Christoph Poschenrieder Das Sandkorn

(25)

Lovelybooks Bewertung

  • 27 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 1 Leser
  • 12 Rezensionen
(19)
(3)
(1)
(1)
(1)

Inhaltsangabe zu „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder

Ein Mann streut Sand aus Süditalien auf den Straßen von Berlin aus. In Zeiten des Kriegs ist solch ein Verhalten nicht nur seltsam, sondern verdächtig. Der Kommissar, der den kuriosen Fall übernimmt, stößt unter dem Sand auf eine Geschichte von Liebe und Tabu zwischen zwei Männern und einer Frau. Ein Zeitbild von 1914, aus drei ungewöhnlichen Perspektiven.

Vor lauter Sand komme ich mit diesem dieses Buch nicht weiter. Wird bei Seite 170 ausnahmsweise mal abgebrochen.

— sommerlese

Ein vielschichtiger, spannender, anspruchsvoller Roman mit einem erzählerischen Sog von der ersten Seite an bis zum überraschenden Ende...

— LitteraeArtesque

Ein Kaleidoskop an Geschehnissen kurz vor Beginn sowie kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges. Fein konstruiert, sprachlich überaus gelungen!

— parden

Der junge Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn ist nach einer unschönen Episode in seinem Privatleben von Berlin nach Rom geflohen und brütet ...

— Splashbooks

Seidenweiche Literatur. Wunderbar geschrieben. Die Geschichte macht nachdenklich.

— andrea_strickliesel

Stöbern in Romane

Wer hier schlief

Gut geschrieben, regt zum Nachdenken an, berührt mich persönlich aber nicht genug.

MrsFraser

Der Sympathisant

Ein kommunistischer Spion unter Exil-Vietnamesen in den USA: Teilweise fesselnd und überraschend amüsant und satirisch-ironisch.

Gulan

Im siebten Sommer

Spannend und emotional. Ein echter Pageturner!

thebooklettes

Als wir unbesiegbar waren

Nicht mein Buch

brauneye29

Menschenwerk

Schwer erträglich. Als Mahnmal und Erinnerung notwendig.

wandablue

Kleiner Streuner - große Liebe

Einfach wundervoll :)

Riannah

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Das Dritte Geschlecht...

    Das Sandkorn

    parden

    DAS DRITTE GESCHLECHT... Jacob Tolmeyn begegnet dem Leser das erste Mal am 06. Juni 1915, als er, immer wieder innehaltend, durch die Straßen Berlins streift und dabei eine ganze Anzahl kleiner Säckchen Sand ausleert, Worte dazu murmelnd. Ein Verhalten, das nicht lange unbeachtet bleibt; bald schon folgt ihm ein ganzer Trupp Neugieriger, die sein Treiben gespannt beobachten. Grund genug, um einen Polizisten in den unruhigen Zeiten des Ersten Weltkriegs misstrauisch werden zu lassen. Und so wird der junge Mann verhaftet und aufs Polizeirevier gebracht. Kommissar Treptow übernimmt das Verhör Tolmeyns, das fortan als Rahmenhandlung zu einer ganz anderen Geschichte dient, die im Verlaufe der Befragung zutage tritt: der Rückblende in das Jahr 1914, kurz vor und nach Ausbruch des Krieges. Der Leser begleitet den Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn nach Rom, genauer ins dortige Königlich Preußische Historische Institut, wo er alte Dokumente sichten und auswerten muss. Es überrascht ihn, als er plötzlich den Auftrag erhält, nach Südiatlien zu reisen, um der anstehenden Räumung der Krypta des Doms zu Andria beizuwohnen, wo die Gräber der Gemahlinnen von Friedrich II. vermutet werden, von Federico secondo, dem Stauferkaiser. Im Autrag von Wilhelm II., des letzten Deutschen Kaisers und Königs von Preußen, ergeben sich im Anschluss noch weitere Forschungsreisen nach Südiatalien, die Jacob Tolmeyn in Begleitung seines Schweizer Kollgen Beat Imboden absolviert. " °Matera (...) it eine alte malrische Bergstadt von 17081 Einwohnern.° - 'Herrgott noch mal', sagt er, 'wenn es der verdammte Baedeker doch wengistens einmal richtig hinbekäme. M a l e r i s c h? Nur wenn einer wie Hieronymus Bosch malt." (S. 307) Unter der apulischen Sonne, bei der Vermessung der staufischen Kastelle, stoßen sie auf Legenden und Vermutungen, viel Sand und Staub, eine große Hitze, primitive Unterkünfte, Landadel, Armut und eine Vielzahl steinerner Zeichen einstiger Macht, angenagt vom Zahn der Zeit, überlagert von Bautätigkeiten späterer Erpochen. Bei der letzten Forschungsreise wird den beiden Kunsthistorikern zudem eine Begeleitung aus dem italienischen Kriegspresseamt mitgeschickt, eine junge Frau zu ihrer Überraschung, Letizia. Jeder der drei hat jedoch seine ganz eigenen Themen, die im Verlaufe der Erzählung immer deutlicher zutage treten - alle sind auf ihre Art auf der Suche nach einem Leben, das nicht von Vorurteilen bestimmt ist.. "Die beiden anderen können gut miteinander. Das sieht sogar Tolmeyn (...) Die Drei ist doch eine vermaledeite Zahl, denkt er, vor allem die Zwei in der Drei, die die einsame Eins macht." (S. 319) Die 'einsame Eins' in dieser Rechnung ist er selbst, Tolmeyn, der eifersüchtig reagiert darauf, dass sich sein Kollege Beat so gut mit Letizia versteht. Doch versucht er unbedingt, diese Eifersucht zu verbergen, denn nicht Letizia ist es, an der er heimlich selbst Interesse hat, sondern Beat, sein männlicher Kollege. Homosexualität - in Deutschland zu dieser Zeit streng verboten und per Paragraph 175 auch gesetzlich unter Strafe gestellt. Der Hauptgrund, weshalb Tolmeyn eine gutdotierte Stellung in Berlin aufgab und nach Rom ging, aus Furcht, erpressbar zu sein, als 'Freundling' oder Anhänger des 'Dritten Geschlechts' geoutet zu werden. Ein Leben und Lieben in Verborgenen, immer in der Furcht vor der Entdeckung. Und nun sitzt er in einem Berliner Verhörraum und läuft Gefahr, dass sein gut gehütetes Geheimnis gelüftet wird. Kaleidoskopartig erzählt der Autor scheinbar von leichter Hand geschrieben - und doch ist jedes einzelne Wort wohlgesetzt - von Geschehnissen kurz vor Beginn sowie kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Eine Vielfalt von Themen steht hier gleichberechtigt nebeneinander, man bekommt ein eindringliches Bild vermittelt von den Zuständen zu dieser Zeit. Poschenrieder gelingt es, einen historischen Roman, einen Kriminalroman, einen Roman über gesellschaftliche (In-)Toleranz, aber auch über die Liebe zu schreiben und bei all dem auch eine (Anti-)Kriegsgeschichte zu erzählen. Selbst nahezu beiläufig Erzähltes entwickelt sich hier zu einem interessanten Thema, wie z.B. der kleine Einblick in die Geschichte der Fotografie. Dabei wirkt das Buch keineswegs überfrachtet, die Elemente und Zeitebenen greifen gekonnt und passend ineinander wie das feingewirkte Innenleben einer komplexen Uhr - und der Schreibstil ist so leicht wie passend, authentisch zum gewählten Zeitalter, und dabei kein bisschen übertrieben. Ein vielschichtiger, spannender, anspruchsvoller Roman mit einem erzählerischen Sog von der ersten Seite an bis zum überraschenden Ende, ein fein geknüpfter Webteppich aus Geschichte und Geschichten voller schöner Bilder, dabei auch ein unaufdringlicher Appell zu mehr Menschlichkeit und Toleranz. Mit diesem Roman hat mich Christoph Poschenrieder sehr beeindruckt, und sicher wird es noch weitere Bücher von ihm geben, die den Weg zu mir finden. Von mir eine ganz eindeutige Leseempfehlung! © Parden

    Mehr
    • 11
  • Perfektion zwischen Buchdeckeln

    Das Sandkorn

    franzzi

    Ein Mann, der im Kriegs-Berlin des Sommers 1915 Sand auf Gehwegen und in Ritzen verstreut. Ein Mann, der damit Argwohn erzeugt und die paranoide Polizei auf den Plan ruft. Jacob Tolmeyn, der Kunsthistoriker, der Held, den Christoph Poschenrieder ins Zentrum seines mitreißenden Romans „Das Sandkorn“ stellt. Und der mit dem Sandgeriesel eine Geschichten-Erzählmaschinerie ungeahnten Ausmaßes auslöst. Tolmeyn hat der Krieg eiskalt erwischt, denn eigentlich wollte er in Italien wandeln, auf den Spuren des Stauferkaisers Friedrich II. – seine Burgenbauwut untersuchen, Ordnung in die Legenden und Überlieferungen bringen, wo dessen Frauen liegen, welche Burgen wirklich zu ihm gehören. Von dieser Suche handeln große Teile von Poschenrieders Buch. Sie entführen in das Berlin und das Italien um 1914, so dass der Leser nach wenigen Seiten überzeugt ist, wirklich dort zu sein. Scheinbar mühelos zeichnet Poschenrieder die Orte, die Zeit, das Gefühl der damaligen Zeit nach, verwebt historische Fakten mit seiner Fantasie. Tolmeyn ist nicht allein unterwegs, er hat den verschlossenen Schweizer Beat dabei, er trifft Italiener, die alle ein Stück von der Federico-Secondo-Begeisterung der Touristenströme abhaben wollen, er trifft einen undurchsichtigen Polizisten und er trifft dunkle Schatten aus seiner Vergangenheit, die er abzuschütteln geglaubt hat. Poschenrieder jubelt dem Leser eine Geschichte unter, die nur auf den ersten Blick plaudernd vom Leben vor 100 Jahren und einem etwas weltentrückten Kunsthistoriker erzählt. Auch das genau gezeichnete Zeitpanorama ist nur ein Teil der Geschichte. Geschickt legt Poschenrieder falsche Fährten aus, verschweigt hier, vermutet da – und überrascht den Leser bis zum Ende immer wieder. Wirklich. Weil es nicht zu erwarten ist. Weil dieser Roman keinen Argwohn erweckt, die Geschichten sind stimmig, und doch sind sie nur die halbe Wahrheit. Die Sprache ist leicht – und doch voller Doppelbödigkeit. Die Dialoge sind amüsant, und doch kommt es oft auf jedes Wort an. Nach „Die Welt ist im Kopf“ das zweite absolut perfekt komponierte Buch, das ich von Poschenrieder lese. Bitte mehr davon, ich möchte mich in diesen Geschichten zwischen den Buchdeckeln verlaufen. Sie sollen die Welt in meinem Kopf bevölkern. Und Poschenrieder soll nicht mehr von den Shortlists dieser Welt fliegen – er soll mit Preisen zugeschüttet werden. Weil er es kann.

    Mehr
    • 3
  • Eine Ménage-à-trois

    Das Sandkorn

    hundertwasser

    02. March 2015 um 16:59

    Christoph Poschenrieders Talent für Sprache ist bewundernswert. Nach seinem tollen Erstling „Die Welt ist im Kopf“ und dem nicht minder geschickt konstruierten „Der Spiegelkasten“ legt er nun mit „Das Sandkorn“ ein Werk vor, das sich mit den beiden vorhergehenden Monographien mindestens messen lassen kann. In seinem neuesten Roman erzählt der Münchner Autor von Jacob Tolmeyn, der in Berlin verhaftet wird, als er Sand in den Straßen der Stadt ausstreut. Im Verhör, das als Rahmenhandlung fungiert, erzählt Tolmeyn seine Geschichte, die zurück nach Italien führt. Dort sollte er nämlich zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Beat Imboden die Werke der Staufer dokumentieren und kartografieren. Doch der Auftrag wird durch das Auftauchen der Italienerin Letizia, die die beiden Männer vor Ort unterstützen soll, mehr als verkompliziert. Denn ehe sie sich versehen finden sich die drei Charaktere in einem Geflecht aus Anziehung, Begehren und Tabus verfangen. Allmählich entspinnt sich im Verhör das ganze Ausmaß der Beziehungen zwischen den drei Menschen und die Rollen, die sie im Drama spielen, werden klarer. Mit „Das Sandkorn“ ist Christoph Poschenrieder ein in formaler und stilistischer Hinsicht wirklich großartiger Roman gelungen. Eine mediterran-lockere Atmosphäre durchzieht das Buch, welche die Gerüche und Geräusche so kurz vor dem großen europäischen Weltenbrand 1914 vortrefflich einfängt. Poschenrieder ist ein großartiger Autor, dessen fein ziselierte Sprache wirklich Hochachtung verdient. Er schafft ein eindrückliches Porträt eines jungen Mannes, für den die Liebe grobe Fallstricke bereithält, das er in eine tolle sprachliche Form gießt. Ein Leckerbissen für jeden Liebhaber guter Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. Und für Liebhaber von ästhetisch ansprechenden Sprache natürlich ebenso!

    Mehr
  • Das Sandkorn, rezensiert von Juliane Seidel

    Das Sandkorn

    Splashbooks

    11. December 2014 um 10:09

    Vor einhundert Jahren begann der erste Weltkrieg - einer der Hauptgründe, weswegen 2014 etliche neue Publikationen rund um dieses geschichtsträchtige Ereignis auf den deutschen Markt kamen. Egal ob Sachbücher, Biografien oder belletristische Werke: Dieses Jahr erschienen unzählige Bücher, die den ersten Weltkrieg thematisierten. Auch Christoph Poschenrieders Roman "Das Sandkorn" fällt in diese Sparte. Allerdings wird der Krieg nicht direkt behandelt, sondern bleibt immer nur als düsterer Schatten im Hintergrund der Geschichte. Stattdessen konzentriert sich der Autor auf Randthemen und Randfiguren, ohne kleinere und größere historische Ereignisse aus den Augen zu verlieren. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven und Zeitebenen erzählt. Den größten Raum nehmen die Passagen um Tolmeyns Forschungsreisen durch Italien und seine Zeit in Rom ein. Doch auch die kurzen Einblicke in das Verhörzimmer, in dem der Kunsthistoriker Treptow gegenübersitzt und die persönlichen Aufzeichnungen des Berliner Kommissars sind wichtig für die Handlung und geben dem Roman die eine oder andere spannende Wendung. Vordergründig geht es um Tolmeyn und sein Leben, das im Laufe der Zeit immer stärker aus dem Gleichgewicht gerät - sowohl in Italien, da er sich stark zu seinem Assistenten Beat Imboden hingezogen fühlt und sich zwischen den beiden sogar eine sehr leichte Liebe entwickelt, als auch in Berlin, als er dem Kommissar von seinen Forschungsreisen berichtet und dieser eher zufällig auf einen alten Fall stößt, der den Kunsthistoriker persönlich betrifft. Darüber hinaus liefert der Autor ein beeindruckendes Bild der Vorkriegszeit und baut immer wieder historische Begebenheiten ein, die "Das Sandkorn" erst so reizvoll machen. Seien es die "Eulenburg-Affäre", die Homosexuelle erst so sehr in Verruf brachten, oder Arthur Haseloff und Martin Wackernage, die als historische Vorbilder für Tolmeyn und Imboden angeführt werden - Christoph Poschenrieder hat intensiv recherchiert und lässt dadurch die Zeit lebendig und authentisch wirken. Das zeigt sich auch bei den Beschreibungen der Bauwerke und Ruinen, der italienischen Landschaft mit ihren Bewohnern und der Kunst des Fotografierens, der damals noch ein komplizierter Prozess voranging. Dadurch hat der Roman mehr zu bieten, als Tolmeyns Geschichte - er bietet dem Leser einen Einblick in eine Epoche, die thematisch mehr zu bieten hat als nur den ersten Weltkrieg. Der titelgebende Sand kommt im Laufe des Buches immer wieder vor - mal als Sandkorn, mal in Form von Treibsand - und steht metaphorisch für Tolmeyns Leben, die Gesellschaft und den Krieg als Ganzes. Er spielt eine übergeordnete Rolle, die sich dem Leser erst erschließt, wenn man die letzten Seiten gelesen hat. Rest lesen unter: http://splashbooks.de/php/rezensionen/rezension/21042/das_sandkorn

    Mehr
  • Eine indirekte Liebesgeschichte

    Das Sandkorn

    Saphire

    09. December 2014 um 14:30

    Ich habe selten ein Buch gelesen, dass mich so mitgenommen hat. Ganz grob gesagt, geht es um Liebe. Das trifft zwar auf ein Großteil aller Bücher zu, nur ist diese eine ganz besondere Liebesgeschichte, da sie lediglich hin und wieder subtil aufblitzt und ansonsten nur zwischen den Zeilen lebt. Es gibt keine Romantik. Nicht direkt zumindest. Eine indirekte Liebesgeschichte also. Genau dieses indirekte Spiel mit Emotionen, Ideen, Gedanken und Handlungen die Dinge bedeuten könnten, von den aber niemand wirklich weiß (weder die Buchcharaktere noch der Leser selbst), ob sie dies nun auch bedeuten, macht das Buch zu einer interessanten und spannenden Angelegenheit. Trotzdessen es nur äußerst selten zu expliziten Wortwechseln, inneren Monologen oder ähnlichem kommt, ist Gefühlsleben und Emotionalität, doch wesentlich stärker nachfühlbar und präsent als in den meisten Liebesgeschichten, die ich bisher in meinem Leben gelesen habe. Vor allem das was sich emotional zwischen den beiden Hauptcharakteren abspielt ist ein großes Mysterium. Das Buch spielt zu Zeiten des 1. Weltkrieges in der §175 noch brandaktuell war und homosexuelle Handlungen unter Strafe standen. Genauso verborgen und heimlich, wie die Schwulenszene zu dieser Zeit nur existieren durfte, existiert auch dieses Liebesdrama, für die Öffentlichkeit nie wirklich sichtbar, sondern nur zu erahnen. Alles bleibt vage und hinter einem Schleier durch den auch der Leser nur in ganz kleinen Momenten schauen darf. Man lechzt förmlich nach einem Zeichen, ob jene Liebe die man glaubt zu sehen nun auch wirklich der Realität entspricht. Aber das reichte aus um in mir große Emotionalität hervorzurufen. Ein Buch das bewegt und zu Tränen rühren kann. Wohl das beste was ich 2014 gelesen habe auch wenn die eigentlich bewegende Story erst ab ca. Seite 100 beginnt.

    Mehr
  • Zu dritt durch Süditalien

    Das Sandkorn

    Schreibschnegel

    Berlin, 1915 – Deutschland führt Krieg und dieser Kunsthistoriker hat nichts Besseres zu tun, als durch die Straßen zu gehen und Sand zu streuen! So empört sich zumindest Kriminalkommissar Franz von Treptow, dem der Mann vorgeführt wird und der beim Verhör herauszufinden versucht, was dieser Spinner auf dem Gewissen hat. Jacob Tolmeyn hat tatsächlich eine Leiche im Keller, aber viel lieber als über den Grund seiner Flucht aus Berlin redet er über seine Zeit in Rom und über Stauferschlösser und über seinen gut aussehenden, aber schwierig zu durchschauenden Assistenten Beat Imboden. Doch am Ende kann niemand seiner Zeit entkommen. Historiendrama, Krimi, Liebeskomödie – Christoph Poschenrieders „Das Sandkorn“ spielt mit vielen Genres und Themen und ist zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 gelandet. Der große Name und das Kriegssetting sollten aber niemanden abschrecken. Der Roman ist unterhaltsam geschrieben und liest sich schnell, weil man immer wieder aufs Neue geködert wird. Warum ist Tolmeyn aus Berlin geflohen? Was führt Treptow im Schilde? Und was hat es nun mit diesem Sand auf sich? Solche Fragen beschäftigen einen hier viel mehr als die Kriegswirren, auch wenn sich dieser Schatten nie von der Geschichte hebt. Poschenrieder spielt meisterhaft mit den konkurrierenden Perspektiven von Tolmeyn und Treptow – während der exzentrische Tolmeyn sich am liebsten in der Geschichte und seiner Fantasie verliert, klärt Treptow über die Zeitzusammenhänge auf und setzt Tolmeyns Schwärmereien und Spinnereien eine nüchterne Weltsicht entgegen. Der Erzählstil ist verspielt (Tolmeyn) und präzise (Treptow), gespickt mit lebendigen Beschreibungen und witzigen Sprachbildern. Alle Süditalien-Fans werden sich über die farbenfrohen Schilderungen von Land und Leuten freuen. Auch Berlin mit seiner flamboyanten Schwulenszene kommt nicht zu kurz. Auch wegen seiner exzentrischen Seite schließt der Leser Tolmeyn schnell ins Herz und fiebert mit ihm mit, wenn er doch nur unbehelligt seinen Leidenschaften nachgehen will. Der von Tolmeyn umschwärmte Imboden und die italienische Feministin Letizia, die ihm auf einmal Konkurrenz zu machen scheint, machen die Dreiecksbeziehung komplett und sorgen für witzige, bewegende und peinliche Momente. Aber das wahre Drama des Romans entfaltet sich, als klar wird, dass ein Happy End nicht so einfach zu haben ist – vor allem nicht zu dieser Zeit. So hallt das Ende von „Das Sandkorn“ lange nach dem Lesen nach.

    Mehr
    • 3
  • Still und traurig

    Das Sandkorn

    Phliege

    "Was ist denn eine Photographie anderes als der konservierte Blick eines Menschen?" Diese Frage stellt sich Jacob Tolmeyn, als er den einen Menschen vermisst, den er liebt und durch dessen Augen er versucht zu schauen. Berlin 1915. Jacob ist Kunsthistoriker und findet sich im Polizeipräsidium wieder, nach dem er Sand in den Straßen der Hauptstadt verstreut hat. Verhört wird er von dem erfahrenen von Treptow, der sich zunächst ganz ruhig Tolmeyns Geschichte erzählen lässt. Doch auf dem Weg zur Frage "Warum der Sand?" entspinnen sich ganz andere Tiefen in Tolmeyns Leben über einen Sommer in Süditalien, einer Erpressungsaffäre in Berlin und einem ungeklärten Todesfall. Und über Tolmeyns Liebe. Durch seine Erzählungen klingt eine gewisse Heiterkeit unter der sich jedoch ein Basso continuo der unendlichen Traurigkeit verbirgt. Ich hätte da genauso gut "Broke Back Mountain" gucken können, oder Hoziers "Take me to church" in Dauerschleife durchlaufen lassen. Die Geschichte lässt sich ein wenig langsam an. Aber dieser stille und vorsichtige Stil, den Poschenrieder hier an den Tag legt, gleicht Tolmeyns Bewegungen im Treibsand. Und damit hat er Vieles richtig gemacht. Das Buch hat mich bewegt und mitgenommen und ich kann es wärmstens weiter empfehlen. Nur den Klappentext nehme ich Diogenes übel. Der greift viel, viel, viel zu weit vor!!! Ich bin froh, dass ich mir den erst hinterher durchgelesen habe. Mich hatten die ersten Seiten des Buches vom Kauf überzeugt.

    Mehr
    • 2
  • Seidenweiche Literatur

    Das Sandkorn

    andrea_strickliesel

    25. November 2014 um 06:50

    Ein Mann geht durch die Straßen Berlins der zwanziger Jahre. Manchmal bleibt er stehen, greift in seine Taschen, zieht ein Beutelchen mit Sand heraus und streut ihn in auf die Straße, vermischt ihn mit dem Berliner Sand. Als man auf ihn aufmerksam wird, bringt man ihn in die "Rote Burg", Berlins größte Polizeiwache dieser Zeit.  Dort sitzt er Franz von Treptow, dem leitenden Kommissar gegenüber. Der Mann scheint verdächtig, soll mal erzählen...und Jacob Tolmeyn erzählt seine Geschichte. Nicht alles was Tolmeyn denkt, bekommt der Kommissar zu hören. Wir dürfen es aber lesen. Jacob ist vorsichtig, Tolmeyn hat gelernt sich zu verstellen. Er ist schwul und in dieser Zeit ist das eine Straftat. Darauf steht Gefängnis. Er erzählt über seine Forschungsreisen nach Italien auf den Spuren Friedrichs II. und wie er sich verliebt... Seite 157: "die Leiter richtet sich zitternd und schwankend auf, nähert sich Grad um Grad der Lotrechten. Sie bleibt so eine Weile, in delikater Balance, gelehnt auf ein luftiges, federndes Kissen."Gleichzeitig werden uns die Gedankengänge des Kommissars erzählt. Franz von Treptow hat auch eine Geschichte. Er war Hauptzeuge bei dem *Eulenburg Prozess*. Dabei ging es um "die Freunde", Homosexuelle, rund um den Kaiser. Welche gefährlichen Einflüsse diese auf den Kaiser gehabt haben. Treptow ist einer, der sehr genau hinsieht und zuhört. Nach seiner Ansicht, verbirgt jeder etwas. Er weiß längst, auf welchem Ufer Tolmeyn unterwegs ist. Seite 319: "die 3 ist doch eine vermaledeite Zahl, denkt er, vor allem die Zwei in der Drei, die die einsame Eins macht." Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist eines das man besser nicht weg legt. Es ist unglaublich blumig in alter Sprache geschrieben. Mit Worten, die teilweise schon fast vergessen sind. Das Buch verzaubert und entführt. Einmal darauf eingelassen, taucht man ab, in eine alte Zeit. Man begibt sich auf eine Reise durch Italien mit einem alten Bedaeker Reiseführer unter dem Arm. Wenn man das Buch aufmerksam liest bekommt man auch noch eine kostenlose Reise durch Norditalien mit dem Beadeker Reiseführer aus dem Jahre 1910. Eine schöne Reise, die man sich unter den heutigen Begebenheiten nicht mehr vorstellen kann. Die Geschichte scheint manchmal schwebend, wenn Tolmeyn erzählt. Bodenständig, wenn der Kommissar denkt und berichtet. Poschenrieders Sprache schickt uns auf eine Zeitreise in das Leben vor 100 Jahren. Herr Poschenrieder hat mich eingewickelt mit seinen Sätzen.»Das Sandkorn« wird nicht letzte Buch gewesen sein, dass ich von diesem Schriftsteller lesen werde. Einige Male habe ich auch Wikipedia zu Rate gezogen, es tauchen alte Politiker und bekannte Personen in der Geschichte auf. Von dem Eulenburg Prozess hatte ich noch nie etwas gelesen, schade das man nur noch schlecht an die alten Zeitungsartikel heran kommt. In den Zwanzigern schwul oder lesbisch zu sein, stand unter Strafe, teilweise bis in die heutige Zeit. Und darum geht es in diesem Buch. Ich habe mir noch nie Gedanken um den Paragraphen 175 gemacht. Wusste nicht das er bis vor kurzem noch reell. Auf Wikipedia findet man mehr zum Thema § 175

    Mehr
  • Treibsand

    Das Sandkorn

    rallus

    Ein Mann streut Sand in den Strassen von Berlin aus. Wie kommt er dazu, ja ..."wie komme ich dazu." Jacob Tolmeyn (mit 'c' und 'y') ist Kunsthistoriker, ein Mann der mit dem Kopf arbeitet, gepflegt, manikürt und gut genährt ist, denkt sich Franz von Treptow, der Kriminale der den 'Fall' bearbeitet. Eigentlich ist Sand ausstreuen kein Verbrechen, doch etwas an dem jungen Mann weckt von Treptows Interesse. Und so fängt Jacob an zu erzählen, hat das Bedürfnis sich zu erklären und es entwickelt sich eine - ja - heitere Geschichte, die teilweise anders berichtet wird, als sie erlebt wurde. Jacob flieht aus Berlin, vor seiner Homoerotischen Neigung, vor der Kaserne in der sein Geliebter ihm auflauert, nach Italien auf den Spuren von Kaiser Friedrich. Dort findet er aber auch nicht die Antworten die er benötigt: “Das Dunkel über der Grabstätte der Kaiserinnen ist einer Ungewissheit gewichen. Gräber sind gefunden, gefunden, wo die Tradition sie suchte, aber über die dort Bestatteten hat der Boden jede Auskunft verweigert.“ Und so sucht Jacob Tolmeyn die Antwort im Mikrokosmos – im Sand, bzw. im Sandkorn. Jedes Sandkorn ist unterschiedlich, jede Sandprobe die er auf seinen Wegen sammelt ist anders. Dieser Mikrokosmos setzt sich nach aussen fort, ja selbst im tückischen Treibsand behält er die Kontrolle über sich selbst, so wie er sie im Leben behält. Dieses Versteckspiel macht ihn einsam. ”Am Ende ist doch jeder einzelne Mensch sein eigenes Volk, sein eigener Beherrscher und Beherrschter." Und dieses Suchen nach einem zweiten Sandkorn um zusammen im Treibsand zu versinken, in der Masse unterzugehen, beschäftigt ihn bei seinen zukünftigen Reisen in Italien, wo er Beat Imboden kennen und lieben lernt. Dieses umeinander umherschleichen, dieses Verstehen wollen in den Wörtern des Anderen, das dann doch nicht Verstehen; Poschenrieder schildert uns dies mit seiner sprachlichen Eleganz, Leichtigkeit und Humor. Dieser Humor entwickelt hier eine tragische Seite, denn die Momente wo beide sich erkennen könnten, werden durch eine Dramaturgie gestört die an Tragik grenzt, aber doch ihren Witz nicht verliert. So bleibt am Ende das doppelte Verwirrspiel, eins in Italien zwischen Beat und Jacob, eins in Berlin, zwischen Franz von Treptow und Jacob. Ein zu Recht auf der Longlist stehender Roman der leichtfüßig, weich und stilvoll daher kommt, wie kein Anderer in diesem Jahr aus Deutschland.    

    Mehr
    • 2

    PhilippSchmidt

    03. November 2014 um 03:14
  • Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014: Fragerunde mit Christoph Poschenrieder zu "Das Sandkorn"

    Das Sandkorn

    TinaLiest

    Fragerunde mit Christoph Poschenrieder, dem Autor von "Das Sandkorn" Im Rahmen unserer Aktion rund um die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 habt ihr die Chance, den Autoren, die mir ihren Werken nominiert sind, Fragen zu stellen und ihre Bücher zu gewinnen. Hier könnt ihr für euren Longlist-Favoriten abstimmen! Ich freue mich sehr, in dieser Fragerunde nun Christoph Poschenrieder begrüßen zu können! Sein Roman "Das Sandkorn" ist ein Zeitbild von 1914, das den Krieg - obwohl so zentral in diesem Jahr - zu einer Randerscheinung macht. Ein Roman, vielschichtig und elegant erzählt, der die Leser wie Treibsand gefangen hält. Mehr zum Buch: Es sind die letzten Tage des Kaiserreichs, an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg. Jacob Tolmeyn, Kunsthistoriker aus Berlin, befürchtet, wegen seiner Homosexualität erpresst und verfolgt zu werden, und nimmt einen Forschungsauftrag in Süditalien an, weit weg vom gefährlichen Großstadtkiez. Doch auch unter der apulischen Sonne, bei der Vermessung der staufischen Kastelle zusammen mit seinem Assistenten Beat unter der Aufsicht von Letizia, steht er bald vor demselben Problem. Muss er nun auch in Italien vor Denunzianten zittern? Zurück in Deutschland gerät er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in die Fänge eines Berliner Kommissars - eines Spürhunds, der einer Fährte aus Sand folgt, die Tolmeyn selbst gelegt hat. Hier geht es zur Leseprobe! Mehr zum Autor: Christoph Poschenrieder, 1964 bei Boston geboren, wohnt in München. Er studierte an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München und setzte sich schon in seiner Magisterarbeit mit Schopenhauer auseinander. Außerdem besuchte er die Journalistenschule an der Columbia University, New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen, seit 2001 schreibt er auch Gebrauchsanweisungen für Computersoftware. "Die Welt ist im Kopf" war sein erster Roman. Poschenrieder lebt mit seiner Frau in München. Auf der Website von Christoph Poschenrieder gibt es außerdem noch viele Hintergrundinfos zu "Das Sandkorn", die einen Blick lohnen. Gemeinsam mit Diogenes verlosen wir unter allen Fragestellern 5 Exemplare von "Das Sandkorn" von Christoph Poschenrieder. Wer bei allen Fragerunden mit den Longlist-Autoren Fragen stellt, wandert zusätzlich in den Lostopf für eines von drei Buchpaketen, vollgepackt mit den nominierten Werken! Christoph Poschenrieder wird am 9. September 2014 bis ca. 20 Uhr Fragen beantworten. Bitte habt Verständnis dafür, dass wir die Fragerunde dann dementsprechend schließen. Ich wünsche euch viel Spaß bei der Fragerunde und beim Diskutieren mit dem Autor!

    Mehr
    • 108

    eskimo81

    01. October 2014 um 15:48
  • Zu Recht nominiert: „Das Sandkorn“

    Das Sandkorn

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    22. September 2014 um 15:47

    Zwischen all den Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg, die die Tische der Buchhandlungen bedecken, darf man nicht diejenigen vernachlässigen, die fernab der Schützengräben spielen, sondern in einer Welt voller Ästhetik und gefährlicher Gefühle. So wie Christoph Poschenrieders „Das Sandkorn“. „Denn verdächtig ist er durch das, was er tut; selbst wenn es nicht verboten sein sollte.“ Berlin, 1915: Es ist Krieg, und der junge Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn wandert durch die Hauptstadt, um italienischen Sand auszustreuen. Keine Straftat, aber verdächtig, und so wird er von Kommissar Treptow vernommen. Tolmeyn beginnt, die Vorgeschichte zu seinem rätselhaften Verhalten auszubreiten, und immer mehr verschwimmen die Zeiten und was Wahrheit und Lüge ist. Denn eigentlich sollte Tolmeyn im vorigen Jahr eine ausgedehnte Forschungsreise in Süditalien unternehmen, bei der er nicht nur begonnen hat, Sand als Erinnerung einzustecken, sondern sich auch in seinen Kollegen Beat verliebt. In Deutschland ist Homosexualität zu dieser Zeit ein Verbrechen, das nicht ans Licht kommen darf, und so ist Tolmeyn froh, den Spuren Friedrich II. in Apulien nachzugehen. Noch komplizierter wird es für ihn, als eine junge Frau, Letizia, zu den Forschern stößt und damit eine spannungsgeladene Dreiecksbeziehung entsteht. „Der Fehler ist zu glauben, dass Menschen, die viel erzählen, alles erzählen: Das ist genauso wenig wahr wie die Annahme, dass Menschen, die wenig sagen, viel verschweigen.“ Die Handlung wird über drei Erzählstränge getragen – durch den Reisebericht Tolmeyns, das Verhör in Berlin und Treptows Memoiren – und es wird schnell klar, dass beide Männer einander verschweigen, wie viel sie wissen: Ein Spiel mit der Wahrheit, die fast an ein Kammerspiel denken lässt. Der Leser weiß immer mehr als die beiden Hauptfiguren und fiebert dennoch mit, was geschehen wird. Das liegt vor allem an dem besonderen Aufbau der Geschichte. Über drei Zeiten hinweg liest sie sich homogen, nie kommt das Gefühl auf, unterbrochen zu werden, wenn der Erzählstrang wechselt; vielmehr werden Fragen beantwortet und neue Spannungsfelder geöffnet. Gleichzeitig wird, fast nebenbei, ein nicht ermüdendes Bild von der Zeit gemalt, die zwischen politischen Umbrüchen und dem brisanten Thema des Paragraphen 175 changiert – man fällt nahtlos in die skizzierte Welt. Besonders interessant ist das Motiv des Sandes, das sich von vorn bis hinten durch das Buch zieht. In allen Ausprägungen tritt der Sand als Metapher für das Leben und die Menschen ein. Während sich Tolmeyn seinen Untersuchungen zu den kleinen Körnern widmet, beginnt auch der Leser über den Zusammenhang von Groß und Klein nachzudenken. „Wissen Sie“, sagt er, „dass jedes Sandkorn ein Gesicht hat?“ Die Sprache ist sinnlich und fließend und arbeitet mit wunderschönen synästhetischen Bildern, die den Leser gefangen nehmen und wechselnd ins paradiesische Italien und ins graue Berlin entführen. Sie ist wie Treibsand; lässt man sich auf die glatten, künstlerischen Sätze ein, wird man mitgerissen – sträubt man sich und will es grob, findet man keinen Zugang. Poschenrieder kreiert darüber hinaus eine unglaubliche Nähe zu Tolmeyn, sodass man fast gezwungen ist, sich mit seiner leicht weltfremden, leicht exzentrischen Art anzufreunden und mit ihm zu zweifeln, ob seine Liebe zu seinem Kollegen erwidert wird. Vor allem, da Letizia erst nach gut zwei Dritteln des Buches eingeführt wird und Tolmeyn, und damit auch dem Leser, zunächst ein Korn im Auge ist – durch ihre Darstellung als Frauenrechtlerin und Sand im Getriebe wird dieser Eindruck aber schnell abgemildert. Fazit: „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder schafft es, aus den Büchern über den Ersten Weltkrieg durch seine Sprache und den einfühlsamen Inhalt hervorzustechen. Die politischen Ereignisse werden aus einer anderen Perspektive geschildert und nehmen, durch die Augen Tolmeyns, eine bittersüße Färbung an. Wie bei der Mischung vom Sand verschiedener Orte gelingt eine Verschmelzung von Reisebericht, Liebesgeschichte, Krimi und (Anti-)Kriegsroman, die lange nachklingt. Nicht umsonst wurde „Das Sandkorn“ für den Deutschen Buchpreis 2014 nominiert. Ich würde dem Titel den Sprung auf die Shortlist wünschen. © Bücherstadt Kurier

    Mehr
  • Reine literarische Seide

    Das Sandkorn

    Bri

    Während der erste Weltkrieg bald ein Jahr andauert zieht am 06. Juni 1915 ein junger, gut gekleideter Mann durch die Straßen Berlins zwischen Tiergarten und Landwehrkanal. Er bleibt nicht lange alleine, denn was er tut, ist ungewöhnlich: ein Griff in die Jackentasche, ein Säckchen kommt zum Vorschein, dessen Inhalt der Unbekannte herausrieseln lässt. Sand ist es, den er, nicht ohne gemurmelte Worte, Zaubersprüchen gleich, mit dem Berliner Sand vermischt. Sein Tun ist methodisch, der eingeschlagene Weg zielgerichtet. Der Inhalt der Säckchen ist immer unterschiedlichen Aussehens. Je weiter der junge Mann geht, desto mehr Menschen folgen ihm. In diesen Zeiten aber sind größere Menschenansammlungen suspekt. Kurz bevor der Ausgangspunkt, der auch das Ende des Weges markiert, erreicht ist, setzt ein Schupo dem Treiben ein Ende. „ … Wie kommen Sie dazu, hier Säckchen fremdländischen, um nicht zu sagen, feindlichen Inhalts auszuleeren? ...“ Soweit ist es also schon im Kaiserreich: Sandkörner werden als feindlich eingestuft, weil sie dem früher verbundenen, nun aber verfeindeten italienischen Boden entstammen. Dem Schupo kann der Fremde nur mit einer Gegenfrage antworten. „ … Ja, wie komme ich dazu. ...“ In der roten Burg wird er, Jacob Tolmeyn – mit c und y – aus Berlin, Kommissar von Treptow langsam und bruchstückhaft anvertrauen, was es auf sich hat mit dem Sand. Er erzählt die Geschichte von Fritzi und Niki, ohne tatsächlich von diesen beiden zu sprechen. Aus verschiedenen Blickwinkeln, über Zeiten und Ebenen hinweg hat Christoph Poschenrieder eine perfekte Geschichte erschaffen. Eine jener raren Geschichten, die ein Tor öffnen in eine andere Zeit, in eine Welt, die längst vergangen so lebendig wird, dass man nur einen Schritt gehen muss, um ein Teil von ihr zu werden. Vom Anfang bis zum Ende hat er sie gründlichst durchdacht, klug aufgebaut, brillant strukturiert. Ohne die einzige Anmutung von Konstruktion. Die erste Reise, mit dem Ziel steinerne Zeugen der Zeit Kaiser Friedrichs in Italien zu verzeichnen und zu vermessen, tritt der junge Kunsthistoriker Tolmeyn noch alleine an. Auf der zweiten Reise, die die Erkenntnisse der ersten vertiefen soll, wird ihm ein junger aus der Schweiz stammender Kollege, Beat Imboden, zur Seite gestellt, den er anfänglich abschätzig als Assistenten bezeichnet, jedoch immer mehr schätzen lernt. Seine Heimatstadt Berlin offiziell wegen dieser Aufgabe verlassen zu müssen ist ein Glücksfall für Tolmeyn, lässt er dort doch Kreise zurück, in denen man sich aufgrund des Paragraphen 175, der gleichgeschlechtliche Liebe unter Höchststrafe stellt, besser nicht bewegen sollte. Poschenrieder beschreibt die Situation der Gemeinde der damals Freundlinge genannten Männer sehr atmosphärisch. Zwar gab es sogar Gerüchte um die Berater seiner Majestät des Kaisers und deren sexuelle Neigungen, doch das tatsächliche homosexuelle Leben konnte nur im Dunkeln, gar im Zwielicht stattfinden. In Italien hingegen fühlt sich Tolmeyn frei. Er genießt es, diese zweite Reise gemeinsam mit Imboden zu erleben. Sein Hang zum guten Leben, zur Extravaganz ist nur menschlich. In seiner teilweise aufblitzenden Maßlosigkeit wirkt er äußerst anziehend und charmant, obwohl er durchaus arrogant sein kann. All das verhindert eine keimende Freundschaft zwischen Imboden und ihm nicht – abtastend begibt er sich immer wieder in den Treibsand der Gefühle – doch schafft er es nicht, Imboden aus der Reserve zu locken. Der Krieg ist ausgebrochen, Imboden, der aus einer Familie mit langer militärischer Tradition stammt, schließt sich der Fremdenlegion an, Tolmeyn kehrt zurück nach Rom, von wo sie die zweite Reise begonnen hatten ... Innere Gefühlswelten, die nur zeitweise durch die äußeren Zwänge eingeschränkt bleiben können, politische und gesellschaftliche Ereignisse, die Lebenslinien unterschiedlicher Personen, all das verschmilzt Poschenrieder auf eleganteste Art und Weise. Das Schicksal verschiedener Personen wird zu einem einzigen. Wie bei einer Farbaufnahme setzt er aus den drei Phasen Blau, Grün und Rot ein realistisches und sehr farbiges Bild der Zeit, der Gesellschaft und der Menschen zusammen. So geschickt, dass es keinerlei Brüche im Text gibt. Diese Geschichte liest sich wie aus einem Guss. Trotz der unterschiedlichen Ebenen, Zeiten, Blickwinkel. Dass sie sicherlich mit der größten Sorgfalt aufgebaut wurde, merkt man ihr in keiner Sekunde an. Wollte man einen Text haptisch erfassen, so wäre Das Sandkorn reine Seide: fließend und anschmiegsam, im Griff kühl und warm zugleich, perfekt fallend, nie einengend und von allen Seiten elegant schillernd. Allerfeinster Buchstoff eben.

    Mehr
    • 7

    Bri

    09. September 2014 um 14:06
    Floh schreibt ich begleite den aktuellen Fragetag mit dem Autor und bin jetzt auf dem Höhepunkt meiner Neugier!

    Na dann lesen!! Das ist ein super gutes Buch.

  • Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014: Fragerunden mit den Autoren

    TinaLiest

    04. September 2014 um 09:09

    Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 steht seit Kurzem fest und hier könnt ihr auch schon bei LovelyBooks für euren persönlichen Favoriten abstimmen. Jetzt haben wir noch eine besondere Aktion für euch vorbereitet: Ihr habt nun die Möglichkeit, den Autoren, die es mit ihren Büchern auf die Longlist geschafft haben, Fragen zu stellen und natürlich auch ihre Bücher zu gewinnen! Die Autoren von Diogenes, dem Luchterhand Literaturverlag, dem Residenz-Verlag und dem Rowohlt Verlag haben bereits zugesagt, die Liste ist aber noch nicht final, sondern wird noch erweitert werden. Seid gespannt! Hier die Termine für die Fragerunden, die bisher feststehen: Montag, 8. September 2014: Thomas Melle - "3000 Euro" Hier geht es zur Fragerunde! Matthias Nawrat - "Unternehmer" Hier geht es zur Fragerunde! Michael Ziegelwagner - "Der aufblasbare Kaiser" Hier geht es zur Fragerunde! Dienstag, 9. September 2014: Christoph Poschenrieder - "Das Sandkorn" Hier geht es zur Fragerunde! Mittwoch: 10.September 2014: Saša Stanišić - "Vor dem Fest" Hier geht es zur Fragerunde! Dienstag, 16. September 2014: Ulrike Draesner - "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" Hier geht es zur Fragerunde! Mittwoch, 17. September 2014 Martin Lechner - "Kleine Kassa" Hier geht es zur Fragerunde! Sobald die Fragerunden eröffnet sind, werden wir sie auch hier verlinken. Ihr könnt den Autoren am jeweiligen Tag im entsprechenden Thema (also nicht hier im Thema!) Fragen stellen, die sie euch dann natürlich auch beantworten! Bitte beachtet, dass die Fragerunden teilweise nicht bis Mitternacht geöffnet sein werden, sondern die letzten Fragen schon am Abend gestellt werden müssen! Wie auch bei unseren Fragefreitagen werden wir unter allen Fragestellern einige Exemplare der Bücher verlosen, mit denen die Autoren nominiert sind. Unter den Teilnehmern an allen Fragerunden verlosen wir 3 tolle Buchpakete mit den folgenden Büchern aus der Longlist: Franz Friedrich: Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr Sasa Stanisic: Vor dem Fest  Heinrich Steinfest: Der Allesforscher Thomas Hettche: Pfaueninsel Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand Feridun Zaimoglu: Isabel Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt Angelika Klüssendorf: April Martin Lechner: Kleine Kassa Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling Charles Lewinsky: Kastelau Thomas Melle: 3000 Euro Matthias Nawrat: Unternehmer Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn Lutz Seiler: Kruso Marlene Streeruwitz: Nachkommen. Michael Ziegelwagner: Der aufblasbare Kaiser Ich wünsche euch schon einmal viel Spaß bei den Fragerunden! Seid ihr schon gespannt? :) Nachtrag: Die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist nun auch veröffentlicht! Hier könnt ihr sehen, welche Titel es geschafft haben!

    Mehr
    • 80
  • Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014 steht fest

    Poesiesoso

    14. August 2014 um 14:19

    Am 13. August hat die Jury die Longlist für den Deutschen Buchpreis bekannt gegeben. Im nächsten Schritt werden sechs dieser Titel für die Shortlist nominiert, die am 10. September veröffentlicht wird. Der Gewinner wird dann am 6. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verkündet.  Ich habe einige Titel so gar nicht auf der Longlist erwartet, andere wiederum hätte ich gern darauf gesehen. Wie geht es euch? Welches Buch ist euer Favorit? Was glaubt ihr, wer auf der Shortlist stehen wird? Hier nun die Kandidaten: Franz Friedrich: Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr, Sasa Stanisic: Vor dem Fest  , Heinrich Steinfest: Der Allesforscher , Thomas Hettche: Pfaueninsel , Lukas Bärfuss: Koala , Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand , Feridun Zaimoglu: Isabel , Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt , Antonio Fian: Das Ploykrates-Syndrom , Esther Kinsky: Am Fluss , Angelika Klüssendorf: April , Martin Lechner: Kleine Kassa , Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling , Charles Lewinsky: Kastelau , Thomas Melle: 3000 Euro , Matthias Nawrat: Unternehmer , Christoph Poschenrieder: Das Sandkorn , Lutz Seiler: Kruso , Marlene Streeruwitz: Nachkommen. , Michael Ziegelwagner: Der aufblasbare Kaiser

    Mehr
    • 26
  • Ein spannender und auch anspruchsvoller Roman

    Das Sandkorn

    WinfriedStanzick

    22. April 2014 um 16:06

      Wir schreiben derzeit das Jahr 2014. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg und schon in den ersten drei Monaten des Jahres ist die Fülle von Publikationen zu diesem Thema kaum mehr zu überblicken.   Der in München lebende Schriftsteller und Drehbuchautor Christoph Poschenrieder hat mit seinen beiden ersten Büchern „Die Welt ist im Kopf“ über den jungen Schopenhauer und „Der Spiegelkasten“, wo es auch um die Aktualität der Ereignisse der Ersten Weltkriegs ging, gezeigt, wie er auf eine bewundernswerte Weise historische Ereignisse, die er aufwändig und sauber recherchiert verbindet mit nicht weniger sorgfältig recherchierten Biographien ausgesuchter Personen.   In seinem neuen Roman „Das Sandkorn“ erzählt er von der Geschichte des deutschen Kunsthistorikers Jacob Tolmeyn, der wegen seiner Homosexualität von einem ehemaligen Lover erpresst wird und auch deshalb vor dem preußischen Militarismus der Kaiserzeit nach Rom flüchtet, wo er im Deutschen Archäologischen Institut angestellt und von dort aus mit Expeditionen nach Apulien geschickt wird. Dort soll er zusammen mit seinem Assistenten Beat aus der Schweiz, der schon bei der Schweizergarde des Vatikans gedient hat,  die Spuren und Bauten des in Apulien immer noch beliebten Stauferkönigs Friedrich II. ausfindig machen.   Zunächst erfahren diese Forschungen nicht nur die volle Unterstützung seines Chefs Stammschröer, sondern sie erhalten auch allerhöchste Protektion aus dem kaiserlichen Berlin. Beim besten Fotografen Berlins muss Tolmeyn einen Kurs absolvieren und kann sich nur mit Mühe seinem Erpresser entziehen.  Nach Rom zurückgekehrt, werden die Bedingungen für die Expeditionen, die nun auch mit vielen Fotos dokumentiert werden, schwieriger. Erst recht, als der Krieg beginnt und auch die politische Unterstützung in Italien schwindet. Jacob Tolmeyn und Beat bekommen mit Letizia eine Aufpasserin zur Seite gestellt, von der sich herausstellt, dass sie mehr an gesellschaftlichen Fragen vor allem der der Frauenemanzipation interessiert ist, als an Kunstgeschichte. Alle drei so unterschiedliche Menschen, die Poschenrieder da zusammenführt verbindet die leidenschaftliche Suche nach einem anderen Leben, ein Leben, das damals aus der Zeit fiel und das nicht von Vorurteilen sich bestimmen lassen will.   Und dann ist da noch eine vierte Hauptfigur, der Berliner Kommissar Franz von Treptow, der die ganze Geschichte aus seiner Warte aufgeschrieben hat, nachdem Jacob Tolmeyn, 1915 nach Berlin zurückgekehrt, dort aufgefallen und verhaftet worden ist, weil er , seltsame Worte murmelnd, durch Berlin geht und an verschiedenen Stellen Sand ausstreut.   In langen Verhören erfährt er Tolmeyns Geschichte und notiert sie. Seine Notizen lässt Poschenrieder sich abwechseln mit langen und ausführlichen Berichten über die vielen Reisen und Stationen, die Jacob, Beat und Letizia in Apulien unternommen haben.   Obwohl reine literarische Kunstfiguren, hat Christoph Poschenrieder sich mit seiner Geschichte von Jacob und Beat inspirieren lassen von der von Arthur Haseloff und Martin Wackernagel, die zwischen 1904 und 1908 eine möglichst lückenlose Bestandsaufnahme der Bauten aus der Zeit Friedrichs II. (1194-1250) machten. Er hat sie in Zeit vor und nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs verlegt. Der Kommissar Franz von Treptow hat sein historisches Vorbild in  Hans von Tresckow, der sich vorsichtig für die Abschaffung des § 175 einsetzte und aus dessen  Lebenserinnerungen Poschenrieder immer wieder zitiert.   „Das Sandkorn“ ist ein spannender und auch anspruchsvoller Roman. Er bewegt sich in mehreren Genres und verbindet sie auf geniale Weise. Er ist ein historischer Roman, er handelt von Liebe und Toleranz, er besitzt Aspekte eines Krimis und er ist durch und durch antimilitaristisch.  

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks