesetzt werden kann (bis zur Studienrätin). Wäre das bloß nicht dieser übermächtige Einfluss der kath. Kirche in Form von übermächtigen und übergriffigen (i.w.S.) „Kirchenvätern“ gewesen, die in ein besonderes Krankheitsbild mündet: Skrupulosität: „Hier gerät etwas aus dem Lot; die Ärzte merken es in ihren Praxen, und sie merken, dass ein Teil des Problems in den Beichtstühlen der katholischen Kirchen ausgebrütet wird.“, und bei Hedwig u.a. zu einem irrsinnigen (!?) Beichtzwang führt. In den Worten ihrer Schwester Marie klingt dies so: „Zum Religiösen?, sagt Marie, das war beim letzten Mal, als 1928, schon schlimmer, aber auch jetzt beginnt sie, wenn es sie überkommt, wieder von den Beichtvätern zu schwärmen, und sie verbringt mehr Zeit in Sankt Benno als in der Wohnung und streicht immerfort um den Beichtstuhl herum. Unsere Pfarrer wechseln die Straßenseite, wenn sie sie von Weitem sehen.“
Neben einer interessanten Familiengeschichte bekommt man in diesem Buch einen Einblick in die frühe Phase der „Seelenheilkunde“, als sich diese mehr und mehr von der kath. Indoktrinationsinterventionen löste und sich mehr an den Bedürfnissen des Menschen ausrichtete, beginnend mit der Diagnose „schwermütig“, über „Gemütsdepression“, bis hin zu manisch-depressiv (neudeutsch: bipolare Störung) wurde individuelle Behandlungsmethoden erarbeitet – bis der eigentliche Wahnsinn(!) auch hier in eine Katastrophe mündete …














